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Deutsche Panzer wieder 150 Kilometer vor Leningrad?

Berlin ist die Hauptstadt für den orwellschen «Neusprech»

von Willy Wimmer

Berlin scheint sich zur Welthauptstadt für kriminelle Geschichtsvergessenheit zu entwickeln. Ohne Empfinden für die im deutschen Volk vorhandene Nachdenklichkeit und ohne Rücksicht auf unsere Nachbarn im Osten reisst man wieder die Klappe auf, wie Äusserungen hoher deutscher Offiziere im Nato-Auftrag auf den altbekannten Schlachtfeldern des östlichen Europa deutlich machen. Aber es geht weit darüber hinaus. Während hier die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht steht und aus Gründen der schrecklichen Vergangenheit mit einem Verbot rechnen muss, werden mit breitgefächerter deutscher Regierungsunterstützung diese Kräfte der Vergangenheit in der Korruptions-Ukraine an die Grenze zum russischen Nachbarn befohlen. Nachdem schon im Frühjahr 2014 amerikanische Söldnertruppen die Ost-Ukraine aufgemischt haben, um einen Bürgerkrieg zu entfachen, liess man seitens des Westen und der ukrainischen Führung die Bataillone aus der West-Ukraine von der Leine, die nicht nur in Russland an die schlimmsten Zeiten erinnern mussten. Nachdem schon israelische Spezialisten in Kiew auftauchten, war es unglaublich, wer alles mit diesen Gespenstern der Vergangenheit seinen örtlichen Frieden gemacht hatte.

Warum wieder deutsche Panzer vor Leningrad?

Bei uns im Lande scheint es eine klare Linie zu geben. Der Schrecken der Vergangenheit ist nur in dem Masse relevant, wie er vor den eigenen Karren gespannt werden kann. Ziemlich opportunistisch und gewiss karrierefördernd, wenn man auf die Nuancen achtet. Warum soll da auf die berechtigten Empfindungen anderer geachtet werden? Erst recht, wenn es sich dabei um Menschen unseres grössten Nachbarvolkes, die Russen, handelt. Die neuen Beschlüsse der Nato oder das, was in der Vorbereitung zu sein scheint, ist doch eine klare Botschaft, die bewusst mit den schrecklichen Bildern der Vergangenheit spielt: Unsere Panzer stehen wieder 150 Kilometer vor Leningrad und damit vor dem heutigen St. Petersburg. Seit Jahren hat sich St. Petersburg herausgeputzt, ist eine strahlende Metropole geworden und der Sehnsuchtsort für Kreuzfahrttouristen und andere Reisende. Die Stadt wird dem gerecht, ist voller Leben und denkt europäisch, weil man dazugehört und dazu gehören will. Seit Jahren wird die Russische Föderation vom Westen aus mit intensiver Hetze überzogen. Damit kann man schon nicht leben. Aber welches Signal gibt der Westen dieser Stadt, die im Zweiten Weltkrieg wie kaum eine andere Stadt mit dem Leid gleichgesetzt werden musste, wenn man an ihrer Stadtgrenze Nato-Panzer auffahren lässt? Soll man sich in Russ­land so in uns und anderen getäuscht haben, als gemeinsam mit uns das Ende des Kalten Krieges eingeläutet wurde, die Spaltung Europas beendet werden konnte und sich die Menschen in Neuss und Halle wieder in den Armen liegen konnten?
Die Begründungen für den Nato-Truppenaufmarsch sind an den Haaren herbeigezogen und dienen nur dem amerikanischen Vormacht-Denken. Dafür werden bedenkenlos unsere deutschen Soldatinnen und Soldaten geopfert.
Berlin ist auch die Hauptstadt für den orwellschen «Neusprech». Jeder, der das Ende des Kalten Krieges erleben konnte, weiss doch um die Mechanismen, die das Ende dieses dramatischen Konfliktes herbeizuführen in der Lage gewesen sind. Es waren Verhandlungen und das Nutzen entsprechender Verhandlungsstrukturen. Es war in den Folgejahren doch nicht die Russische Föderation, die dieses ganze «Friedensgerüst» abgerissen und zu Schanden geritten hat. Die USA haben offensichtlich gesehen, dass für ihre Interessen nichts schädlicher auf dem euro-asiatischen Kontinent ist als eine gedeihliche Zusammenarbeit der Nationen auf diesem Territorium. Mit dem Krieg gegen Belgrad haben die USA den Krieg wieder nach Europa zurückgeholt und lassen ihn vermutlich mit den jüngsten Entscheidungen in eine globale Dimension wachsen. Es ist offenkundig, dass in der Russischen Föderation dagegen die Gedanken an den «Grossen vaterländischen Krieg» mobilisiert werden. Gerade die Gedanken daran machen deutlich, in welche verhängnisvolle Dimension wir mit dem aktiven Handeln unserer eigenen Regierung einsteigen. Warum soll man da nicht die Bilder dieses Krieges für eigenes Handeln heranziehen? Gerade das macht die Perversion westlichen Vorgehens deutlich. Man muss noch nicht einmal die Geschichtsbilder von George Friedman aus seiner Stratfor-Zeit heranziehen, aber jetzt stehen an der russischen Grenze jene Streitkräfte, die eine – aus russischer Sicht – überaus verhängnisvolle Kombination ehemaliger Alliierter und Kriegsgegner darstellen.

Der Obama-Kriegsrat in Hannover wird in die Geschichte eingehen

Mit dem Bild einer Messe – und gerade der in Hannover – verbindet sich seit alters her die Vorstellung von friedlicher Zusammenarbeit. Auch da hat man die Russen über den Tisch gezogen. Die Zusammenarbeit in der WTO soll durch verstärkte Kooperation und Verschränkung von Volkswirtschaften dem Geschäft, aber auch dem Frieden dienen. Alles florierte prächtig, selbst der Düsseldorfer Rüstungskonzern «Rheinmetall» konnte für die russischen Streitkräfte tätig sein. Als alle sich auf eine perspektivische Zusammenarbeit selbst in sensibelsten Bereichen einstellten, wurde die Schlinge in Form von Sanktionen um den Hals zugezogen, um den grösstmöglichen Schaden herbeizuführen. Alle Welt fasst sich an den Kopf, aber ist ohnmächtig, wenn die Washingtoner Kriegstreiber pfeifen. Hier soll demnächst hinter jeder Moschee ein Schlapphut stehen, aber niemand wagt zu fragen, warum wir eigentlich in voller staatlicher Auflösung begriffen sind? Demnächst wird man sich auch nicht mehr fragen müssen, warum alles tödlich schiefgegangen ist, wenn die täglichen Provokationen nicht aufhören. Die USA spielen unverdrossen die aus der Zeit des Kalten Krieges bekannten Spiele, die darauf gerichtet sind, den Gegner – hier Russland – zu der einen falschen Reaktion zu verleiten, die das grosse Losschlagen rechtfertigen würde. Seit Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Hafen von Havanna weiss man, wie damit zu verfahren ist. Dafür gibt die deutsche Bundesregierung jetzt die Hände, und das in der Gewissheit, dass wir als Nation dieses perverse Vorgehen nicht überleben werden. Und unsere angeblichen Verbündeten in Osteu­ropa? Endlich können sie mit unserem ökonomischen und dem amerikanischen militärischen Potential die Backen aufblasen, um es «den Russen» zu zeigen. Wie verkommen muss man in Berlin sein, dieses Verhalten auch noch zu goutieren? Nach der Washingtoner Rede des möglichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump fiel dem deutschen Aussenminister nichts Besseres ein, als diese Rede zu bewerten. Schliesslich hat man in Berlin Erfahrung damit, grandios mit so etwas zu scheitern und anschliessend und im Fall einer Wahl zur Verbesserung der Verhältnisse einen Kotau nach dem anderen machen zu müssen. Kein Wunder, wenn Minister Steinmeier Trumps Rede geisselt, spricht dieser doch davon, «America first» zur Messlatte zu machen. An «Deutschland zuerst» ist in Berlin natürlich nicht zu denken, auch wenn uns in erster Linie auf dem gemeinsamen Kontinent an der «Abwesenheit von Krieg» gelegen sein müss­te. Demnächst kann man für Treffen dieser Art wie in Hannover nur den «Obersalzberg» empfehlen.    •