«Die Menschen haben mir die nötige Unterstützung gegeben»

Ein Interview mit Karl Reichenbach, Stationshalter in Schänis SG

Zeit-Fragen: Wie sind Sie hier in Schänis Stationshalter geworden?

Karl Reichenbach: Ich bin nach meiner zweiten Ausbildung als Bahnhofsvorstand nach Schänis versetzt worden. Im Jahre 1999 sollte der Bahnhof geschlossen werden, und ich konnte mit den SBB im Jahr 2000 ein Projekt starten, das aus einer 50%-Anstellung und 50% Selbständigkeit bestand. In dieser Zeit begann ich den Kiosk aufzubauen. 2001 eröffneten mir die SBB, dass das Projekt für sie beendet sei und sie jetzt den Bahnhof schliessen sowie das Gebäude abreissen würden. Sie wollten nur noch eine, wie man sagt, «schlanke Infrastruktur» aufrechterhalten. Daraufhin fingen die Bürger der umliegenden Gemeinden an, Unterschriften zu sammeln, so dass sich die Gemeinde, der Kanton und andere Organisationen einschalteten. Daraufhin boten die SBB das Stationshaltermodell an, was bedingte, dass ich das Haus kaufen musste. Auf 1. Januar 2002 habe ich das Haus gekauft und begonnen, die Infrastruktur immer weiter auszubauen.

Was war Ihre Motivation, das nicht einfache Projekt weiterzuführen?

Die Bevölkerung, die Menschen. Sie haben mich auch massiv unterstützt, und das hat mir die nötige Motivation gegeben, das weiterzuführen. Das war wichtig, denn der Druck von seiten der Bahn war immer sehr stark. Wir gründeten schon seinerzeit eine Interessen­gemeinschaft, um die Verträge zu bekommen, die bis jetzt noch gültig, aber, wie Sie wissen, gekündigt worden sind. Diese IG hat mich sehr angespornt, und gleichzeitig hat es auch zu einer Umsatzsteigerung geführt. Von 2004 bis 2007 war ich noch in Schmerikon Stationshalter, dort wollten sie ebenfalls den Bahnhof abreissen. Die SBB haben aber entschieden, das dort ein «Avec» entstehen sollte. So habe ich 2007 den Ort wieder verlassen und bin seither nur in Schänis.

Neben der Einstellung, etwas für die Allgemeinheit zu tun, müssen Sie natürlich auch von der Arbeit leben können, und nicht nur das. Sie haben den Bahnhof gekauft, und wie ich sehe, sind Sie daran, die Fassade zu renovieren, da gibt es Kosten, die getragen werden müssen. Wie sieht das konkret aus?

Ein Standbein ist der Billettverkauf, das andere ist der Kiosk- und der Bistroverkauf, dazu mache ich noch Reservationen für die Furka-Bergstrecke. Und alles zusammen ergibt so viel, dass ich davon leben kann. Den kleinen Gewinn, den ich bisher gemacht habe, investiere ich in den Erhalt der Liegenschaft. Gewinn habe ich so eigentlich keinen. Wenn meine Eltern nicht geholfen hätten, hätte ich den Bahnhof nicht kaufen können. Es brauchte als erstes eine Bankgarantie, und zwar zwei Monatsumsätze. Woher soll man als 24jähriger das Geld nehmen?

Was will die SBB nun an diesem Modell ändern?

Die Kündigung habe ich schriftlich und alles andere bisher nur mündlich. Die Kündigung beinhaltet, dass man beim Verkauf eines Generalabonnements weniger Provision bekommt, und das macht bei mir 50% der Einnahmen aus. Wir verkaufen hier ungefähr 500 GA und etwa 24 000 normale Billette im Jahr. Man kann schon sagen, dass man mit dem GA quersubventioniert, aber das ist immer so. Wenn einer kommt und eine Fahrplanauskunft will, dann ist das damit abgedeckt. So gibt es eine Mischrechnung. ­Kostendeckend arbeiten kann man nur mit den Billetten. Früher war das nicht der Fall, aber inzwischen, nachdem ich hier einiges aufgebaut habe, kann ich sogar Lehrlinge ausbilden. Insgesamt arbeiten 5 Personen hier, und meine Frau unterstützt mich sehr.

Wie hat sich der Bahnhof entwickelt? Wie viele Leute bedienen Sie am Tag?

Als ich als Selbständigerwerbender im Jahr 2000 angefangen habe, hatte ich ungefähr 30 Kunden am Tag. Heute bin ich bei durchschnittlich 230 bis 250 Kunden. Der Billettverkauf hat sich in dieser Zeit verdreifacht. Die Leute schätzen das sehr. Es kommen auch nicht nur Leute aus Schänis, sondern aus der ganzen Region. Es hat aber auch Kunden, die weiter entfernt sind, und sie wollen, dass es weiterhin einen bedienten Bahnhof gibt. Sie zeigen somit ihre Sympathie, indem sie hierherkommen und das Billett kaufen. Natürlich auch GA, und das wollen die SBB verhindern. In den letzten Jahren gab es von den SBB her immer einseitige Vertragsanpassungen, und das schlägt natürlich immer auf die Motivation. Man möchte für die geleistete Arbeit auch angemessen entschädigt werden, darum geht es mir.

Welches Ziel verfolgen die SBB, was denken Sie, ist ihre Intention?

Seit zwanzig Jahren wollen sie die Bahnhöfe abschaffen und an deren Stelle einen Automaten aufstellen. Viele Bahnhöfe sind geschlossen worden, und deshalb kommen die Menschen zu uns und kaufen die Billette, denn viele wollen das einfach nicht. Es ist genau wie bei der Post. Erst als man die Standesinitiative mit dem schweizweiten Netz durchgebracht hat, hat das aufgehört. Wahrscheinlich brauchen wir bei den SBB auch so etwas. Man muss einmal hinstehen und sagen: Nein, so nicht. Wir wollen bediente Bahnhöfe auch auf dem Land, nicht nur in den Städten. Wenn der Bahnhof Ziegelbrücke auch noch schliessen würde, und wir wissen nicht, welche Pläne die SBB verfolgen, und Schänis auch nicht mehr da ist, dann müss­ten die Leute bis nach Glarus oder Rapperswil fahren, um ein Billett zu lösen. Das kann es nicht sein.
Natürlich sind die SBB auch unter finanziellem Druck, aber das Ganze geht für mich nicht auf. Auf der einen Seite sagen sie, wir verdienen zuviel, auf der anderen Seite machen sie ständig irgendwelche Angebote und Aktionen: Wenn man online bestellt, bekommt man einen Bonus, mit Kreditkarten usw.

Was möchten Sie mit der IG Stationshalter erreichen?

Wir können als Interessengemeinschaft gegenüber der Bahn besser auftreten. Ob die SBB das akzeptieren oder nicht, das sei dahingestellt. Das letzte Mal hatten wir jedenfalls Erfolg, als wir geschlossen aufgetreten sind. Am Anfang haben wir 10% bekommen. Dann fingen die SBB an, uns zu drücken, worauf wir die IG gegründet haben. Inzwischen geben sie uns noch 9% auf das gesamte SBB-Sortiment. Nach ein paar Jahren haben sie dann entschieden, für gewisse Produkte nichts mehr zu geben. Teilprodukte sind dann aus dem Sortiment verschwunden. Die Provision für die «Tageskarte Gemeinden» wurde vor einem Jahr gestrichen. Dann wollten sie uns nur noch 50 Franken dafür geben. Es werden uns immer Hürden in den Weg gelegt. Der Druck ist gross, und so kann es nicht mehr weitergehen. Irgendwo ist eine Grenze. Mit der IG können wir gemeinsam auftreten und uns für unsere Anliegen besser einsetzen.

Wer gehört alles zu der IG Stationshalter?

Es sind 7 Stationshalter und einige Private und Politiker, die sich zusammengeschlossen haben. Am 1. August haben wir den Grundstein gelegt. Am 27. August haben wir bereits unser erstes Koordinationstreffen. Dann werden wir sehen, wie es weitergeht. Unser Ziel ist es, die Bahnhöfe zu erhalten und den Menschen, die uns unterstützen und unsere Arbeit schätzen, weiterhin dieses Angebot zu ermöglichen.

Vielen Dank für das offene Gespräch.    •

Herzlich willkommen bei den privat geführten Bahnhöfen!

Als Drittverkäufer führen wir Stationshalter SBB-Agenturen und verkaufen das gesamte Billettsortiment der SBB auf nationaler wie auch internationaler Ebene. Dafür erhalten wir Provisionen, wovon wir sämtliche Ausgaben wie Wartungs-und Lizenzgebühren, Miete, Löhne, Versicherungen usw. begleichen müssen. Unsere SBB-Agenturen sind in den meisten Fällen Einzelfirmen, wobei auch die Sicherheiten gegenüber der SBB und den Banken mit privaten Mitteln gestellt werden müssen.
Unser Gewinn ist somit die Provision abzüglich der Aufwände, die wie erwähnt für den Betrieb der Agenturen anfallen.
Die SBB haben nun unsere bestehenden Verträge gekündigt. Die neuen Verträge bedeuten bis zu 50% weniger Provisionen. Dies ist nicht mehr tragbar, und ein Verdienst aus dem Billettverkauf ist so unmöglich.
Wir haben uns nun zu einer Interessensgemeinschaft Stationshalter zusammengeschlossen. Mit diesem Verein setzen wir uns für die Erhaltung von privat geführten Billett-Verkaufsstellen in Schweizer Bahnhöfen zu fairen Bedingungen ein.
Da Sie uns hier gefunden haben, laden wir Sie ein, unserer IG Stationshalter beizutreten.
Werden Sie Mitglied und unterstützen Sie uns als tatkräftige Stimme bei der fairen Umsetzung für diese persönliche Art von Billett-Verkaufsstellen!

Einladung zur ersten Versammlung der IG-Stationshalter

(Alle Interessierten – auch Nicht-Mitglieder – sind herzlich willkommen!)
Damit wir mit einer starken Stimme unsere Anliegen der SBB gegenüber vertreten können, haben wir am 1. August 2011 die  IG Stationshalter  ins Leben gerufen.

Zu den Gründungsmitgliedern zählen:
Köbi Büchler, Nationalrat CVP SG, Präsident
Karl Reichenbach, Stationshalter Schänis SG, Kassier
Vreni Züger, Stationshalterin Islikon TG, Aktuarin
Ueli Pfister, Stationshalter Tecknau BL, Beisitzer
(Köbi Büchler hat sich als neutrale Person gegenüber der SBB zur Verfügung gestellt.)

Wir laden nun alle weiteren betroffenen Stationshalter sowie Personen, die sich für die Erhaltung von privat geführten Billett-Verkaufsstellen in Schweizer Bahnhöfen zu fairen Bedingungen einsetzen möchten, zur ersten Versammlung ein.

Zeit: 27. August 2011, 17.00 Uhr
Ort: Restaurant Schützenruh, Uetlibergstrasse 300, 8045 Zürich

Mitgliederbeitrag als Aktivmitglied mit Stimm- und Wahlrecht: Fr. 50.–
Mitgliederbeitrag als Passivmitglied ohne Stimm- und Wahlrecht: Fr. 30.–

Für die konkrete Organisation der Versammlung benötigen wir eure definitive Anmeldung bis 21. August 2011 per E-Mail info@ig-stationshalter.ch oder per Kontaktformular auf der Homepage: www.ig-stationshalter.ch
Die Statuten und die Mitgliederbeiträge können ebenfalls auf der Homepage eingesehen werden und allenfalls als PDF ausgedruckt werden.
In diesem Sinne zählen wir auf deine/Ihre Zusage und hoffen, dich/Sie persönlich an der ersten Versammlung begrüssen zu können.

So werden Sie Mitglied!

Mit einem jährlichen Beitrag von Fr. 50.– sind Sie dabei und haben bei uns Mitspracherecht. Wir sind froh um jede Idee und Unterstützung bei den Verhandlungen für faire Bedingungen mit der SBB .
Bevorzugen Sie eher eine Passivmitgliedschaft, sind Sie mit Fr. 30.– dabei. Damit unterstützen Sie uns, um die nötige Infrastruktur und laufenden Kosten zu begleichen.
Beitrittsanfragen werden an den Vorstand weitergeleitet. Danach erhalten Sie unsere Unterlagen.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse

Konto: Postkonto: 85-703524-4 / IBAN: CH6809000000857035244
IG Stationshalter Schweiz, Bahnhof SBB 2, 8718 Schänis