Wege aus der Krise durch neue Geldsysteme
von Hermann Kendel, Berlin
Solange sich Geld durch Zinsen vermehren kann, wird es dem Wirtschaftskreislauf immer wieder entzogen. In Deutschland wandern so zum Beispiel an jedem Tag etwa eine Milliarde Euro von 80% der Bevölkerung in den relativ kleinen Kreis der Reichsten dieser Erde. Diese Wanderung vollzieht sich weitgehend unbemerkt: Die Unternehmer benötigen zur Herstellung der Waren von den Banken Kapital, die Zinsen für die Banken müssen sie auf den Preis der Waren draufschlagen. So sind in den Preisen der Waren zwischen 30 und 70% Zinsen versteckt. Dieser Preisanteil wandert dann zu denen, die das Geld verliehen haben. Während deren Vermögen durch den Zinseszinseffekt exponentiell wächst, wachsen in gleichem Mass die Schulden, auch die der Regierung, der Länder und der Gemeinden. Alle Parteien in Deutschland glauben noch immer, dass diese Schuldenspirale nur durch Wirtschaftswachstum gestoppt werden könnte. Ein exponentielles Wirtschaftswachstum ist jedoch mathematisch nicht möglich. Der Club of Rome hat bereits vor etwa 40 Jahren überzeugend nachgewiesen, dass Wirtschaftswachstum sogar schädlich ist, sowohl für das ökologische Gleichgewicht als auch für das Überleben der Spezies Mensch. Weil die Schere zwischen arm und reich sich immer mehr öffnet, hat die Bevölkerung nicht mehr genügend Geld, um den Unternehmern die Waren abzukaufen, die Unternehmer gehen unter, es kommt regelmässig zu dramatischen Wirtschaftskrisen, und wegen des Arbeitslosenproblems drohen soziale Unruhen. Gleichzeitig wächst der Einfluss des Finanzkapitals auf die Regierungen dieser Welt. Dieses versucht das Problem sozialer Unruhen zu lösen, indem es viele Arbeitslose in der Rüstungsindustrie einstellt. In der Folge werden sehr kostenintensive und verbrecherische Kriege und danach der Wiederaufbau der zerstörten Infrastrukturen initiiert. Die reichsten US-Banker gründeten Anfang des letzten Jahrhunderts die FED, sie druckt heute den Dollar und bestimmt den Leitzins für die ganze Welt. Sie besitzt heute weitgehend die Macht über die Regierungen dieser Welt. Es wäre heute zum Beispiel unmöglich, dass Deutschland beschliessen könnte, sein Geld vom Zins zu befreien. (In China ist dies allerdings weitgehend gelungen.) Trotzdem gibt es einen Ausweg: In der letzten Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts ist es dem Bürgermeister der kleinen österreichischen Gemeinde Wörgl, Michael Unterguggenberger, gelungen, der Wirtschaftskrise Einhalt zu gebieten. Er überredete die wichtigsten Leute in Wörgl und vor allem die Mitglieder des Gemeinderats, die Ausgaben der Gemeinde mit sogenannten Arbeitsgutscheinen zu bezahlen. Den Bürgern war es nämlich nicht mehr möglich, ihre Steuern zu bezahlen, der Gemeinde drohte Zahlungsunfähigkeit. Diese Gutscheine waren nur gültig, wenn man sie jeden Monat mit einer Marke beklebte, die 1% des Wertes des Scheines kostete. Mit diesen Gutscheinen konnte man innerhalb der Gemeinde einkaufen, Steuern bezahlen und sonstige Ausgaben tätigen. Da niemand am Ende des Monats die Marke bezahlen wollte, gab jeder das «Geld» so schnell wie möglich aus. Diese Geldscheine wechselten im Vergleich zum Schilling gut fünfmal so schnell den Besitzer. Die Wirtschaft blühte auf, die Menschen zahlten wieder pünktlich ihre Steuerschulden, die Gemeinde reparierte Strassen, baute eine Brücke, eine Skischanze. Die Arbeitslosenzahl ging rapide zurück, die Arbeitslosenunterstützung konnte wieder bezahlt werden. Über 100 Bürgermeister in Österreich baten Herrn Unterguggenberger um einen Vortrag, weil auch sie die Krise bezwingen wollten. Man sprach überall vom «Wunder von Wörgl». Der französische Staatspräsident besuchte Wörgl und berichtete seinem Parlament. Irving Fisher in den USA schickte seine Assistenten nach Wörgl, es wurden Doktorarbeiten geschrieben. Das Experiment bewegt bis heute die Wissenschaft. Damals wurde es nach gerichtlichen Auseinandersetzungen von der Österreichischen Bank nach 15 Monaten abgebrochen. Die Zentralregierung war damals schon handlungsunfähig. Es folgte das Dritte Reich, das sehr eng mit dem internationalen Finanzkapital zusammenarbeitete, da hatte dieses Experiment keine Chance. Das internationale Finanzkapital finanzierte den Weltkrieg und verdiente an der Waffenherstellung und am Wiederaufbau danach unermesslich! Heute befinden wir uns wieder am Anfang einer Weltwirtschaftskrise. Entsprechende Kriege sind initiiert und laufen «gut». Anstatt nun an den Symptomen der Krise herumzudoktern, sollten wir und die Bundesregierung an das «Wunder von Wörgl» anknüpfen. Die Regierung kann die völlig verarmten und verschuldeten Gemeinden nicht mehr weiter unterstützen, weil sie selbst stark verschuldet ist, die Länder sind in ähnlicher Situation. Aber sie könnte schon heute sehr wohl die Gemeinden ermutigen, sich an die Erfahrungen des Herrn Unterguggenberger in Wörgl anzuschliessen und verordnen, dass diese die lokalen Ausgaben durch Steuern auch aus der jeweiligen lokalen Währung begleichen können. Wie es sich damals eindeutig gezeigt hat, kann der Wohlstand der Bürger einer solchen Gemeinde sehr wohl gesichert werden. (Nicht nur damals, sondern auch in viel älteren geschichtlichen Situationen hat das sogenannte «Schwundgeld» für Wohlstand unter den Bürgern gesorgt, und zwar im Mittelalter über Hunderte und in Ägypten sogar über Tausende von Jahren hinweg.) Der Erfolg solcher Initiativen wird sich wie damals in Wörgl in anderen Gemeinden sehr schnell herumsprechen, und wenn die Regierungen des Bundes und der Länder das Vorgehen dieser Gemeinden schützen, dann kann man darüber nachdenken, wie man diese lokalen Währungen miteinander verknüpfen kann, so dass zum Beispiel jemand aus Berlin ein Auto in Wolfsburg teilweise mit der lokalen Währung bezahlen kann. Man kann dann auch darüber nachdenken, ob ein Teil der Steuern an die Länder und auch an die Bundesregierung in lokaler Währung bezahlt werden darf. Dieses Modell wäre leichter umzusetzen, wenn das Steuersystem so verändert und vereinfacht werden würde, dass nicht mehr vorwiegend die Arbeit besteuert würde, sondern dass die Steuern vor allem über den Kauf der Waren und Dienstleistungen erhoben würden. Das hätte den Vorteil, dass der Aufwand des Steuereinzugs viel geringer wäre und auch, dass die Arbeit nicht mehr durch Steuerabzüge «bestraft» würde. Die gut Verdienenden müssten zumindest den Teil ihres Einkommens, der aus regionalem Geld bestünde, schnell wieder ausgeben – denn sonst würde dieser ja jeden Monat an Wert verlieren! Ein immer grösser werdender Teil des Geldes käme auf diese Weise direkt dem Wirtschaftskreislauf wieder zugute. Über die Mehrwertsteuer in der Grössenordnung von etwa 50% würden die Reichen entsprechend ihren grösseren Ausgaben auch den Steuerhaushalt entsprechend aufbessern. Die Mittellosen könnten dadurch entlastet werden, dass die Grundnahrungsmittel von der Mehrwertsteuer befreit würden. Dies hätte auch den schönen Nebeneffekt, dass die deutsche Landwirtschaft nicht mehr subventioniert werden müsste. Wegen der internationalen und globalen Wirtschaftsaktivitäten muss es selbstverständlich immer möglich sein, die lokalen Währungen in Euro, Dollars oder anderes Geld umzuwechseln! Das geht aber natürlich nur so, dass der, der internationale Währungen kaufen möchte, etwas mehr an lokaler Währung ausgeben muss, er muss also bei diesem Geschäft einen kleinen Verlust hinnehmen. Allerdings kann jeder Bürger – und das ist sehr wichtig – sein lokales Geld ohne Wertverlust bei einer lokalen Genossenschaftsbank für die Zukunft aufsparen. Zwar erhält er dort keine Zinsen, aber die Bank kann ihm den Betrag, den er angelegt hat, später wieder voll zurückbezahlen. Die Bank verleiht dieses Geld nämlich an Investoren, die zwar auch keinen Zins bezahlen müssen, sondern nur eine Gebühr, die die Unkosten und das Risiko der Bank abdeckt, aber die Investoren bezahlen ihre Schuld in voller Höhe zum abgemachten Zeitpunkt zurück, und deshalb kann die Bank dem Sparer sein Geld auch in voller Höhe wieder zurückgeben. Selbstverständlich bezahlen die Genossen (der Genossenschaftsbank) die Gehälter der Bankangestellten in angemessenem Rahmen, also ohne Boni usw. Auf diese Weise wird die Krise zunächst in den Gemeinden schnell überwunden, allmählich aber auch in den Ländern und in der Bundesrepublik. Allerdings funktioniert dieses Wirtschaftsmodell nur – und auch das ist seit etwa 80 Jahren bekannt –, wenn auch ein Ausweichen der Superreichen in die Bodenspekulation unterbunden werden kann. Auch hier ist ein Erfolg leichter möglich, wenn die Reform auf Gemeindeebene beginnt: Wenn jemand in einer Gemeinde eine Immobilie kaufen möchte, kann er das nur über einen Umweg tun. Der Verkäufer kann seine Immobilie nur an die Gemeinde verkaufen, und der Käufer erhält diese Immobilie von der Gemeinde nur in Erbpacht! Der Käufer wird also nur Besitzer, aber nicht Eigentümer der Immobilie, damit ist jede Bodenspekulation ausgeschlossen. Im Laufe von vielen Jahrzehnten gelangt so der Boden wieder in das Eigentum der Gemeinde und ihrer Bürger, so wie die Luft und das Wasser. Das ist zwar ein ganz langsamer Prozess, die Bodenspekulation ist jedoch ab sofort unterbunden! Mit diesem Modell des «flüssigen Geldes» schliesst sich die Schere zwischen reich und arm langsam wieder, das Geld bleibt wertstabiler, die Krisenanfälligkeit geht zurück, es wird sehr viel schwieriger, die Rüstungsindustrie zu finanzieren und Kriege zu initiieren, und die Demokratie wird wieder gesünder. •
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