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Zeit-Fragen  >  2012  >  Nr.14|15 vom 3.4.2012  >  Françoise D. Alsaker: Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule [Druckversion]

Françoise D. Alsaker: Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule

eg. Mobbing ist ein Problem, das heute das Wohlergehen vieler Menschen schwer beeinträchtigt und die Grundlagen eines würdigen Zusammenlebens in einer demokratischen Gesellschaft zerrüttet. Zu Denken gibt, dass Mobbing-Prozesse schon bei Kindergartenkindern und Schulkindern – oft über lange Zeit unerkannt – das Zusammenleben und die seelische Reifung aller Beteiligten behindern. Eine solche Entwicklung geht an die Substanz des demokratischen Zusammenlebens und leistet ungemeinschaftlichem Handeln auch im Erwachsenenalter Vorschub. Zeit-Fragen hat sich schon einige Male mit diesem Thema befasst. Unter anderem erschien ein Interview mit der Berner Psychologieprofessorin Françoise D. Alsaker (Zeit-Fragen vom 17. Januar 2012). Sie gehört zu den Pionierinnen der Mobbingforschung. Nun hat sie eine neue Publikation zu diesem aktuellen Thema herausgegeben. Mit ihrem neuen Buch leistet die Autorin einen wichtigen Beitrag, wie diese Entwicklung gestoppt werden kann. Sie schliesst damit an ihre bereits langjährige, erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit an, mit der sie wesentliche Meilensteine zur Lösung des Problems beigetragen hat. Im Buch treffen Forschung und Praxis aufeinander, wie die Autorin einleitend schreibt. Verbindend über die Länder hinweg ist es ihr gelungen, das Wissen über Mobbing aus schweizerischen und internationalen Forschungsprojekten und die daraus abgeleiteten Handlungsmöglichkeiten gegen Mobbing in Kindergarten und Schule zu einer Einheit zusammenzufügen. Wer ihr neues Werk in die Hand bekommt, legt es so schnell nicht wieder aus der Hand. Die Autorin spricht den Leser in gleichwertigem Dialog an und stellt ihm mit ihrem Wissen und ihrer langjährigen Erfahrung das Werkzeug zur Verfügung, wir er mithelfen kann, Mobbing zu verhüten oder gegen bereits bestehendes Mobbing anzugehen. Das gibt Hoffnung und weckt Verantwortungsgefühl.
Der erste Teil des Buches trägt den Titel «Was wir über Mobbing wissen müssen». Die Autorin nimmt den Leser mit in die wissenschaftliche Forschung und legt sorgfältig und gut verständlich die wissenschaftlichen Grundlagen zum Thema dar. In den ersten Kapiteln kann sich der Leser fundiertes Grundwissen aneignen, und er entwickelt das Feingefühl, typische Merkmale und Erscheinungsformen von Mobbing zu erkennen, und er erfährt, welche Faktoren zur Entstehung und besonders zur Aufrechterhaltung von Mobbing beitragen. Hinschauenlernen ist der erste Schritt, um Mobbing effizient vorbeugen und gegebenenfalls gegen Mobbing intervenieren zu können.
In den weiteren Kapiteln geht es um die verschiedenen Akteure bei Mobbing-Prozessen, und es wird deutlich, wie Mobbing entstehen kann und aufrechterhalten wird. Dabei geht es der Autorin darum, dem Leser aufzuzeigen, was für die Früherkennung von Mobbing und beim Vorgehen dagegen wichtig ist. Schliesslich zeigt sie auf, dass Mobbing immer alle Beteiligten angeht, seien es die Opfer, die Mobber und auch die anderen Kinder. Immer wieder werden die wichtigsten Punkte herausgearbeitet und dem Leser zusammenfassend in Erinnerung gerufen. Die Autorin will, wie sie selber schreibt, dem Leser zeigen, wie sich Mobbing-Prozesse durch Früherkennung und gezieltes Vorgehen wirksam durchbrechen lassen.
Im zweiten Teil des Buches geht es um den heutigen Wissensstand zur Prävention von und die Intervention gegen Mobbing. Die Autorin hat gemeinsam mit ihrem Team das Berner Präventionsprogramm gegen Mobbing (Be-Prox) ausgearbeitet und sorgfältig erprobt. Dieses Programm wird detailliert dargestellt und ist eine direkte Anleitung zur Umsetzung in die Praxis. Die einzelnen Schritte werden differenziert erklärt und durch Beispiele aus der Praxis angereichert. Durch anregende Fragen, Aufgabenstellungen und Gedankenanstösse am Ende der Kapitel wird der Leser als aktiver und gleichwertiger Partner angeregt, sich zu überlegen, wie er tätig werden könnte. Er kann nun selber weiterarbeiten und in seinem Handlungsfeld an die Arbeit gehen. Konkrete Beispiele aus der Unterrichtspraxis sind eingeflochten und regen zur Reflexion eigener Erlebnisse mit Kindern und Jugendlichen in Familie, Schule und Freizeitorganisationen an.
Am Ende des Buches ist ein reichhaltiger Anhang. Der Leser findet dort verschiedene Frage- und Erhebungsbogen, mit denen die Kinder und Jugendlichen auf allen Altersstufen angesprochen werden können und so in einem ersten, aber wichtigen Schritt das Schweigen über unselige, belastende Abläufe durchbrochen werden kann.
Der Autorin gelingt es auf überzeugende Weise, die Handlungsfähigkeit der Lehrpersonen zu stärken und zu zeigen, wie sie sagt, dass «der Umgang mit Mobbing keine Zauberkunst ist, aber dass es vielleicht eine kleine Portion Mut braucht, um beispielsweise eigene Vorstellungen zu überdenken, Handlungsmuster zu ändern und miteinander über unangenehme Themen zu reden». (S. 12)
Es wäre zu wünschen, dass dieses Buch und die vorangegangenen Werke der Autorin sowie die von der Alsaker-Präventionsgruppe gegen Mobbing ausgearbeiteten Unterrichtsmaterialien zur Pflichtlektüre an den Pädagogischen Fachhochschulen werden. Sie sind wegleitend für alle künftigen Lehrpersonen und Fachleute anderer Berufsgattungen. Aber auch bei den Verantwortlichen in Politik auf allen Ebenen muss das Buch aufmerksame Leser finden.
Dann könnten unwürdige zwischenmenschliche Abläufe durch gemeinsames und entschiedenes Eingreifen gestoppt und das Gewaltproblem von unten her ausgetrocknet werden. Die Jugend ist zu anderem in der Lage, als ihre Freizeit mit sinnlosem Herumhängen zu verbringen, und diese Ressourcen können und müssen geweckt werden. Dann wachsen Bürger und Bürgerinnen heran, die in der Lage sind, Demokratie zu leben und ihr wieder das nötige menschliche Fundament zu geben. Das Buch und die Forschungsarbeit von Françoise D. Alsaker ist ein wichtiger Beitrag dazu.    •

Françoise D. Alsaker. Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule. Verlag Hans Huber, Hogrefe AG Bern. ISBN 978-3-456-84913-3

Eine Neuauflage des zum Buch von Françoise Alsaker passenden Medienpaketes «Mobbing ist kein Kinderspiel» ist vom Schulverlag geplant und wird in Kürze wieder erhältlich sein.

Wichtige Grundlage für die Demokratie: Mobbing und Konflikte unterscheiden

Mobbing und Konflikte

Das eindeutige Ungleichgewicht zwischen Mobber und Opfer ist ein zentrales Merkmal von Mobbing. Es gehört auch zu den Kriterien, die Mobbing von Konflikten unterscheiden. In Konflikten sind die Streitenden einigermassen gleich stark und mindestens gleichberechtigt. Kinder hänseln einander, streiten miteinander – manchmal sehr viel –, und es mag auch körper­liche Ausmasse annehmen. Sind die Kinder etwa gleich stark, reden wir von Konflikten. Konflikte gehören zum Alltag und zur sozialen und emotionalen Entwicklung. Kinder lernen mit Konflikten umzugehen, sie zu lösen, sich durchzusetzen oder auch nachzugeben. Sie erkennen ausserdem, wie weit sie gehen können, und sie lernen, sich zur Wehr zu setzen. Mobbing bietet keine solche Möglichkeit. Das Opfer des Mobbing-Angriffs hat keine Chance gegenüber den anderen. Somit lernt es meistens nur, nachzugeben.
Wenn Kinder einen Konflikt haben, streiten sie «um etwas». Entweder möchten zwei Kinder das Gleiche und streiten darüber, wer den begehrten Gegenstand haben soll, oder sie streiten, weil sie sich nicht einig sind, was sie spielen sollen, wohin sie gehen wollen, wie Spielregeln sein sollen etc. Konflikte haben meistens einen konkreten Inhalt. Das Gleiche gilt bei Erwachsenen. Im Fall von Mobbing gibt es keinen Konfliktstoff. Im Mobbing demonstrieren Mobber ihre Machtbedürfnisse, indem sie jemanden angreifen und verletzen.
In Konflikten tragen beide Parteien zum Konflikt bei, auch wenn die eine Seite angefangen hat. Konflikte sind selten mit Aggression verbunden (Shantz, 1987). Konfliktsituationen können allerdings auch ausarten, beispielsweise wenn keine der beiden Parteien kompromisswillig ist, wenn die persönlichen Grenzen nicht respektiert werden, wenn Missverständnisse entstehen. Dazu kann es vor allem dann kommen, wenn die Konfliktparteien die Situation verzerrt wahrnehmen. Zu häufige Konflikte, Konflikte, die zu oft ausarten, Konflikte, die von Ungleichgewicht geprägt werden, weil immer dieselbe Partei nachgibt, sind nicht mehr entwicklungsfördernd. Und solche Konflikte können auch die Grundlage für eine Mobbing-Situation bilden, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind.
Es gibt Kinder und Erwachsene, die leicht in Konfliktsituationen geraten, und es gibt solche, die Konflikte vermeiden. Beide Verhaltensweisen können in einer Mobbing-Situation zu Ungunsten des Opfers missbraucht werden. Die einen lassen sich womöglich leicht provozieren, und jede Provokation kann eine schwere Konfliktsituation auslösen. Für Aussenstehende ist die Situation schwer durchschaubar, wenn Mobber ihr Opfer zuerst provozieren und danach ihre Angriffe als «normale Abwehr» vertuschen. Die extreme Vermeidung von Konflikten wiederum führt dazu, dass Kinder sich schnell zurückziehen. Dadurch werden sie von Mobbern als leichte Zielscheiben wahrgenommen, die lieber schnell nachgeben, als sich zur Wehr zu setzen.

Es ist sehr wichtig, dass man Mobbing nicht als Konflikt bezeichnet. In einem Konflikt sollten beide Parteien zur Lösung des Konflikts beitragen, um daraus etwas Konstruktives zu lernen. In Mobbing-Situationen muss man dafür sorgen, dass Mobber und ihre Assistenten ihr Verhalten ändern. Mobbing wird von den Mobbern nicht selten als Konflikt vertuscht. Man täte aber dem Opfer sehr unrecht, wenn man es für die Mobbing-Situation zur Verantwortung ziehen oder sogar Kompromisswillen und Nachgiebigkeit verlangen würde.  

• Mobbing ist kein Konflikt.  
• Mobbing ist eine Machtdemonstration und von Ungleichgewicht geprägt.  
• Konflikte haben konkrete Inhalte – Mobbing hat die Verletzung des Opfers zum Ziel.
• Konflikte sind Teil der Entwicklung – Mobbing hindert die Entwicklung.

Aus: Françoise D. Alsaker, Mutig gegen ­Mobbing in Kindergarten und Schule, Bern 2012, S. 20/21