Basler Stiftung wendet sich zur Förderung der Uno-Ziele an Jugend, Wirtschaft und Politik
von Dieter Sprock
An der Millenniums-Generalversammlung der Uno im Jahr 2000 verabschiedeten die Regierungsvertreter von 189 Staaten die Millenniums-Erklärung. Sie verpflichten sich darin, bis 2015 acht messbare Ziele zu erreichen, die sogenannten Millenniums-Entwicklungsziele. Die acht Millenniums-Entwicklungsziele fordern: 1. Beseitigung von extremer Armut und Hunger 2. Primarschulbildung für alle 3. Gleichstellung der Geschlechter 4. Senkung der Kindersterblichkeit 5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter 6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten 7. Ökologische Nachhaltigkeit 8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung Uno, OECD, Weltbank und andere internationale Organisationen empfehlen den Industrieländern, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts in die Entwicklungshilfe zu investieren. Setzt man von 100 Franken, die in der Schweiz und anderen reichen Ländern erwirtschaftet werden, nur 70 Rappen ein, können die Millenniumsziele erreicht werden. (Zeit-Fragen berichtete in der Ausgabe 49 vom 10. 12. 2007 ausführlich über die Millenniums-Erklärung der Vereinten Nationen)
Privatinitiative führt zum Basler Uno-Millenniums-Zentrum
Am 28. November beging die Stiftung Zentrum für die Millenniums-Entwicklungsziele (Centre for the Millennium Development Goals, kurz CMDG) mit Sitz in Basel den 1. Nationalen Tag der Millenniums-Entwicklungsziele der Uno. Im Foyer des Theaters Basel hatten sich zu diesem Anlass gegen tausend interessierte und engagierte Menschen eingefunden, darunter viele Jugendliche, um sich über die Millenniums-Entwicklungsziele und die Ziele der Stiftung zu informieren und mit ihrer Teilnahme ihre Unterstützung auszudrücken. Als Vertreterin der Landesregierung nahm Bundesrätin Doris Leuthard an der Veranstaltung teil. Sie sprach zum Thema «Machen wir die Welt zu einem besseren Platz!» Die Stiftung CMDG geht auf eine private Initiative zurück. Die Initiantin, Gisela Kutter, hörte vor etwa 4 Jahren zum ersten mal von den Millenniums-Entwicklungszielen, und es hat sie «sehr berührt und auch beschämt», dass sie von diesen wichtigen Zielen bis dahin noch nichts gehört hatte. Nach längerer Auseinandersetzung mit den Zielen gründete sie 2007 die Stiftung, um ihrerseits zur Bekanntmachung des wichtigen Uno-Anliegens beizutragen. Präsident des Stiftungsrates wurde Hans-Christof Graf Sponeck: Er ist mehr als 30 Jahre für die Vereinten Nationen tätig; u.a. als ehemaliger UNDP-Chef in Pakistan (1988–1994) und Indien (1994–1997) sowie ehemaliger Koordinator der humanitären Hilfe der Uno im Irak (1998–2000). Mit der Geschäftsführung wurde der Uno-Kenner und alt Nationalrat Dr. rer. pol. Remo Gysin betraut. Kofi Annan, Bundesrätin Micheline Calmy-Rey wie auch die Regierung von Basel-Stadt haben dem Zentrum unterdessen ihre Unterstützung zugesagt. Die Veranstaltung in Basel wandte sich mit ihrer Botschaft: «Die Entwicklungsziele gehen uns alle an! Wir alle müssen handeln!» ganz besonders an die Jugend, aber auch an die Vertreter von Wirtschaft und Politik. Es war gelungen, im Vorfeld der Veranstaltung Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 18 Jahren aus 5 Schulen der Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Zürich über die Millenniumsziele zu informieren und sie dafür zu begeistern, so dass diese den eintreffenden Besuchern ihre neuen Erfahrungen mit viel Engagement weitergaben: «Dürfen wir Ihnen einen Film zeigen?» wurde man etwa empfangen – natürlich wollte man –, und schon ging’s auf dem kleinen Laptop los mit einer kurzen Sequenz über unseren Umgang mit Nahrungsmitteln oder der Frage: «Wann hatten Sie das letzte Mal Hunger?». Aber auch mit ganz einfachen Mitteln – einem Blatt Papier und einem Bleistift – wurde dem Besucher anschaulich nahegebracht, was es heisst, kaum oder gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu haben. Unkompliziert, direkt und mit grosser Motivation betätigten sich die Jugendlichen auf unterschiedlichste Art als Botschafter und Botschafterinnen der Millenniumsziele – und zwar nicht nur an der Veranstaltung. Schon vorher hatten sie durch die Auseinandersetzung auch in ihren Schulklassen, im Freundeskreis, in der Familie und an anderen Orten ganz im Sinne des von der Stiftung erhofften Schneeballeffekts zur Förderung des Bewusstseins und der Bedeutung dieser Entwicklungsziele gewirkt. Nicht alles konnte an dieser Veranstaltung gezeigt werden, aber sicher boten die Kunstgegenstände, Flyer, Kurzreferate, Filme, Animationen, Theaterszenen und anderes mehr überall Anlass zu einem weiterführenden und informativen Dialog. Der Rapper Greis hatte eigens für die Veranstaltung einen Rap komponiert und getextet, der vor allem von der Jugend begeistert aufgenommen wurde. Ganz offensichtlich ist unsere Jugend auf soziale Fragen sehr ansprechbar und entwickelt Einsatz und grossen Ideenreichtum für eine ernsthafte Aufgabe.
UN-Millenniumsziele durch Finanzkrise in Gefahr
Die Referenten kamen immer wieder auf die Finanzkrise zu sprechen. Nicht erst seit Ausbruch der Krise hat das internationale Finanzsystem, insbesondere der freie Kapitalverkehr und die erzwungene Öffnung der Märkte, die sozialen Probleme weltweit verschärft: Die Zahl der Hungernden ist auf 925 Millionen angewachsen. Und selbst in den reichen Ländern nimmt die Zahl der Armen seit Jahren ständig zu, während einige wenige immer reicher werden. Nun droht die Finanzkrise die Spaltung der Welt in arm und reich noch weiter zu vertiefen. Es ist zu befürchten, dass für die Anliegen der Ärmsten noch wenige Mittel zur Verfügung stehen. Wir erleben mit, wie einem maroden Finanzsystem Hunderte, ja Tausende Milliarden hinterhergeworfen werden, während man uns weismachen will, dass für die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse kein Geld vorhanden ist. Dabei würde ein Bruchteil dieses Geldes ausreichen, um sicherzustellen, dass alle Menschen in menschenwürdigen Verhältnissen leben können. Beschämend!
Es braucht einen Paradigmenwechsel
Die acht Millenniums-Entwicklungsziele zur Bekämpfung der drückenden Weltprobleme sind ein Programm für die konkrete Umsetzung der in der Uno-Charta verankerten Menschenrechte. Ihre Verwirklichung ist nicht nur eine moralische Pflicht gegenüber den Armen, sondern letzten Endes im Interesse der reichen Länder: Ihre Umsetzung ist für das Überleben der Menschheit notwendig. Die armen Länder brauchen keine Almosen. Sie brauchen vor allem faire Bedingungen, die ihnen die eigene Entwicklung ermöglichen. Die erzwungene Öffnung der einheimischen Märkte und die Plünderung ihrer Bodenschätze durch Krieg, Korruption und Betrug lassen ihnen heute oft keine Chance. Ein Ende der Kriege sowie faire Preise für Bodenschätze und Rohstoffe sind daher unabdingbare Entwicklungsvoraussetzungen und darüber hinaus ein Gebot des menschlichen Anstands. Nach der Beendigung der Kriege und der kolonialen Ausbeutung müssen Programme unterstützt werden, die es den Ländern erlauben, sich wieder selbst zu versorgen. Hunger und Armut können nur auf lokaler Ebene nachhaltig bekämpft werden. Dies fordern die Initianten in ihren Referaten, auch die Beauftragte der UN-Millenniumskampagne Deutschland, Dr. Renée Ernst, und Frau Cécile Molinier, Direktorin der UNDP in Genf. Der Weltagrarrat fordert in seinem kürzlich erschienenen Weltlandwirtschaftsbericht einen Paradigmenwechsel: weg von der industriellen Produktion der Nahrungsmittel, hin zu kleinbäuerlicher Landwirtschaft, ökologischem Anbau und lokaler Vermarktung. (Siehe dazu Zeit-Fragen Nr. 44 vom 27. Oktober.) Die ärmsten Länder und die Ärmsten auf dem Lande sind die Verlierer der einseitig auf Produktivität und Gewinn ausgerichteten Bedingungen des Weltagrarhandels, welche ihnen von den reichen und mächtigen Staaten aufgezwungen werden. «Nicht die Steigerung der Produktivität um jeden Preis, sondern die reale Verfügbarkeit von Lebensmitteln und ihrer Produktionsmittel vor Ort ist der entscheidende Faktor bei der Bekämpfung des Hungers», lautet eine der Kernaussagen des Berichts. Die Steigerung der Produktivität für den Export führt hingegen dazu, dass die «Ärmsten auf dem Lande» neben den vollen Lagern verhungern, weil sie sich die teuren Lebensmittel nicht leisten können.
Stärkung des Bürgerbewusstseins für die Anliegen der Uno
«Bei der zentralen Herausforderung der Gegenwart», schreibt Graf Sponeck im Jahresbericht der Stiftung 2007, «geht es vorrangig um menschliche Sicherheit: durch die Verminderung der Armut, das Stillen des Hungers, Bildung für alle (Mädchen, Jungen, ältere Menschen) und bessere Lebensverhältnisse dank Gesundheit, Würde und dem Grundrecht auf eine volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Und es geht auch um ökologische Nachhaltigkeit, aus Respekt vor der Umwelt und für die kommenden Generationen. […]. Im Fokus [der Basler Stiftung] sind die Stärkung des Bürgerbewusstseins für die Anliegen der Uno im Bereich der Millenniums-Entwicklungsziele und die Förderung des Verständnisses für deren Wichtigkeit zur Erreichung eines globalen Wohlergehens. Gleichzeitig will die Stiftung auch die Arbeit der Uno auf diesem Gebiet durch kritisches Mitverfolgen und gezielte Gutachten begleiten und relevante Bürgererfahrungen und lokale Erkenntnisse an die Vereinten Nationen und andere vermitteln. Die Gemeinsamkeiten der Interessen von Bürgern in Zentraleuropa und der Weltgemeinschaft im Sinne der Uno-Charta soll damit unterstrichen werden.» Dieses ehrliche menschliche Engagement verdient unsere Unterstützung! •
Das Logo des Zentrums für die Millenniums-Entwicklungsziele (CMDG): Die stilisierte 8 in acht Farben steht symbolhaft für die acht Uno-Millenniums-Entwicklungsziele.
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