«Postfaktisch» – ein grosser Schwindel

von Jacques Perrin, Aubonne VD

Ein neues begriffliches Gadget ist geboren: das Postfaktische.
Die Redaktion des Oxford English Dictionary wählte «post-truth» (postfaktisch) zum «internationalen Wort des Jahres 2016». Sie definiert diesen Begriff folgendermassen: «Neologismus, der sich auf Umstände bezieht, in denen objektive Tatsachen weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als emotionale Aussagen und persönliche Meinungen.» Die Online-Enzyklopädie Wikipedia [franz. Version, Anm. d. Übers.] lehrt uns, dass das postfaktische Zeitalter «eine Kultur umschreibt, in der die Leader die Diskussionen auf Emotionen zuspitzen, indem sie eine Vielzahl von sprachlichen Elementen nutzen und dabei die Fakten – wie auch die Notwendigkeit, ihre Argumentation an diesen Fakten zu messen –, bewusst oder unbewusst, aus wahltaktischen Gründen ignorieren.»
Dieser Begriff scheint 2004 entstanden zu sein. Die Panik, welche die «autorisierten Kommentatoren» anlässlich des Brexit und der Erfolge der Herren Orban, Putin und Trump heimgesucht hat, brachte sie auf die Idee, das Postfaktische als Waffe für einen Gegenangriff zu nutzen.
Wir erwarten von den Journalisten, dass sie uns wahrheitsgetreu informieren. Dass sie von dieser postfaktischen Ära erschreckt sind und deshalb der Wahrheit zur Ehre verhelfen wollen, sollte uns freuen. Der Hohn liegt uns aber näher und dies aus folgenden drei Gründen:
Zuerst einmal halten wir fest, dass Märchen zu erzählen und das Gegenüber anzuschwindeln, Versprechen nicht zu halten und Emotionen hervorzurufen sowie ein Anliegen mit faulen Argumenten zu verteidigen, nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA anzutreffen sind. Im 5. Jahrhundert vor Christus haben die Sophisten Athens das Zeitalter des Postfaktischen eingeläutet. Der Philosoph und Rhetoriklehrer Gorgias rühmte sich, die Ungerechtigkeit mittels seiner unschlagbaren Argumentation triumphieren zu lassen. Im 21. Jahrhundert heissen die Sophisten «Kommunikationsberater». Der PR-Berater muss keineswegs nur Unwahrheiten erzählen – solange die Wahrheit etwas einbringt, ist er an ihr interessiert. Die PR-Agenturen fördern die Interessen desjenigen, der sie bezahlt, und bearbeiten die Meinungen mit tiefgehenden emotionalen Mitteln. Der demokratische Politiker, der Stimmen von einer bestimmten «Klientel» erhalten will, muss Kommunikation betreiben. Anders gesagt, er muss die Versprechen vermehren, die er nicht wird halten können. Er arrangiert sich mit der Wahrheit, auch auf Grund der Tatsache, dass die Wählenden diese nicht unbedingt schätzen. Oft bevorzugen sie, in der Illusion zu leben, ausser in einigen sehr gefährlichen Situationen wie 1940, als die Engländer sich mit dem von Churchill angekündigten Ziel «Blut und Tränen» einverstanden erklärten.
Im weiteren hat sich unseres Wissens nach die politisch-mediale Elite am Ende des 20. Jahrhunderts nur mässig für den Wahrheitsbegriff interessiert. Sie hat sich eher darauf beschränkt, dessen Wirkung zu reduzieren, oder besser gesagt, ihn unter dem Druck der Dekonstruktivisten zu negieren. Unsere so «vielseitige» Presse hat wenig vom Philosophen Jacques Bouveresse gesprochen, der mit grosser Sachlichkeit die pseudo-Nietzscheschen Verirrungen der Dekonstruktivisten, vor allem Michel Foucaults, kritisierte.
Was hat man nicht alles ständig zu hören bekommen in bezug auf das Wahre: «Jedem seine Wahrheit»; «wahr ist, was nützt»; «Objektivität ist unerreichbar»; «Wahrheit ist Ausdruck der Macht»; «die in einer bestimmten Epoche vorherrschenden Kräfteverhältnisse bestimmen den Inhalt»; «es gibt keine Fakten, nur Interpretationen»; und immer wieder auch den Ausspruch des französischen Mathematikers und Physikers Blaise Pascal: «Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits.» [«Vérité en-deçà des Pyrénées, erreur au-delà.»]
Plötzlich wird der Wahrheitsbegriff auf Grund der Missetaten von Trump und Putin «wiederentdeckt»: Colin Powell, Hollande, Sarkozy, Juncker, Barroso oder Hillary Clinton haben selbstverständlich nie mit der Wahrheit gespielt, genauso wenig wie der schöne Barack!
Schliesslich ist die Renaissance des Wahrheitsbegriffs mit der Rehabilitation der Diplome verbunden. Es gab noch nie so viele Forscher und Akademiker, die sich auf das «Entschlüsseln» der kleinsten «popu­listischen» Forderung stürzten. Alle diese «hochdiplomierten» Personen besitzen ellenlange Listen von Artikeln, Publikationen und Fachbüchern. Sie sollten eigentlich beim Überprüfen von Fakten – Entschuldigung, beim «fact checking» – unfehlbar sein. Wir können uns freuen, dass eine grundlegende intellektuelle Tätigkeit wieder stattfindet, aber wir erlauben uns trotzdem, einige Zweifel zu äussern gegenüber diesen Aktivitäten, die von einer Kamarilla geführt werden, die bisher unablässig Schule, Universität, Kultur, Logik und bürgerliche Wissenschaften durch den Dreck gezogen hat.

Die Realität ist prosaischer

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird die liberal-sozialistische intellektuelle Macht in Frage gestellt. Unterschiedliche Meinungen kommen vermehrt an den Tag, teilweise auf Grund der sozialen Netzwerke. Vielleicht werden wir eine Neubesetzung bei den Medienschaffenden erleben. Soziale Positionen stehen auf dem Spiel. Das bisherige Personal schreckt zurück: Seine erste Reaktion ist, sich in die universitären Sphären zurückzuziehen, so wie der Historiker Patrick Boucheron, Professor im Collège de France, «engagierter» Autor einer angeblich «störenden» Weltgeschichte Frankreichs, der sich weigert, in einer Sendung des RTS (Westschweizer Radio/TV) seinen Gegnern Eric Zemmour und Alain Finkielkraut Paroli zu bieten, mit dem Vorwand, dass er es nicht nötig habe, sich auf das Niveau von zwei Essayisten ohne «wissenschaftliche» Bildung herunterzulassen. Der Applaus der «Eliten» liess nicht auf sich warten …
Die Erfindung des Postfaktischen erhöht den Begriff der Wahrheit nicht. Dieser interessiert die Profis des Wissens kaum, denn sie haben keine Zeit, sich damit zu befassen. Der Kampf gegen Trump, Putin und Marine Le Pen bindet alle ihre Kräfte.    •

Quelle: La Nation Nr. 2064 vom 17.2.2017

(Übersetzung Zeit-Fragen)