Schlag gegen Syrien – Ziel: Russland

«Schlimmer als die Feindschaft mit den Angelsachsen kann nur eines sein: die Freundschaft mit ihnen» (Alexej Jedrichin-Wandam)

Interview mit Prof. Andrej Iljitsch Fursow

Das folgende Gespräch mit Professor Andrej Fursow, Leiter des Zentrums für Russ­land-Forschung an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität und Mitglied der Internationalen Akademie der Wissenschaften (München), erschien am 9. August 2012 bei KP.ru. Es ist bei der gegebenen Ausgangsfragestellung unerwartet weit im Spektrum dessen, was darin behandelt wird. Ausgehend von der derzeitigen Situation in Syrien und dem «Arabischen Frühling» versucht der russische Historiker Prognosen und Betrachtungen über die weitere Entwicklung danach, vom Konkreten zum Globalen.
Letzte Vorbemerkung: der Begriff «Regime» ist im Russischen nicht zwangsläufig negativ konnotiert.

Warum hat es der Westen so eilig damit, die Nägel in den Sarg des Assad-Regimes zu schlagen?

Professor Andrej Fursow: Dieses nicht allzu grosse Land im Nahen Osten ist unerwartet zum schlimmsten neuralgischen Punkt des Planeten geworden. Ständig tagt die Uno dazu. Eine unnachgiebige Haltung nehmen dort Russland und China ein. Eine Flotte russischer Kriegsschiffe mit Marineinfanteristen hat Kurs aufs Mittelmeer genommen und läuft auch Syrien an. Die USA stellen den «Rebellen» weitere 15 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Riecht es hier etwa nach einem grossen Krieg?

Krieg ums Gas

Wodurch hat denn das kleine Syrien dem mächtigen Westen die Suppe versalzen?

Einfach durch alles. Gehen wir der Reihe nach – vom Kleinen zum Grossen, vom Regionalen zum Globalen. Bei den Konstellationen im Nahen Osten allgemein und im Kampf der Amerikaner und der sunnitischen Monarchien (Saudi-Arabien und Katar) gegen das schiitische Iran ist dieses Land nicht einfach nur ein Verbündeter Teherans, sondern Glied einer Kette, das dieses mit den schiitischen Gruppierungen in der arabischen Welt verbindet. Ohne ein solches Verbindungsglied würde der Einfluss Irans in der arabischen Welt wesentlich geringer sein. Ich will nicht einmal davon sprechen, dass eine Erdölpipeline aus Iran durch Syrien verläuft. Ohne die Lösung der syrischen Frage können die Angelsachsen, d.h. die Briten und die Amerikaner, sich nicht an Iran wagen.
Das syrische Regime ist faktisch das einzige starke, weltliche Regime in der arabischen Welt. Dass es stark ist, stört die Atlantisten mit ihren Plänen zum Umbau des Nahen Ostens und der gesamten Welt. Dass es ein weltliches und dabei wirtschaftlich erfolgreich ist, stört die Führung Saudi-Ara­biens und Katars.

Manche sagen, es sei der erste Krieg um Erdgas.

Im südlichen Mittelmeerraum sind Erdgasvorkommen festgestellt worden – sowohl auf Seegebiet, als auch an Land auf syrischem Territorium (Kara). Wie gross diese Vorkommen sind, ist schwer zu sagen, aber es gibt sie. Katar exportiert verflüssigtes Erdgas mit Hilfe einer Tankerflotte. Bricht das Assad-Regime zusammen, so bekommt Katar die Möglichkeit, den «blauen Brennstoff» direkt über das syrische Territorium an die Küste des Mittelmeers zu transportieren. Das würde sein Exportvolumen mindestens verdoppeln und gleichzeitig den Export aus Iran behindern. Das Erstarken Katars auf dem Markt für Erdgas schwächt die Position Russlands. Wenn es den Amerikanern gleichzeitig gelingt, Kontrolle über das algerische Erdgas zu gewinnen, so sieht das schon nach einer Blockade des Erdgasexports für Russland aus. Das heisst, die wirtschaftlichen Interessen Katars fallen mit den geopolitischen Interessen der USA zusammen und mit ihrem Bemühen, Russland maximal zu schwächen, denn Russland soll nicht wieder erstarken.

Die Angelsachsen sind globale Billardspieler. Sie arbeiten mit «gesteuertem Chaos»

Das bedeutet, dass die Yankees in Syrien eigentlich indirekt Russlands geliebtes Gazprom angreifen?

Die Angelsachsen sind globale Billardspieler, sie arbeiten nach dem Prinzip, mit einem Mal gleich mehrere Kugeln zu versenken (was man von ihnen lernen sollte). Der grosse Nahe Osten mit dem darin ablaufenden gesteuerten Chaos trennt China von den benötigten Quellen für Erdöl und Erdgas ab, gleichzeitig wird ein Bruch zwischen dem chinesischen und dem westeuropäischen Teil Eurasiens gelegt. Die Kontrolle über Öl und Gas aus dem Nahen Osten bedeutet in erster Linie die Kontrolle der USA über Europa, speziell Westeuropa, was der Schwächung Russlands und seiner Positionen durchaus zuträglich wäre. Und wenn Europa das eines Tages missfallen sollte, so kann man inzwischen auch dort ein paar arabisch-afrikanische Unruhen vom Zaun brechen – so, dass die satten Bürger wünschten, es wäre wieder vorbei.
Diese Logik (obwohl nicht nur diese allein) bestimmt den Drang der nordatlantischen Elite durch die arabische Welt nach Osten: Tunesien, Ägypten, Libyen. Nun sind sie bei Syrien angekommen. Allerdings sind die Atlantisten auf diesem syrischen Flecken Erde mit einer anderen globalen Macht aneinander geraten, die sich mit ihnen in wirtschaftlicher und sogar militärischer Hinsicht messen kann, aber eine vollkommen andere Zivilisation darstellt. Das ist China mit seinem Drang nach Westen. Chinas Drang ist eine Art Kreuzzug um Ressourcen. Pakistan befindet sich schon unter Chinas Einfluss. Mit den Taliban Afghanistans haben die Chinesen schon lange Beziehungen. Iran ist auch Verbündeter, wenn auch ein sehr spezieller. Der Süden des Iraks wird de facto bereits von den schiitischen Verbündeten Irans kontrolliert. Geostrategisch und auch geoökonomisch gesehen, dringt China hier nicht nur bis an die Küste des Indischen Ozeans, sondern, so gesehen, auch bis zum Atlantik vor (nämlich an die syrische Mittelmeerküste). Objektiv gesprochen sind die westlichen Kreuzritter in Syrien an die Chinesische Mauer gestossen.
Erstmals ist die englisch-amerikanisch-jüdische Elite, die sich innerhalb der letzten Jahrhunderte herangebildet hat und zu einer organisationellen historischen Errungenschaft des Westens geworden ist, hier auf einen globalen Gegner eines nicht westlichen Typs gestossen (denn auch die Führungsspitze der UdSSR war die Umsetzung eines linken Projekts des Westens, einer jakobinischen Moderne). Ausserdem steht dem europäischen Segment der westlichen Elite, woher diese ja auch die historische Erfahrung bezieht, das nicht minder alte, vielleicht sogar noch ältere chinesische Segment gegenüber. Ebensosehr auf das Materielle, den Handel und Geld orientiert. Dabei aber auch noch sehr abenteuerlustig, denn die Chinesen haben ja auch ihr eigenes globales, kriminelles System.

Ziel des Westens: China fallen zu sehen, von den Rohstoffquellen zu trennen und technologisch zu ersticken

Die chinesische Mafia ist wahrscheinlich noch etwas heftiger als die italienische …

Ja, und die chinesischen Goldreserven als bedrohliche Finanzwaffe wollen wir gar nicht erst erwähnen.
Peking versteht sehr wohl, dass Syrien lediglich ein Wegpunkt in der Hauptstossrichtung der Nordatlantiker ist – und Ziel ist es, China fallen zu sehen, es in die Schranken seiner eigenen Landesgrenzen zu verweisen, es von den Rohstoffquellen zu trennen und technologisch zu ersticken. Deswegen haben wir es mit einer solch harten Position Chinas zu Syrien in der Uno zu tun.

Was ist mit der Position Moskaus? Warum ist diese jetzt so anders als im Falle von Libyen?

Erstens haben wir heute einen anderen Präsidenten. Zweitens hat die Geschichte mit Gaddafi, wie ich meine, die russische Führung einiges gelehrt. Drittens unterhält Russland in Syrien einen Marinestützpunkt. Viertens hat die russische Rüstungsindustrie starkes Interesse an Syrien, und wirtschaftliche Interessen sind für die russische Führung eine heilige Sache. Fünftens ist Syrien Russlands Grenzen und dem postsowjetischen Raum viel näher als Libyen. Alles das bestimmt Moskaus ­Position, welche durch ihr atomares und diplomatisches Potential die chinesische ­Position stützt. Allein würden weder Russland noch China bestehen können.
Sicherlich können die Angelsachsen auf Russlands und Chinas Veto in der UN pfeifen, auf die Uno und das internationale Recht insgesamt, die sie ohnehin aufzuheben gedenken. Aber das sind bisher nur Absichten. Denn wie Stalin einmal sagte, die Logik der Umstände ist immer stärker als die Logik der Absichten. Diese Umstände sind Russ­land und China, die einen rasenden Zorn der Nordatlantiker bewirken – es genügt, sich ein paarmal Frau Clinton anzuhören und ihre Mimik zu betrachten.

USA heute in der Überspannung der Kräfte

Ungeachtet der unnachgiebigen Position Moskaus und Pekings zieht sich der Westen nicht zurück. Wieso nicht?

Erstens liegt es nicht in der historischen Tradition der Angelsachsen, ihre Beute fahren zu lassen, in die sie sich einmal wie ein Pitbull verbissen haben. Sie werden bis zum Anschlag Druck ausüben, bis sie ihr Vorhaben durchgesetzt haben oder bis der Gegner ihnen das Gebiss bricht. Zweitens sind die Angelsachsen im Verlauf der letzten 25–30 Jahre, nachdem sie die sowjetische Elite besiegt haben (es geht genau um die sowjetische Elite – sie hat kapituliert), einfach überheblich geworden. Sie haben sich daran gewöhnt, dass Russland alles aufgibt, und bauen darauf, auf die russische Elite Druck ausüben zu können, schon weil diese ihr Geld in westlichen Banken deponiert hat. Drittens, und das ist der Hauptgrund, welcher alle anderen überwiegt: Die Einsätze sind viel zu hoch, auf dem Spiel steht das Schicksal der nordatlantischen Eliten selbst, es geht durchaus nicht nur um die Kohlenwasserstoffvorräte oder den Nahen Osten. Der Westen hat keine andere Möglichkeit, als weiter vorwärts zu preschen. Die Sache ist folgende: Ungeachtet des enormen materiellen und Informationspotentials dieser gigantischen Maschinerie, die von höchst erfahrenen übernationalen Geokonstrukteuren und Geoingenieuren gesteuert wird, erleben die USA heute eine Überspannung der Kräfte. «Nihil dat fortuna mancipio» – das Schicksal gewährt nichts für ewig! Amerikas Zeit geht vorüber. Um den endgültigen Fall aufzuschieben oder gar zu vermeiden, braucht Amerika eine Verschnaufpause. Nicht von ungefähr geht es in der neuen Militärdoktrin, die Obama am 5. Januar 2012 verkündet hat, jetzt darum, dass die USA nicht mehr – wie bis dato – zu zwei parallel laufenden Kriegen gerüstet sein müssen, sondern nur noch zu einem plus zu indirekten Aktivitäten in mehreren Regionen. Zu berücksichtigen gilt es ferner, dass die Amerikaner bis zu 60% ihrer Militärmacht in den Stillen Ozean, den ostpazifischen Raum, umgruppieren und sich so auf Auseinandersetzungen mit China vorbereiten. Nicht von ungefähr bringt das Journal Foreign Affairs, eine Publikation des Council on Foreign Relations (CFO) – eine der einflussreichsten amerikanischen Strukturen in Fragen internationaler Beziehungen – neuerdings immer wieder Artikel, die direkt aussagen: Die USA brauchen eine Verschnaufpause, «um sich auf der Wiedererrichtung des Fundaments nationaler Blüte zu konzentrieren». Amerika erinnert heute an das Römische Reich zu Zeiten Kaiser Trajans (Anfang des 2. Jh. n. Chr.). Damals ist Rom von strategischen Angriffen zur strategischen Defensive übergegangen; Rom begann damit, den Limes zu bauen und einige eroberte Gebiete aufzugeben, in erster Linie im Nahen Osten.

Gesteuertes Chaos: Damit der Platz beim Abzug nicht von Konkurrenten besetzt werden kann

Das ist eine direkte Analogie. Die USA haben vor, Afghanistan zu verlassen, aus dem Irak sind sie abgezogen …

Die Ergebnisse des Nato-Gipfels in Chicago am 20. und 21. Mai 2012 haben gezeigt: Im direkten Sinne werden weder die USA noch die Nato den Nahen Osten oder Afghanistan wirklich verlassen. Nicht deshalb sind sie ja schliesslich dahin gegangen. Allerdings müssen sie dort im bisherigen Sinne «heraus», das Führungsmodell dort wird ein anderes. Und das ganz einfach, damit der Platz nicht von den Konkurrenten besetzt wird, nämlich von der EU und vor allen Dingen von China. Das ist der Sinn hinter diesem neuen Modell der Steuerung der Region: gesteuertes Chaos. Einen besseren Kandidaten dafür, dieses Modell zu implementieren und aufrechtzuerhalten, als die Islamisten, die «Kettenhunde der Globalisierung auf amerikanisch», kann man sich gar nicht vorstellen. Und nun sehen wir, wie im Nahen Osten – speziell im Schlüsselland Ägypten – als Ergebnis des sogenannten «arabischen Frühlings» gerade die Islamisten an die Macht kommen. Besser gesagt sind sie es, denen man den Weg freimacht. Allerdings haben die Angelsachsen auf diesem Weg zwei Länder als Stolpersteine angetroffen, zwei Länder, in denen die Islamisten entweder nicht stark oder nicht aktiv waren. Das sind Libyen und Syrien. Libyen ist bereits durch die barbarische Nato-Aggression vernichtet worden, Syrien wird heute belagert. Syriens Armee kämpft gegen den internationalen Terrorismus, der, wie es sich für ihn auch geziemt, von den Strippenziehern der englisch-amerikanischen Spitze gesteuert wird.

Das wahre Gesicht der «Freunde Syriens»

Mit Verlaub, Andrej Iljitsch! Die westlichen Medien berichten, dass das Volk gegen das Assad-Regime aufbegehrt hat. Die Aufständischen sind Syrer, welche aus der Armee desertiert sind.

Dafür sind es ja die westlichen Medien oder besser: Mittel für Massenpropaganda, Agitation und Desinformation. Sie erfüllen die rein militärische Aufgabe eines Informations- und psychohistorischen Kriegs. Die «syrischen Rebellen» haben moderne Präzisionswaffen, Panzerabwehrwaffen, Wärmesichtgeräte, beste Scharfschützengewehre und vieles andere, vor allen Dingen aus türkischer Produktion. Ist das nicht ein wenig fett für Deserteure und Flüchtlinge? Doch das wichtigste ist die Organisation der bewaffneten Auseinandersetzungen. Seit Ende Juni hat sich die Situation in Syrien grundlegend gewandelt. Assad hat es nun mit einer hochqualifizierten Stabs­kultur der Planer hinter den militärischen ­Diversionen [Ablenkungen] zu tun, zu der Deserteure vom Rang Hauptmann bis Major gar nicht in der Lage sind. Von der Zermürbung und Ermattung der syrischen Armee sind die «Aufständischen» zur Taktik massiver Angriffe übergegangen, hinter denen offenbar ein Kontingent von 25- bis 30 000 Mann steht. Die bewaffneten Kämpfer sind Abkömmlinge aus Libyen, Tunesien, Afghanistan und anderen islamischen Ländern. Sie nach Syrien zu werfen, löst übrigens für den Westen und die sunnitischen Monarchien ein wichtiges Problem. Denn dieser Brennstoff muss ja irgendwo und irgendwie beschäftigt werden. Arbeiten werden diese Jungs nicht, und ein verrückt gewordener Hund könnte auch seinen Herrn beissen.

Der internationale Terrorismus, gegen den die USA angeblich kämpfen, ist in Wahrheit ihre Waffe, von ihnen selbst geschaffen

Zusammen mit den professionellen Söldnern und den internationalen Terroristen kämpfen auch weiterhin Teile von syrischen kriminellen Clans gegen die Regierungstruppen; sie morden ihre eigenen Nachbarn und lasten die Verbrechen dann dem Assad-Regime an. Die Situation in Syrien hat eine Tatsache glasklar herausgestellt: Der internationale Terrorismus, gegen den die USA angeblich kämpfen, ist in Wahrheit ihre Waffe, von ihnen selbst geschaffen. In Libyen hat al-Kaida die von den Atlantisten gestellten Aufgaben erledigt. Nach Syrien werden die bewaffneten Kämpfer vom Islamisten Abd al-Hakim Balhadsch eingeschleust, der seinerzeit das Kommando über die libyschen «Aufständischen» hatte. Er ist der einflussreichste Militär in Tripoli, ist bereits lange Zeit mit al-Kaida verbandelt. Al-Kaida ist ein sehr bequemes Instrument für die amerikanischen und britischen Geheimdienste. Wenn es sein muss, kann man sie die eigenen Twin-Tower sprengen lassen, die Schuld der Organisation bin Ladins zuschieben. Und wenn es sein muss, kann man sich mit dieser Organisation in Ekstase vereinen und gegen Gaddafi oder Assad vorgehen. Jetzt ist al-Kaida wieder gut; wie unser Protopope Awwakum einst sagte, «gestern noch ein Hurensohn und heute schon ein Priester».
Sie sollen aufhören, uns Unsinn zu erzählen: Die Syrer kämpfen nicht gegen die Syrer, sondern gegen die angelsächsische Elite, die mit den Händen internationaler Terroristen Krieg führt. Deren Vorgehen in Syrien gleicht zum Beispiel den Todesschwadronen des John Negroponte in Guatemala. Die «Freunde Syriens» (die früheren «Freunde Jugoslawiens, Iraks, Libyens») sind in ihrer Perspektive auch die «Freunde Russlands», sind selbst die hauptsächliche internationale Terrormacht. Ich hoffe sehr, dass sie und ihre Handlanger (auch die aus Den Haag) letztlich «ihr Nürnberg» erwartet. Viele auch im Westen beschreiben die Ähnlichkeit zwischen dem Überfall auf den Irak durch Bush jr. mit Hitlers Überfall auf Polen, die Niederlande und Frankreich. Die Frage ist nur, wird Syrien die letzte Linie vor einem neuen, nun schon nicht mehr einem Welt-, sondern einem globalen Krieg werden? Früher oder später wird die Kriminalisierung der Politik der westlichen Führung nämlich genau dazu führen.

Die USA haben die jüngsten Terroranschläge in Damaskus, die den Tod einiger syrischer Regierungsmitglieder nach sich zogen, de facto gerechtfertigt.

Ja, unter den Ermordeten sind der Verteidigungsminister Daud Radschha, der Chef des militärischen Nachrichtendiensts Assef Schawkat, und der Leiter des Antikrisenkomitees, Hassan Turkmani – Assad sehr nahestehende Leute, seine Stütze. Eine solche Aktion stand zu erwarten; ich glaube nicht, dass sie ohne Mitarbeiter westlicher Geheimdienste möglich gewesen ist. Baschar al-Assad hält stand, man hat ihn in 15 Monaten nicht brechen können, deshalb steht der Kurs jetzt auf physische Vernichtung des syrischen Präsidenten und der ihm nahestehenden Personen. Die Rechnung lautet, dass nach dem Weggang Assads sein Regime zusammenbricht. Ob diese Rechnung so aufgeht, ist eine andere Frage. Hier ist etwas anderes wichtig: Die westliche Elite hat nach dem Mord an Gaddafi offen und unverhohlen den Weg der physischen Vernichtung solcher Führer eingeschlagen, die ihren Plänen entgegenstehen, das heisst: den Weg des Terrors. Und während man gegen Miloševic und Saddam Hussein noch Farce-artige Gerichtsprozesse veranstaltet hat, wurde Gaddafi auf völlig banditische, «konkrete» Weise einfach nur umgebracht, und dabei blieb das «Wow!» nicht einmal mehr im Halse stecken. Was war allein die Szene im vorigen Mai im Weissen Haus wert, als die Führung der USA sich offen vor den Fernsehschirmen sammelte, um der Tötung von «bin Ladin» zuzusehen. Wie vertiert und moralisch degeneriert muss man sein, um sich wie der mittelalterliche Pöbel Morde zu Gemüte zu führen und dazu mit der Zunge zu schnalzen! Die westliche Führung legt das Verhalten einer globalen Verbrecherorganisation an den Tag und verheimlicht dies nicht einmal. Das Prinzip ist: «Du bist schon allein deswegen schuld, weil ich Hunger habe.» So hat der vorige proamerikanische Präsident Frankreichs, Sarkozy, den syrischen Christen (etwa 10% der Bevölkerung Syriens) ja auch direkt gedroht, dass – sollten sie weiterhin Assad unterstützen – sie Opfer von Anschlägen würden. Und das passiert ja auch bereits. Man mordet dabei aber nicht nur Christen, sondern auch Drusen, Alawiten, Mitglieder der seit 1963 regierenden Baath-Partei. Doch das grosse Morden wird erst noch beginnen, wenn es dem Westen gelingt, das Assad-Regime zu stürzen. Was erst im Falle einer ausländischen Militär­intervention möglich wird.

Taktik der Zerrüttung und massiver Angriffe kombiniert

Denken Sie, dass der Westen so weit gehen wird?

Diese Frage stellt man besser der globalen Verbrecherorganisation, die ihre «Aktien» in Washington, New York, London und Brüssel hat. Wir können nur mögliche Varianten abwägen. Die einzige militärische Macht, auf die die Nato bisher zählt, ist die Türkei, die davon träumt, dass Syrien in vier bis sechs Teile zerlegt wird, über die Hälfte davon die Kontrolle erhält und damit dem zu ähneln anfängt, was wir als das Osmanische Reich kennen. Allerdings ist ein solcher Krieg für die Türkei unter Berücksichtigung der ­Positionen Russlands, Chinas, Irans plus der Kurdenfrage eine recht unsichere Sache, selbst bei militärtechnischer Unterstützung durch die Nato. Und Syrien selbst ist auch kein Schwächling. Man kann deswegen eher davon ausgehen, dass der derzeitige Krieg so weitergeht, indem der Westen sich darum bemühen wird, Syrien durch die Hände der Söldner zu zerdrücken, indem die Taktiken der Zerrüttung und massiver Angriffe kombiniert und gezielt die physische Vernichtung Assads versucht wird. Die USA und Grossbritannien haben viel zu viel in die Vernichtung des syrischen Regimes investiert und können nur in einem Fall zurück, wenn der Preis für einen Sieg zu hoch wird.

Haben sie denn tatsächlich so viel investiert?

Ja. Sowohl im finanziellen als auch im organisatorischen Sinn. Noch 2006 startete das Programm «Demokratie in Syrien», das Geldmittel für Projekte in der Gesamtsumme von 5 Millionen US-Dollar bereithielt. 2009 bekam der «Rat für Demokratie», der diese Geldmittel unter den «Demokratisatoren» in den Ländern verteilte, die von den USA geschwächt werden sollten, vom State Department 6,3 Millionen US-Dollar für das mit Syrien zusammenhängende Programm «Initiative zur Festigung der Zivilgesellschaft» (offenbar meinen die Angelsachsen, dass eine Zivilgesellschaft aufgebaut wird, wenn durch die Hände von Söldnern syrische Kinder und Frauen ermordet werden). Das «Syrian Business Forum» verwaltet zum Beispiel ein Budget von mindestens 300 Millionen Dollar. Die Hälfte dieser Mittel gilt der Finanzierung der «freien Syrischen Armee». Eine aktive Rolle bei der Finanzierung der Anti-Assad-Kräfte spielen Saudi-Arabien und Katar, die diesbezüglich ein Geheimabkommen unterzeichnet haben. Die Positionen der Saudis und des Premierministers von Katar, Scheich Hamad ben Dschassem Al Thani, sind deutliche Zeugnisse für die Allianz zwischen dem Westen und den Salafiten. Es war in Katar, wo gestellte Szenen von angeblichen Kämpfen in Tripoli und Damaskus gedreht wurden, als es diese Kämpfe noch gar nicht gab. Der Emir bezahlte den Sturm von Tripoli und entsandte eine arabische Mischpoke von 6 000 Mann dazu, welche Militäruniformen des Emirats Katar trugen. Übrigens war es auch Ben Dschassem, der die Handgreiflichkeiten gegen den russischen Botschafter Titorenko in Katar angeordnet hat.

Kampf um Eurasien

Manche westlichen Politiker tragen der russischen Führung an, Assad und seine Familie in Russland aufzunehmen. Nach dem Motto, das syrische Volk wird es Russland danken. Was droht Russland durch den Sturz des Assad-Regimes?

Syrien ist unser einziger Alliierter in der arabischen Welt. Mit dessen Fall verlieren wir endgültig alle unsere Positionen in der Region. Aber es geht nicht nur um die arabische Welt. Russland kann sehr leicht komplett in der historischen Versenkung verschwinden. Nach Syrien und Iran (denn dass die Atlantisten nach Syrien Iran überfallen, ist sehr wahrscheinlich – die Analytiker bringen sogar bereits den Namen der Militäroperation, welche durch einen amerikanisch-israelischen Schlag gegen die Hizbollah beginnen soll: «Das grosse Gewitter») kommen wahrscheinlich auch wir an die Reihe. Man kann also sagen: Man schlägt Syrien (und Iran), gezielt wird aber letztlich auf Russland. Die Vorbereitungen laufen bereits in allen Richtungen: die Lage im Nahen Osten, der «Raketenschild», die Nato-Ost-Erweiterung und so weiter.

Die Sache mit dem Raketenschild und der Nato-Ost-Erweiterung ist klar. Aber wie hängen Syrien und Iran konkret mit unserer Sicherheit zusammen?

Sie sind unseren Grenzen und unserem Einflussgebiet – Transkaukasien und Zentral­asien – sehr nahe. Wenn die derzeitigen Regimes in Damaskus und Teheran fallen, so wird sich die ganze Zone des von den Atlantisten «gesteuerten Chaos» von Mauretanien und dem Maghreb bis nach Kirgisien und Kaschmir erstrecken. Der Bogen der Instabilität wird sich wie ein Keil gegen das zentrale Eurasien vorschieben, von wo aus die Atlantisten Russland und China schon direkt bedrohen. Vor allem aber Russland.

Alles Wahnsinn der Macht – anstatt Rohstoffe zu kaufen

Warum Russland vor allen anderen Dingen?

Die zu erwartende Weltsystemkrise hebt die Bedeutung der Kontrolle über die Ressourcen ins Unermessliche. Die Bedeutung wird unter den Bedingungen der prognostizierten geoklimatischen und geophysischen Katastrophe noch potenziert. Ich rede jetzt nicht von der mythologischen «globalen Erwärmung». Sondern vom durchaus prosaischen Abklingen des Golfstroms, der Umstellung der Nahrungsketten in den Weltozeanen (das passiert einmal in 11½ bis 12½ Jahrtausenden) – das sind Umbrüche eines planetaren Ausmasses, die ungefähr zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzten und etwa im ersten Drittel des 22. Jahrhunderts abgeschlossen sein werden. Unter solchen Krisenbedingungen und nach einer solchen Krise ist die einzige stabile und Ressourcen-aufweisende Region in der Welt das nördliche Eurasien, also hauptsächlich das geographische Gebiet Russlands. Das macht unser Territorium zur wichtigsten geo­historischen Beute des 21. Jahrhunderts und der darauffolgenden Jahrhunderte. Die bekannten Russophoben Brzezinski, Albright und andere im Westen haben mehrfach ausgesagt, es sei ungerecht, dass Russland über ein solches Territorium und solche Ressourcen verfüge. Das solle der Weltgemeinschaft gehören – das heisst den atlantischen Eliten, die in Logen, Clubs, Kommissionen, Orden und ausserordentlichen Strukturen organisiert sind.
Allerdings ist es dazu nötig, die Kontrolle über das nördliche Eurasien zu gewinnen, ein Aufmarschgebiet – Zentralasien. Die Amerikaner sind auch bereits vor Ort, doch vom durch sie kontrollierten Nahen Osten sind sie eben noch durch Syrien und Iran von Zentralasien getrennt. Hier reisst die Zündschnur, die man in Nordafrika angesteckt hat, bisher noch ab und erlischt. Ohne die Vernichtung dieser beiden Länder können die Atlantisten den Kampf ums nördliche Eurasien nicht angehen. Sie betrachten Russland als Rohstoffquelle, China als Quelle für Arbeitskraft, das heisst, als etwas eigentlich Sekundäres. Und wenn sich dieses Sekundäre ihren Plänen entgegenstellt, macht sie das so ziemlich verrückt. Die Lösung der russischen und chinesischen Frage wird vom Westen gerade eben mit Hilfe des Islam, der Araber angegangen. Egal, ob das nun in Form des gesteuerten Chaos einer neuen arabischen Eroberung oder eines Krieges zwischen Kalifat und Ungläubigen passiert. Dabei werden die Angelsachsen sich getreu ihrer Tradition bemühen, grössere Staaten und Völker gegeneinander aufzuhetzen, diese zu schwächen oder gar zu vernichten (zweimal im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden Russland und Deutschland gegeneinander gehetzt), sich allerdings auch bemühen, den Islam auszuschalten. Das passiert durch dessen maximale Radikalisierung mit dem Wahhabismus, dem Entzug seiner inneren wirtschaftlichen und demographischen Kraft im Verlauf der eurasischen Kriege, wonach die islamische Welt später in eine Art neotraditionelles Ghetto verwandelt werden wird, das keine eigenen Ressourcen und Technologien besitzt. Die, welche in ihrer Kindheit «Dungeons & Dragons» gespielt haben, erinnern sich wahrscheinlich an die Variante einer «Welt der schwarzen Sonne». Die Globalisten werden versuchen, die islamische Welt in eine Menge kleiner Einheiten zu zerschlagen, mit denen private Militärfirmen oder Konzernsöldner leicht zu Rande kommen, die Reste von Ressourcen aus ihnen herauspressen und sie anschliessend auf der Müllhalde der Geschichte entsorgen. Der Westen wird nur über Punkte mit Ressourcenkonzentration Kontrolle ausüben (zum Beispiel, heute schon Realität, über die fast 1800 Kilometer lange Mittelmeerküste Libyens); das andere gibt man Stämmen, Clans und kriminellen Syndikaten zur freien Verfügung, von denen jeder sein Stück und Stückchen kontrollieren wird. Zu solchen «Stückchen» können auch Teile von Saudi-Arabien, Pakistan (Abtrennung von Belutschistan), Iran werden – ein islamisches Mosaik. Gleichzeitig braucht der Westen Aufseher in der Region, und diese Rolle kann durchaus zu Grosskurdistan passen. Ein einziger Staat, dem es gestattet sein wird, gross zu sein.

Weshalb?

Auf dem Gebiet Grosskurdistans, sollte dieses einmal geschaffen werden, werden sich die Quellen aller grösseren Flüsse der Region befinden. Das bedeutet, dass in der kommenden, an Wasser armen Epoche und folglich einer Epoche von Kriegen um das Wasser als Ressource, die wichtigsten Hebel des Einflusses auf die Region – wie zu Zeiten des ­Assyrischen Reiches – in den Händen des uralten Volks der Kurden sein werden. Kurdistan könnte zum wichtigsten Wachhund der Region werden und in dieser Rolle Israel ablösen.

Über Israel bitte etwas genauer!

Israels Perspektiven sind im sich wandelnden Nahen Osten ziemlich nebulös. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Westen Israel demontieren, weil Israel einfach nicht mehr notwendig sein wird, so wie es Arnold J. Toynbee noch 1957 vorausgesagt hat. Sicherlich erst nach der Evakuierung des «oberen Drittels» der Bevölkerung. Die Variante der Schaffung eines Grosskurdistans und der Demontage Israels ist nicht zu hundert Prozent, aber doch sehr wahrscheinlich. Freilich ist das keine Sache der kommenden paar Jahre.

Den Nattern nicht trauen

Was sollte Russland denn in der dramatischen Situation, die sich um Syrien aufbaut, unternehmen?

Das, was Russland bereits tut – nämlich Syrien bis zum Äussersten unterstützen, es nicht zulassen, dass man es zerdrückt. Wir haben bereits Einheiten der Kriegsmarine entsandt, kein grosses Kontingent, aber besser als gar nichts. Und wenn man schon Krieg führt, tut man das besser nicht durch Quantität, sondern durch Können. Weiter. Am 7. Juni gab es Raketentests zweier ballistischer Interkontinentalraketen: eines «Topol» (das haben wir bestätigt) und einer «Bulawa» (das haben wir nicht bestätigt, aber die Amerikaner bestehen zumindest darauf, dass es einen solchen Start gegeben hat). Das ist ein gewisses Zeichen. Denn Russland ist trotz aller Militärreformen immer noch eine Nuklearmacht, und wir sind es, nicht so sehr die Chinesen, die von den Amerikanern immer schon als Hauptfeind gesehen wurden, das tun sie immer noch und werden es auch weiter tun. Unsere Diplomaten tun ihre Arbeit. Es hat mir gefallen, wie Witali Tschurkin mit dem Botschafter Katars gesprochen hat, ich stelle mit einiger Genugtuung die Ohnmacht in der Bosheit der Madame Clinton und einiger niederer Offizieller des State Department fest, die sie gegen unsere Führung demonstrieren. Es ist zu begrüssen, dass die syrische Luftabwehr bereits 18 Einheiten unserer «Buk-M2»-Raketensysteme und 36 Einheiten unserer Luftabwehrraketen-Systeme vom Typ «Panzir S1» erhalten hat; dazu stehen Lieferungen von S-300-Systemen und Mi-25-Hubschraubern aus.
Ich rechne sehr mit dem Selbsterhaltungstrieb der russischen Führung und damit, dass sie aus den tragischen Schicksalen Miloševics, Saddam Husseins und Gaddafis die richtigen Schlüsse gezogen haben. Diese haben dem Westen einmal vertraut und das mit ihrem Leben bezahlt. Shakespeares Hamlet sagt von Rosenkranz und Güldenstern: «… die beiden, denen ich wie Nattern traue.» Man darf Nattern nicht trauen – sie beissen, und zwar tödlich, im banalen physischen Sinn dieses Wortes. Oder sie versuchen zu beissen und nutzen dafür innere Probleme; von denen hat Russland wahrlich mehr als genug. Ist es denn Zufall, dass die Zusammenrottungen der «Weissen Schleifen» Ende 2011/Anfang 2012 auf interessante Weise mit der Erklärung der russischen Führung zusammenfielen, hinsichtlich der syrischen Sache eine harte ­Position zu verfolgen? Sicher nicht. Und hier tritt das Problem der «fünften ­Kolonne» mit aller Schärfe zutage, die sich bei uns im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts herangebildet hat. Wir leben in einem Zeitalter des Krieges, welches mit der Nato-­Aggression gegen Jugoslawien begonnen hat und der inzwischen mit denselben Nato-Stiefeln gegen die Pforten Syriens tritt. In solchen Zeiten muss man gemäss der Leitlinien von Kriegszeiten handeln. Noch nie ist es jemandem gelungen, einen äusseren Feind zu besiegen oder ihm auch nur zu widerstehen, ohne gleichzeitig oder vorher die «fünfte Kolonne» unter Kontrolle gebracht zu haben; selbstverständlich legal, nur legal. Und schlussendlich bedarf es eines internationalen politischen und militärischen Bündnisses, das in der Lage wäre, den Aggressor zu bändigen und Sicherheit oder wenigstens eine Atempause von 8 bis 10 Jahren zu verschaffen. In dieser Zeit kann Russland es schaffen, sich aufzuraffen und sich auf den grossen Krieg des 21. Jahrhunderts vorzubereiten – auf die letzte grosse Jagd der Epoche des Kapitalismus, die leider höchstwahrscheinlich unvermeidbar ist. Sich darauf vorbereiten und dabei bestehen.
Nun und für den Moment gilt es, den ­potentiellen Gegner möglichst fernab zu halten und die Schwachen darin zu unterstützen, diesen Gegner in der Ferne zu schlagen – das ist nicht nur strategisch richtig, sondern auch moralisch.

Lehren und Prognosen

Was sind die Lehren aus Libyen und Syrien für Russland?

Zuallererst: Vertraue niemals, unter keinen Umständen, der westlichen Führung. Sie wird uns immer als Hauptfeind betrachten und zum Zeitpunkt unserer maximalen Schwäche, auf die sie selbst hinarbeitet, unerbittlich zuschlagen und versuchen, die «russische Frage» zu klären. Leonid Schebarschin sagte einmal: «Der Westen will von Russland nur eines: dass es Russland nicht mehr gibt.» Wie man die Schwachen beseitigt, haben wir am Beispiel Libyens erlebt. Wie man sich die Zähne an den stärkeren ausbeisst, sehen wir am Beispiel Syriens.
Das zweite: Die libysche und syrische Variante der Nato-Aggression demonstrieren, wie sich die Ereignisse bei uns im Falle von militärischen Handlungen entwickeln werden: Krieg wird durch Söldner geführt, vor allem durch Araber, aber auch durch private Militärfirmen. Nach syrischem Muster wird man versuchen, den Kaukasus und die Wolga­region zu destabilisieren: Man besetzt eine Stadt oder einen Teil davon, Massaker, Anrufung der «Weltöffentlichkeit», welche auf Sanktionen, Kontrolle, Stützpunkte drängen wird (einen solchen haben wir bereits im Hinterland, nämlich die Nato-Nachschub­basis in Uljanowsk).
Das dritte: Bei aller entscheidenden Rolle des äusseren Faktors spielt bei der Situation in Syrien der Zustand des «Objekts», auf das dieser Faktor gerichtet ist, eine äusserst bedeutsame Rolle: ein ineffizientes Regierungssystem, Korruption und so weiter, was alles in allem Angriffsfläche bietet. In dieser Hinsicht ist Russland auch sehr verwundbar: Wir haben eine genauso ineffiziente Führung, Korruption, eine kriminalisierte Wirtschaft, eine enge Verflechtung unserer Wirtschaftsgrössen mit der Weltwirtschaft, folglich also auch eine Schicht pro-westlicher Compradores, dabei ein niedriges professionelles und moralisches Niveau der Oberschicht, das Vorherrschen von Interessen einzelner Clans vor den Interessen des Landes. Vom Zerfall der Armee, der geistlichen und moralischen Krise ganz zu schweigen, ebenso von der «Abnutzung» des Humanpotentials eines bedeutenden Teils der Bevölkerung.

 

1) Vertraue niemals, unter keinen Umständen, der westlichen Führung
2) Krieg wird durch Söldner geführt, vor allem durch Araber, aber auch durch private Militärfirmen
3) Ineffizientes Regierungssystem, Korruption usw. bieten Angriffsfläche

 

Es ist sicher wahr, dass eine äussere Bedrohung die Bevölkerung zusammenschweissen und mobilisieren kann, denn so ist es mit den Russen bisher immer gewesen, ob 1612, 1812 oder 1941. Das weiss der Gegner aber nur zu gut. In diesem Sinne ist der kürzliche Artikel Henry Kissingers zur Situation in Syrien sehr interessant: Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, alles klar auszudrücken, gibt es hier eine Menge an nebulösen Erörterungen, einschliesslich der Erwähnung des Heiligen Römischen Reiches und wie man es letztlich zu Fall brachte. Doch wenn man die reine Logik dieses Texts verfolgt und exakt das formuliert, was einer der grössten «Hintermänner» dieser Welt angedeutet hat, bekommt man folgendes: Der «alte Henry» warnt den Westen davor, einen derartigen Druck auf Syrien auszuüben, der eine unnachgiebige Position Russlands zur Folge hätte und es zur Konfrontation mit dem Westen treibt. Denn das birgt die Gefahr, all das zu verlieren, was man sich in den letzten 20 Jahren an der Schwächung Russlands erarbeitet hat. Und diese Resultate sind wichtiger als Syrien.
Kissinger, der alte Hund, geht der Sache absolut auf den Grund!
Tatsächlich kann eine Konfrontation mit dem Westen die Situation in Russland grundlegend ändern, und zwar in allen sozialen Schichten, vor allem aber in der Oberschicht, die nicht nur verstehen, sondern am eigenen Leib spüren wird, dass die westliche Elite sie niemals in ihre Kreise aufnehmen wird, sondern dass sie ganz im Gegenteil früher oder später von ihr gefressen wird. Wenn das aber so ist, so ist ein wesentlicher Kurswechsel nötig, wenigstens um Reichtümer, Status und Leben zu bewahren. Die Beispiele solcher doch pro-westlicher arabischer Führer wie Ben Ali oder Mubarak demonstrieren doch den Wahrheitsgehalt der These des herausragenden russischen Geopolitikers Alexej Jedrichin-Wandam: «Schlimmer als die Feindschaft mit den Angelsachsen kann nur eines sein: die Freundschaft mit ihnen.» Der Westen, insbesondere die Angelsachsen, garantieren niemandem etwas, noch viel weniger jemandem, der sein Land und sein Volk verraten hat. Die Alten pflegten zu sagen: «Roma traditoribus non premia» (Rom bezahlt keine Verräter). Genauer gesagt, bezahlt es sie schon, aber nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Danach geht man getrennter Wege. Auch das ist eine Lektion aus dem Nahen Osten für Moskau.

Wann kann man, Ihrer Ansicht nach, merkliche Änderungen der Situation erwarten?

Ja, bin ich denn ein Prophet? Es ist schwierig, in der gegenwärtigen Welt, die sich an einem Scheidepunkt befindet, irgendwelche Prognosen zu machen. Wenn man allerdings vom Zustand der Wirtschaft der USA ausgeht, deren Remission (im medizinischen Sinn) entsprechend einiger Prognosen im Frühjahr 2013 vorbei sein wird, und wenn man weiterhin bedenkt, dass vor den US-Präsidentschaftswahlen wahrscheinlich keine schwerwiegenderen Aktionen zu erwarten sind, so kommt man auf einen Zeitraum von ungefähr Dezember 2012 bis Februar 2013.

Himmel, Sie nennen ja geradezu mystische Daten: das Ende der Welt nach dem Maya-Kalender, das Kommen des himmlischen Mörders Nibiru …

Das ist keine Mystik, sondern Manipulation des öffentlichen Bewusstseins, dessen Loslösen von den realen Problemen und das Verschrecken bis hin zu einem Zustand, in dem der Mensch selbst ruft: «Ich bin für eine Weltregierung, nur sie kann mich vor der Katastrophe bewahren, vor dem gigantischen Asteroiden, vor Aliens …!» Viel gefährlicher als Aliens sind nämlich solche «Jungs», die jenseits von Gut und Böse leben und mit der Erbarmungslosigkeit von Reptilien die Menschheit dahinraffen. Sie sind es, die gegen Syrien anstürmen, und genau diese gilt es jetzt am «Grenzpunkt Syrien» aufzuhalten. Wie hiess es doch bei Voltaire: «Die Natter zermalmen»!    •

Quelle: Jewgenij Tschernych, KP.ru,  15. August 2012

(Übersetzung: Roman Bannack http://apxwn.blogspot.com/2012/08/schlag-gegn-syrien-ziel-russland.html) Artikel: Nach Syrien: Eurasien

Diplomat: USA lassen Dreckarbeit in Kriegsgebieten von privaten Militärfirmen erledigen

Die USA setzen in Kriegsgebieten private Sicherheitsunternehmen ein, um der Verantwortung für die Verletzung des humanitären Völkerrechts zu entgehen. Das sagt zumindest Konstantin Dolgow, Menschenrechts- und Demokratiebeauftragter des russischen Aussenministeriums. 


In einem Kommentar, der auf der Webseite des Aussenamtes veröffentlicht wurde, äussert Dolgow darüber Erstauen, dass das US-Justizministerium die Ermittlungen gegen die Sicherheitsfirma Blackwater (heute Academi) eingestellt hat. Die Firma soll versucht haben, die Leitung des irakischen Innenministeriums mit einer Million Dollar zu bestechen, um eine Lizenz für die weitere Arbeit im Irak zu bekommen und der Verantwortung für die Erschiessung von 17 Zivilisten in Bagdad zu entgehen. 
«Trotz der skandalösen Erfahrungen mit Blackwater engagieren das amerikanische Verteidigungs- und das Aussenamt weiter Söldner, um unter anderem schmutzige Arbeit in Konfliktzonen zu erledigen», sagte Dolgow. «Durch ein solches Outsourcing der Staatsfunktionen an Privatfirmen entgeht die US-Regierung der Verantwortung für die Verletzung des humanitären Völkerrechts.»

Quelle: Ria Novosti, 28.8.2012

Moskau fordert internationale Untersuchung der Terroranschläge in Syrien

Ähnlichkeit zum Vorgehen in Jugoslawien: Handlungen, die ethnisch-konfessionelle Differenzen produzieren sollen

Moskau besteht auf einer Untersuchung der Terroranschläge in Syrien und schlägt vor, Vertreter der Uno und der Arabischen Liga zu dieser Aufgabe hinzuziehen, heisst es in einem am Mittwoch veröffentlichten Kommentar des PR-Amtes des russischen Aussenministeriums.
«Dieser Tage sind Fälle von blutiger Abrechnung mit syrischen Zivilbürgern in der Stadt Daraya bei Damaskus ans Licht gekommen, wo nach einem Befreiungseinsatz der Regierungstruppen mehr als 200 Tote, darunter Frauen und Kinder, entdeckt wurden», schreibt das Aussenministerium.
«Das war ein neues provokatorisches Verbrechen analog zu den Taten, die früher begangen worden waren und international grosses Aufsehen erregt hatten», wird unterstrichen.
Das Aussenamt verweist darauf, dass am Dienstag bei der Explosion einer Auto­bombe an einem Friedhof im Stadtbezirk Djaraman von Damaskus zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt wurden.
«Moskau verurteilt entschieden solche barbarischen Gewaltakte», schreibt das Aussenministerium. Es drückt den Angehörigen der Todesopfer sein tiefstes Beileid aus.
Moskau bezweifle nicht, dass «gewisse interessierte Kräfte ihre Versuche nicht aufgeben, die Spannungen in Syrien noch mehr anzuheizen und jegliche Schritte zur politischen Regelung zu vereiteln».  In diesem Zusammenhang würden die Handlungen, die die interkonfessionellen Differenzen verschärften, mit besonderer Besorgnis aufgenommen.
Das Aussenministerium erwähnt in diesem Zusammenhang den Mord an dem prominenten islamischen Geistlichen Hassan Barnaui und die Blockade der von Christen bewohnten Stadt Rabla an der Grenze zum Libanon. Diese Akte «nehmen sich vor dem Hintergrund der zahlreichen Aufrufe der Oppositions­politiker, eine humanitäre Katastrophe in Syrien zu verhindern, äusserst blasphemisch aus», wird unterstrichen.
Die Völkergemeinschaft «kann nicht den Versuchen, die Extremisten und Terroristen für eine weitere Destabilisierung in Syrien unternehmen, insbesondere den Repressionen gegen ethnisch-konfessionelle Minderheiten, etwa Christen, gelassen zusehen». «Wir treten für die unverzügliche Einstellung der Kampfhandlungen durch ausnahmslos alle Seiten und für das Einlenken des Konfliktes in eine politische Bahn auf der Grundlage der bestehenden Konsens­basis für die syrische Regelung – des Plans von Kofi Annan und der Genfer Vereinbarungen – ein. Es gibt keine Alternative dazu», unterstreicht das Aussenministerium.

Quelle: Ria Novosti, 29.8.2012

«Nowyje Iswestija»: Israel schätzt Krieg gegen Iran auf 40 Milliarden Dollar

Transnationale Unternehmen wollen weg aus Israel

Die israelische Gesellschaft Business Data Israel (BDI) hat die Verluste für die Staatskasse geschätzt, sollte sich die Staatsführung zu einer Attacke auf iranische Nuklearobjekte entschliessen, schreibt die Tageszeitung «Nowyje Iswestija» am Dienstag. Laut diesen Angaben würde der Schlag gegen den Iran mit international zugelassenen Waffen mehr als 40 Milliarden Dollar kosten. Die Militäroperation, von deren Unvermeidlichkeit die Presse immer häufiger schreibt, wird zum teuersten Einsatz der israelischen Armee seit 20 Jahren.

«Der direkte Schaden, der der Infrastruktur des Landes und dem Eigentum der israelischen Bürger im Falle eines Krieges gegen den Iran zugefügt wird, beträgt laut BDI 47 Milliarden Schekel (ein Euro = fünf Schekel). Dieser ist sechsmal so gross wie der Schaden, der durch den ­Libanon-Krieg 2006 entstanden ist», stellt die Zeitung fest. «Ausserdem muss berücksichtigt werden, dass ein Angriff auf den Iran unweigerlich einen Krieg gegen die proiranische Schiitenorganisation Hizbollah hervorruft, die den Süden des Libanons kontrolliert. Nicht ausgeschlossen sind auch Kampfhandlungen im Gaza-Streifen, wo die Macht den sunnitischen Radikalen aus der Organisation Hamas gehört. Ihre Beziehungen zu Teheran haben sich zwar infolge von Meinungsunterschieden zum Syrien-Problem verschlechtert, es ist aber nicht schwer, sich vorzustellen, auf wessen Seite die Hamas-Kämpfer im Falle eines israelisch-iranischen Krieges kämpfen würden.»
«Allein schon der Medienrummel über den bevorstehenden Krieg gegen den Iran schadet der israelischen Wirtschaft. Transnationale Unternehmen haben richtige Angst bekommen und verlegen auf alle Fälle ihre Produktionskapazitäten weg aus Israel», so das Blatt. «Unterdessen hat die Zahl der entlassenen Arbeitnehmer im Juli ihr dreijähriges Maximum erreicht. Ein Drittel der Entlassenen sind junge Leute im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Wie der Kanzlei­chef des israelischen Premiers, Ariel Locker, betonte, ist Israel kein Griechenland und kein Spanien – im Falle ernsthafter wirtschaftlicher Schwierigkeiten werde er allein damit fertig werden müssen.»

Quelle: Ria Novosti, 28.8.2012