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«Kuckuck, kuckuck» – ruft’s (noch) aus dem Wald

Am 18. April kommt er, am 19. muss er kommen!

von Heini Hofmann

Alle freuen sich, wenn das ­ornithologische Frühlingssignet, der wohlklingende Doppel­ruf des Kuckucks, zum ersten Mal ertönt. Doch nicht nur dieser Ruf machte die Galions­figur der Kuckucksuhr berühmt, sondern auch das exzentrische Verhalten als Brut­schmarotzer, der seine Eier in fremde Nester legt. Heute gerät der gefiederte ­Sonderling zunehmend in Existenzschwierig­keiten.
Als Zugvogel überwintert der Kuckuck im südlichen Afrika. Von da wandert der gewandte Flieger im Frühling schnell und zielstrebig nordwärts, die Sahara und Nordafrika vielfach ohne Aufenthalt querend. Als ungeselliger Vogel zieht er einzeln und nachts.

Nur die Männchen rufen

In Mitteleuropa erscheint der Kuckuck oder Gauch, wie man ihn auch nennt, um Mitte April. Der Volksmund weiss es genau: «Am 18. kommt er, am 19. muss er kommen!» Und falls er schon vorher da ist, besagt dies lediglich, dass auch Bauernregeln nicht unfehlbar sind ...
Eines ist sicher: Zuerst treffen die Männchen ein, und sie sind es auch, die den allbekannten, zweisilbigen Ruf erschallen lassen, welcher dem Vogel seinen klangmalenden Namen eintrug. Nur gerade ein Drittel des Jahres verweilt der Kuckuck bei uns, bevor er im Hochsommer schon wieder die Rückreise antritt. Trotzdem hat er es geschafft, zu einem der populärsten Vögel zu werden, der uns beim erstmaligen Ertönen seines Rufes sogar zum bangen Griff nach dem Geldsäckel zwingt ...

So brutfaul, so verliebt

Obschon der Kuckuck als ausgesprochener Brutparasit die elterlichen Pflichten grosszügig delegiert, lässt er sich die Vorfreuden dazu nicht nehmen. «So brutfaul der Vogel, so verliebt ist er», fand schon Tiervater Brehm und fuhr fort: «Er ist buchstäblich toll, solange die Paarungszeit währt, schreit unablässig so, dass die Stimme überschnappt, durchjagt unaufhörlich sein Gebiet und vermutet überall einen Nebenbuhler, den hassenswertesten aller Gegner.»
Mit der Ehe nimmt’s der Kuckuck dann allerdings nicht so genau; denn zur Brutzeit vergesellschaften sich verschiedene Männchen mit einem Weibchen und umgekehrt. Solche Freizügigkeit scheint jedoch mit der nicht ausgesprochenen Territorialität zusammenzuhängen – ein für einen Schmarotzervogel offenbar taugliches Prinzip; denn so kann das Wirtsvogelangebot besser genutzt werden.

Einziger Brutparasit

Vögel sind dann echte, fachsprachlich obligate Brutschmarotzer, wenn sie drei Bedingungen erfüllen: kein Nest herrichten, nie selbst Eier bebrüten und Jungvögel nicht eigenschnäblig füttern. Das trifft auf den Kuckuck zu, und er ist notabene in Europa die einzige Vogelart, die Brutparasitismus betreibt. Als Zieheltern dienen vorwiegend insektenfressende Singvögel. Trotz der stattlichen Grösse des Kuckucks sind es fast ausschliesslich Kleinvögel von Laubsänger- bis Drosselgrösse, die er für seine Zwecke missbraucht. Allein in der Schweiz kennt man über dreissig Wirtsvogelarten, in Deutschland an die neunzig.
Wichtig ist, dass die Wirtsvögel eine hohe Siedlungsdichte aufweisen, gut erkennbare und für Kuckuckszwecke geeignete Nester bauen, wenig Abneigung gegen Fremdeier an den Tag legen, ähnliche Eigrössen besitzen sowie passendes Fütterungsverhalten zeigen. Dies trifft zu auf Stelzen, Pieper, Grasmücken, Heckenbraunelle, Rohrsänger, Rotschwänze, Rotkehlchen und Würger. Nicht in Frage kommen reine Höhlenbrüter.

Die Tricks der Natur

Die Wirtsvögel erkennen den Kuckuck sehr wohl. Wo er auftaucht, fliegen sie unter Gezeter auf ihn los und «hassen auf» ihn wie auf Greifvögel und Katzen. Besonders energisch attackieren sie ihn in der Nähe ihres Nestes, wodurch sie dieses erst recht verraten. Deshalb und noch aus einem anderen Grund kommt dieses Hassen dem Kuckuck gar nicht ungelegen; denn während das rufende Männchen die Hasser auf sich zieht, kann das Weibchen dieweil unbemerkt sein Ei ins Nest der Wirtsvögel legen.
Zudem gibt die «Sperberung», das heisst die quergestreifte Färbung der Brust, dem Kuckuck ein Stück weit das Aussehen eines Sperbers. Auch diese Greifvogelmaskerade ist nicht rein zufällig; denn die Nachahmung wehrhafter Tiere durch Brutschmarotzer ist ein von der Natur mehrfach angewandter Trick. Auch die Raffinesse, mit welcher die Kuckucksfrau den Wirtsvogeleltern ihr Ei unterjubelt, hört sich an wie ein Kriminalroman.
Zuerst macht sie in Detektivmanier ihre Opfer ausfindig durch Beobachten vom Ansitz aus oder im Suchflug. Um der Attacke der Zieheltern bei der Eiablage zu entgehen, wählt sie nach Einbrecherart einen günstigen Moment aus, nämlich die allgemeine Ruhezeit in den frühen Nachmittagsstunden. Die Eiablage erfolgt meist in unvollständige Gelege und dauert nur wenige Sekunden. Oft trägt die Kuckucksfrau – zwecks täuschenden Ausgleichs – ein Wirtsvogelei im Schnabel weg. Bevor die «beglückten» Singvogeleltern etwas merken, ist der Spuk schon vorbei.

Als Rausschmeisser geboren

Die Bebrütungsdauer des Kuckuckseis ist mit nur rund zwölf Tagen sehr kurz, was sicherstellt, dass das Schmarotzerjunge noch vor den Stiefgeschwistern schlüpft. Auch scheint der Kuckucksembryo weniger empfindlich auf Bebrütungsunterbrüche zu sein. Die Natur bevorteilt ihn in mancherlei Hinsicht. Einmal geschlüpft, ist er fast doppelt so gross wie seine Nestgenossen, jedoch ebenfalls blind und nackt.
Aber schon nach wenigen Lebensstunden erwacht in dem kleinen Schmarotzerkind ein unheimlicher Trieb: Alles, was sich ausser ihm im Nest befindet, ob Eier, Stiefgeschwister oder seltenerweise mal ein zweites Kuckucksei (wenn zufällig zwei verschiedene Mütter ins gleiche Wirtsnest gelegt haben), restlos alles wird über Bord geworfen – und wie!
Rückwärts strampelt das kleine fleischfarbene Biest, dem Triebe gehorchend, die Nichtsnutzlast auf dem Rücken stemmend, an der Nestwand empor und befördert sie mit einem letzten Hoo-ruck auf oder über den Nestrand. Und wieder spielen die knallharten Regeln der Natur: Was regungslos auf dem Nestrand liegt, und wenn es die eigenen Kinder sind, bedeutet für die Wirtseltern nichts anderes als wegzuräumende Fremdkörper, vergleichbar den wegzuschaffenden Kotballen.

Wie eine Kröte im Nest

Erst im Alter von einigen Tagen beginnen beim Jungkuckuck, schwarzen Stoppeln ähnlich, die Federn zu spriessen. Nun sieht er aus – Zitat Brehm – «als sässe eine Kröte im Neste». Gleichzeitig erlischt sein Rausschmeissertrieb. Aber hungrig ist dieser nestfüllende Wechselbalg! Sein übergrosser, orangerot leuchtender Sperrrachen wirkt auf die Zieheltern wie ein übernormaler Auslöser. Bis zur Erschöpfung füttern sie diesen Nimmersatt, der kaum mehr Platz findet im Singvogelnestchen.
Wenn er dann im zarten Alter von rund drei Wochen flügge wird und das Nest verlässt, ist er gut und gerne bis zu fünfzig Mal schwerer als beim Schlüpfen. Selbständig wird er aber erst weitere drei Wochen später. Inzwischen lässt sich das Riesenbaby nonstop füttern. Dies verlangt, aus Gründen des Grössenunterschieds, von den Pflegeeltern beinahe akrobatische Einlagen: Entweder setzen sie sich zum Füttern dem Mammutkind auf den Kopf, oder sie verharren in der Luft rüttelnd vor ihm und stecken dabei ihren Kopf weit in seinen Sperrachen.

Nicht auszudenken, wenn ...

Wer nun fürchtet, der Kuckuck könnte durch seinen Brutparasitismus gewisse Singvogelarten gefährden, da ja jedes Kuckucksei soviel wie eine verlorene Wirtsbrut bedeutet, der unterschätzt die genialen Regulationsmechanismen der Natur. Wenn sich nämlich regional bei einer Wirtsvogelart kuckucksbedingt tatsächlich ein Populationsengpass ergibt, dann ist auch der Kuckuck gezwungen, entweder einen Standort- oder Pflegeelternwechsel vorzunehmen, worauf sich die bedrängte Wirtsvogelart wieder erholen kann.
Gefahr lauert jedoch dem Kuckuck selber, und zwar menschgemachte, nämlich die fortschreitende Ausräumung der halboffenen Kulturlandschaft und ihre Zerstückelung; denn dadurch verschwinden zunehmend wichtige Wirtsvogelarten. Nicht auszudenken, wie trist das wäre, wenn es eines Frühlings nicht mehr «Kuckuck, kuckuck» aus dem Wald riefe!    •

Phänomenales Kuckucksei

Nicht nur der Vogel, auch das Ei ist an den Brutparasitismus angepasst: bruchfestere Schale, verhältnismässig kleine Eigrösse sowie enorme Vielfalt bezüglich Färbung und Zeichnung, das heisst farbliche Anpassung (Mimikry) an die Eier der Pflegeeltern.
Während die Eier verschiedener Kuckucksweibchen – entsprechend ihren Hauptwirten – sehr unterschiedlich gefärbt sind, legt das einzelne Weibchen zeitlebens denselben Eitypus, und zwar in die Nester jener Vogelart, von der es selber grossgezogen wurde. Optisch-akustische Prägung im frühen Nestlings­alter, kombiniert mit einem genialen Vererbungsmechanismus (ein Gen auf dem Y-Chromosom bestimmt den Eityp), steuert die Mimikry der Kuckuckseier.
In jedes Wirtsnest legt das Kuckucksweibchen nur ein einziges Ei, allerdings – wegen der hohen Verlustrate – bei verschiedenen Pflegeeltern, was der doppelten Legeleistung anderer Vögel gleicher Grösse entspricht. Und noch etwas ist phänomenal: Durch hormonelle Synchronisation des Eisprungs beim Kuckucksweibchen wird die Eiproduktion des Schmarotzers auf den Nestbaurhythmus und die Legeaktivität der Pflegeeltern abgestimmt. Perfekter geht’s nicht mehr!