Niklaus von Flüe: Schutzpatron der Nichteinmischung

von Paul Widmer*

Bruder Klaus als Ahnherr der Schweizer Neutralität? Schulhistoriker winken ab. 
Sie irren gleich doppelt: Der Nationalheilige prägte die Aussenpolitik der Eidgenossenschaft 
durch seine Worte und durch deren Deutungen im Lauf der Geschichte.

Niemand hat einen so grossen Einfluss auf die Schweizer Aussenpolitik ausgeübt wie Niklaus von Flüe. Der Einsiedler im Ranft wollte zwar der Welt entfliehen, aber es gelang ihm nicht. Selbst die Gesandten der Grossmächte suchten ihn in seiner Zelle im wilden Melchtal auf. Erzherzog Sigismund von Österreich, der Doge von Venedig und der Herzog von Mailand, sie alle wollten wissen, was Bruder Klaus von Krieg und Frieden hielt. Warum? Weil er ein Meinungsführer, eine moralische Instanz war. Der mailändische Gesandte Bernardino Imperiali berichtete seinem Fürsten: «Die Eidgenossenschaft bringt ihm grosses Vertrauen entgegen.»
Was machte Bruder Klaus derart interessant für die damaligen Grossmächte? Vor allem zwei Dinge: Zum einen riet er den Eidgenossen zu aussenpolitischer Zurückhaltung, zum Verzicht auf kriegerische Eroberungen, zum andern ermahnte er sie, einen Streit gütlich beizulegen und nur im Notfall vor den Richter zu bringen. Er empfahl somit ein Verhalten, das sich an Neutralität und Schiedsgerichtsbarkeit orientierte. Das beeindruckte nicht nur seine Zeitgenossen. Mit seinem Rat hat er die Schweizer Aussenpolitik bis auf den heutigen Tag beeinflusst.

Geistiger Vater der Neutralität

So sah man es lange landauf, landab, im Bundesrat und in der Geschichtswissenschaft. Bundesrat Max Petitpierre zweifelte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht daran, dass die Neutralität dem Gedankengut von Bruder Klaus entsprungen ist. Und Staatssekretär Albert Weitnauer schrieb Anfang der 1980er Jahre in seinen Memoiren: «Die Neutralität ist der lebendige Ausdruck dessen, was der schweizerische Nationalheilige Niklaus von Flüe mit seiner allbekannten Mahnung schon zur Zeit der Burgunderkriege ausdrückte: ‹Mischet euch nicht in fremde Händel!›»
Aber Achtung! Das ist angeblich Schnee von gestern. Wer heute solches sagt, bekommt von Schulhistorikern nur ein müdes Lächeln. Längst sei, sagen sie, nachgewiesen, dass Bruder Klaus mit der Neutralität nichts am Hut hatte. Ihre Argumentation verläuft etwa so: Erstens stamme der Ausspruch «Mischet euch nicht in fremde Händel» nicht von ihm selbst, sondern vom Luzerner Chronisten Hans Salat. Dieser habe den Spruch erst im Jahr 1537 dem Eremiten in den Mund gelegt. Zweitens hätte Salat mit seiner Schilderung keinen Aufruf zur Neutralität, sondern eine Verurteilung der Berner wegen der Eroberung der Waadt bezweckt. Drittens sei die Verknüpfung der Neutralität mit dem Wirken von Bruder Klaus ein Machwerk nationalistischer Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts. Kurz: Bruder Klaus zum Stammvater der Schweizer Neutralität zu erheben, sei Geschichtsklitterung.
Ist dem wirklich so? Ich bin davon nicht überzeugt und suche im folgenden zu erklären, weshalb. Gewiss, das Wort Neutralität nimmt Bruder Klaus nicht in den Mund – konnte er auch gar nicht. Das Konzept der Neutralität brach sich damals erst Bahn. Die mittelalterliche Weltordnung mit Papst und Kaiser an der Spitze war am Zerbrechen. Solange sie einigermassen intakt war, gab es keine Neutralität. Für die Christen war es, zumindest in der Theorie, heilige Pflicht, sich für den obersten Herrscher der Christenheit einzusetzen. Seine Kriege waren gerecht, gegen ihn zu kämpfen war Sünde. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen von souveränen Nationalstaaten. Nun standen sich gleichberechtigte Herrscher gegenüber. Ein Dritter konnte in einem Krieg für die eine oder andere Seite Partei ergreifen – oder abseitsstehen.
In dieser Welt von souveränen Staaten entstand die aussenpolitische Neutralität – aber nicht von einem Tag auf den andern. Wie der grosse Historiker Reinhart Koselleck gelehrt hat, bilden sich Begriffe in einem langen Prozess, wie ein Destillat. Verschiedene Sachverhalte fliessen zusammen und formen die Wesensmerkmale für einen ganzen Bedeutungszusammenhang. Nur weil etwas noch nicht begrifflich fassbar ist, heisst das aber nicht, dass es nicht schon Sachverhalte gibt, die den Begriff vorwegnehmen. Folglich müssen wir uns fragen: Hatte Bruder Klaus wirklich keine Vorstellung von dem, was wir heute Neutralität nennen, nur weil er weder das Wort verwendet noch den Begriff gekannt hat? Schauen wir die Einwände genauer an.
Die Aufforderung, sich nicht in fremde Händel zu mischen, kann sehr wohl als Aufruf zu neutralem Verhalten verstanden werden. Niemand bestreitet das. Aber die Kritiker verneinen, dass Bruder Klaus sich so geäussert habe. Der Ausspruch stamme nicht von ihm, sondern sei ihm erst fünfzig Jahre nach seinem Tod untergeschoben worden. Gegen diese Ansicht spricht einiges, namentlich Zeugnisse von Zeitgenossen, die dem Schweizer Schutzpatron eine Geisteshaltung attestieren, die sich am Gebot der Nichteinmischung orientierte.

«Habsucht und Herrschgier»

Der erste Biograf von Bruder Klaus heisst Heinrich von Gundelfingen. Er war Chorherr zu Beromünster und Professor an der Universität Freiburg im Breisgau. In seiner Schrift, die bereits 1488, ein Jahr nach dem Tod des Eremiten, erschien, meinte er, man halte allgemein dafür, dass die Ratschläge des heiligmässigen Mannes den Eidgenossen, wenn sie diese befolgten, zu grossem Heil gereichten. Und was waren diese Ratschläge nach Gundelfingen? Sich nicht von ausländischen Herrschern korrumpieren zu lassen, die Ehre höher zu achten als materielle Vorteile, sich weder in fremde Konflikte zu verwickeln, noch die Nachbarn mit Krieg zu überziehen. Das sind Ratschläge, die nicht im Widerspruch zur Neutralität stehen; sie sind vielmehr eine Vorbedingung für deren erfolgreiche Umsetzung.
Noch deutlicher drückt sich – worauf kürzlich der ehemalige Staatsarchivar von Obwalden, Angelo Garovi, hingewiesen hat – der hochgebildete Humanist Johannes Trithemius aus. Der Abt des Klosters Sponheim hatte Niklaus von Flüe im Jahr 1486 besucht. In seinem Bericht zu Beginn des 16. Jahrhunderts, also rund dreissig Jahre vor Salat, legte er Bruder Klaus folgende Ratschläge in den Mund: «Wenn ihr in euren Grenzen bleibt, kann euch niemand überwinden, sondern ihr werdet euren Feinden zu jeder Zeit überlegen sein und siegen. Wenn ihr aber, verführt von Habsucht und Herrschgier, eure Herrschaft nach aussen zu erweitern anfangt, wird eure Kraft nicht lange währen.» Trithemius schreibt somit Bruder Klaus die gleiche Mahnung zu wie Salat. Und er ist nicht allein. In der derben Sprache der politischen Auseinandersetzung heisst es 1522 auf einem Zürcher Flugblatt: «Bruoder Clauss hatt gesprochen, man solle auff unsserm Myst bleyben.»

Stillsitzen als grösster Dienst

Nun könnte man einwenden, das möge ja stimmen, aber Bruder Klaus hätte auch Ratschläge erteilt, die gerade auf das Gegenteil hinausliefen. Doch dem ist nicht so. Der Heilige im Ranft war in seiner Anschauung sehr konsistent. Stets betonte er den Frieden, nie riet er zu militärischen Eroberungen, auch vom Reislaufen hielt er nicht viel. Wie das Stanser Verkommnis von 1481 beweist, lehnte er die Erweiterung der acht alten Orte nicht grundsätzlich ab. Aber solches musste friedlich geschehen, nicht mit Waffen. Dank seinem Vergleich konnten Freiburg und Solothurn der Eidgenossenschaft beitreten.
Keinen Eroberungskrieg zu beginnen und keine Kriegspartei militärisch zu unterstützen, diese Grundsätze machen den Kern der Neutralität aus. Bruder Klaus riet zu beidem. Ob der Ausspruch «Machet den Zaun nicht zu weit» tatsächlich von ihm stammt, ist zweitrangig. Dass die Auffassung, die dahintersteckt, seinem Gedankengut entspricht, ist durch mehrere Überlieferungen bezeugt. Somit spricht weit mehr für Bruder Klaus als den Stammvater der Schweizer Neutralität als dagegen.
Die Warnungen von Bruder Klaus stiessen freilich zuweilen auch auf taube Ohren. Schon 1512 schrieb der Chronist Anton Tegerfeld von Mellingen, Bruder Klaus hätte vor vielen Jahren schon den Eidgenossen geraten, auf das Reislaufen zu verzichten. Leider hätte man seinen Rat in den Wind geschlagen. Nach Marignano (1515) war das Fiasko dann offensichtlich. Die Eidgenossen waren nicht in der Lage, grosse Eroberungskriege zu führen. Dazu fehlte dem losen Bündnisgeflecht von ländlichen und städtischen Orten eine zentrale Befehlsgewalt. Sie zogen aus der Niederlage den richtigen Schluss: Verzicht auf Grossmachtpolitik. Nie mehr gingen sie ein Offensivbündnis ein. Lieber bewahrten sie die grossen Freiheiten in den einzelnen Orten, als diese einem zentralistischen Machtstreben zu opfern. Ein zeitgenössisches süddeutsches Spottgedicht meinte, dass den Eidgenossen die Schmach von Marignano erspart geblieben wäre, hätten sie den Rat von Bruder Klaus befolgt.
So wichtig die Ratschläge des Eremiten waren, darf man doch bezweifeln, ob sich die Neutralität ohne die Reformation derart stark ins aussenpolitische Bewusstsein der Schweiz eingekerbt hätte. Mit der konfessionellen Spaltung wurde aussenpolitische Zurückhaltung nicht nur ratsam, sondern zu einer Überlebensfrage. Nach den beiden Schlachten von Kappel standen sich im Innern zwei gleich starke Lager gegenüber. Katholiken und Protestanten drängte es zwar zur Parteinahme in europäischen Konflikten. Aber das hätte politischen Selbstmord bedeutet. Den wollte man trotz allen Animositäten vermeiden. Letztlich stellte man das Schicksal des Landes über den Konfessionalismus.
Sehr schön geht dies aus einem Brief von Heinrich Bullinger an Philipp von Hessen, den Führer der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg, hervor. Dieser hatte die reformierten Schweizer um Unterstützung gebeten. Der Zürcher Reformator lehnte das Gesuch ab. Denn wenn die Reformierten ihren Freunden zu Hilfe eilten, dann würden die Katholiken auf der anderen Seite das Gleiche tun. Deshalb sei «Stillesitzen» der grösste Dienst, den die Schweizer ihren Glaubensbrüdern erbringen könnten. Folgerichtig verbot die Tagsatzung schon vor Kriegsanbruch (1546) den Durchzug von fremden Truppen und Waffen und verhängte eine strikte Neutralität.
Im Dreissigjährigen Krieg schliesslich verdichtete sich das Neutralitätsverständnis. Entschied man ursprünglich von Fall zu Fall über die Neutralität, so wurde daraus immer mehr eine Grundhaltung. So war es möglich, dass die Tagsatzung schon 1674 die Schweiz zum neutralen Stand erklären konnte. Und im Jahr 1782 schloss der Zürcher Gelehrte und Ratsherr Hans Heinrich Füssli den Kreis. An der Hauptversammlung der Helvetischen Gesellschaft in Olten rief er der aufgeklärten Elite des Landes zu, die Schweiz müsse sich in ihrer Aussenpolitik, wie schon Bruder Klaus geraten habe, an die ewigwährende Neutralität halten. Die Verbindung von Niklaus von Flüe und der Schweizer Neutralität entstand somit Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, bevor die national eingetunkte Geschichtsschreibung sie erfunden haben soll. Auf dem Wiener Kongress (1814/15) erhielt die Neutralität dann die sehnlichst erwünschte völkerrechtliche Anerkennung.

Friedliche Streitbeilegung

Die Neutralität ist mit Abstand der wichtigste Grundsatz in der Schweizer Aussen­politik. Bruder Klaus’ Rat wirkt aber auch in einem anderen aussenpolitischen Bereich bis in die Gegenwart nach: in der friedlichen Streitbeilegung. In seiner berühmten Botschaft von 1482 («Fried ist allweg in Gott») riet er den Bernern, eine Streitsache friedlich beizulegen. Noch deutlicher äusserte er sich im gleichen Jahr gegenüber den Konstanzern. Er sagte ihnen, sie sollten ihren Streit gütlich beilegen – und die Sache nur, wenn es nicht anders möglich sei, vor den Richter bringen. Wichtiger, als zu wissen, wer recht habe, sei die Versöhnung. Nur so entstehe ein dauerhafter Frieden.
Die Ratschläge von Bruder Klaus entsprangen seiner tiefen religiösen Überzeugung. Sie schöpften aber auch aus dem, was in seiner Umgebung Brauch war. Die Eidgenossen kannten keinen zentralistischen Herrscher, der in ihrem losen Bundesgeflecht Gerichtsentscheide mit Gewalt durchsetzen konnte. Deshalb zogen sie es vor, einen Streit mit einem Schiedsspruch oder einem Vergleich beizulegen. Die Betroffenen sollten mit dem Beistand von Dritten selbst zu einer Lösung Hand bieten und den Willen zur Umsetzung mit einem Schwur vor Gott beteuern. Dieses Verfahren war so gebräuchlich, dass man im übrigen Reich nur vom «Gesetz der Eidgenossen» sprach.
Nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die Schweiz anschickte, dem Völkerbund beizutreten, griff ein grosser Verehrer von Bruder Klaus auf dessen Gedankengut zurück. Max Huber, damals Rechtsberater im Politischen Departement (heute EDA), später Präsident des Ständigen Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), schrieb im Auftrag von Bundesrat Motta eine Botschaft an die eidgenössischen Räte über die Grundsätze der Schweizer Schiedsgerichtspolitik. Es war ein kühner Wurf. Huber wollte mit dem Ausbau der friedlichen Streitbeilegung den Grundstock zu einer neuen Weltordnung legen. Das gelang ihm nicht. Der Versuch blieb schon in den Anfängen stecken. Aber die Schweiz schloss in der Folge eine beträchtliche Zahl von Schieds- und Vergleichsverträgen mit anderen Staaten ab.
In einer Rede an der Obwaldner Landsgemeinde von 1951 bekannte Huber, dieser überragende Völkerrechtler und Chefarchitekt der Genfer Rotkreuz-Konventionen, wie sehr ihn das Wirken von Bruder Klaus beeinflusst habe. Er wollte in der Schweizer Schiedspolitik nach dem Ersten Weltkrieg bewusst an das Vermächtnis des geistigen Landesvaters anknüpfen. Botschafter Paul ­Ruegger, Hubers Nachfolger an der Spitze des IKRK, bestätigte dies und reihte sich selbst in diese Tradition ein.
Doch damit nicht genug der Nachwirkungen. Als der Bundesrat Anfang der 1970er Jahre beschloss, mit der Teilnahme an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eine aussenpolitische Öffnung einzuleiten, griff der erste Delegationschef, Botschafter Rudolf Bindschedler, seinerseits auf Hubers Vorlagen zurück und brachte einen Entwurf für ein europäisches System der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten ein. Jahrelang sorgte er dafür, dass das Thema in den grossen Ost-West-Verhandlungen nicht von der Tagesordnung verschwand. Das Interesse der Grossstaaten war allerdings, gelinde gesagt, gering. Man lächelte über das Steckenpferd der Schweizer Delegation.
Aber das Schicksal nahm eine ungeahnte Wendung. Nach dem Ende des Kalten Kriegs begann sich Frankreich für das Thema zu interessieren und schickte seinen Justizminister Robert Badinter vor. Nun war alles anders. Die KSZE (heute OSZE) verabschiedete 1992 in Windeseile ein Übereinkommen über Vergleichs- und Schiedsverfahren. Zu diesem Zeitpunkt war Bindschedler indes schon tot. Die Konferenz ehrte den Verstorbenen, indem sie eingestand, dass ohne den unerschütterlichen Einsatz des Schweizer Delegationschefs das Übereinkommen nie zustande gekommen wäre.
Der frühe Tod ersparte Bindschedler freilich auch eine bittere Enttäuschung. Der neue Mechanismus blieb nämlich toter Buchstabe. Bis heute ist im Sekretariat an der Avenue de France 23 in Genf kein einziges Gesuch zur friedlichen Streitbeilegung eingetroffen. Staaten unterwerfen sich eben nicht gern freiwillig dem Urteil von Dritten in internationalen Konflikten. Und wenn sie es ausnahmsweise einmal tun, dann betrauen sie damit nicht ein ohnmächtiges Gebilde wie die OSZE.
Bruder Klaus spielt in der heutigen Aussenpolitik eine bescheidene Rolle. Sein Name kommt in offiziellen Verlautbarungen kaum noch vor. Auch läuten an seinem Geburtstag die Glocken nicht mehr im ganzen Land wie anno 1917. In der breiten Bevölkerung ist die Erinnerung an den rechtschaffenen Landespatron jedoch nicht erloschen. Man weiss, dass er die Entwicklung der Schweiz zweifach beeinflusst hat: erstens durch das, was er gesagt hat, und zweitens – nicht minder wichtig – durch die Deutungen, die seine Worte über die Jahrhunderte erfahren haben. Ohne ihn wäre unsere Aussenpolitik in der Tat anders verlaufen.     •

* Paul Widmer ist Lehrbeauftragter für internationale Beziehungen an der Universität St.  Gallen, stand von 1977 bis 2014 im diplomatischen Dienst. Er ist Autor mehrerer Bücher. Jüngst erschien von ihm im NZZ-Buchverlag «Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall».

Quelle: Die Weltwoche, Ausgabe 26/2017 vom 22.9.2017

Zum Leben von Niklaus von Flüe

von Erika Vögeli

Niklaus von Flüe wird 1417 als Sohn von Hemma, geborene Ruobert, und Heinrich von Flüe in Sachseln (Obwalden) geboren. Die Mutter stammt aus kleinbäuerlichen Verhältnissen aus der Gemeinde Wolfenschiessen (Nidwalden). Der Vater Heinrich erscheint in den verschiedenen Urkunden als angesehener Gemeindebürger und Mitglied des Landrates. Niklaus wächst mit Bruder Peter und möglicherweise einem weiteren Bruder als Sohn freier Bauern auf.
Über Niklaus von Flües jüngere Jahre ist wenig bekannt. Um 1446 heiratet er die um 1430 geborene Dorothea Wyss aus Schwendi. Aus der Ehe gehen fünf Söhne und fünf Töchter hervor.
Niklaus von Flüe wird schon früh als angesehener, tüchtiger Bauer und Rottmeister (Hauptmann) erwähnt. Er nimmt an militärischen Auszügen teil, war dem Kriegshandwerk aber abgeneigt. Um 1455 steht er als Richter und Ratsherr in wichtigen öffentlichen Ämtern – er ist Mitglied des Kleinen Rates, dem höchsten politischen und richterlichen Gremium des Standes Obwalden. Das Amt des Landammanns lehnt er ab. Obwohl er alles erreicht hat – familiäres Glück, wirtschaftlichen Erfolg und soziales Ansehen – lassen ihn die Missstände seiner Zeit nicht in Ruhe, und es beginnt ein längerer Prozess des Nachdenkens und Beratens, unter anderem mit dem befreundeten Pfarrer Heimo Amgrund. 1465 legt er dann alle seine politischen Ämter nieder, und am Gallustag, dem 16. Oktober 1467, verlässt er im – wohl allseitig schwer errungenen – Einverständnis mit seiner Frau Dorothee seine Familie und vertraut seinen ansehnlichen Hof seinen beiden ältesten, schon erwachsenen Söhnen an. Zunächst zieht er als Pilger aus, um zu wallfahren. In der Nähe von Basel entschliesst er sich, dem Rat eines Bauern zu folgen und in die Heimat zurückzukehren. So lässt er sich schliesslich im Ranft, in der Nähe der Familie, als Einsiedler nieder. Dort helfen ihm die Landsleute 1468 beim Bau der Zelle und der Kapelle, die 1469 von Weihbischof Thomas von Konstanz eingeweiht wird.
In der Folgezeit wird Bruder Klaus, wie er seither genannt wird, von vielen Menschen aus allen Ständen aufgesucht und um Rat gefragt. Trotz der Abgeschiedenheit im Ranft ist Bruder Klaus stets über die Geschehnisse seiner näheren und weiteren Umgebung informiert. So schreibt Bernardino Imperiali am 27. Juni 1483 an den Herzog von Mailand, der ihn als Gesandten zu Bruder Klaus geschickt hatte: «Während der Abwesenheit Ludwigs bin ich übrigens mit Gabriel bei dem Einsiedler gewesen, der als heilig gilt, weil er nichts isst. Die Eidgenossenschaft bringt ihm grosses Vertrauen entgegen. Ich habe mit ihm einen Abend und einen Morgen zugebracht und viel über diese Angelegenheiten geredet. Ich fand ihn von allem unterrichtet …»
Dieses Interesse an den menschlichen Verhältnissen und sein stetes Eintreten für Gerechtigkeit, für Streitbeilegung und Frieden lassen ihn zu einem weitherum hochgeachteten und geschätzten Ratgeber werden.
Dem machtbewussten Rat des patrizischen Bern schreibt Bruder Klaus 1482 vielsagend: «Gehorsam [in der damaligen Bedeutung des Sich-Zuhörens] ist die grösste Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt, weshalb ihr trachten müsst, einander gehorsam zu sein, und Weisheit ist das allerliebste, denn sie fängt alle Dinge am besten an. Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede, und Frieden mag nicht zerstört werden, Unfriede aber würde zerstören. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Frieden stellet.»
Die wohl berühmteste Vermittlung erfolgte im Zuge der Auseinandersetzung der Länder und Städteorte nach den Burgunderkriegen, unter anderem um die Aufnahme der Städte Solothurn und Freiburg in den Bund. Durch die Beherzigung seiner Mahnung zum Frieden, vermittelt durch den Pfarrer Heimo Amgrund, wird der vierjährige innereidgenössische Konflikt, an dem der Bund zu zerbrechen drohte, am 21. Dezember 1481 im «Stanser Verkommnis» gelöst und beigelegt. Freiburg und Solothurn werden als neue Mitglieder in den Bund aufgenommen.
Am 21. März 1487 stirbt Bruder Klaus in seiner Klause im Ranft.
Sein Geist der Friedensliebe, des gegenseitigen Entgegenkommens und der Billigkeit, in dem er stets nach gerechten Lösungen suchte, verbunden mit seinem Streben nach Wahrhaftigkeit im eigenen Tun, haben ihn zum Schutzpatron des Friedens und des Zusammenhaltes werden lassen, aufgrund dessen ihn die Eidgenossen lange vor seiner  Heiligsprechung 1947 durch den Papst zum Nationalheiligen der Schweiz erkoren. Die neuerdings angezettelte Diskussion um Bruder Klaus wirkt dagegen kleinlich und etwas weltfremd. Mag sein, dass die wörtlichen Formulierungen «Machet den Zun nit zu wit» oder «Mischet euch nicht in fremde Händel!» durch die Erinnerung des Chronisten, Hans Salat, geprägt wurden. Aber wozu eine solche Rabulistik, mit der doch recht durchsichtig versucht wird, die Bedeutung dieser Eintracht vermittelnden Persönlichkeit herunterzuspielen. Er müsste sich, nachdem die Aussage über Jahrhunderte in ihrem Gehalt als friedensfördernde Botschaft durchaus verstanden wurde, doch fragen lassen: Cui bono?
Das Anliegen Niklaus von Flües ist unbestritten, und die Menschen haben die Mahnung, die geistige Orientierung an Frieden und Ausgleich über machtpolitische Ambitionen zu stellen, über viele, durchaus kriegerische und schwierige Jahrhunderte als Mahnung und Orientierung sehr wohl verstanden.

Quellen:
www.bruderklaus.com 
Historisches Lexikon der Schweiz
Vokinger, Konstantin. Bruder-Klausen Buch
Wenger-Schneiter, Mariann. Bruder Klaus. Eine erstaunliche Geschichte aus dem Mittelalter. Comic, nicht nur für Kinder. Gonten 2016