Mangel an Fachkräften in der Schweiz

Ausmass und Ursachen des Fachkräftemangels in MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). August 2010.

Bericht des Bundesrates

Parlamentarische Vorstösse

«Das Thema des Fachkräftemangels im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ist von verschiedenen Mitgliedern des Ständerats und des Nationalrats aufgegriffen worden. Zwischen September 2005 und September 2009 reichten Ständerätin Anita Fetz, Nationalrat Norbert Hochreutener, Ständerat Luc Recordon, Nationalrat Hans ­Widmer und Nationalrätin Margret Kiener-­Nellen Postulate und die Fraktion CVP/EVP/glp eine Interpellation ein, mit denen sie Auskunft über verschiedene Aspekte des Fachkräftemangels verlangen. Alle Parlamentarier/innen gehen von einem Fachkräftemangel aus und zeigen sich besorgt über dessen Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.» (S. 7)
«Qualifizierte Arbeitskräfte sind der Motor für die Innovations-, Wettbewerbs- und Wachstumsfähigkeit der Schweizer Volkswirtschaft. Mit ihrer Kreativität bei der Suche nach immer neuen oder verbesserten technischen Lösungen tragen insbesondere Ingenieur/innen und Naturwissenschaftler/innen massgeblich zur Innovationskraft des Werkplatzes Schweiz bei.» (S. 3)

Warum in der Schweiz im naturwissenschaftlichen Bereich heute die Fachleute fehlen

von Roland Güttinger

Seit längerer Zeit ist in der Schweiz ein Mangel an qualifizierten Fachkräften vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich zu beklagen. Der Bundesrat musste sich wegen der parlamentarischen Vorstösse mit dieser Frage befassen und veranlasste die sogenannte MINT-Studie von 2010 (vgl. nebenstehenden Kasten).
Seit langer Zeit schon sind aber auch aus Lehrerkreisen vor allem an Fachhochschulen, Berufsschulen, Gymnasien oder Oberstufen Klagen bezüglich des Lernstandes neu eingetretener Schüler zu hören. Diese seien nicht sorgfältig eingeführt in die Grundlagen, bräuchten viel zu lange bei einfachen Grundoperationen, mündlich sei oft gar nichts zu erwarten, so dass die Kapazitäten zur vertieften Lösung eines Problems fehlten. Bei einfachsten Kopfrechnungen werde zum Taschenrechner gegriffen. Bei genauerem Hinschauen stelle man fest, dass massive Unsicherheiten bei Sortenumwandlungen, bei Bruch- und Dezimalaufgaben, bei einfachsten Multiplikationen oder Divisionen vorhanden seien, so dass die weiterführende Stufe oft gar nicht wisse, wo eigentlich einzusteigen sei. Überall würden sich Schwierigkeiten manifestieren und das lehrplanmässige Vorankommen entsprechend behindern.
Ernüchtert durch die Realität stützen sich viele Lehrfirmen nicht mehr auf die Oberstufenzeugnisse ihrer künftigen Lehrlinge, sondern machen eigene Aufnahmeprüfungen. Schon vor langer Zeit erhielt eine Sekundarlehrerin in Zürich aus der Basler Chemie einen Anruf, nachdem einer ihrer Schüler sich dort für eine Lehrstelle gemeldet hatte. Ob sie noch mehr solche Schüler habe, die sich für eine Lehre interessierten? Die Schüler aus der Stadt Basel seien zuwenig gut vorbereitet. Man erinnere sich, Basel bei den Schulreformen immer ganz weit vorne …

Liegt es an den Schülern oder an der Schule?

Wo liegt denn eigentlich das Problem? Generationen vor uns haben unter weit schwierigeren Umständen eine fähige Jugend herangezogen, die sich mit Freude und Einsatz im naturwissenschaftlichen Bereich ausgebildet hat und später im eigenen Land oder in der ganzen Welt in anspruchsvollen Berufen ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Erwähnt sei als ein Beispiel ein Bub aus einer armen Bergbauernfamilie. Nach dem Tode des Vaters übernahm er als Ältester die Verantwortung und erwarb später als Werkstudent die Fähigkeiten, im Auftrag der Schweiz in der dritten Welt fruchtbare Entwicklungsprojekte zu leiten.
An den Schülern liegt es nicht. Unsere heutige Jugend ist zu mehr fähig als zu mageren Ergebnissen in den naturwissenschaftlichen Fächern. Eine ernsthafte Analyse der mathematischen bzw. später der naturwissenschaftlichen Ausbildung in unseren Schulen steht an. Von der ersten Klasse der Primarschule bis zur Matura.
Schliesslich geht es um eine zu gewichtige Sache: unsere Jugend und unsere Zukunft. Die Arbeitswelt und nicht zuletzt unsere Demokratie sind auf gut ausgebildeten Nachwuchs angewiesen. Der Volkswirtschaft Schweiz steht neben Holz nur ein einziger – natürlich nachwachsender – «Rohstoff» zur Verfügung: die Bildung unserer Jugend. Diese sorgfältig und nachhaltig auszubilden ist oberste Priorität für eine prosperierende Volkswirtschaft und Demokratie. Die positiven Folgen sind weitreichend: Eine gute Ausgangslage für alle produzierenden Unternehmen mit tiefen Arbeitslosenzahlen, vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene, gesellschaftspolitischer Arbeitsfriede und entsprechend gesunde Finanzen bei Staat und Gemeinden. Wenn die Ausbildung an unseren Volksschulen auf falschen Theorien fusst, folgen die schmerzlichen Konsequenzen auf dem Fusse. Englische Zustände kommen nicht einfach so, sie lassen sich erklären, und immer wieder finden sich Politiker, die auch die richtigen Fragen stellen. Versuchen wir also die entsprechenden ehrlichen Antworten zu finden!

Erste Hinweise

Anfang 90er Jahre wurde mit viel begleitendem medialem Lärm an der Maturitäts-Anerkennungs-Verordnung (MAV) gearbeitet, die schliesslich 1995 als MAR eingeführt wurde. Eine wichtige Änderung war, dass für Maturitätsabschlüsse (Hochschulreife) nicht mehr Physik, Chemie und Biologie einzeln benotet wurden. Auf Grund von fast nötigenden Anpassungsbestrebungen an ausländische Bildungssysteme – schliesslich sollte mit den Bologna-Beschlüssen auch die Schweiz unter das EU-Bildungsdiktat gebeugt werden – wurden die drei Fächer zu einer einzigen Maturanote verschmolzen, was den Maturanden viel Spielraum eröffnete, nun trotz schlechter Noten in einem Fach oder zunehmend eingeplanter schlechter Noten in diversen Fächern doch noch zu ihrem Maturazeugnis zu kommen. Wichtig war vor allem das Papier, studieren konnte man ja alleweil Verschiedenstes an der Phil.-I-Fakultät. Auf der Strecke blieben das Interesse am Fach, die Freude an der Fähigkeit zur Bewältigung der gestellten Aufgaben, und damit fehlte oft auch die so entscheidende Vorfreude auf das in Aussicht genommene Studium. Jedenfalls hat die MAR, die sich unterdessen wieder in einer Rückführungsphase befindet, erhebliche Schäden (volkswirtschaftliche Löcher usw.) zurückgelassen.

Eine falsche pädagogische Theorie mit fatalen Folgen

Gleichzeitig muss an dieser Stelle eine falsche pädagogische Theorie angeleuchtet werden, bei der davon ausgegangen wird, dass der Schüler «selber entdecken» soll, sozusagen in seinem Inneren danach forschen solle, welcher Weg, welche Methode für ihn wohl die richtige sei; wie wenn es darum ginge, das Geniale im Individuum aus dem Nichts zu holen. Dass der Lehrer alle Kinder Schritt für Schritt darin anleitet, wie man über den ersten Zehner rechnet, darüber wurde an den Pädagogischen Hochschulen die Nase gerümpft und den Junglehrern das selbstentdeckende Lernen wärmstens ans Herz gelegt. Die Folgen sind Schulschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, die einem Heer von Heilpädagogen zu gutbezahlten Stellen verhelfen. Eine gute pädagogische Anleitung unserer Schüler im Sinne Pestalozzis würde vielen Kindern seelisches Leid und den Kantonen grosse Summen für alle diese Fördermassnahmen ersparen.
Wir brauchen die Rückbesinnung auf eine ganzheitliche Bildung im Sinne einer soliden Volksbildung (vgl. dazu den Artikel auf Seite 2 dieser Ausgabe), die ganz – im Sinne Pestalozzis – den Menschen zudem zum Bürger, zum zoon ­politicon heranreifen lässt. Dieses Thema wird in einer späteren Ausgabe gründlich ausgeleuchtet, bildet es doch ein zentrales Element in einem erfolgreichen Bildungssystem. Und dieses hatte die Schweiz zweifelsohne! Nicht umsonst hat sie schwierigste Krisen bestanden, gut bestanden, und hat sich oft gestärkt und volkswirtschaftlich äusserst erfolgreich daraus herausentwickelt. Damit soll nicht den alten Zuständen das Wort geredet werden, nein – aber es soll ehrlicherweise auch hingeschaut werden, was vor der europäischen Schieflage in der Bildung besser gemacht wurde und wie und weshalb.
Der Erfolg durch das letzte Jahrhundert hindurch lässt sich jedenfalls nicht wegdiskutieren. Und gelehrt wurde damals an unseren Schulen auch mit Lehrbüchern, die einen inneren Aufbau auswiesen und dem Schüler einen logischen Aufbau in diesem Fachbereich ermöglichten. Interessant ist zudem, dass die heutigen Pädagogischen Hochschulen keinen Archivierungsauftrag mehr haben bezüglich Lehrmitteln. Es scheint niemanden zu interessieren, wie vor Pisa und Bologna unterrichtet wurde und mit welchem Erfolg. Man wähnt sich ohnehin auf der richtigen Seite, das heisst im alles hinter sich lassenden Fortschrittswahn.
Also machen wir uns an die Arbeit und untersuchen wir die Lehrmittel vor dem schiefen Turm. Wo sind die grossen Brüche, die grossen «Neuerungen» aufgekommen? Was wurde beibehalten, was schon bald wieder aufgegeben? Welche «Paradigmenwechsel» haben sich – trotz schlechter Echos aus der Praxis – durchgesetzt, und was sind die Gründe dafür. Schliesslich sind die Menschen, mit denen es die Pädagogik zu tun hatte und immer noch zu tun hat, die gleichen geblieben!
Wir werden in den nächsten Ausgaben von diesen Untersuchungen berichten.    •