Die Wahrheit stirbt zuerst

Im Jahre 1964 meldeten die US-Medien, dass der US-Kreuzer Maddox von einem nord-vietnamesischen Schnellboot im Golf von Tonkin angegriffen worden sei. Obwohl der Kapitän der Maddox diese Meldung dementiert hatte, blieben die US-Regierung unter Johnson und die Medien bei ihrer Darstellung. Das war der (erfundene) Anlass für die USA, in den Vietnam-Krieg einzutreten. Heute wissen wir, dass das eine Lüge war, die am Ende über 2 Millionen Menschen das Leben kostete.
Der im deutschen Verteidigungsministerium erfundene Hufeisenplan der Serben gegen die Kosovaren oder die angeblichen Massaker von Rugovo oder Račak nahmen die Nato 1999 zum Anlass, Serbien völkerrechtswidrig anzugreifen und zu bombardieren. Heute kann der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagen, dass der Angriffskrieg gegen Serbien völkerrechtswidrig und ein Fehler war. Für die Menschen, die bei den Bombardierungen ums Leben gekommen sind, kommt diese Einsicht zu spät. Wie kann man mit dieser Schuld für Tausende von Opfern leben?
Auch beim Krieg gegen den Irak 2003 gab es das gleiche Muster. Der konstruierte Kriegsgrund war eine Lüge, Saddam Hussein hatte gar keine Massenvernichtungswaffen, auch wenn der damalige Aussenminister Colin ­Powell vor dem Uno-Sicherheitsrat das Gegenteil behauptete und mit angeblichen Beweisen winkte. Auch die Giftgaslügen in Syrien oder die angeblichen Massaker an der Zivilbevölkerung wurden, noch bevor irgend etwas aufgeklärt werden konnte, zur Mobilisierung gegen die Regierung Assad eingesetzt.
Und wie sieht es heute aktuell aus? Wer am Morgen des 18. Juli die Nachrichten hörte, erfuhr, dass ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines über der Ukraine abgestürzt und über einem von Rebellen kontrollierten Gebiet niedergegangen sei. Die Ursache für den Absturz war zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar. Im Grunde genommen sind wir heute, 10 Tage später, noch nicht viel weiter, denn eine genaue Untersuchung muss jetzt erst beginnen. Und das wird viel Zeit brauchen, wenn man wirklich die Wahrheit herausfinden will. Als im November 1990 eine Boeing 727 der Al­italia beim Anflug auf Zürich-Kloten am Stadler Berg zerschellte, trug man alle Einzelteile des Flugzeugs akribisch zusammen und versuchte, den Absturz zu rekonstruieren. Das hat Monate gedauert und vorher gab es keine offizielle Aussage über die Ursache des Absturzes, aber wie üblich viel Spekulation.
Ganz anders im Fall der Malaysia Airlines. Nach wenigen Tagen wollten der US-Geheimdienst und unsere Medien die Schuldigen für das Desaster gefunden haben.
So schnell will man «gesicherte» Informationen haben? Wird das nicht wieder auf einen Krieg hinauslaufen? Die Mehrheit der Menschen will keine weiteren Kriege und wird sich kaum dafür einspannen lassen, sondern auf eine angemessene und friedliche Lösung eines Konflikts drängen. Letztlich sind es die eigenen Töchter und Söhne, die für die Interessen einiger Mächtiger geopfert werden sollen. Wenn wir Menschen mit Besonnenheit ans Werk gehen, mit dem ehrlichen Bestreben, die Probleme friedlich lösen zu wollen, können wir all die Opfer verhindern. Krieg war weder 1914 noch 1939, noch 1964, noch 1991, noch 1999, noch 2003 unvermeidlich, auch wenn uns die Medien etwas anderes glauben machen wollen. Aber es kommt auf uns an. Sogar für den Geostrategen Zbigniew Brzezinski, mit Sicherheit keine Taube, ist klar, «wenn das Crescendo der Völker zu gross wird, kann man keinen Krieg mehr führen».

Thomas Kaiser