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Zeit-Fragen  >  2012  >  Nr.14|15 vom 3.4.2012  >  Worauf es ankommt in der Erziehung [Druckversion]

Worauf es ankommt in der Erziehung

Umgang mit den Bedürfnissen der Kinder

von Dr. Anita Schächter

Welche Sorge von Eltern ist grösser als die Sorge, dass das Kind seinen Weg im Leben findet.
Es ist eine Erfüllung für Eltern zu sehen, dass ihr Kind Freunde findet, Freude hat an der Schule, sich in andere einzufühlen vermag, hilfsbereit ist, mit seinen Gefühlen, mit Niederlagen gut umzugehen vermag. Kurz, emotional kompetent ist.
Wie kann ich mein Kind so ins Leben einführen, dass es seinen Platz im Leben ausfüllt.
Hierzu muss das Kind ein Gefühl für seine Bedeutung als Mitmensch entwickeln. Es muss darüber hinaus lernen, sich in sein Gegenüber einzufühlen. Schliesslich tun Eltern gut daran, die grosse Linie im Blick zu behalten.

Sozialnatur

Das Kind zu sehen heisst, es in seiner sozialen Natur zu sehen, zu erkennen, dass es fähig zur Einfühlung ist. Dass es daran wächst, wenn es ein Gefühl der Bedeutung für den Mitmenschen empfindet.
Wenn das Mittun, die Mithilfe des Kindes sich aus dem Gefühl für den eigenen Wert entwickelt, ist es im Gemüt des Kindes verankert. Das Gefühl für die eigene Bedeutung haben und zu wissen: «Mein Beitrag ist wichtig. Ich werde gebraucht.»

«Auf mich kommt es an!» – Mitmensch werden

Beispiel: Der 5jährige, der von der Mutter gebeten wurde, ihr beim Schneiden der Möhren zu helfen, ist gerne behilflich. Er will erleben, dass sein Beitrag wichtig ist für das Gelingen des Ganzen. Der echte Dank der Mutter – nicht ein überschwenglicher – gibt dem Kind das Gefühl, in seinem Tun gesehen, geschätzt zu sein.
Der Wunsch zu helfen knüpft an die Sozialnatur des Menschen an. Der Mensch ist mit seinen Sinnen, mit der Fähigkeit, Sprache zu erwerben, auf den Mitmenschen bezogen. Er ist in den ersten Lebensjahren nicht allein lebensfähig. Würde er nicht auf die Fürsorge, die selbstlose Hilfe zugewandter Mitmenschen stossen, könnte er nicht überleben. Die Fähigkeit zu lieben ist in der menschlichen Natur angelegt. Sie entfaltet sich durch das Erfahren von Empathie, die nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Die selbstlose Freude an der Gemeinsamkeit, entfaltet sich an den Punkten, an denen Menschen füreinander da sind. Wer etwas für einen Mitmenschen tut und eine Geste des Danks dafür erfährt, der spürt in sich die Gewissheit, dass es gut war zu helfen. Er geht mit einem Gefühl in den weiteren Tag, welches ihm sagt: «Es war richtig, so zu handeln.» Diese Gewiss­heit empfindet der Mensch in kleinen oder grossen zwischenmenschlichen Abläufen.

Mit dem Herzen sehen lernen – die Entwicklung von Empathie

Die zweite Komponente, die für das Entwickeln von Mitmenschlichkeit oder Verantwortungsbewusstsein von Bedeutung ist, ist die Fähigkeit, über einen anderen Menschen nachdenken zu können, zu spüren, wie es ihm geht, was er braucht: Was braucht der Spielkamerad, die Mutter, der Vater, das Geschwister, was braucht der Kranke, der Bedürftige? Hier sind immer wieder Gespräche mit dem Kind, aber auch unter uns Erwachsenen notwendig, die uns die Situation, die Beweggründe des Mitmenschen nachvollziehbar machen. Immer wieder geht es darum, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren des anderen zu hören und mit dem Herzen des anderen zu fühlen. So drückt es Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, plastisch und nachvollziehbar aus. Es ist dies, was mit Mitgefühl, Gemeinschaftsgefühl gemeint ist. Die Schulung des Einfühlungsvermögens muss auch beim Erwachsenen wachgehalten werden, damit diese Fähigkeit nicht verkümmert. Sie soll im Gegenteil im Laufe des Lebens eine reifere Form annehmen. Dies macht im Alter den lebenserfahrenen Menschen aus, auf den jüngere sich gerne abstützen, an den sie sich gerne wenden, wenn sie Rat oder Hilfe brauchen.

Liebe allein genügt nicht – Anleitung zum Helfen

Das Erfahren von Liebe – so grundlegend und wertvoll sie ist – genügt nicht, um das Mitgefühl zur Entfaltung zu bringen. Zu Mitgefühl und Verständnis braucht es eine aktive Anleitung: Es geht darum, die Ansätze beim Kind zu erkennen und ihnen Raum zu geben, so dass Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe anknüpfen können.
Dies alles wächst, wenn Eltern ihr Kind im Haushalt, im Garten, beim Putzen, Aufräumen einbeziehen. Entscheidend ist, dass die Eltern dem Erleben des Kindes Raum geben, dass es helfen kann. Das Kind braucht kein grosses Lob, sondern ein echtes Gefühl der Freude oder des Danks für die erfahrene Hilfe. «Wie gut, dass du den Tisch schon gedeckt hast. Jetzt können wir uns schon hinsetzen und essen.» Der Erwachsene muss den positiven Kern, den richtigen Ansatz erkennen. Durch innere Anteilnahme wird dem Kind die Bedeutung der erfahrenen Hilfe gespiegelt. So erhält das Kind die Möglichkeit, sich als Helfender zu sehen und  diese Fähigkeit in sein Selbstbild zu integrieren und zu festigen. Diesen Impuls mitzutun, mitzutragen, verantwortlich zu sein, trägt es später in sein Leben hinein.

Verantwortung übertragen

Eltern müssen dem Kind auch Verantwortung übertragen, es auffordern, sich so zu verhalten, dass es einem anderen etwas Gutes tut («Frage doch den Papa, ob er sich über eine Tasse Kaffee freut.»)
Diana Baumrind stellte fest, dass Kinder, die Aufgaben, Pflichten im Haushalt übernehmen mussten, freundlicher und umgänglicher waren, als Kinder, die keine Pflichten übernehmen mussten. Das gleiche traf auf Kinder zu, die Verantwortung für ein Haustier trugen. Je mehr ein Kind zur Erhaltung der Familie beträgt (dies zeigten besonders interkulturelle Vergleichsstudien), desto mitmenschlicher entwickelte es sich. Kinder, die zum Beispiel Vieh hüten muss­ten, für Geschwister sorgten, entwickelten mehr Mitgefühl als Kinder, die an keiner Verantwortung wachsen konnten. Dies war der Fall, wenn die einzige Pflicht der Kinder sich darin erschöpfte, dass sie ihr Zimmer aufräumen mussten. Sein eigenes Zimmer aufzuräumen konnte das Gefühl beim Kind nicht wecken, zum Wohl der Familie beizutragen. Und genau darauf kommt es an, damit das Gefühl von Bedeutung, von Verantwortung wachsen kann.

Umgang mit Bedürfnissen der Kinder

In der jetzigen Elterngeneration lässt sich ein «Knick», ein dem Wohl des Kindes abträgliches Muster erkennen: Eltern stellen die Bedürfnisse des Kindes zu sehr ins Zentrum ihres Bemühens und machen es sich zur Aufgabe, seine Stimmung in den Positivbereich zu moderieren, mit ihm im Einklang zu sein, seine Befindlichkeit zu spiegeln.
Es fällt auf, dass Eltern sehr auf die Bedürfnisse, die Befindlichkeiten ihrer Kinder achten. Sie erklären, auf Nachfrage, dass es für die Entwicklung und das Wohl der Kinder wichtig sei, hierauf einzugehen. Es hört sich an wie eine feste Gewiss­heit, dass es sich hierbei um eine richtige erzieherische Leitlinie handelt. Mit diesem Leitmotiv geraten die Eltern in einen Strudel, der jede Orientierung an einem tragenden erzieherischen Handeln verunmöglicht.
Auf das Kind einzugehen heisst nicht, ihm seine Bedürfnisse zu erfüllen, es heisst nicht, Befindlichkeiten zu bedienen. Wer ist es, der in unserer Gesellschaft Bedürfnisse schafft und stillt? Die Bedürfnisse der Kinder werden längst von Werbung und Konsumdruck über die Gruppe der Gleichaltrigen gesteuert.
Der Politologieprofessor Zbigniew Brzezinski gilt als Vordenker unter den US-amerikanischen Globalstrategen. Er propagiert den sogenannten «american way of life» als Exportgut für die gesamte Menschheit: Ein Lebensstil, der in den Köpfen der Menschen mit Freiheit und Wohlstand verknüpft worden ist. Tatsächlich aber dient dieser «way of life» den Interessen von weniger als 5% der Menschheit, der Reichsten der Reichen, die auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung leben, diese ausbeutet und in Unwissenheit hält. In seinem Buch «Die einzige Weltmacht» skizziert er eine globale und einseitige Dominanz der USA, die die Durchdringung amerikanischer Interessen im zentralasiatischen Raum durchzusetzen sucht. In seinem Buch «Between two ages» legt er dar, wie die US-amerikanische Lebensweise in die Köpfe und Herzen der Menschheit eingepflanzt werden soll: unter anderem spricht er sich, rekurrierend auf Kurt Lewin, für die Bedürfnisbefriedigung, die Bedürfnisorientierung in der Erziehung aus.
Die heutige Elterngeneration ist mit der Auffassung, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst nehmen müssten, eins geworden. Sie empfinden keine Unstimmigkeit am Zutreffen dieser Leitlinie. Und so handeln sie aus einem Gefühl der Richtigkeit bezüglich der Erfüllung von Wünschen, aber auch was das Eingehen auf die Emotionen der Kinder betrifft. So werden keine Jungbürger heranwachsen, die Demokratie-fähig werden, das heisst die fähig werden, auch im Sinne der Mitbürger mitzudenken.
Eine Mutter schildert, dass sie nicht wisse, wie sie ihrer Tochter helfen könne, ihre Angst loszuwerden. Die Angst der Sechsjährigen habe sich im Verlauf eines halben Jahres so stark ausgeweitet, dass diese nicht dazu zu bewegen ist, das Haus zu verlassen, wenn der Himmel bewölkt ist. Die Mutter führt Jaras Angst auf ein Erlebnis zurück, als bei einem Sommerausflug ganz plötzlich ein Gewitter aufgekommen sei und alle schliesslich Unterschlupf im auf dem Parkplatz abgestellten Auto gefunden hätten. Sie geht davon aus, dass dies Jara so nachhaltig aus dem Gleichgewicht geworfen habe, dass sie, wenn sie heute eine Wolke am Himmel sehe, dermassen von Angst überflutet werde, dass sie sich weigere, das Haus zu verlassen. Sie will ihre Tochter nicht durch eine vermeintlich falsche Reaktion belasten. Und so geht sie auf alle Gefühle, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Jara ein. Der Gedanke, dass durch das aufgebrachte Verständnis ein falsches Signal an Jara gegeben wird, das gerade dazu geführt hat, dass sie vermehrt Ängste zeigt, überrascht die Mutter. Dieser Gedanke ist sehr wichtig: Eltern müssen in der Beziehung zum Kind eine Gewichtung vornehmen, ihm Orientierung geben. Im Umgang mit Gefühlen ist es die Sicherheit, dass eine Angst einen Ausgangspunkt und auch ein Ende hat, und dass wir es sind, die lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen, sie zu steuern. Hier braucht es gewissermassen eine osmotische Sicherheit der Eltern, dass das Leben weitergeht und man sich gemeinsam anderen Aufgaben zuwendet.
Woher kommt die Idee der Mutter, Gefühlen und Bedürfnissen des Kindes müss­ten stets Vorrang eingeräumt werden?
Die Bedürfnisse des Kindes zu stillen heisst, bei den Kindern die Leitlinie zu stärken, die ohne Abwägung nach Durchsetzung sucht. Orientiert sich ein Kind vorrangig nach seinen Bedürfnissen, wird es leicht zum Spielball anderer Kräfte wie der Medien und der Unterhaltungsindustrie. Es braucht im Gegenteil eine grosse Portion kritischen Bewusstseins, um mit sich und dem eigenen Leben in Einklang zu sein, nicht fremdbestimmt von gelenkten Interessen, sondern in Verantwortung zu seinen Nächsten und der Menschheit zu leben.
Brzezinski soll 1995 auf einer Einladung in Fairmont vor 500 führenden Politikern, Wirtschaftsführen und Wissenschaftlern, Vertretern der Medienkonzerne aus allen Kontinenten den Weg ins nächste Jahrhundert gewiesen haben. Zwei Begriffe wurden hier erläutert: die «20-zu-80-Gesellschaft» und das «Tittytainment». Hiermit gemeint ist die Prognose, dass in Zukunft nur noch 20 Prozent der Bevölkerung im Arbeitsprozess benötigt werden. Die restlichen 80 Prozent der – dann arbeitslosen – Weltbevölkerung müss­te durch eine moderne Form von Brot und Spielen bei Laune gehalten werden. «­Tittytainment» meint eine betäubende Unterhaltung für die frustrierten 80% der Weltbevölkerung, um die von Wohlstand und Arbeit ausgeschlossenen Menschen ruhig­zustellen.
Unsere Kinder den Medien zu überlassen wird dazu führen, dass diese auf die passive Duldung der politischen Missstände vorbereitet werden sollen.
Eltern brauchen einen eigenen Standpunkt zu solchen Fragen der ganzen Gesellschaft, damit sie ihre Kinder schützen und ihnen das Eintreten in ein eigenverantwortliches Leben ermöglichen können. Unsere Jugend läuft sonst Gefahr, in die Fantasy-Literatur, in Gewaltfilme, Computerspiele, in die Welt des Sex als egozentrische Bedürfnisbefriedigung zu geraten und als ihren Lebensinhalt zu akzeptieren. Das Abtauchen der jungen Generation in Parallelwelten wird vorprogrammiert. Hier einen anderen Weg im Umgang mit den Kindern zu gehen, das gilt es auszuloten. Wird das Kind Spielball seiner Bedürfnisse, ist es steuerbar. Lernt es seine Gefühle zu handhaben, geht es den Weg in ein eigenverantwortliches Leben. Lernt das Kind seine Gefühle zu gewichten, fühlt es sich unabhängig und zufrieden. Es beginnt, sich Ziele zu setzen und sie zu verfolgen, es wird zum Gestalter seines Lebens.    •