Die EU, Bologna und das nächste tausendjährige Reich …

In der Schweiz ist der Weg für Korrekturen in Schule und Bildungswesen frei

ab. Man liest mit Beklommenheit, wie Bologna in die Schweiz kam. Nachzuzeichnen, welche Personen die einzelnen Schritte gemacht haben, wie Barbara Müller das in ihrem Buch «Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz» macht, ist das eine. Eine politisch-wirtschaftliche Aufarbeitung der ruinösen 90er Jahre mit dem amerikanischen Auftrag, Europa von Lissabon bis Wladiwostok zum Vasallen zu machen, wie Brzezinski es aufzeigt, wäre das andere. Das ergäbe die Grundlage, um den Anschluss-Eingriff in unser ganzes Schul- und Bildungswesen einzuordnen und in seinen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen zu gewichten.
Der Bologna-Erklärung voraus ging eine sogenannte «Sorbonne-Erklärung» vom 25. Mai 1998, die Ruth Dreifuss für die Schweiz locker unterschrieben hat. Dem Wirtschaftsprojekt EU sollte noch etwas Geist eingeflösst werden. Das liest sich in der Präambel so:
«Der europäische Prozess ist in jüngster Zeit um einige äusserst wichtige Schritte vorangetrieben worden. So wichtig diese sind, sollten sie einen nicht vergessen lassen, dass Europa nicht nur das Europa des Euro, der Banken und der Wirtschaft ist: Es muss auch ein Europa des Wissens sein. Wir müssen die intellektuellen, kulturellen, sozialen und technischen Dimensionen unseres Kontinents stärken und auf sie bauen. Diese sind in grossem Masse von seinen Universitäten geprägt worden, die weiterhin eine Schlüsselrolle für ihre Entwicklung spielen.»1
An der Bologna-Absichtserklärung wurde zwei Jahre später noch am Nachmittag vor der öffentlichen Unterzeichnung gearbeitet. Kein Schweizer Delegierter darf so etwas unterzeichnen: Er hat den Entwurf nach Hause zu bringen und ihn mit dem nötigen zeitlichen Spielraum unseren demokratischen Gremien zu unterbreiten. Wer Champagner-Empfängen und Glanz-und-Gloria-Aufführungen, wie die Bologna-Unterzeichnung eine war, nicht standhält, darf die Schweiz im Ausland nicht vertreten. Zwischenstaatlicher Verkehr hat seine Regeln und in unserer direkten Demokratie erst recht.
Wichtig ist: Es gibt in der Schweiz keine juristische Grundlage für den ganzen Pisa- und Bologna-Zauber. Es waren Absichtserklärungen, aber keine Staatsverträge. Die Schweiz ist also frei, die nötigen Korrekturen vorzunehmen. Zu Ehren der Schweizerischen Hochschulrektorenkonferenz muss man auch festhalten, dass sie dem Departement Dreifuss am 15. Juni 1999 geschrieben hatte, dass sie keine Unterzeichnung will.
«Wir möchten Sie deshalb ersuchen, in Bologna keine entsprechenden Verpflichtungen betreffend die Schweizer Universitäten einzugehen.»2 Der Sekretär von BR Dreifuss unterzeichnete trotzdem.
Inzwischen sieht die Grosswetterlage anders aus. Die Welt hat das 2008 mit dem Konkurs von Lehmann Brothers und dem Einbruch der Weltwirtschaft zur Kenntnis genommen. Europa im besonderen befindet sich in einer Krisenlage, die sich vor 5 Jahren noch keiner hätte vorstellen können. Ist das der grosse Erfolg der Brzezinski-Strategie? Für so etwas sollen unsere Kinder in der Schule Schundliteratur lesen und die Studenten (und übrigens alle Absolventen von höheren Ausbildungen) nur noch Häppchen-Lernen in Punkte verwandeln? Denkfähigkeit, Zusammenhänge und Überprüfung von Quellen und Daten soll nicht mehr nötig sein? Und das aber nur für die europäischen Vasallen-Staaten. Die kriegführenden Grossmächte bilden ihren Nachwuchs anders aus.
Deshalb darf man sich das nächste tausendjährige Reich in der Präambel der Bologna-Erklärung nicht entgehen lassen:
«Inzwischen ist ein Europa des Wissens weitgehend anerkannt als unerlässliche Voraussetzung für gesellschaftliche und menschliche Entwicklung sowie als unverzichtbare Komponente der Festigung und Bereicherung der europäischen Bürgerschaft; dieses Europa des Wissens kann seinen Bürgern die notwendigen Kompetenzen für die Herausforderungen des neuen Jahrtausends ebenso vermitteln wie ein Bewusstsein für gemeinsame Werte und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen sozialen und kulturellen Raum.
Die Bedeutung von Bildung und Bildungszusammenarbeit für die Entwicklung und Stärkung stabiler, friedlicher und demokratischer Gesellschaften ist allgemein als wichtigstes Ziel anerkannt, besonders auch im Hinblick auf die Situation in Südosteuropa.»3
Der «Entwicklung des europäischen Kontinents insgesamt» sollte es dienen. Zu diesem Zwecke hatte kurz davor die Nato in Kosovo und in Serbien ihre Uran-Ladungen «deponiert». Und das heutige Südeuropa von Griechenland bis Spanien denkt sich ohnehin seinen Teil dazu.
Der europäische Kulturraum ist aber älter als der Euro und Bologna.    •

1 Sorbonne Joint Declaration, Paris, Sorbonne, 25. Mai 1998, S. 269/270
(Übersetzung Zeit-Fragen)
2 Barbara Müller. Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz. Bern. 2012. S. 156
3 Bologna-Deklaration vom 19. Juni 1999, www.crus.ch

«[…] nicht vergessen, dass Europa nicht nur das Europa des Euro, der Banken und der Wirtschaft ist: Es muss auch ein ­Europa des Wissens sein».

Sorbonne Joint Declaration vom 25. Mai 1998

«Wir möchten Sie deshalb ersuchen, in Bologna keine entsprechenden Verpflichtungen betreffend die Schweizer Universitäten einzugehen.»

Schreiben der Schweizerischen Hochschulrektorenkonferenz vom 15. Juni 1999 an das Eidgenössische Departement des Innern

«[…] dieses Europa des Wissens kann seinen Bürgern die notwendigen Kompetenzen für die Herausforderungen des neuen Jahrtausends ebenso vermitteln wie ein Bewusstsein für gemeinsame Werte und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen sozialen und kulturellen Raum».

Bologna-Deklaration vom 19. Juni 1999