von Reinhard Koradi, Dietlikon
Mit Blick auf den Welternährungstag vom 17. Oktober 2009 veröffentlichten die FAO (UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft) und das WEP (Welternährungsprogramm) ihren zehnten Welternährungsbericht seit der Gipfelkonferenz über Welternährung 1996. Die Resultate sind alarmierend. Die Zahl der hungernden Menschen ist um über 100 Millionen auf 1,02 Milliarden gestiegen und hat damit einen unakzeptablen Höchststand erreicht. Jeder sechste Mensch auf dieser Welt leidet Hunger mit gesundheits- oder gar lebensbedrohenden Folgen. Das Hungerproblem kann auch nicht mehr auf einzelne Regionen lokalisiert werden. Zwar sind die ärmsten Länder immer noch am stärksten von der Hungerplage betroffen, doch Hunger und Armut verbreiten sich über den gesamten Globus – allerdings mit unterschiedlicher Schärfe. In Asien und der Pazifikregion leiden dem Bericht zufolge 642 Millionen Menschen an chronischem Hunger, in Afrika südlich der Sahara 265 Millionen. In Lateinamerika und in der Karibik schätzen die UN-Organisationen die Zahl der unterernährten Menschen auf 53 Millionen, im Nahen Osten und in Nordafrika auf 42 Millionen. Selbst in Industriestaaten fehlt es dem Bericht zufolge 15 Millionen Menschen an ausreichender Nahrung. Für die Verschärfung der Hungerkrise führt der Welternährungsbericht drei hauptsächliche Ursachen auf. • Die Nahrungsmittelkrise und die darauf folgenden Preiserhöhungen auf den Lebensmitteln, vor allem auf den Heimmärkten in den weniger entwickelten Ländern. • Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die gerade dann ausbrach, als die Lebensmittelkrise ihren Höhepunkt erreicht hatte, sowie die verstärkte Einbindung der Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft und zwar sowohl in bezug auf die Finanzen als auch auf den Güteraustausch. • Die hohe Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Kaufkraftverlust bei den bereits schon recht armen Bevölkerungsschichten.
Die Nahrungsmittelkrise
Die Unruhen in Mexiko zu Beginn des Jahres 2007 sowie in Haiti im Jahr 2008 verdeutlichten die Not und den Zorn der Bevölkerung über die ungenügende Lebensmittelversorgung und die exorbitant steigenden Preise für die Grundnahrungsmittel. Sie drücken die Verzweiflung der unterernährten Menschen aus und decken die Schwächen einer fehlgeleiteten Agrar-, Wirtschafts-, Energie- und Handelspolitik schonungslos auf. Die Verweigerung, den Bauern kostendeckende und damit existenzsichernde Preise für ihre Produkte zu bezahlen, haben die Landwirte in den Industrieländern zum überbordenden Mengenwachstum und zur industriellen Landwirtschaft gezwungen. Verbunden mit falschen Anreizsystemen in der Agrarwirtschaft (Einkommensverbesserung durch Produktivitätssteigerung mit entsprechender Überproduktion), Ressourcenverschleiss durch schonungslose Ausbeutung und den ungebremsten Einsatz von künstlichen Wachstumsförderern sowie chemischen Pflanzenschutzmitteln gerieten Lebensmittelproduktion und -versorgung in eine Schieflage.
Westliche Agrar-Exporte zerstören Existenzgrundlagen
Das Ungleichgewicht zwischen Produktion und Nachfrage versuchen die grossen Agrar-Exportnationen der westlichen Welt durch die äusserst problematische Überschwemmung von Entwicklungsländern mit Grundnahrungsmitteln zu Dumpingpreisen (Exportsubventionen) auszugleichen. Damit wird die Existenzgrundlage der lokalen Kleinbauern zerstört. Die örtliche Grundnahrungsmittelproduktion und -versorgung auf der Basis der Selbstversorgung bricht zusammen. Dazu kommen Missernten in Folge von Dürren und Überschwemmungen, wachsende Importe von China und Indien sowie der Boom des Bio-Sprits, der zur Verringerung von Anbauflächen für Lebensmittel geführt hat. Last but not least gehören auch internationale Investmentfonds zu den Verursachern der Nahrungsmittelkrise, indem sie über die virtuelle Nachfrage die Preise in die Höhe trieben. Die Preise für wichtige Grundnahrungsmittel sind zwar auf den internationalen Märkten wieder etwas gesunken. Sie verharren aber immer noch auf einem höheren Niveau als zu Beginn des Jahrtausends und belasten zusammen mit den inflationären Folgen des schwachen Dollars und den hohen Energiepreisen die Haushaltsbudgets der einzelnen Familien sehr.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise
Mitten in die Nahrungsmittelkrise platzte –ausgehend von den USA – die durch Spekulationen übersättigte Immobilienblase. Sehr schnell folgte die globale Finanzkrise, die gleich einer Kette umfallender Dominosteine grosse und renommierte Banken zu Fall brachte – hauptsächlich in der westlichen Welt. Das gesamte Finanzsystem der neoliberalen Wirtschaftsarchitektur verlor den Boden unter den Füssen und musste mit mehreren tausend Millionen US-Dollar, Euro usw. aus den verschiedenen Staatskassen gestützt respektive gerettet werden.
«Lösung» für die Banken – Lasten für die Steuerzahler
Die rigorosen Finanzhilfen durch die öffentliche Hand halfen den privaten Banken, die Krise innerhalb ihrer Branche nach aussen hin weitgehend aufzufangen. Geblieben ist aber eine riesige Schuldenlast der Staaten. Eine Last, die letztlich die Bürger zu begleichen haben – sei es über höhere Steuern oder laufenden Leistungsabbau im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen. Die Grundversorgung durch den Staat wird wegen fehlender Gelder massiv redimensioniert. Die Finanzkrise hat aber noch ein weiteres Opfer gefordert – die Volkswirtschaft. Und die Krise der Volkswirtschaften ist nachhaltiger und viel schwerer zu überwinden, da es hier nicht um einzelne private Banken geht.
Zerstörte volkswirtschaftliche Ordnungs- und Steuerungsmechanismen
Es geht um den Werkplatz jeder einzelnen Nation und ihre Wertschöpfung, um eine Vielfalt von unterschiedlichsten Branchen, um grosse, mittlere und kleinere Unternehmen, um Arbeitsplätze und letztlich um die Existenzsicherung für jede einzelne Familie. Eine Aufgabe oder auch Herausforderung, die wegen der unterschiedlichsten Rahmenbedingungen und Problemstellungen nicht im globalen Rahmen gelöst werden kann. Vielmehr geht es hier um orts-, sach- und problembezogene, geradezu chirurgische Eingriffe und Ordnungsaufgaben, die weder von oben noch durch Zentralen gelöst werden können. Allerdings wurden im Rahmen der Globalisierung und Liberalisierung den Staaten die volkswirtschaftlichen Instrumente aus der Hand genommen. Die Werkzeuge liegen nun in den Zentralen (Brüssel, Washington, New York usw.), sind aber untauglich, da sie buchstäblich zu kurz greifen. Sie zerbrechen an der globalen Aufgabenstellung, weil es eine globale Volkswirtschaft gar nicht gibt. Vielmehr können Massnahmen, die in einem Staat positive Wirkungen zeigen, die Krise in anderen Staaten weiter verschärfen. Der tiefe Dollarkurs mag ein Segen für die USA sein (verbesserte Wettbewerbsfähigkeit auf den Auslandmärkten, währungsbedingte Reduktion der Auslandschulden usw.), verschlechtert aber die Situation in anderen Ländern und Regionen. (Exportprodukte für die USA sind nicht mehr wettbewerbsfähig, Kaufkraftverlust auf den US-Dollarguthaben usw.)
«Integration» macht verletzlicher
Folgerichtig verweist der Welternährungsbericht daher auf die Tatsache, dass die Entwicklungsländer durch die fortschreitende Integration in die Weltwirtschaft – sowohl auf der Ebene der Finanzen als auch des Güteraustauschs – viel verletzlicher gegenüber Änderungen auf den internationalen Märkten geworden sind. So leiden die Entwicklungsländer unter der aktuellen Wirtschaftskrise mehr, als dies vor zwanzig Jahren der Fall war. Sie haben die Krise zwar nicht verursacht, die Folgen spüren sie aber sehr wohl. Kredite und Entwicklungshilfe aus dem Ausland, aber auch die Auslandinvestitionen, Exporte und der Rückfluss an Geldern von Familienmitgliedern, die ausserhalb ihrer Heimat Arbeit gefunden haben, sind erheblich eingebrochen. Als Beispiel wird im Report die Entwicklung der Finanzzuflüsse aus dem Ausland in die 17 grössten lateinamerikanischen Volkswirtschaften aufgezeigt. Im Jahr 2007 flossen 184 Milliarden US-Dollar in diese Länder, 2008 waren es nur noch 89 Milliarden, und für das Jahr 2009 wird der Zufluss noch auf 43 Milliarden geschätzt.
Weniger Geld für Nahrung und Gesundheitspflege
Konfrontiert mit hohen Lebensmittelpreisen, gesunkenem Einkommen und Arbeitslosigkeit mussten die Menschen in diesen Ländern bereits Teile ihres Besitzes verkaufen, den Konsum von Lebensmitteln reduzieren und die Ausgaben für den existentiellen Lebensunterhalt wie Gesundheit und Bildung einschränken. All diese Familien laufen Gefahr, noch mehr unter dem Mangel zu leiden und noch tiefer in die Hunger-Armuts-Falle zu geraten.
Arbeitslosigkeit überwinden
Im Bericht zeigt das UN World Food Program (WFP) in einer Fallstudie einen Weg aus der Krise am Beispiel von fünf Ländern auf: Armenien, Bangladesh, Ghana, Nicaragua und Sambia. In dieser Studie wird aufgezeigt, wie die Familien durch den Ausfall von Geldsendungen und andern Einflüssen des wirtschaftlichen Niedergangs betroffen wurden. Es wird aber auch aufgezeigt, wie in diesen Ländern die Regierung auf die Krise reagierte. So wurde in die örtliche Landwirtschaft und die Infrastruktur investiert und das Sicherheitsnetz für die betroffenen Familien ausgebaut. Diese Massnahmen werden helfen, Leben und Familien zu retten – aber wegen der Ernsthaftigkeit der aktuellen Krise muss noch viel mehr getan werden, sagt der Report. Jacques Diouf, Generaldirektor der FAO, will daher die Landwirtschaft krisensicher machen. Er fordert für Kleinbauern den Zugang zu qualitativ hochwertigem Saatgut, Dünger und Tierfutter sowie modernen Technologien. Ausserdem bräuchten die Regierungen der Entwicklungsländer geeignete wirtschaftliche und politische Instrumente, um die Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern zu stabilisieren und deren einseitige Abhängigkeit von der Weltwirtschaft aufzulösen. Investitionen in die Landwirtschaft helfen nicht nur den Hunger zu überwinden, sie tragen auch zur wirtschaftlichen Stabilität bei, sichern das Wirtschaftswachstum und schaffen Arbeitsplätze in den weniger entwickelten Ländern. Die Welt verfügt über die notwendigen wirtschaftlichen und technischen Mittel, um alle Menschen zu ernähren. Was es jetzt braucht, sind wirkungsvolle Schritte, um Hunger und Armut zu bekämpfen.
Der Weltagrarbericht zeigt die notwendigen Schritte auf
Die Forderungen aus dem Welternährungsbericht und des Weltagrarberichtes decken sich. Im Grundsatz geht es um die Stärkung der Nahrungsmittelproduktion und Versorgung auf lokaler Ebene. Gefordert wird eine ökologische Landwirtschaft, die die immer knapper werdenden Ressourcen und die Umwelt schont. Die Fähigkeit zur Selbstversorgung ist mit Rücksicht auf die geographischen, klimatischen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu fördern. Die regional ausgerichtete bäuerliche Landwirtschaft ist die wirkungsvollste Antwort auf das Hungerproblem in der Welt. Dazu braucht es den ungehinderten Zugang zu Boden, Wasser, Saatgut und Wissen für alle in der Lebensmittelproduktion, Verarbeitung und Verteilung involvierten Menschen und Organisationen. Ebenso notwendig ist, die effektiven Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung zu eruieren und das Wissen der Frauen und Männer über den Landbau vor Ort ernsthaft entgegenzunehmen. All diese Erkenntnisse müssen endlich in die Entwicklungshilfe und Agrarpolitik – sowohl bei den Industrieländern als auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern – einfliessen. Wir brauchen Anbaumethoden, die Klima und Ressourcen schonen. Wir brauchen Menschenrechts- und Nachhaltigkeitskriterien für alle Agrarprodukte. Die Industrialisierung der Landwirtschaft (immer noch grösserer Monokulturbetriebe) und der Einsatz von Gentechnik ist keine Lösung, sondern Teil des Problems! Markt- und Handelspolitik sind darauf auszurichten, dass sie allein dazu beitragen, das Hunger- und Armutsproblem für alle Menschen auf unserem Planeten zu lösen. Dabei ist auch der beschäftigungspolitische Einfluss einer auf Selbstversorgung ausgerichteten Landwirtschaft angemessen zu gewichten. In einer zukunftsgerichteten Landwirtschafts- und Ernährungspolitik geht es um Ernährungssicherheit, die ökologische Nachhaltigkeit und die Existenzsicherung von klein- und mittelgrossen Familienbauernbetrieben. Die Ursachen von Hunger und Armut sind erkannt, und auch die Lösungen liegen auf dem Tisch. Was es jetzt braucht, ist ein mutiger Schritt zu einer wirkungsvollen Hilfe zur Selbsthilfe im Kampf gegen Hunger und Armut. FAO-Generaldirektor Jacques Diouf formulierte es so: «Die Welt-Leaders haben kraftvoll auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert und innert kurzer Zeit erfolgreich Milliarden von Dollar mobilisiert. Die gleich starke Aktion ist nun notwendig, um Hunger und Armut zu bekämpfen.» •
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