Und trotzdem kommt es auf jeden einzelnen an
von Karl Müller, Deutschland
Joshua Key ist ein Deserteur aus der US-amerikanischen Armee. Er konnte Hilfe finden und mit seiner Familie, seiner Frau und vier Kindern nach Kanada fliehen. Dort hofft er auf politisches Asyl. Joshua Key kommt nicht aus der amerikanischen Friedensbewegung, ist kein politisch aktiver Mensch im traditionellen Sinne. Er wuchs in ärmlichen, schwierigen Verhältnissen auf. Aber von seinem Grossvater bekam er die Wurzeln für ein Gefühl für Recht und Unrecht mit, so dass das eigene Gewissen ? trotz aller eingestandenen eigenen Verrohung ? nicht ganz verstummen konnte. Joshua Key war von April bis November 2003 Soldat, Gefreiter der US-Armee im Irak. Über seinen Weg dorthin, seine Zeit im Irak und seine Entscheidung zu desertieren hat er ein Buch geschrieben, das dieses Jahr auch in deutscher Sprache erschienen ist: «Ich bin ein Deserteur. Mein Leben als Soldat im Irak-Krieg und meine Flucht aus der Armee».
«Ich glaube nicht, dass die Kommandeure, die uns Soldaten mehrere tausend zivile Häuser durchsuchen liessen, wirklich daran glaubten, dass wir dort Terroristen aufgreifen oder Massenvernichtungswaffen finden würden. Meiner Ansicht nach wollten sie das irakische Volk bestrafen und einschüchtern. In den Augen unserer Armee waren die Iraker keine Menschen, sondern Terroristen, Selbstmordattentäter, Sandnigger und Lumpenköpfe. Wir mussten sie geringer achten als Menschen, um überhaupt zu unseren Taten fähig zu sein. In der Militärausbildung brachte man uns bei, die Iraker als minderwertig zu betrachten, und diese Haltung überquerte mit uns die Meere, als wir in den Kampfeinsatz flogen.» Joshua Key. Ich bin ein Deserteur. Seite 233
Die Schilderungen des Soldaten Key gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Es sind sehr konkrete Schilderungen, kaum Abstraktionen, die so fragwürdig sind, wenn sie das Grauen vernebeln. Joshua Key schildert, wie ihm schon in der Rekrutenausbildung jede Regung von Mitmenschlichkeit ausgetrieben und er gedrillt wurde, bedingungslos zu gehorchen und menschenverachtend zu handeln. Im Irak hatte sein Stosstrupp, so wie viele weitere Stosstrupps, den Befehl, Nacht für Nacht irakische Häuser zu stürmen, die Türen der Häuser zu sprengen oder sogar mit einem Panzer ins Haus zu brechen, die Bewohner des Hauses, fast immer Familien mit Frauen und Kindern, aus der Nachtruhe zu reissen, die Menschen zu schlagen, zu treten und zu demütigen, im Haus selbst alles kurz und klein zu schlagen und schliesslich alle männlichen Familienmitglieder, die grösser als 1,50 Meter waren, aus dem Haus zu schleppen. Dort wurden sie abtransportiert in die zahllosen Kerker und Folterstätten. Immer hiess es vorher, es gehe darum, Terroristen zu jagen. Einen wirklichen Widerstandskämpfer aber hat Joshua Key nie zu Gesicht bekommen. Schon in der Ausbildung in den USA hatte man ihm und den anderen Rekruten eingetrichtert, alle Iraker seien Terroristen, selbst die Kinder, kleine Mädchen und Jungen. Ganz im Widerspruch zur offiziellen Propaganda, wonach die Amerikaner kommen wollten, um die Iraker zu befreien und ihnen die Demokratie zu bringen. Die Erniedrigung des gesamten irakischen Volkes war von vornherein geplant. Den US-Soldaten wurde eingehämmert, alle Iraker seien minderwertige Kreaturen, keine Menschen. Joshua Key schildert, dass die US-Soldaten wie Barbaren über ein zivilisiertes Volk hergefallen sind. Auf die Zivilbevölkerung, auf die Genfer Konventionen wird keinerlei Rücksicht genommen. US-Soldaten wüten wie Berserker, zerstören, schänden und töten, wie es ihnen gerade passt. Key schildert, wie US-Soldaten mit den Köpfen der kurz zuvor von ihnen ermordeten Iraker Fussball spielen. Er schildert, wie ein Iraker, der nichts anderes tat, als zum Protest sein Bein zu heben, niedergeschossen wird. Schildert, wie zwei geistig Behinderte von US-Soldaten misshandelt werden. Schildert, wie ein siebenjähriges Mädchen, das immer wieder zu ihm kam und um Essen für seine Familie bettelte, nach ein paar Tagen drei Meter von ihm entfernt von Schüssen im Kopf getroffen wird ? aus einer US-Waffe. Zur Rechenschaft gezogen wird kaum einer. Der Terror hat Methode. Wer auch nur den kleinsten Protest äussert, wird bestraft und schikaniert. Joshua Key hat sich dafür entschieden, zu desertieren und ins Ausland zu flüchten. Während er in Kanada auf sein politisches Asyl wartet, werden neue Kriegspläne geschmiedet.
«Die jungen Leute sollen wissen, dass sie die Gewissensqual nicht auf sich nehmen müssen, einen unmoralischen Krieg zu führen. Es ist nicht wahr, dass der Soldat zuallererst dem Militär verpflichtet ist. Unsere Verpflichtung gilt der moralischen Wahrheit, die tief in unserer Seele geborgen ist. Jeder Mensch weiss, was Recht und was Unrecht ist. Und wir haben die Pflicht, dem gerecht zu werden, egal, was uns unsere Anführer bisweilen sagen.» Joshua Key. Ich bin ein Deserteur. Seite 249
Für 60 Milliarden Dollar will die US-Regierung schwere Kriegswaffen in den Nahen Osten an «befreundete» Regierungen liefern. Die Länder sollen gegen Iran aufgerüstet werden. Die US-Regierung will den Nordwesten Pakistans nun selbst angreifen, weil sich dort al-Kaida- und Taliban-Lager befinden sollen. Rückzugsgebiete, die, man höre und staune, mit tatkräftiger Unterstützung der US-Regierung Ende 2001 und Anfang 2002 errichtet wurden (vgl. Michel Chossudovsky: Rumsfeld helped Al Queda establish a stronghold in Northwestern Pakistan ? «Rumsfeld half al-Kaida im Nordwesten Pakistans einen Stützpunkt zu errichten» ?, www.globalresearch.ca vom 26. Juli). Einflussreiche US-Politiker und Militärs verschärfen die Tonart gegenüber Russland. Vier ehemalige russische Generäle äussern in einem Interview mit der russischen Zeitung «Komsomolskaja Prawda», dass sich die USA auf einen Krieg mit Russland innerhalb der nächsten zehn Jahre vorbereiten ? weil die russischen Energiereserven allzu grosse Begehrlichkeiten wecken. Mittlerweile ist die US-amerikanische Immobilienkrise auch nach Europa übergeschwappt. Ein Kommentator einer deutschen Tageszeitung («Frankfurter Rundschau» vom 2. August) schreibt dazu: «Der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas, besagt ein berühmtes Beispiel aus der Chaos-Theorie, vermag einen Wirbelsturm in Florida auszulösen. Ähnliche Effekte sind an den Finanzmärkten zu beobachten. Weil einige Hausbesitzer im mittleren Westen der USA ihre Hypothekarzinsen nicht zahlen können, gerät ein Düsseldorfer Geldhaus in existenzbedrohende Schwierigkeiten. Derartige Wirkungsketten entstanden im Zuge der Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte. Geld und Kapital können seitdem weitgehend frei um den Erdball flottieren. Wenn es irgendwo wackelt, kann das gesamte Gespinst in übermässige Schwingung geraten. Die Entwicklung ist besorgniserregend. Im Glauben, sie leichter tragen zu können, nehmen die Wirtschaftsakteure weltweit immer grössere Risiken in Kauf. Damit wächst die Gefahr einer Katastrophe.» Die französische Professorin für Zeitgeschichte, Annie Lacroix-Riz, hat in einem ausführlichen Beitrag für den 2002 erschienene Sammelband «Europäische Integration. Deutsche Hegemonialpolitik gegenüber Westeuropa 1920?1960» (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 18, ISBN 3-89244-607-5) dargelegt, wie mächtige wirtschaftliche Interessengruppen aus der Chemie- und Schwerindustrie in Frankreich und Deutschland ihren Einfluss auf die Politik der beiden Länder geltend machten, um diese «in die von den Vereinigten Staaten gewünschte Richtung zu lenken» ? sprich: die «freie Entwicklung des Kapitals». Diese Interessengruppen schwächten in den 20er Jahren Frankreichs politische Position gegenüber Deutschland, liessen Deutschland wieder zu einer hochgerüsteten Grossmacht werden und förderten dessen Kriegspläne, weil sie sich so in den 20er Jahren, während des Krieges und schliesslich auch wieder nach dem Krieg leichtere Kartellbildungen und damit höhere Profite erhofften. Eine Einflussnahme mit wenig Brüchen. So entstand auch, schreibt die französische Zeitgeschichtlerin, der durch die Niederlage im Krieg ungebremste Plan einer als Schritt zur europäischen Integration verkauften Wirtschaftsgemeinschaft, der «Plan eines von Deutschland dominierten Europas» ? ganz im Sinne des US-Kapitals. Hängen das Leben und die Erlebnisse des Joshua Key mit der «freien Entwicklung des Kapitals» zusammen? Wer und was bestimmt die Politik unserer Staaten? Was sind die wirklichen Ziele dieser Politik? Was erwartet uns, solange die Völker nicht selbst über die Politik ihrer Staaten bestimmen können? Ist die «Demokratie», so wie sie uns mittlerweile verkauft werden soll, nur eine Mogelpackung für die permanente Bereitschaft zu Krieg, Diktatur und Faschismus? Ist der verheerende Rassismus das Gift des «Teile und herrsche!»? Sollen Krisen der Profiterzielung immer wieder mit brutaler Gewalt «gelöst» werden? Joshua Key hat eine persönliche Antwort auf den Zustand unserer Welt gegeben. Vielleicht nicht die schlechteste. Er will nicht weiter «funktionieren» als Rädchen im Gewaltgetriebe, und er hat uns aufgeklärt. Jeder muss seine eigene Antwort auf den Zustand unserer Welt finden. Was sehe ich? Welche Zusammenhänge erkenne oder vermute ich? Was will ich? Was will ich dafür tun? Viele ganz persönliche mitmenschliche Antworten können der notwendige Sand im Getriebe der Macht- und Kriegsmaschine sein. ?
«Die Aussichten auf Frieden in der Welt sind nicht allzugut, doch ich glaube, dass jeder einzelne Bürger etwas bewirken kann.» Joshua Key. Ich bin ein Deserteur. Seite 246
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