Wie die Lemminge nach Bologna

«Klüger wäre es, alle Kraft in die Pflege der Lernkultur zu investieren»

von Lothar Schäffner *

Die Wissenschaftspolitiker vermelden es regelmässig: Mit dem Bologna-Prozess sei man auf gutem Wege. Diese Erfolgsmeldungen basieren jedoch nicht auf Glücksgefühlen in den Universitäten. Sie haben eher den Charakter eines Pfeifens in dem dunklen Wald, in dem man sich verirrt hat.
Dennoch gehen die Politiker munter den eingeschlagenen Weg weiter. Sie werden zu Lemmingen, die unbeirrt auf einen hochschulpolitischen Abgrund zurennen. Der Bologna-Prozess ist zu einem Selbstläufer geworden, der sich weitgehend gegen mahnende Worte abschottet. Selbst im Ausland reibt man sich die Augen darüber, was die Deutschen aus ihrer akademischen Kultur machen. Wo liegen die Gründe für diesen unheilvollen Vorgang?
Das Hochschulpersonal arrangiert sich. Die eigentlichen Verursacher von Bologna tummeln sich in der Politik. Es sind tatsächlich die politischen Spitzen, die in das Feld der Wissenschaft und in deren Kultur eindringen und die dem ganzen Unterfangen damit seine hohe Bedeutung zuweisen. Bologna eröffnet Politik und Bürokratie schliesslich auch die Möglichkeit, Entwicklungen an den Hochschulen leichter beobachten und regulieren zu können.
Der Druck, der von ihnen auf die Hochschulen ausgeübt wird, setzt sich bis in die Institute hinein fort. Das Bemühen um Ressourcen, ob es sich um Sach- oder Personalmittel handelt, wird konsequent mit der Gretchenfrage verknüpft: «Wie hältst du’s mit den konsekutiven Studiengängen?» Will man handlungsfähig bleiben, passt man sich an – mit der Faust in der Tasche. So ist ein selbstlaufender Prozess gestartet, der kaum mehr aufzuhalten ist, weil er nicht mehr hinterfragt wird. Es läuft doch.
Die Konzipierung von Bachelor- und Masterstudiengängen ist nicht schwierig. An deren Folgen aber haben wir noch lange schwer zu tragen. Professoren, die in der Hochschulverwaltung geübt sind oder einen ausgefuchsten Akademischen Rat dafür haben, gelingt es in relativ kurzer Zeit, entsprechende Studienpläne und Studienordnungen zu erstellen. Mit der Zuteilung der geforderten Masseinheiten «Workload» (Arbeitsaufwand) und «Credit Points» (Leistungspunkte) zu den einzelnen Studieneinheiten, die dann dem neuen Sprachgebrauch entsprechend zu «Studienmodulen» umbenannt werden, kommt man nach einigem Üben gut zurecht. Man weiss ja, was herauskommen soll.  Die so geübte Praxis entlarvt jedoch recht deutlich die Ideologie, die mit dem Bologna-Prozess verknüpft ist. Im Zentrum dieser Ideologie steht die lautstark verbreitete Absicht, man wolle durch die Bachelor- und Masterstudiengänge die Gerechtigkeit stärken. Das Mittel dazu ist die Vergleichbarkeit der Studienangebote, mit der man zugleich auch die Flexibilität erhöhen will.
Hier aber liegt der wesentliche Denkfehler. Was man erreicht, ist höchstens eine geographische Flexibilität, nicht aber eine inhaltliche. Gerade die ist aber dringend erforderlich, wenn man sich den ständig veränderten Anforderungen durch neue Themen und Beschäftigungsfelder stellen will. Zur wissenschaftlichen Freiheit gehört auch die Anpassung der Studieninhalte an neue Diskussionen und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Dies wird mit einem definierten Pflichtprogramm, das über Jahre festgeschrieben ist, kaum mehr möglich sein.
Und noch ein Denkfehler: Studienpläne können kopiert und an den unterschiedlichen Hochschulen eingesetzt, aber nicht immer umgesetzt werden, denn dazu braucht man Hochschullehrer, und die sind weder kopier- noch standardisierbar.
Professoren machen die Universitäten aus. Nicht formale Regeln. Es gibt so etwas wie die Persönlichkeitsleistung des Dozenten, die nicht durch ein Curriculum herzustellen und erst recht nicht zu vervielfältigen ist. Und es gibt dann auch noch das Interesse der Studierenden, sich an wissenschaftlichen Persönlichkeiten zu orientieren. Man muss wissen, dass Schüler genauso wie Studenten nicht von Konzepten oder gar Statistiken unterrichtet werden, sondern von Lehrern und Professoren, die real vorhanden sind.
Es gibt sicherlich nicht nur Hochschullehrer, die als Wissenschaftsidole leuchten und deren Ausstrahlung Studierende geradezu in Bann ziehen. Dies muss aber auch nicht sein, da Studierende in ihrer Wahl von wissenschaftlichen Vorbildern sehr unterschiedlich sind. Gerade die Unterschiede machen die wissenschaftliche Lehre aus; und es gilt sie zu nutzen. Wissenschaftliche Freiheit besteht darin, ein Angebot zu machen, und darin, dieses Angebot zu nutzen. Es sollte eine Vielfalt einmaliger Angebote geben, nicht eine genormte Einöde.
Es sind die verantwortlichen Professoren, einschliesslich all der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Lehrbeauftragten, die die Kultur innerhalb und auch zwischen den Hochschulen ausmachen. Ihr Engagement und ihr pädagogisches Geschick sind es, welche die Studieninhalte prägen. […]
Um die erforderlichen Rahmenbedingungen für ein selbstverantwortliches Studium überhaupt zu schaffen, müssen andere Organisationsformen gefunden werden als die, welche Bachelor- und Masterstudiengänge mit sich bringen. Wir brauchen nicht die vorgesehenen, kurz getakteten Studienabläufe, sondern solche, die einen längerfristigen Kontakt zwischen den Studierenden und den Lehrenden ermöglichen. Die Pflege solcher Kontakte, zum Beispiel durch die Einbeziehung der Studierenden in kleinere Forschungsprojekte, verbessert nicht zuletzt deren Berufschancen erheblich.  
«Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?» Diese Frage richtete Erich Kästner angesichts der vielen Rückmeldungen auf seine kritischen bis spöttischen literarischen Beiträge in einem seiner Gedichte an sich selbst. Wenn es etwas Positives an diesem Prozess geben könnte, dann würde es sich in dem Effekt erschöpfen, der mit allen Veränderungen, ob es sich um Umzüge, Stellenwechsel oder andere Massnahmen handelt, zwangsläufig verbunden ist. Es wird dabei eben auch aufgeräumt, entrümpelt, die Dinge werden in eine andere Ordnung gebracht und gegebenenfalls durch neue ergänzt. Aber muss man gleich den ganzen Wald abholzen, um in diesem aufzuräumen?
Wollen wir die Vielfalt des Einmaligen, müssen wir auch Unterschiede akzeptieren, sie sogar begrüssen, beispielsweise im Notentableau zwischen den unterschiedlichen Disziplinen. Wenn bei den Juristen ein «befriedigend» ein Prädikatsexamen abbildet, signalisiert die gleiche Zensur für einen Geisteswissenschafter auf dem ­Arbeitsmarkt eher: «Lassen Sie die Finger von dem.» Hier regulierend einzugreifen wäre sinnlos, obwohl solche Unterschiede einen Bildungs­poli­tiker, der die Gerechtigkeit preist, sie aber nur formal versteht, geradezu in die Depression treiben müsste.
Vielleicht hilft ein Blick in die angelsächsischen Länder, in denen Bachelor und Master zu Hause sind. Dort ist bei einer Bewerbung in erster Linie ohnehin nicht die Benotung von Bedeutung, sondern die Hochschule, von der der Student kommt. […]
Wer sich in unterschiedlichen Bildungsfeldern auskennt, weiss, dass es Gerechtigkeit ohnehin nie ganz geben kann. Alle Anstrengung und Energie darauf zu verwenden ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Die Kollateralschäden sind grösser als mögliche Erfolge. Man sollte sich nicht in Fragen der Gerechtigkeit verkämpfen. Klüger wäre es, alle Kraft in die Pflege der Lernkultur zu investieren.      •

* Der Autor ist Professor am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Universität Hannover.

Leicht gekürzter Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17.7.2011
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