Killerspiele – Training für das Morden im Krieg
Gedanken zu einem Gespräch mit einem jungen Irak-Kriegs-Veteranen
von Dr. Anita Schächter
Immer wieder stösst man in Gesprächen mit Jugendlichen auf ein Phänomen, welches als Gewaltverherrlichung bezeichnet werden kann: brutale Computerspiele, extreme Gewaltdarstellungen in Filmen, Gewaltexzesse im Alltag. Zu beobachten auch in der Musikkultur, insbesondere in den Porno-Rapp-Songs, in der Jugendliteratur, hier in der blutdurchtränkten Fantasy-Literatur. Mediale Gewalt führt zu einem Durchbrechen der Hemmschwelle in der Erkennung und Abwehr von Gewalt. Diese Erfahrungen bestätigten sich auch im Gespräch mit dem jungen Irak-Kriegs-Veteranen Clifton Hicks, in dem die Verbindung Gewaltverherrlichung und «Kriegskultur» deutlich wird.
Der damals 18jährige Clifton Hicks meldete sich 2003 freiwillig zum Dienst in der US-Armee. Er wollte seinen Teil der Verantwortung tragen, er wollte beweisen, dass er seinen Mann steht – so wie sein Vater und Grossvater, die ebenfalls für die USA in den Krieg zogen. Bald wurde ihm klar, dass dieser Krieg unmenschlich ist. Er sprach mit seinen Kameraden, zog Schlussfolgerungen während seines Einsatzes, den er von Oktober 2003 bis Juli 2004 als Panzerfahrer und Richtschütze in Bagdad leistete. Nach seiner Rückkehr verweigerte er den weiteren Kriegsdienst aus Gewissensgründen und engagiert sich seither bei den Iraq Veterans Against the War.
Clifton Hicks hebt in den im folgenden wiedergegebenen Stellungnahmen die menschlichen Aspekte hervor. Seine Beobachtungen lassen klare Verbindungen zur verbreiteten prä-adaptierenden Jugendkultur erkennen, die Gewalt verherrlicht, sie zur «Kultur» stilisiert und einer gründlichen Reflexion bedarf.
Aus Untersuchungen des amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossmann ist bekannt, dass die Generation der Grossväter zum überwiegenden Teil ihre natürliche Tötungshemmung nicht überwinden konnte und auch nicht überwinden wollte. Sie trafen die Entscheidung, nicht auf den Gegner zu schiessen. Grossmann beschreibt in seinem Buch «On killing», dass diese natürliche Tötungshemmung den Soldaten heute mit Egoshooter-Spielen abtrainiert wird. Diese Egoshooter-Spiele sind Teil der zur Zeit verbreiteten Gewaltverherrlichung, in die Kinder eingeführt werden. Auf die Frage nach der Bedeutung von Killerspielen für das Verhalten der Soldaten antwortet Clifton Hicks:
«Tatsächlich. Ich glaube, dass gewalthaltige Computerspiele eine Rolle für die Kampfeinstellung haben. Jedem Soldaten wurde das Computerspiel ‹Americas Army› übergeben. Man kann es auch vom Internet herunterladen. Die jungen Soldaten werden angehalten, dieses Spiel als Vorbereitung für den Kriegseinsatz zu spielen. Diese Spiele legen Denk- und Handlungsmuster an, die das Empfinden verändern. Wir sind eine andere Generation als die unserer Grossväter. Unsere Generation hat gelernt, gute Gefühle, Erfolgsgefühle zu empfinden, wenn man das Ziel getroffen hat. Man hat nicht mehr das Gefühl, einen Menschen getötet oder gemordet zu haben. Offenbar ist es nicht gewollt, dass wir uns fragen, was für ein Mensch das war, wen er zurücklässt und ob es sich hätte vermeiden lassen, ihn zu töten.»
Es lohnt sich, diesen Prozess der inneren Distanzierung beim Schiessen unter psychologischen Aspekten zu betrachten. Zu diesem Prozess gehören die gewaltverherrlichenden Egoshooter-Spiele. Psychologen weisen seit langem darauf hin, dass der Lerneffekt hier besonders hoch ist durch die aktive Art des Tötungstrainings. Ebenso zählt die pornographie- und gewaltverherrlichende Jugendmusikkultur dazu. Rapper wie Sido, Bushido, Frauenarzt oder andere besetzen mit deutschsprachigen Texten die Gehirne der 10-, 11-, 12jährigen Kinder. Ihre Texte verherrlichen ein sexuelles Empfinden, das den Erniedrigung, Demütigung sowie Qual und Schmerz erzeugenden Sexualakt als erstrebenswert darstellt. Kinder, die über keine eigenen sexuellen Erfahrungen verfügen, können sich von den Bildern schlecht distanzieren. Durch das Verinnerlichen der Texte und Abspeichern der Bilder, die die Clips zeigen, bauen sie ein falsches Bild von sexueller Befriedigung auf. Psychologische Konstellationen des Strebens nach Macht machen die Bilder «plausibel». Sie festigen sich in den Köpfen junger Menschen. In diesem Zusammenhang nimmt Clifton Hicks zu zwei Themen Stellung:
1. Zum Hören von Musik während Kampfeinsätzen und 2. zum Zusammenhang von Gewalt und Sexualität. Hierzu nimmt er aus seiner persönlichen Erfahrung Stellung: «Zum ersten Thema: Soldaten können über ihre Kopfhörer Musik einspielen. Ich war als Panzerfahrer eingesetzt, und die vier Mann Besatzung sind über Kopfhörer und Mikrophon miteinander verbunden. Man konnte problemlos jede beliebige Musik per CD einspielen, und das taten wir auch. Diese Musik versetzte uns in andere Gefühle. Ein Mitgefühl mit dem Opfer, den Zielobjekten unserer Einsätze war dadurch aufgelöst, weniger spürbar. Dies taten wir Soldaten nicht mit der beschriebenen Absicht, doch der Effekt trat ein.
Zur zweiten Frage: Es gab Soldaten, die sich durch die Kampfeinsätze quälten, es gab und gibt Soldaten, die bald erkannten, dass hier alles falsch läuft und die dem Krieg schnellstmöglich entkommen wollten. Es gab aber auch jene Soldaten, die sich zum 4., 5. Einsatz gemeldet haben. Jene konnten nicht aufhören, im Kampfeinsatz zu sein, sie erlebten beim Töten einen regelrechten Rausch. Ich bezeichne dies als eine Sucht zum Töten (they were addicted to kill). Ich habe mit Soldaten gesprochen, die berichteten, dass sie während des Tötens eine sexuelle Erregung erlebten. Ich habe diese Kopplung von sexueller Erregung und Töten für mich nicht nachvollziehen können und zunächst triebpsychologische Erklärungsansätze herangezogen. Der Gedanke des Erlernens dieser Muster gibt eine schlüssigere Erklärung für dieses Phänomen.»
Durch die Gewaltverherrlichung der heutigen Zeit findet eine Konditionierung, ein Verinnerlichen gewalthaltiger Muster statt. Clifton Hicks Schilderung ist erschütternd. Sie zeigt, wie die menschliche Natur pervertiert werden kann. Normalerweise erlebt der Mensch keine Lust durch Demütigung oder durch die Anwendung von Gewalt oder – in der extremsten Steigerung – durch das Töten. Dies ist nur durch ungünstige Lernvorgänge möglich. Es handelt sich hier um vorgelernte, angebahnte Denk- und Verhaltensmuster, die dann in späteren Situationen in die Realität umgesetzt werden können. Dies kann durch das Beobachten von Kameraden, die ein solches Verhalten vorleben, oder es kann mittels Gruppendruck einen Durchbruch finden. Die Vormuster werden durch gewaltverherrlichende Medien: Spiele, Filme, Musik und Literatur, in die Köpfe der heranwachsenden Generation gepflanzt. Kommen hier weitere Lernmuster der Gewalt (z. B. in der Familie) hinzu, rekrutiert sich hieraus der Anteil der jungen Menschen, die «süchtig» nach der Gewaltausübung werden können. Es ist ein Prozess der Entmenschlichung. Hier müssen Psychologen Arbeit leisten, wie diese jungen Menschen überhaupt wieder alltagsfähig werden können. Diese jungen Menschen sind nicht mehr fähig, eine beziehungsgeleitete Sexualität zu empfinden. Allerdings können sie den Weg dahin zurückfinden. Auch wenn dies ein mühsamer Weg ist. Es gibt zu einer emotionalen Neuorientierung gegenüber solchen Gewaltmustern keine Alternative. Psychologen sind aufgerufen, hier gute Therapiekonzepte auszuarbeiten. Noch dringlicher ist eine Präventionsarbeit, die Eltern, Lehrer und Sozialpädagogen, Kinderärzte und Psychologen auf den Zusammenhang aufmerksam macht zwischen dem gewaltverherrlichenden Zeitgeist, der Menschen innerlich vorbereitet, Gewalt zu akzeptieren, und der Bereitschaft, Gewalt auszuüben, sei es im Alltag oder im Krieg.
Unsere Jugend sollte den gewalthaltigen Computerspielen, dem Porno-Rapp und der gewaltverherrlichenden Fantasy-Literatur nicht länger ausgesetzt werden. Jene, die sich schon daran gewöhnt und Gefallen an der Gewaltkultur gefunden haben, müssen wissen, woran sie gewöhnt werden und welcher Missbrauch dadurch möglich wird.
Ein junger Soldat hat angesichts der aktiven Teilhabe an entmenschlichten Greueltaten drei Möglichkeiten: 1. Er kann den Weg in die seelische Erkrankung, in Ängste, Depressionen oder den Suizid gehen. 2. Er kann sich weiterhin mit der Gewaltanwendung identifizieren und seine Gefühle der Mitmenschlichkeit niederhalten, er kann den pervertierten Gewaltkick in seiner Phantasie, im Spielen oder in der Realität ausleben, und er kann zur Scheinlegitimation andern als Modell dienen und sie mit diesem Lebensgefühl infizieren. Oder er wählt den 3. Weg, der sicherlich der stärkendste ist und ein Zurückfinden in den Lebensalltag möglich macht: Durch aktive Friedensarbeit, so wie sie etwa 1000 Irak-Veteranen leisten, können sie sich freischwimmen. Hierdurch ist es möglich, sich von dem gewaltverherrlichenden Zeitgeist zu distanzieren, ihn abzulehnen und die Gewaltspirale zu durchbrechen.
Clifton Hicks: «Von den Veteranen der modernen Kriege unseres Jahrtausends haben in den letzten 5 Jahren schätzungsweise 5000 Suizid begangen. Junge Menschen, die mit den Bildern im Kopf nicht mehr leben konnten. Junge Menschen, die keinen Weg mehr sahen, ein gutes Leben führen zu können. Menschen, die auch nicht mehr für eine Friedensarbeit zur Verfügung stehen.
Wir müssen die Sucht nach Gewalt verstehen als gewollten Lernprozess, der der ‹Kultur› des Krieges, des Todes dient. Enthemmte Gewalt widerspricht der Menschenwürde, sie pervertiert die Natur der Mitmenschlichkeit des Menschen, sie führt in die Barbarei.
Wir müssen aus den Erfahrungen des Krieges lernen, wir müssen in die Tiefe gehen. Es gibt viel zu tun.» •