«Die Bevölkerung zeigte grosses Interesse an der Weiterführung des Bahnhofs»

Ein Interview mit Vreni Züger, Stationshalterin in Islikon TG

thk. Bisher haben sich sieben Stationshalter zur IG Stationshalter zusammengeschlossen. Allen sieben Bahnhöfen (Ossingen ZH, Elgg ZH, Islikon TG, Nottwil LU, Schänis SG, Tecknau BL, Wipkingen ZH), die privat geführt werden, haben die SBB angekündigt, die Provision für den Verkauf von Generalabonnements drastisch zu kürzen (vgl. «Zeit-Fragen» Nr. 33, Interview mit Nationalrat Jakob Büchler). Für den Erhalt dieser kleinen Bahnhöfe ist der Verkauf dieser GA aber eine wichtige Einnahmequelle, und ohne diese ist eine Weiterführung der Stationen sehr in Frage gestellt. Was das zur Folge hätte, beantworten Vreni Züger, Stationshalterin in Islikon, und Karl Reichenbach, Stationshalter in Schänis, in den nachfolgenden Interviews. Es ist offensichtlich, dass bei den SBB nicht mehr das Gemeinwohl, eine flächendeckende Versorgung des Landes mit einer guten Infrastruktur, im Vordergrund steht, sondern allein die Rendite. Bei der Ausrichtung auf Gewinn und noch mehr Gewinn, in einer Zeit, in der die Spekulationsblasen eine nach der anderen platzen, bräuchte es auch bei den SBB ein Umdenken und eine Besinnung auf den eigentlichen Auftrag des öffentlichen Verkehrs. Dass die heutige Ausrichtung der SBB an den Bedürfnissen vieler Bürger, besonders auf dem Land und in den Randregionen, vorbeigeht, ist augenscheinlich. Hier will die von Bürgern ins Leben gerufene Interessengemeinschaft Stationshalter eingreifen und die SBB auf eine am Gemeinwohl orientierte Betriebspolitik verpflichten.

Zeit-Fragen: Seit wann führen Sie die Station in Islikon, und wie ist es dazu gekommen?

Vreni Züger: Seit Sommer 2000 führe ich die Station. Zunächst wollte ich nur den Raum mieten, als ich erfahren hatte, dass der Bahnhof geschlossen werden sollte. Ich bin Lehrerin gewesen und hatte einen Hausaufgabentreff aufgebaut und wollte in Islikon einen Raum mieten. Als bei den Mietverhandlungen für das Stationsbüro der genaue Termin feststand, machten mir die SBB das Angebot, gleich den Billettverkauf zu übernehmen. Innert zwei Wochen hatte ich mich dazu entschlossen, mich als Quereinsteigerin auf dieses Angebot einzulassen. Während nur gerade einer zweiwöchigen Schulung durch die SBB begann ich mit dem «Learning by doing».

Was hat Sie bewogen, den Billettverkauf zu übernehmen?

Zum einen war der Hausaufgabentreff keine grosse Einnahmequelle, vor allem weil ich auch die Gebühren tief halten wollte, damit jeder die Möglichkeit hatte, diesen in Anspruch zu nehmen, zum andern die Herausforderung und weil ich es bedauerlich gefunden hätte, wenn die Station hier geschlossen worden wäre. Auch die Bevölkerung zeigte grosses Interesse an der Weiterführung des Bahnhofs.

Wie trägt sich der Bahnhof heute?

Anfangs lief es sehr harzig, vor allem weil die Schliessung bei den SBB intern bereits beschlossen und kommuniziert war und so die Infos und zum Beispiel Prospekte immer weniger geliefert wurden. Danach hatte sich das Ganze aber eingependelt und der Umsatz in den zehn Jahren verdreifacht. Bei der Umstellung auf das neue Prisma-Verkaufssystem verlangten die SBB eine jährliche Lizenz- und Wartungsgebühr von etwa 20 000 Franken. Zu diesem Zeitpunkt war der Verdienst noch so tief, dass eigentlich nichts mehr übriggeblieben wäre. Es gab eine Unterschriftensammlung, die Gemeinde und der Kanton wurden eingeschaltet. Sie haben dann die Kosten übernommen, so dass ich hier weitermachen konnte. Diese finanzielle Unterstützung ist nun seit zwei Jahren dank der grossen Stammkundschaft nicht mehr nötig.
Mit der angekündigten Provisionskürzung der SBB wäre ich wieder auf finanzielle Unterstützung angewiesen, wenn der Bahnhof weiterhin bedient bleiben sollte.

Sie sind selbständig und nicht bei den SBB angestellt?

Richtig, ich bin selbständig und kann so meine Öffnungszeiten selbst bestimmen und was ich zusätzlich noch anbieten möchte. Aber ich muss sämtliche Betriebskosten wie Versicherungen, Miete, Wartungskosten, Mobiliar usw. selbst finanzieren. Um mein Pensum planen zu können und damit die SBB-Agentur auch bei Ferien und Krankheit weiterläuft, unterstützt mich eine Mitarbeiterin. Dies alles ist mit der Provision zu ­finanzieren, und der Gewinn fällt bei den jetzigen Vertragsbedingungen nicht besonders hoch aus. Hätte ich zu Beginn geahnt, mit welchen Dingen ich als Einzelfirma konfrontiert werde, hätte ich wahrscheinlich den Mut dazu nicht gehabt. Und das wäre mit Sicherheit schade gewesen.

Gehört auch eine Portion Idealismus dazu?

Ja, das schon. Wenn ich den Stundenlohn ausrechne, dann zahlt sich das natürlich nicht aus. Aber die Erfahrungen, die ich hierbei sammeln konnte, das ist schon auch ein immenser Gewinn. Und die Menschen schätzen die Dienstleistung eines bedienten Bahnhofs sehr.
Am Anfang lief noch alles doppelt. Ich hatte den Hausaufgabentreff und den Billettschalter. Das lief dann teilweise parallel. Doch mit der Zeit hat die Arbeit am Schalter so stark zugenommen, dass ich mir irgendwann sagen musste, das geht nicht beides zusammen. Von der Algebra an den Billettschalter und wieder zurück, das war schlicht nicht mehr möglich. Einer war dann immer am Warten.

Das zeigt doch aber auch, dass ein bedienter Bahnhof ein Bedürfnis der Bevölkerung ist.

Ja, die Zahlen sind jedes Jahr gestiegen, aber nicht nur der Umsatz, sondern auch die Leute, die gekommen sind. Und ich war noch nie einen halben Tag hier, ohne dass Kunden gekommen sind. Im Schnitt kommen etwa 20 bis 30 Personen am Tag, die den Schalter aufsuchen. Dabei habe ich nicht den ganzen Tag offen, sondern eigentlich nur 7 Stunden am Tag. Am Morgen von 6.45 bis um 10 Uhr und am Nachmittag von 15 bis um 18.45 Uhr. Und zusätzlich kommen x Stunden für die täglichen Büroarbeiten dazu.

Wie beurteilen Sie die Massnahmen der SBB?

Wenn die SBB die Provision für das Generalabonnement streichen, wie sie angekündigt haben, dann ist das für mich eine Einbusse von einem Drittel der Einnahmen, und dann wird es finanziell sehr eng. Vor allem für diejenigen Stationshalter, die davon leben müssen, deren Existenz davon abhängig ist.

Was für Billette kann man bei Ihnen am Schalter beziehen?

Das gesamte nationale und internationale Sortiment. Alles, was die SBB selber auch anbieten. Auch die verschiedenen Verbunde, die die SBB im Sortiment haben: den Verbund Ostwind hier im Thurgau. Aber weil ich so nahe an der Kantonsgrenze von Zürich bin, habe ich auch Zugriff auf den ZVV (Zürcher Verkehrsverbund). Das ist natürlich ein grosser Vorteil. Deshalb habe ich ein grosses Einzugsgebiet. Wenn der bediente Bahnhof hier nicht wäre, müssten die Leute nach Winterthur gehen.

Die SBB argumentieren gerne, dass ein Billett­automat das alles ersetzen könne.

Nein, das stimmt so nicht, Rundfahrten und Reservationen sind nicht möglich. Das fängt schon an, wenn man mit dem Velo gehen will. Man muss bei bestimmten Zügen fürs Velo reservieren, sonst geht das nicht. Mit einem Automaten ist das nicht möglich. Auch für Gruppenreisen, Schülerreisen usw. gibt es keine internationalen Billette, keine Angebote wie Inter-Rail usw., das gibt es nur bei mir am Schalter. Abgesehen davon ist das Bedienen des Automaten auch nicht jedermanns Sache, nicht nur alte Leute haben damit grosse Mühe.
Dazu kommt noch, dass das ganze SBB-Sortiment so kompliziert geworden ist, dass die Kunden sich gerne beraten lassen. Und wir nehmen uns nach Möglichkeit auch die Zeit dazu, ausführliche Fahrpläne zusammenzustellen.

Was sagt die Bevölkerung dazu?

Die Bevölkerung schätzt das sehr. Die Reaktionen kamen prompt, vor allem möchte sie gerne, dass der bediente Bahnhof bleibt. Seit wir hier den Halbstundentakt bekommen haben, wird der Bahnhof noch viel stärker frequentiert, und das Bedürfnis nach einer bedienten Bahnstation ist sehr gross. Ich habe während der letzten Jahre auch meine Öffnungszeiten dementsprechend angepasst.

Wie kann man als Bürger etwas zum Erhalt der betroffenen Bahnhöfe beitragen?

Zum Beispiel als passives Mitglied in der IG Stationshalter kann man uns unterstützen. Mit der IG Stationshalter möchten wir erreichen, dass diese Bahnhöfe weiterhin bedient bleiben. Auch die Landbevölkerung hat ein Recht auf diesen Service, und es sollten nicht immer nur die Städter bevorzugt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.    •