Die Bilder sagen uns: «Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden!»

Zur Kunstausstellung «Der Himmel brennt am Horizont – Kunst in der Ostschweiz im Banne des 2. Weltkrieges» im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Die wunderschöne ehemalige Klosteranlage der Kartäuser aus dem 15. Jahrhundert ist in die idyllische Thurlandschaft eingebettet. Die Gebäude, der grosse Garten und die Barockkirche wurden ab 1977 vom Kanton Thurgau durch eine Stiftung vorbildlich, unter dem Motto «erhalten und beleben», restauriert, umgenutzt und zu einem kulturellen Zentrum ausgebaut. Die Anlage ist bis heute der Stolz des Kantons. Sie beherbergt neben dem Museum, Gästehäusern und Seminarräumen einen grossen Landwirtschaftsbetrieb mit Verkaufsladen, eine Buchbinderei und ein Restaurant in der alten Mühle. «Das Betriebskonzept orientiert sich an klösterlichen Werten, Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung.» In den Bereichen Weinbau, Käserei, Land- und Forstwirtschaft und Gärtnerei sind über sechzig betreute Mitarbeiter tätig.

Kunst, Ethik, menschliche Anteilnahme und humanitäre Hilfeleistung

Die gegenwärtige Ausstellung in den einzigartigen, stimmungsvollen und intimen Museumsräumen im Kunstmuseum hat ihren Titel einem Landschaftsbild von Adolf Dietrich entlehnt. Der Künstler hat die intensiven Abendstimmungen am Untersee, wo er wirkte, in zahlreichen Bildern festgehalten. Das Werk von 1939 bildet den Beginn der Ausstellung. Eine Vision, kurz vor dem Kriegsausbruch. Es zeigt einen fast schwarzen Himmel, nur am Horizont einen feuerroten Himmel, der in Flammen zu stehen scheint. Damit wird die düstere, harte und angespannte Situation der Bevölkerung in der Ostschweiz während des 2. Weltkrieges gut verdeutlicht. Es ist verdienstvoll, dass das Kunstmuseum Thurgau die Ausstellung zum grossen Teil aus den eigenen, grossen Beständen gestaltet hat. Viele Bilder wurden kaum gezeigt. Dadurch werden auch grossartige Werke vergessener und unterschätzter Künstler gewürdigt. Es sind mehrheitlich Maler des Realismus, die sich in verschiedenen Techniken «mit der schrecklichen Wirklichkeit des nahen Krieges» auf ihre je eigene Weise auseinandersetzten. Ein Anliegen, das mehr als aktuell ist! In den einzelnen Räumen werden eindrückliche Werke und Künstler thematisch vorgestellt, Vitrinen mit Dokumenten und erläuternde Texttafel zeigen biografische und historische Bezüge auf. Der Museumsdirektor Markus Landert schreibt dazu: «Kriegszeiten treffen Künstler hart. Wer denkt schon an Kunst, wenn das Leben existenziell bedroht ist? Auch wenn die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges verschont blieb, war die Situation für die Bevölkerung nicht einfach. Nahrungsmittelknappheit, Flüchtlingsströme, aber auch die unsichere Nachrichtenlage bestimmten den Alltag im Land.»
Es sind Bilder von bekannten Künstlern, wie Frans Masereel mit einer umfangreichen und eindrücklichen Linolschnittfolge zum Kriegswahnsinn zu sehen. Ebenso zahlreiche hervorragende Werke von Ostschweizer Malerinnen und Künstlern wie Carl Walter Liner, Ernst Graf oder Carl Roesch. Berührende Fotografien von Hans Baumgartner zum Kriegs­alltag und von Theo Frey mit seinen berühmten Aufnahmen zum «Rütlirapport» mit General Guisan und den Flüchtlingsströmen durch die Schweiz. Die Schweizer Bevölkerung und das Rote Kreuz haben vorbildliche humanitäre Hilfe geleistet. Sie halfen den deutschen, kriegsgeplagten Kindern und Familien über den See. Auch die Arbeiten des zeitkritischen Appenzeller Zeichners Carl Böckli, als «Bö» bekannt, für das im Widerstand stehende Magazin «Nebelspalter» sind zu sehen. Die monumentale 92-teilige Arbeit von Jakob Greuter ist eine Entdeckung. Ein einfacher, intelligenter und anteilnehmender Arbeiter, ein «Kübelleerer» bei der St. Galler Kehrichtabfuhr, hat als Autodidakt mit Herzblut anhand von Zeitschriften, Fotos, Zeichnungen und Texten die ganze Kriegssituation eigenständig erarbeitet und künstlerisch gestaltet. Auch die Künstlerin Hedwig Scherrer, die mit ihren plakativen Bildern und Texten die «Mordindustrie» (1934/35) angeprangert hat, ist kaum an Ausstellungen vertreten.
Die Ausstellung ist bis 30. August 2015 zu sehen. Das ganze Museum und die Klosteranlage ist sehr sehenswert und in jeder Beziehung ein lohnenswerter Ausflug. Im Kellergeschoss des Museums ist eine ausgezeichnete Konzeptkunst-Arbeit des Amerikaners Joseph Kosuth begehbar. Er hat eine Seite des damaligen handgeschriebenen Bücherverzeichnisses der Klosterbibliothek, die in der Reformation zerstört wurde, vergrössert und in den Steinboden graviert.    •

Auskunft: Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen, CH 8532 Warth
Geöffnet: Mo-Fr 14–17 Uhr,
Sa und So 11–17 Uhr
Tel. (0)58 345 10 60
E-Mail: sekretariat.kunstmuseum(at)tg.ch 
Homepage: www.kunstmuseum.ch