Schule und Bildung im Würgegriff von Machtpolitik

ab.ef.ev. OECD und EU «lieben sich» – mit gutem Grund – auf diesem Gebiet: nach amerikanischen Prämissen.
Je mehr man sich einliest in die heutigen Debatten um Schule und Bildung, desto klarer wird, dass kleinräumiges Denken fehl am Platze ist. Es kommt eine englischsprachige Literatur zum Vorschein, die im wesentlichen erst nach dem Kosovo-Krieg beginnt und nach Lehman Brothers 2008/9 so richtig Fahrt aufnimmt. Zumeist ist es jedoch keine Forschungsliteratur, sondern macht eher den Eindruck von beschreibender Begleitliteratur zu einem grossdimensionierten Implementierungs-Prozess in allen europäischen Ländern, Schweiz inklusive. Eines der auffallendsten Merkmale ist ein Bruch, ja jegliches Ignorieren von bisher durch die europäischen Länder und Sprachbereiche selber getragener Bildungsforschung und Verbesserungen der Schule, die am personalen Menschenbild orientiert waren. Einzelne der jungen Autoren weigern sich gar, eine Übersetzung ihrer englischen Texte ins Deutsche zuzulassen!
Der Theorie- und Kulturbruch ist ähnlich radikal wie nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Befreiungstheologie und der Gruppe um Levinas. Diese Gruppe junger Philosophen war aber so ehrlich, dass sie den Abbruch mit jeder europäischen Denktradition offen erklärt und begründet hat. Das tut die heutige junge Generation im Pädagogik-Begleit-Service nicht. Tonia Bieber zum Beispiel triumphiert in ihrem Paper, das sich mit der Implementierung in der Schweiz befasst, lediglich darüber, dass nicht einmal die wichtigsten Veto-Players, die Kantone nämlich, den zu erwartenden Widerstand geleistet haben und die OECD-EU-Massnahmen schneller eingepflanzt werden konnten als erwartet und eingingen wie flüssige Butter.1
Wohltuend ist es, im Ganzen drin einen Autor zu finden, der den Horizont erweitert und im Auge zu haben scheint, dass dieser US-induzierte Top-Down-Prozess die europäischen Länder in ihrem demokratischen Gehalt schädigt. Roman Langer, Herausgeber von «Pisa – warum tun die das?», geht nicht erst nach der Jahrtausendwende an die Sache heran, sondern rollt den amerikanischen Auftrag zur Bildungsherrschaft über die europäischen Länder vom Sputnik-Schock her auf. Sie erinnern sich: Dass die Russen 1957 als erste eine Sonde auf eine Erdumlaufbahn schickten, das war für das westliche Selbstwertgefühl eine kaum zu ertragende narzisstische Kränkung. Doch statt dass die Amerikaner, die immerhin keine Trümmerstädte nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufbauen und mit schwerst geschwächter und dezimierter Bevölkerung zu Rande kommen mussten, statt dass sie ihre Schulen und Bildungsstätten seriös auf Vordermann gebracht hätten, gingen sie den umgekehrten Weg. Sie hätten mit einem vernünftigen Nach-vorne-Schreiten die Russen ja einholen und in einem friedlichen Forschungs-Wettlauf die Welt um einiges verbessern können. Dazu hätte es aber einer Debatte über die Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bedurft, zu der auch andere Länder und Kulturen und nicht zuletzt die Unesco vieles beizutragen gehabt hätten.
Statt dessen setzten sie auf die Karte der eigenen Machtentwicklung und beschlossen 1958 ein nationales Notfallprogramm, den «National Defense Education Act» (NDEA), der Schule und Bildung der utilitaristischen Auffassung unterordnete und damit den Interessen einer imperialen Herrschaft. Als 1961 die OECD gegründet wurde, ging dieser Auftrag auf diese Einflussinstanz über und peilte in erster Linie die Länder des westlichen Blocks an.
Offenbar wurden durch all diese Massnahmen weder Schule und Bildung besser noch der Wirtschaftsvorsprung grösser, so dass es Mitte der 70er Jahre schon wieder kriselte. Wer als Europäer hinüberging und Kinder im schulfähigen Alter hatte, überlegte sich gut, ob er sie mitnehmen oder bei Verwandten hier lassen wollte.
Es gebe drüben extrem teure Eliteschulen oder aber Staatsschulen, die in einem desolaten Zustand seien, hiess es. Ansonsten die Möglichkeit, dass die Mutter zu Hause die Kinder selbst unterrichtet, «home-schooling», wie es bei amerikanischen Kollegen im akademischen Bereich in bescheidensten Wohnverhältnissen angetroffen werden konnte.
Und wieder folgte ein Schritt in die falsche Richtung: Die USA traten 1984 aus der Unesco aus, entsolidarisierten sich damit weiter und begannen die OECD mit vermehrtem Druck zum Instrument ihrer partikulären Machtpolitik zu machen.
Mitte der 90er Jahre, hält Langer fest, habe die OECD der Unesco das Heft völlig aus der Hand genommen gehabt. Zu diesem Zeitpunkt sei der amerikanische Auftrag zur Umwandlung von Schule und Bildung auch in die Schweiz gekommen; das Trojanische Pferd wurde willkommen geheissen. Buschor war vermutlich nur ein vordergründiger Akteur. Wie reagierten die deutschsprachigen Staaten insgesamt auf den Befehl aus dem Wirtschaftshimmel? «Die Literatur legt nahe: Durch unbedachte, schnelle Übernahme fertiger Lösungskonzepte ohne ausreichende wissenschaftliche und öffentliche Debatte. […] In der Schweiz und in Deutschland ‹erfolgte seitens der Bildungspolitik ohne kritisches Hinterfragen rasche Zustimmung zu den kommunizierten Befunden und ein vehementer Aktionismus›.»2
Und wozu das alles, ist nun die Frage angesichts einer zur Weltwirtschaftskrise sich auswachsenden Konkurrenz? Unsere Kinder, die Jugend unserer Länder als Versuchskaninchen der internationalen Grossfinanz? Das soll «nachhaltige», tragfähige Grundlagen für die Zukunft geben?
Seit die Orange-Grünen in Baden-Württemberg an der Macht sind, hat der nächste Schub an Hektik und schulischem Unsinn begonnen. Ein Schweizer namens Fratton sei «drüben» schon seit 18 Jahren «geschäftlich» tätig. Zurzeit bereist und beschwatzt der Marktfahrer in der Ostschweiz eine Schulgemeinde nach der andern und preist die Produkte aus seiner Wundertüte an. Stösst Ihnen als Bürger einer Schulgemeinde das sauer auf? Hoffentlich! Vor allem: Geld sei kein Problem. Es braucht nur die Unterschrift Ihrer Schulgemeinde (woher es kommt, fragen Sie besser nicht …). Bei John Perkins können Sie in seinem Buch «Economic Hitman» nachlesen, wie er ganze Länder mit diesen Methoden in die Schuldenfalle getrieben hat.    •

1    Vgl. dazu: Bieber, Tonia. «Soft Governance in Education. The PISA Study and the Bologna Process in Switzerland». TranState Working Paper No. 117. Bremen, 2010. Argumentarium dazu auf www.zeit-fragen.ch unter Dokumentation: Schule und Bildung Schweiz: «Die Vermittlung von Bildung als Bürgerrecht und die Heranbildung verantwortungsbewusster Staatsbürger».
2    Langer, Roman. Warum haben die PISA gemacht? Ein Bericht über einen emergenten Effekt internationaler politischer Auseinandersetzungen. S. 61. In: Langer, Roman (Hrsg.). «Warum tun die das?» Governanceanalysen zum Steuerungshandeln in der Schulentwicklung. Educational Governance Band 6. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008. S. 49–72. Darin zitiert: Becker, Rolf. Lassen sich aus den Ergebnissen von PISA Reformperspektiven für die Bildungssysteme ableiten? In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften, Jg. 29, H.1, S. 13–31. Zit. nach Langer, S. 61. (Hervorhebung im Original)

«Für Gaby Cohn-Bendit ist die Schule ‹de la merde›!»27

«Gaby lässt die Stimme der Cohn-Bendits verlauten: ‹Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, dass Lehrer gross­artige Leute sind. Ich liebe mein Land nicht! Diese Schule, die Nationalismen schafft! Ich liebe die Schule nicht, weil sie nicht liebenswert ist! Man zahlt den Lehrern Prämien, damit sie in ZEP-Schulen unterrichten gehen. [Die ZEP (zones d’éducation prioritaire) sind soziale und schulische Problemquartiere.] Was das bedeutet! Höchstens 15% aller Lehrer widmen sich ihren Schülern…› »27

27    Soubrouillard (Régis), «Pour Gaby Cohn-Bendit, l’école c’est de la merde! [Für Gaby Cohn-Bendit ist die Schule Scheisse!] Marianne 2,
10. Januar 2010.

Quelle: Paul Ariès und Florence Leray: Cohn-Bendit, l'imposture. Paris 2010, Seite 46f.,  ISBN 978-2-35341-086-6