Vom Reichtum der verschiedenen Lebens- und Bekleidungskulturen
Zur Neuerscheinung der «Weltgeschichte der Bekleidung»
von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen
In einer Reise um die Welt – von Vorderasien, nach Europa nach Zentralasien, Ostasien, Südostasien, Ozeanien, Nordamerika, Südamerika bis Afrika wird dem Leser mit dem umfangreichen Werk «Weltgeschichte der Bekleidung» Einblick in die Kulturgeschichte menschlicher Bekleidung ermöglicht. Der Reichtum der Textilkunst und Ornamentik im alten Orient, auf der arabischen Halbinsel, im östlichen Mittelmeer oder im iranischen Hochland wird bereits im ersten Kapitel vor Augen geführt. Im über 600 seitigen Bildband von Patricia Rieff Anawalt, Direktorin des Center for the Study of Regional Dress am UCLA Fowler Museum of Cultural History in Los Angeles, wird in zehn Kapiteln ein geographisches Gebiet mit seiner Bekleidungskultur ausführlich dargestellt. Im Vorwort schreibt die Autorin zu ihrer Arbeit: «Diese Geschichte nicht westlich geprägter Kleidung ist aus einer lebenslangen Faszination für die unzähligen traditionellen Gesellschaften dieser Welt entstanden. Als ich klein war, bestand meine Vorstellung des Paradieses darin, mit Gottes Hilfe für immer in einer Folge von exotischen Kulturen zu leben, unabhängig davon, wann und wo diese existiert hatte. Mit dem Älterwerden erkannte ich, dass mir dies wohl nie vergönnt sein würde, und ich beschloss, dass Anthropologie die beste Alternative sei. Als Anthropologin entschied ich mich eher zufällig für die völkerkundliche Geschichte der Azteken und arbeitete als Ethnologin im Hinterland Zentralmexikos, um die Nachfahren der Azteken besser zu verstehen. Mein Forschungsschwerpunkt war das Fortleben der prähispanischen Kleidung. Nachdem der Fundus aztekischer Kleidung rekonstruiert war, war es eine Offenbarung zu sehen, wieviel aus diesen Bekleidungsstilen sich bis auf die heutige Zeit erhalten hat. Dies ist besonders beeindruckend, wenn man bedenkt, dass diese Stile die traumatische Eroberung Mexikos im 16. Jahrhundert durch die Spanier – einem wahren Krieg der Welten – überdauert hatte: So lernte ich aus erster Hand, dass traditionelle Kleidung eine hartnäckige Langlebigkeit aufweisen kann.» Wie vielfältig dieser Schatz an Details, Formen, Materialien und Kreativität war, schildert die Anthropologin: «Meine Jahre in Mexiko halfen mir sehr, als ich mich daran machte, Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Bekleidung von 32 global verteilten Regionen zu erforschen. Jene Erforschung der vielfältigen Bekleidung auf der Welt erwies sich als ein ebenso faszinierendes Unterfangen wie das, welches ich mir in meiner Jugend vorgestellt hatte.» Mit diesen einleitenden persönlichen Worten und einem einführenden fachspezifischen Text werden Bekleidung, ihre Geschichte und die Lebensumstände der Menschen mit detaillierten Informationen zur Bevölkerung und zum Klima erklärt. Auch religiöse, spirituelle und kulturelle Gebräuche werden erläutert. Die über 1000 wunderschönen Aufnahmen und Zeichnungen illustrieren den reichhaltigen Schatz an textiler Kultur, Schmuck und die Vielfalt an Kleidern. Ob altägyptisches Hemdkleid aus Leinen, wollene römische Toga, mongolisches Schamanenkleid, japanischer Seidenkimono, farbenfroher indischer Sari, besticktes europäisches Dirndl, afrikanisches Zeremoniengewand oder vorderasiatische Burka, alle Kulturen werden gleichwertig, würdig und respektvoll dargestellt. Das ist verdienstvoll, gerade in einer Zeit, in der grausame neokoloniale und völkerrechtswidrige Kriege gegen Menschen, Völker, Länder und Kulturen geführt werden, die jeden Respekt vor der Menschenwürde und der kulturellen Identität zerstören. Das Studium des umfangreichen Buches gibt auch Einblick in die liebevollen Details aller Aspekte der Bekleidung und der Accessoires der Männer- und Frauenbekleidung. So wird der schöpferische Reichtum der Fussbekleidung, des Haarschmucks, der Kopfbedeckung, des Schmucks, der Verzierungen, der Ornamentik und textilen Techniken, der speziellen Trachten in den verschiedenen Kulturen gewürdigt.
Allein der Einblick in die Geschichte der transkontinentalen Seidenstrasse von Rom bis Peking macht deutlich, wie vielfältig die Bekleidung, die Herstellung der Stoffe und die Begegnung der Kulturen war. Die reale Lebenspraxis, Logik und Ideenreichtum verbanden sich mit unglaublicher Kreativität und ästhetischem Feingefühl für Formen, Farben, Materialien und Stoffarten. «Jahrtausende bevor die grosse Seidenstrasse Europa mit dem fernen Osten verband, überspannt ein Netz von alten Handelsstrassen für Kamelkarawanen das rauhe Gebiet Zentralasiens. Dieses eurasische Kerngebiet ohne Zugang zum Meer ist ein riesiges flaches Becken, das kreuzweise von Gebirgszügen durchzogen wird, die sich von der Aussengrenze Europas – dem Ural und Kaukasus – bis zur chinesischen Grenze im Osten, Teilen von Afghanistan und Pakistan im Süden und den sibirischen Taiga-Wäldern im Norden erstrecken.» Die Herstellung von Seide, die Färbung mit Naturfarbstoffen, die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen und der Austausch der Handelsgüter zwischen der westlichen und östlichen Welt werden dargestellt.
Das Werk wird dadurch besonders wertvoll, da es sowohl die verschiedenen Ausdrucksformen der Kulturen aufzeigt, zugleich aber gerade auch das Verbindende unter den Menschen, seine soziale Natur herausarbeitet. Die Naturgewalten, das Überleben in den verschiedensten Regionen mit all den klimatischen und ernährungsbedingten Eigenheiten waren grundlegende Faktoren für Funktion und Form der Bekleidung. Und auch unter den schwierigsten Umständen gestaltet der Mensch mit seiner kreativen und schöpferischen Kraft alles, was ihm viel bedeutet, mit Liebe und Ideenreichtum. Eindrücklich dabei ist auch, dass trotz ständiger Migration und Austausch der Kulturen sich Traditionen erhalten und festigen konnten. Dabei spielt offensichtlich das soziale Zusammenleben der Familien, Stämme und Volksgruppen, die gegenseitige Hilfe eine entscheidende Rolle. Dieses Verständnis von Kultur, Menschenwürde und Zusammenleben ist gerade heute bitter nötig. In allen Teilen der Welt werden seit Jahrzehnten durch völkerrechtswidrige Kriege, Raubtierkapitalismus, Armut und gleichgeschalteter globalisierter Konsumwelt der Erhalt und die Weitergabe wertvoller Kulturtechniken zerstört. Mit diesem Standardwerk «Weltgeschichte der Bekleidung» der wunderschönen Bekleidungs- und Lebenskultur wird die Armseligkeit, kulturlose «Amerikanisierung» und rücksichtslose Kommerzialisierung und Ausbeutungsmentalität der heutigen Modekonsum- und Lebenswelt deutlich. Es ist zu hoffen, dass Kinder und Jugendliche wieder vermehrt in Schule und Elternhaus angeleitet werden, selber vernünftige Kleider zu nähen, sich für das Allgemeinwohl nützlich zu machen und auch mitzuhelfen, dass in den Ländern Armut, Krieg und Neokolonialismus beendet werden. Das Wissen um diesen reichen Kulturschatz gibt auch Anregungen zur sinnvollen «Hilfe zur Selbsthilfe». So könnten «Nähstuben», Handwerksateliers und Landwirtschaftseinrichtungen mit Mikrokrediten oder Spenden finanziert und aufgebaut werden, damit die Menschen in aller Welt ihre ureigene Kultur, ihre Tradition und ihren Lebensstil leben können. •