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«Wir haben es mit einem massiven Eingreifen von aussen zu tun»

Interview «Bayern 2» mit dem Orientexperten Günter Meyer zur Situation in Syrien

Bayern 2: Heute endet der Auftrag der Arabischen Liga an die nominell unabhängige Beobachtermission in Syrien. Der heute in Kairo dazu erwartete Bericht soll klarstellen, ob Damaskus, das Regime Assad, den Verpflichtungen nachkommt, um die Krise im Land zu beenden. Danach sieht es allerdings nicht aus, wenn man den drangsalierten Oppositionellen zuhört. «Das Regime lässt schiessen, damit keiner an die Beobachter herankommt. Man kann nicht mit ihnen reden. Ständig sind sie von Geheimdienstleuten umgeben. Die Beobachter müssten einen einzigen Tag hier verbringen, bei uns schlafen und essen.» Fakt ist also, dass die Beobachter ihre ursprüngliche Aufgabe, das Blutvergiessen im Lande zu stoppen und die Freilassung von politischen Gefangenen zu erwirken, nicht erledigen können. Und in der Protesthochburg Homs sollen allein gestern 38 Oppositionelle getötet worden sein. Am Telefon der Radiowelt ist Günter Meyer, er ist Orientexperte von der Universität Mainz.Grüss Gott, Herr Meyer.

Günter Meyer: Grüss Gott, Herr Fargel.

Herr Meyer, würden Sie sagen, «Mission impossible» für die Beobachter in Syrien?

Nein, auf keinen Fall. Das, was hier von den Oppositionellen immer wieder hervorgehoben wird, die Mission sei gescheitert – ganz das Gegenteil ist der Fall. Die Mission hat dazu beigetragen, dass die Zahl der Toten deutlich zurückgegangen ist. Die Mission konnte auch feststellen, dass sehr viel Gefangene in der Zwischenzeit freigelassen worden sind. Und die Mission konnte ebenfalls feststellen, dass das, was von den Oppositionellen, gerade auch von westlichen Medien immer wieder hervorgehoben wird, dass es sich einzig und allein darum handelt, dass eine repressive Herrschaft der Alewiten friedliche Demonstranten niederschiesst, überhaupt nicht stimmt. Es ist ganz offensichtlich, dass wir es mit einer bewaffneten, terroristischen Organisation zu tun haben, die ebenfalls für einen sehr grossen Teil der Toten im Lande verantwortlich ist. Das ist durchaus auch in dieser Situation herausgekommen.

Das heisst, wir haben eine klare Anti-Sichtweise gegen das Regime, eine Sichtweise, die massiv gestärkt wird durch die Interessen insbesondere der USA, aber auch durch die westlichen Verbündeten England, Frankreich, nicht zuletzt auch Deutschland. Es geht in erster Linie darum, die Achse ­Iran-Syrien-Hisbollah auszuschalten. Wenn man Syrien ausschaltet, bedeutet es, dass keine Waffen mehr aus dem Iran über Syrien an die Hisbollah geliefert werden und dann gegen Israel eingesetzt werden können.

Aber Herr Meyer, wie Sie das beschreiben, das klingt ja fast wie eine westliche Verschwörung gegen Syrien. Ist Assad womöglich doch der Gute?

Auf keinen Fall. Es ist ganz offensichtlich, dass er ein repressives Regime hat, dass er vor allen Dingen zu Beginn der Demonstrationen völlig überzogen hat und gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen ist. Nur innerhalb kürzester Zeit hat sich dieser regional begrenzte Konflikt in einen globalen Konflikt ausgeweitet, wo nicht nur die westlichen Mächte ihre Interessen haben, sondern wo ganz genau die arabischen Staaten, allen voran Katar und Saudi-Arabien, ihr Interesse haben, um auf diese Art und Weise eine Schwächung des Iran ebenfalls erreichen zu können. Das heisst, wir haben es nicht mehr mit einem isolierten Konflikt zu tun, sondern wir haben es mit einem massiven Eingreifen von aussen zu tun. Nicht zuletzt Berichte darüber, dass etwa 600 Mudschaheddin aus Libyen eingeflogen sind, initiiert von der CIA. CIA-Beamte, Geheimdienst-Beamte aus Frankreich und Grossbritannien genauso, bilden Oppositionelle aus, rüsten sie aus in der Nähe von Iskendria, nahe der syrischen Grenze, rüsten sie aus mit den Waffen, die aus den Arsenalen von Gaddafi herübergebracht werden, um hier einen Bürgerkrieg zu initiieren, um das Land insgesamt zu schwächen.

Das heisst also, die syrische Bevölkerung, die jetzt auf keiner der beiden Seiten steht, die wird zerrieben.

Was bei uns nicht in den Medien genannt wird, ist zum Beispiel die Tatsache, dass Assad nach wie vor die Mehrheit des syrischen Volkes hinter sich hat, und diese Untersuchung ist ausgerechnet von Katar durchgeführt worden, von der Katar-Stiftung, wo klar gezeigt worden ist, dass 55% der syrischen Bevölkerung nicht die Ablösung von Assad wünschen. Das wird bei uns in den Medien überhaupt nicht dargestellt.

Unterm Strich, Herr Meyer, ganz kurz noch: Glauben Sie, dass Assad mit seinem Gewaltregime letztlich durchkommt?

Er wird auf jeden Fall noch etliche Monate an der Macht bleiben. Viel wird davon abhängen, in welchem Masse ausländische Kräfte im Land intervenieren und dadurch die Situation noch wesentlich verschärfen, und zwar nicht nur begrenzt auf Syrien, sondern auf die gesamte Region.           •

Quelle: Radio Bayern 2 vom 19.1.2012