Gehorsam bis zum Verbrechen?
Tatsachenroman von Gisbert Otto
Rezension von Armin Hofmann
Fragen des Gewissens werden heutzutage immer weniger gestellt. Wer auf sein Gewissen hört und danach handelt, hat es oft schwer. Dies erleben wir im Tatsachenroman von Gisbert Otto, an dessen Beginn das mutige «Nein» eines Offiziers der deutschen Bundeswehr zum völkerrechtswidrigen Irak-Krieg steht. Psychiatrische Untersuchungen und die Degradierung des Offiziers durch das Truppendienstgericht in Münster folgen. Der Protagonist – im Roman erhält er den Namen Stefan Martens – lässt sich jedoch nicht beirren und legt gegen dieses Urteil Berufung ein. Fast 2 Jahre später fällt das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein wegweisendes Urteil: Es spricht den Offizier vollumfänglich frei. In dieses tatsächliche Geschehen eingebaut erhalten wir einen Einblick in die Gesellschaft: bedrohliche wirtschaftliche Entwicklungen werden sichtbar, die vor allem durch Finanzspekulationen und Machtgier ausgelöst werden. Auch hier braucht es ein Nein – ein Nein von mutigen Menschen zum verantwortungslosen »Raubtierkapitalismus«. Wenn man den Roman von Gisbert Otto liest, werden Personen lebendig und Tatsachen anschaulich: ein aufrichtiges, spannend geschriebenes Buch über gesellschaftliche Zusammenhänge, Freundschaft und Liebe. Das Beispiel des Protagonisten – Stefan Martens – kann gerade jungen Erwachsenen Anregungen für das eigene Leben geben.
Mit der Degradierung durch das Truppendienstgericht und der Wartezeit auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes beginnt für Stefan Martens eine lange inhaltliche und menschliche Auseinandersetzung. Zusammen mit seinem Freund, Daniel Krüger, der Volkswirtschaft studiert hat, besucht er Informationsveranstaltungen über Wirtschaftsfragen. Martens wird immer deutlicher, dass Finanzeliten und multinationale Konzerne die Politik bestimmen und ein Hauptziel verfolgen: die weltweite Rohstoffausbeutung, auch mit dem Mittel des Krieges. Dementsprechend heisst es auch in der Militärdoktrin der Bundesregierung vom Jahr 2006, dass Deutschland «in hohem Mass von einer gesicherten Rohstoffzufuhr abhängig» ist. Offiziell wird jedoch von Friedenserhaltung und Demokratieaufbau gesprochen. Diese Doppelbödigkeit stellt Gisbert Otto in seinem Buch als ein herausragendes Problem unserer Zeit dar. Anstatt für Rohstoffe, zum Beispiel Öl, einen fairen Preis zu zahlen, werden völkerrechtswidrige Kriege geführt, um in den Besitz der Ölquellen zu gelangen. Diese krasse Ungerechtigkeit, die mit einer zunehmenden Verwahrlosung nicht nur des internationalen Rechts einhergeht, stösst mehr und mehr auf Widerstand – zu Recht! Der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes im Fall des gehorsamsverweigernden Offiziers ist deshalb von grosser Bedeutung: In seinem höchstrichterlichen, unanfechtbaren Urteil vom 21. Juni 2005 hat es die Degradierung des Offiziers aufgehoben.
Gisbert Otto gelingt es, den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Krieg deutlich zu machen. Der Krieg nach aussen dient der weltweiten Rohstoffausbeutung, während der Krieg nach innen zu einem Abbau der Sozialsysteme führt (in Deutschland gibt es fast 8 Millionen Hartz-IV-Empfänger, die von 345 Euro plus staatlich gezahlter Miete leben müssen). In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, wieso die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer wird, und warum immer mehr Menschen schlechte Arbeitsbedingungen vorfinden oder Angst haben müssen, ihre Stelle zu verlieren.
Die Banken- und Finanzkrise und die Voraussetzungen für eine Umkehr
Auch die aktuelle Banken- und Finanzkrise wird ins Geschehen einbezogen. Es zeigt sich immer mehr, dass die Ursache dieser Krise in der zunehmenden Vernachlässigung der ethischen Grundlagen des Wirtschaftens begründet ist: Seit Jahrzehnten wird unbegrenztes, eigennütziges Gewinnstreben frei von ethischen Verpflichtungen propagiert und legitimiert. Dieses Finanzgebaren musste zur Krise führen, denn auf Dauer können Renditen von 20 und mehr Prozent nicht gezahlt werden, wenn die realen Wachstumsraten in den Industrieländern bei weniger als 2 Prozent liegen.
Die Krise der Finanzmärkte kann durchaus mit derjenigen des Jahres 1929 verglichen werden; sie ist längst nicht ausgestanden. Neben der Vernichtung riesiger Vermögen hat sie jedoch auch ein positives Moment ausgelöst: Vielen ist das Versagen des Systems bewusst geworden, so dass die Forderung nach einer Umkehr von der Mehrheit unterstützt wird. Dadurch besteht die Chance einer wirklichen Veränderung. Durch technische Massnahmen allein wird dies jedoch nicht möglich sein. Der Autor fordert deshalb ein tiefergehendes Umdenken – eine Wiederbelebung ethischer Grundsätze, die den Erfordernissen menschlichen Zusammenlebens entsprechen. Sein Romanheld ist hier ein Vorbild, gerade weil er sich mit seinem mutigen Nein zum Krieg für eine friedfertige Gesellschaft einsetzt, die dringend gebraucht wird, um die Finanzkrise, aber auch die weltweite Ernährungskrise, lösen zu können. Von der Bundeswehr wird diese vorbildliche Haltung jedoch auch noch nach dem Freispruch durch das Bundesverwaltungsgericht nicht honoriert. Statt dessen gibt sie einen Leitfaden für Rechtsberater heraus mit dem Titel: «Umgang mit Soldaten und Soldatinnen, die aus Gewissensgründen Befehle nicht befolgen wollen». Dennoch bleibt die Anerkennung nicht aus; Stefan Martens wird mehrmals ausgezeichnet. Bei der Verleihung des Amos-Preises für Zivilcourage durch die Offene Kirche in Württemberg sagt die Vorsitzende dieser Vereinigung (Seite 197):
«Sein mutiges Eintreten gegen jeden Angriffskrieg [ist und bleibt] vorbildhaft, gerade in diesen Tagen, in denen sogar ein Atomkrieg nicht ausserhalb der Denkmöglichkeiten liegt und in denen es wohl Zeit ist, Ross und Reiter zu nennen [...]. Wahrscheinlich müssen wir uns da noch weiter emanzipieren und sogar die Einheitlichkeit in der Nato in Frage stellen.»
Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 21. Juni 2005
(Auszüge – Seite 174)
Der 2. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichtes in Leipzig spricht den im Roman genannten Offizier in allen Anklagepunkten frei und rehabilitiert ihn. […] Das Grundrecht der Freiheit des Gewissens nach Art. 4 Abs.1 Grundgesetz wird nicht durch den Befehl verdrängt. Verweigert ein Soldat aus Gewissensgründen den Befehl, so ist hierin kein Verstoss gegen die Gehorsamspflicht […] zu sehen. […] Das Urteil stellt klar, dass eine Soldatin oder ein Soldat einerseits zwar zur gewissenhaften Ausführung von Befehlen verpflichtet ist, andererseits aber zugleich ein mitdenkender Gehorsam gefordert wird. Gehorsam muss insbesondere die Schranken des geltenden Rechts und des eigenen Gewissens reflektieren. Ein bedingungsloser Gehorsam wird – unter Hinweis auf den »Massenschlaf des Gewissens« in der Wehrmacht Hitlers – vom Bundesverwaltungsgericht strikt abgelehnt.
Weder der Nato-Vertrag, das Nato-Truppenstatut, das Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut noch der Aufenthaltsvertrag sehen eine Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland vor, entgegen der UN-Charta und dem geltenden Völkerrecht völkerrechtswidrige Handlungen von Nato-Partnern zu unterstützen.
Der Neoliberalismus – ein überholtes, menschenfeindliches Wirtschaftsmodell
Das Buch von Gisbert Otto zeichnet sich neben der spannenden Schreibweise durch die Verständlichkeit aus, mit der insbesondere wirtschaftliche Zusammenhänge dargestellt werden. Nach der Lektüre des Buches wird auch der Laie die heutige Situation besser beurteilen können. Durchgängig macht der Autor deutlich, dass eine Veränderung des Wirtschaftssystems angestrebt werden muss, auch wenn uns millionenfach eingebläut wurde und wird, dass es zum Neoliberalismus keine Alternative gibt. Der Spruch TINA – There Is No Alternative – ist ebenso erfunden wie das System des Neoliberalismus, das auf der Machtausübung weniger beruht und die Mehrheit der Menschen in existentielle Abhängigkeit zwingt und sie ihrer Würde beraubt (im Jahr 2007 waren 856 Millionen Menschen – jeder sechste auf unserem Planeten – schwer und dauerhaft unterernährt). Sind dies nicht Verbrechen gegen die Menschheit? Die Frage des Autors im Titel des Buches muss beantwortet werden – und es wird auch zu Antworten kommen.
Der Staat – das Volk! – setzt den Ordnungsrahmen
Es darf nicht sein, dass der Staat und damit der Steuerzahler die Rechnung bezahlt, nur damit es dann im gewohnten Sinne weitergehen kann. Es wird auch nicht wie gewohnt weitergehen, weil nicht nur Geld fehlt, sondern auch das Vertrauen zur Finanzwirtschaft geschwunden ist. Das Primat der Politik über Wirtschaft und Finanzen muss wieder hergestellt werden. Eine Voraussetzung dafür ist Eigenständigkeit. Der Autor plädiert deshalb für einen eigenständigen Wirtschaftsraum Europa, wobei das Ziel nicht mehr maximales, exportorientiertes Gewinnstreben sein kann, von dem nur wenige profitieren; vielmehr geht es darum, den Binnenmarkt zu stärken. Die Wirtschaft wird damit zu ihrer originären Aufgabe zurückgeführt: Sie versorgt die Menschen mit den für das Dasein notwendigen Mitteln – sie hat den Menschen zu dienen. Ohne diesen Ordnungsrahmen kann es keinen Rechtsstaat, keine Demokratie und auch keine funktionierende Marktwirtschaft geben, die tatsächlich dem Gemeinwohl dient. An der Realisierung dieser Gedanken können wir alle mitarbeiten! Natürlich braucht es auch Mut dazu. In der einfühlsamen Beschreibung des Protagonisten können wir diesen Mut empfinden – und uns davon ansprechen lassen! Dies ist dem Autor gut gelungen.
Mit seinem Buch hat Gisbert Otto ein Problem zum Thema gemacht, das viele Menschen beschäftigt hat und immer noch beschäftigt: Die Bewunderung der Macht des Stärkeren, die Autoritätsgläubigkeit und ihre erfolgreiche Überwindung. Darüber sollte in allen Schulklassen gesprochen werden. •
Der Autor Gisbert Otto, geboren 1941, aufgewachsen in Berlin, lebte nach seiner Banklehre fast 4 Jahre in Australien und studierte danach an der Wirtschaftsakademie in Berlin. Er arbeitete in den Bereichen Organisation, Informatik und betriebliches Berichtswesen – erst in Berlin, ab 1974 in Zürich, Schweiz. Heute lebt er mit seiner Frau im Kanton Thurgau. Er schreibt Artikel über Wirtschaftsfragen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Menschen.
Gehorsam bis zum Verbrechen? Verlag R. Liebig, 255 Seiten, Euro 16,90/Fr. 27.– plus Versand ISBN 978-3-9523389-3-3
Bestellungen bitte an Gisbert Otto, E-Mail: gisbert.otto@bluewin.ch