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Sonderausgabe April 2009: 10 Jahre nach dem Jugoslawien-Krieg

Eine internationale Konferenz in Belgrad zum 10. Jahrestag der Nato-Aggression

von Erika Vögeli

Am 24. März 1999 heulten in Belgrad die Sirenen – und dann begann mittags um 12 Uhr mit den ersten Bombardierungen die Aggression der Nato gegen einen souveränen Staat. Die Folgen für Land und Bevölkerung sind bis heute verheerend, sichtbar, fühlbar. In Serbien gedachte man dieses Tages am 10. Jahrestag der Toten und Verletzten* und der Folgen mit verschiedenen Veranstaltungen, darunter der internationalen, gut besuchten Konferenz «Nato-Aggression – Never to Forget» des «Belgrade Forum for the World of Equals», dessen Präsident Zivadin Jovanovic, ehemaliger Aussenminster Jugoslawiens, auch die Konferenz leitete.
Die zahlreichen Teilnehmer aus Serbien und verschiedenen anderen Ländern – Belgien, Brasilien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kanada, Russland, der Schweiz, USA und anderen – analysierten die damaligen Ereignisse und deren Folgen aus ihrer je eignen, unterschiedlichen Perspektive – alle jedoch verurteilten diesen Krieg in aller Entschiedenheit und Klarheit, mit dem, wie Prof. Mihajlo Markovic sagte, «die Macht des Rechts durch das Recht der Macht» verdrängt wurde und das Völkerrecht einen gewaltigen Schlag erlitt. In ihrer Vielfalt ordneten alle Vertreter Serbiens diese Aggression in den grösseren geostrategischen Zusammenhang ein und riefen den Zuhörern sämtliche Schritte und Aspekte dieser katastrophalen Entwicklung nochmals in Erinnerung – eine Entwicklung, die das Land zerstörte, verseuchte, dem «freien Markt» preisgab und den US-Strategen die Gelegenheit schuf, sich militärisch im Balkan festzusetzen.
Neben Vertretern der gegenwärtigen serbischen Regierung – dem Vizepremierminister Ivica Dacic, der Präsidentin der serbischen Nationalversammlung Prof. Slavica Djucic Dejanovic und Vertretern der serbischen Armee – beteiligten sich ehemalige Diplomaten, Professoren und Regierungsvertreter an der Konferenz, an der die Vertreter verschiedener anderer Länder ihre Solidarität mit dem serbischen Volk und dem ehemaligen Jugoslawien zum Ausdruck brachten. So der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark, der aus diesem Grund auch schon im März 1999 nach Belgrad reiste, der russische Botschafter Alexander Konuzin sowie Parlamentsabgeordnete verschiedener Länder und die Präsidentin des «World Peace Council», Soccoro Gomez aus Brasilien.1
Experten aus unterschiedlichen Bereichen wie der kanadische Wirtschaftswissenschafter Prof. Michel Chossudovsky, der die Auflösung Jugoslawiens in den Kontext eines globalen Wirtschaftskrieges und die Strategie der Auflösung der Nationalstaaten in Richtung Privatisierung bzw. Enteignung der Staaten stellte, der belgische Publizist Michel Collon, der die Mediendesinformation thematisierte und zu einem verstärkten Informationsaustausch und zur Überbrückung der Sprachbarrieren anregte, der französische General Pierre Marie Gallois (Videopräsentation) – er ordnete die Strategie zur Zerstückelung der Bundesrepublik Jugoslawien als von langer Hand geplante Strategie Deutschlands ein, dessen Interessen sich zu Beginn der 90er Jahre mit den geostrategischen Interessen der USA zusammenfanden, der französische Publizist Louis Dalmas – sein Thema war die ideologische Verdrehung verschiedener Anliegen wie Selbstbestimmung, Minderheitenrechte, Recht auf Gerechtigkeit, die alle unter dem Primat der Macht in ihr Gegenteil verkehrt und zu Kriegsgründen umgedeutet wurden. Der deutsche Autor Jürgen Elsässer richtete den Blick in die Zukunft und forderte angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise ein Umdenken in Europa, das sich als erstes aus der Abhängigkeit der USA lösen und eine eigene europäische Perspektive in Zusammenarbeit mit dem heutigen Russland aufbauen müsse.
Der bekannte Schweizer Umweltschützer Franz Weber sprach eindringliche Worte über die katastrophalen Folgen der Verseuchung Serbiens und des Kosovo durch den Einsatz verschiedener Waffen, insbesondere aber durch die Uranmunition. In Wiedergutmachung dieser Zerstörung der Lebensgrundlagen von Mensch und Tier habe das Land Anspruch auf Reparationszahlungen in der Höhe von 500 Milliarden Dollar. Zudem forderte er ein eigenes Tribunal der unterdrückten und blockfreien Länder in Genf, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, einen Prozess der Moral für die Wahrheit, geführt von den Bürgern der Welt.
Die einhellige Einschätzung an der Konferenz war, dass dieser Krieg zwar geographisch begrenzt war, aber in mehrfacher Hinsicht eine neue Ära einleitete und von globaler Tragweite war: Durch die organisierte psychologische Informationskriegsführung wurde der Boden für eine militärische Aggression bereitet, für die zunächst die internationalen Organisationen wie Uno und OSZE2 ausgeschaltet werden mussten; bei der Entscheidung für den Gewalteinsatz wurde der Uno-Sicherheitsrat ausgeschaltet, dessen Kompetenzen die Nato in flagranter Verletzung der Uno-Charta usurpierte, darauf folgte die Neudefinierung der Nato, die sich im Zuge dieses Kriegs das Recht zur Intervention ausserhalb ihrer Grenzen zur Wahrung ihrer Interessen – gegen jedes Völkerrecht, die Nürnberger Prinzipien und das Aggressionsverbot der Uno-Charta – ganz einfach selbst in ihre Satzung schrieb, womit sie vom Verteidigungs- zum Angriffsbündnis mutierte – all dies diente nicht den damit ebenfalls missbrauchten Menschenrechten der Menschen in Kosovo, sondern der Ausdehnung der globalen Dominanz der USA und ihrer Nato-Partner. Denn, wie der Philosoph Mihajlo Markovic in seinem Kongressbeitrag ausführte: «Die Bombardierungen haben einerseits Serbien unermesslichen materiellen Schaden zugefügt, sie führten andererseits zum moralischen Niedergang der Nato-gestalteten Zivilisation. Denn eine Zivilisation verschwindet unweigerlich, wenn sie beginnt, die übergreifenden ethischen Werte zu zerstören, und nur noch in der Verfolgung nackter Interessen funktioniert, die Macht an die Stelle des Rechts tritt und die Wahrheit durch monströse Lügen verdunkelt wird, und wenn die irrationale und unersättliche Gier den menschlichen Geist und Zusammenhalt unterdrückt. Ein ökologisch zerstörter Kosovo, übersät mit Bomben, gefüllt mit atomaren Abfallprodukten, ist nichts als ein Opfer dieses Übels.»3
Nicht weniger klar und entschlossen präsentierten sich an einer weiteren Veranstaltung in Form einer Gedenkfeier am Abend des 24. März die Vertreter der serbisch-orthodoxen und nationalen Kräfte, die von dem serbischen Kulturmagazin Dveri Srpske organisiert wurde. Das Kongresszentrum war mehr als voll, als Vertreter der serbisch-orthodoxen Kirche, von Politik, Kultur und Kunst der Aggression gedachten – würdig, bewegend, und in ihrer Ablehnung der Nato-Aggression ebenso klar und entschieden.
Der Krieg hat den Menschen, ihrer Gesundheit, ihrer Umwelt und ihren Lebensgrundlagen, ihrer Wirtschaft, Infrastruktur und vielem mehr schweren Schaden zugefügt. Er hat die Wahrheit zeitweise verdrängt. Aber diese wird sich nicht mehr lange unterdrücken lassen. Wie General Slobodan Petkovic, Spezialist für ABC-Waffen, sagte: «Und wo liegt die Wahrheit? Leider erlebt unsere Bevölkerung diese Wahrheit je länger, je mehr. Es sind die zunehmenden Fälle von Krebserkrankungen und anderen Krankheiten.» Noch so manipulierte Berichte und ein noch so dichter Nato-diktierter Vorhang des Verschweigens werden diese Tatsachen auf die Dauer nicht verheimlichen können. Eu­ropa täte gut daran, die Forderung Franz Webers nach einem moralischen Tribunal für die Wahrheit jetzt aufzugreifen und Serbien – und all den anderen damit gequälten Ländern – bei der Bewältigung der Folgen dieses Krieges als Gleichwertige in einer «world of equals» an die Seite zu stehen. Wenn es zu spät kommt, bestraft es die Geschichte.    •

1 Das Belgrade Forum wird eine vollständige Liste der Redner mit einem Kongressbericht publizieren.
2 vgl. dazu Loquai, Heinz. Der Kosovo-Konflikt. Wege in einen vermeidbaren Krieg. Die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos-Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2000.
3 Mihajlo Markovic – Abstract zur Konferenz.

*Die Webseite www.mtsmondo.com/news gibt für die unmittelbaren Opfer Serbiens 1002 tote Soldaten, circa 2000 getötete Zivilisten (darunter 88 Kinder) und circa 6000 Verletzte an.

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