Weltkongress der International Physicians for Prevention of Nuclear War (IPPNW) tagte in York

von Dr. Matin Baraki

Die Organisation IPPNW – ein internationaler Zusammenschluss von Ärzten – hat auch eine deutsche Sektion (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.), die sich vor allem für die Abrüstung atomarer Waffen einsetzt.
1985 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis für ihre «sachkundige und wichtige Informationsarbeit», die das Bewusstsein über die «katastrophalen Folgen eines Nuklearkrieges» in der Bevölkerung erhöhte.
Aus gegebenem Anlass fand im September – nun schon zum 22. Mal – ein internationales Treffen in York (Grossbritannien) statt, zu dem etwa 600 Gäste aus aller Welt angereist waren.
Die starke Präsenz von Vertretern aus Indien und Japan war unübersehbar. Vornehmlich junge Menschen prägten das «Gesicht» des Treffens, die mit ihren Wortmeldungen aktiv zu dessen konstruktivem Verlauf beitrugen. Der Kongress rief zu einem friedlichen Zusammenleben der Völker ohne Atombomben auf und hatte das Ziel, einen Beitrag zur Durchsetzung des weltweiten Verbots von Atomwaffen zu leisten.
In der Eröffnungsrede wies der Präsident der Konferenz darauf hin, dass es darum gehen müsse, alle Nationen für das Atomwaffenverbotsabkommen zu gewinnen, für das sich weltweit bereits 486 Organisationen aus 130 Ländern einsetzen.
Mit der Eskalation des Konflikts zwischen Nordkorea und den USA wachse die akute Gefahr eines tatsächlichen Einsatzes von Atombomben heute, wurde betont. Eine vorgelegte Studie informierte über die Folgen eines solchen Einsatzes. Allein 50 Bomben – sollten Indien und Pakistan sie im Falle eines Krieges einsetzen – würden auf einen Schlag 30 Millionen Menschen unmittelbar das Leben kosten. Durch die dadurch verursachte globale nukleare Klimaveränderung würden nachfolgend weitere 200 Millionen Menschen sterben. Nie war die Gefahr, dass die Gattung Mensch ausgelöscht werden könnte, so gross wie heute.
Im Text zum Atomwaffenverbotsabkommen wird aufgezeigt, wie die Länder aus diesem Programm aussteigen können. Der Vertrag soll im internationalen Recht verankert und die Gedanken der «kollektiven Sicherheit» in den Partnerorganisationen und Staaten verbreitet werden. Mit der derzeitigen Strategie der Atomwaffenmächte werden jedoch die bestehenden Machtstrukturen in der Welt zementiert. Dadurch wird eine Veränderung des Status quo erschwert. Diese Mächte beabsichtigen zwar nicht, den Atomwaffensperrvertrag aufzulösen, unterzeichnen wollen sie ihn aber auch nicht, wobei explizit auf Indien und Pakistan hingewiesen wurde.
Delegationsmitglieder berichteten über ihre Arbeit und den Kampf der Friedenskräfte in ihren Ländern. Die britischen Atombombengegner sehen ihren Schwerpunkt darin, das Verbot der britischen atomaren U-Boote zu erwirken. Sie wiesen darauf hin, dass für die US-Rüstungsindustrie die Atombombe als «heilige Kuh» gilt. In der Friedensbewegung in den USA thematisiert man die medizinischen und humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes, um die Menschen dort gegen die Atombombe zu mobilisieren. Für die Regierung Russlands stünde die nukleare Sicherheit an erster Stelle, um Bedingungen für die Abschaffung der Atombombe zu begünstigen, hob eine Vertreterin aus Russland hervor. Ein indischer Delegierter betonte die Rolle der Uno und kritisierte die indischen Massenmedien, die über das Thema Atomwaffenverbot kaum berichten würden. Der japanische Teilnehmer wies auf das konfrontative Verhalten von Nordkorea und den USA hin, welches ein furchterregendes Stadium erreicht habe. Dieses Problem könne aber nur politisch gelöst werden. Die US-Administration müsse die Souveränität Nordkoreas achten. Australien stelle sich, wie die Bundesrepublik Deutschland, unter den Atomschutzschirm der USA. Daher habe die Regierung in Canberra kein Interesse an einem Verbot von Atombomben, erklärte eine australische Delegierte. Während ein norwegischer Teilnehmer die notwendige Popularisierung des Verbotes in seinen Ausführungen forderte, hob der Delegierte aus Costa Rica die Rolle seines Landes als das am meisten engagierte Land für ein Verbot hervor und verwies darauf, dass 25 bis 30 latein- und mittelamerikanische Länder den Vertrag zum Verbot von Atombomben unterzeichnet hätten. Costa Rica hätte schon 1997 das Verbotsabkommen vor die Uno gebracht. Alle afrikanischen Staaten seien atomwaffenfrei, und Südafrika, das die Atombombe schon besass, habe sie jedoch längst abgegeben, wie ein Gast aus Kenia informierte.
Der afghanische Delegierte legte einen «Friedensplan» für Afghanistan vor, dessen Umsetzung die Ablösung der Nato-Militärs durch Militäreinheiten aus den islamischen und blockfreien Staaten zur Bedingung haben müsse. Der bereits 38 Jahre andauernde Krieg am Hindukusch zeige, dass nur eine politische Lösung des Konfliktes erfolgversprechend sein könne. Für diese Lösung sollte durch die Afghanen selbst eine Konzeption und entsprechend den dortigen Bedingungen unter Beteiligung der breiten Masse der Bevölkerung und aller politischen Gruppierungen, einschliesslich der Taliban, ein Programm ausgearbeitet und umgesetzt werden.
Hervorgehoben wurde, dass die USA den Clusterbomben-Verbotsvertrag nicht unterzeichnet, deren Produktion jedoch eingestellt hätten. Hier wird die normative Kraft eines Vertrages deutlich, die im Falle eines Verbotes von Atombomben eine ebensolche Wirkung entfalten könnte.
In regionalen Meetings (Afrika, Europa, Lateinamerika, der Mittlere Osten, Nord­amerika, Südasien und Südostasien und Pazifik) und zahlreichen Workshops diskutierten und vertieften die Teilnehmer des Kongresses die im Plenum vorgestellten Fragen und Probleme.
Ein britischer Soldat, der in Afghanistan, im Irak und in Nordirland im Einsatz war, gab einen historischen Überblick über die Brutalität des britischen Empires, bei dem die Kontinuität in der Art und Weise der Kriegsführung des britischen Imperialismus unverkennbar war. Sein Auftreten gestaltete sich zu einem Höhepunkt des Kongresses.    •