Geist der Humanität und des menschlichen Engagements

Geist der Humanität und des menschlichen Engagements

Jahrestagung der Humanitären Hilfe des Bundes in Bern

thk. Ein wichtiges Charakteristikum der Schweiz ist ihre in der Bevölkerung tief verwurzelte und vielfach gelebte humanitäre Tradition. Seit Generationen hat sich das Land damit international einen Namen gemacht, so dass in vielen Staaten das Schweizerkreuz nahezu gleichbedeutend ist mit dem Roten Kreuz: Ein Ort der Sicherheit und Humanität. Dass der Gedanke des Roten Kreuzes, nämlich Menschen Hilfe zu leisten, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität und Herkunft, in der Schweiz entstanden ist und von hier aus seine Ausstrahlung in die ganze Welt genommen hat, zeigt, welche (menschliche) Kraft hinter dieser Idee und der damit verbundenen Haltung steht.
Diesen Geist der Humanität und des menschlichen Engagements konnten die zahlreichen Teilnehmer der Jahrestagung der Humanitären Hilfe von der ersten bis zur letzten Minute atmen. Die Vielfältigkeit und das ernste Engagement der in diesem Bereich arbeitenden Menschen, im Milizsystem organisiert, waren beeindruckend und haben beim Zuhörer bzw. Zuschauer einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen.
Das Jahr 2011 ist für das humanitäre Engagement der Schweiz ein dreifaches Jubiläumsjahr: 50 Jahre Entwicklungszusammenarbeit (Deza), 40 Jahre Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) und 30 Jahre Rettungskette. Errungenschaften, die der Schweiz internationale Anerkennung und Bewunderung zuteil werden lassen.

Die Veranstaltung fand Ende März vor dem Hintergrund schwerwiegender aktueller Krisen statt: Der sich immer stärker entwickelnde Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste; die fürchterliche Katastrophe in Japan, deren Konsequenzen für unseren Planeten nicht absehbar sind, und schon jetzt katastrophale Auswirkungen auf Mensch und Natur haben; der Krieg in Libyen, der unsägliches Leid über die Menschen dort bringen wird: alles Brennpunkte schweizerischen Engagements. Nicht zu vergessen sind die Erdbebenkatastrophe in Haiti und die Überflutung grosser Teile Pakistans im letzten Jahr, was den betroffenen Menschen bis heute schwer zu schaffen macht.

Milizsystem hat sich bewährt

Zum letzten Mal führte Toni Frisch durch die Veranstaltung, denn er wird auf Ende April pensioniert. In seiner Rede würdige er die Einsatzmoral seines Teams, das im Laufe der Jahre «ein Pool von Engagierten und Freunden geworden» ist, «eine riesige Familie». Gleichzeitig hob er die Bedeutung des Milizsystems hervor, die Organisationsform, die sich bestens bewährt hat: «Als Milizsystem eine klassisch schweizerische Lösung. Bestens bewährt und den neuen Herausforderungen laufend und flexibel angepasst.» Dieses Milizsystem wirkt nach Toni Frisch auch aktiv dagegen «etwa abzuheben oder gar einzurosten». Die Mischung aus vollamtlichen und Miliz-Mitarbeitern ist «für beide Seiten wertvoll und bereichernd». Ein weiteres Erfolgsgeheimnis der SKH ist der Wunsch, anderen Menschen helfen zu wollen, gepaart mit dem vorhandenen Know-how oder ihrem Do-how. «Diese Helfer sind die Botschafter des guten Willens und die Träger des humanitären Geistes unserer Nation.»
Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass immer mehr Katastrophen und menschliches Leid unseren Planeten Erde heimsuchen. Darum braucht es nach Toni Frisch «mehr und mehr Chefs und Chefinnen, die auch in Druckperioden zielgerichtet und kooperativ führen». Diese Menschen zu finden scheint zunehmend schwieriger «denn unser grösster Feind, so dünkt es mich manchmal, sind wir selber. Wir mit unseren Reglementierungen und Papierbergen, da, wo Initiative und gesunder Menschenverstand rascher zum Ziel führen würden.»
Einen weltweit «hervorragenden Ruf auf nationaler und internationaler Ebene» hat sich die Schweiz durch seriöse, vielseitige Engagements in verschiedenen Tätigkeitsbereichen, «in multilateralen oder bilateralen Aktionen» geschaffen, «besonders mit der Soforthilfe». Deshalb ist Toni Frisch auch die «Rapid Response», das schnelle Handeln in Krisensituationen vernetzt mit anderen Organisationen, ein grossen Anliegen. So sah er seinen gesamten Einsatz für die Humanitäre Hilfe immer unter dem Motto: «Leben retten und Leiden lindern.»

Zu viele menschliche Opfer

Die Bedeutung des humanitären Engagements als ein wesentlicher Aspekt internationalen Wirkens der Schweiz wurde auch von Bundesrätin Calmy-Rey deutlich hervorgehoben. Das Leiden der Menschen zu lindern, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und bei Katastrophen schnell und effizient helfen zu können, sind elementare Bestandteile der Humanitären Hilfe. Die Expertinnen und Experten des SKH, die zum Einsatz kommen, geben der internationalen Verantwortung, die die Schweiz übernimmt, eine Stimme und ein Gesicht.
Dass im Jahre 2010 260 000 Menschen bei grossen Katastrophen ums Leben gekommen sind, während es im Jahr zuvor mit 15 000 eine verhältnismässig kleine Zahl gewesen ist, zeigt eine drastische Zunahme und ist gleichzeitig eine Verpflichtung für die internationale Gemeinschaft, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, die Ursachen zu bekämpfen und für die betroffenen Menschen umfassende Hilfe zu leisten. Bundesrätin Calmy-Rey zählte einige Naturkatastrophen auf: Das Erdbeben von Haiti, die riesigen Brände in Russland, die Überschwemmung in China und in Pakistan, und beklagte, dass diese Naturkatastrophen immer noch viel zu viele menschliche Opfer forderten. Länder, die gegenüber Erdbebengefahren präventive Massnahmen ergriffen haben, müssen weniger Todesopfer beklagen. Grundsätzlich, so die Bundesrätin, sind Schwellen- und Entwicklungsländer stärker von Naturkatastrophen betroffen als die Industrienationen, weil die Länder kein Geld haben, stabile Gebäude zu errichten – und die arme Bevölkerung häufig an Orten wohnt, die besonders bei Katastrophen gefährdet sind: an steilen Hängen oder an grossen Flussmündungen. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz unterstützt die Präventionsmassnahmen der betroffenen Länder und nimmt so in der lokalen und globalen Entwicklungspolitik einen gebührenden Platz ein.

Sich für bessere Lebensperspektiven armer und benachteiligter Bevölkerungsgruppen einsetzen

Für Botschafter Martin Dahinden, Direktor der Deza, ist das Jahr 2011 für das humanitäre Anliegen der Schweiz ein Jubiläumsjahr. Vor 50 Jahren wurde der Grundstein für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit gelegt, indem ein Beauftragter für «technische Unterstützung» vom Bundesrat ins Leben gerufen wurde.
Das zweite Jubiläum gilt dem Schweizer Korps für Humanitäre Hilfe, gegründet unter dem Namen Schweizerisches Katastrophenhilfekorps. Vor 40 Jahren, also 1971, legte der Bundesrat «dem Parlament einen Bericht über die Schaffung eines Freiwilligen Korps für die Katastrophenhilfe im Ausland vor». 1976 hat dann der Bundesrat das Gesetz über die Entwicklungszusammenarbeit und die Humanitäre Hilfe erlassen. Das SKH besteht seit dieser Zeit und ist ein Teil der heutigen Direktion der Entwicklung und Zusammenarbeit. Der Erfolg dieses SKH liegt nach Martin Dahinden im Milizwesen und der Vernetzung mit der Schweizer Armee, die logistische Unterstützung geben kann, sowie in der engen Verbindung zum Schweizerischen Roten Kreuz, zum IKRK und anderen Hilfswerken.
Das dritte Jubiläum betrifft die Rettungskette der Schweiz, die 1981 unter der Leitung des SKH mit den Partnern Rega, Redog und den Rettungstruppen entstanden ist. Gründervater war der heute über 90jährige Arthur Bill, der schon beim Aufbau des Katastrophenhilfekorps eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Das langsame Wachsen der Institutionen, das aktive und bewusste Lernen aus den Erfahrungen, das bei der Ausgestaltung dieser Institutionen und der Formulierung der Programme eine zentrale Rolle spielt, das Anpassen an die veränderten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen gehören neben den menschlichen Faktoren zum Erfolgskonzept der Schweiz und der Humanitären Hilfe des Bundes.
Die Leistungen der Humanitären Hilfe und die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes, so Martin Dahinden, sind heute breit anerkannt, «vor allem dank der Professionalität und des Engagements der Menschen, die sich für bessere Lebensperspektiven armer und benachteiligter Bevölkerungsgruppen einsetzen».
Am Ende seiner Rede würdigte er den scheidenden Leiter der Schweizerischen Humanitären Hilfe und Vizedirektor der Deza, Toni Frisch, und bezeichnete ihn als einen Menschen, «der immer auf dem Boden geblieben» ist und der «die Konstanten der Humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit gelebt» hat.

Die Schweiz als eines der aktivsten Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft

Wie das humanitäre Engagement der Schweiz in der internationalen Gemeinschaft wahrgenommen wird, liess sich den Worten der Uno-Nothilfekoordinatorin und Leiterin der Ocha (Office for the Coordination of Humanitarien Affairs) Valerie Amos entnehmen. Sie bedankte sich für die umfangreiche Unterstützung, die die Schweiz seit Jahren leistet. In Hinblick auf Krisen, denen die Menschheit heute gegenübersteht, wird die Humanitäre Hilfe vor immer grösseren Herausforderungen stehen, zusätzlich zu den schon seit Jahren bestehenden Konflikten wie im Sudan, in Somalia oder in Afghanistan. Dass die Ocha auf die Humanitäre Hilfe des Bundes zurückgreifen kann, wurde von Valerie Amos hervorgehoben, «die Schweiz, eines der aktivsten Länder der menschlichen Gemeinschaft in bezug auf die Humanitäre Hilfe, hat hervorragende Instrumente geschaffen, die eine bessere internationale Solidarität ermöglichen». Dabei umschrieb sie die Rolle des Ochas damit, so schnell wie möglich die internationale Hilfe zu koordinieren, um möglichst ohne Verzögerung Menschenleben zu retten. 1992 hat die Uno Standards ausgearbeitet, die eine Zusammenarbeit und Kooperation der einzelnen Staaten und Organisationen, besonders auch mit dem Roten Kreuz, ermöglichen. Dabei geht es darum, sich ständig zu verbessern. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Einsätze in Pakistan und Haiti letztes Jahr zu analysieren und zu beurteilen, was sinnvoll und was nachteilig gewesen ist. Dabei sind verschiedene Aspekte zu beachten und zu erörtern:
•    Wie kann die Zusammenarbeit verbessert werden?
•    Wie können wir die Verantwortlichkeiten besser verteilen und festlegen?
•    Wie können wir dafür sorgen, dass die Länder besser auf Katastrophen vorbereitet sind?
•    Wie können wir unsere Informationsstandards verbessern, damit die Menschen verstehen, warum wir was tun?
•    Wie kommen wir zu mehr finanzieller Unterstützung, um allen Aufgaben gerecht zu werden?
Die Aufgabe der Ocha ist vor allem die Koordination der Humanitären Hilfe in Krisengebieten sowohl im betroffenen Land selbst als auch die internationale Hilfe. Dabei hält Valerie Amos fest, dass seit 1992 eine ständige Zunahme an Katastrophen zu beobachten ist und die finanziellen Aufwendungen sich nahezu verfünffacht haben. Die Schweiz ist einer der bedeutendsten multilateralen Unterstützer der Ocha. Genf selbst ist ein spezieller Ort in der Welt der Humanitären Hilfe, die hier ihren Ausgang genommen hat.

Verantwortungsgefühl und inneres Engagement

In eindrücklichen persönlichen Beispielen erfuhren die Zuhörer (vgl. Kasten Seite 2), was es für den einzelnen Menschen bedeutet, wenn Mitarbeiter der Humanitären Hilfe vor Ort den Leidenden Unterstützung geben. In schier ausweglosen Situationen den Kopf nicht zu verlieren, sondern zusammen mit den Betroffenen gangbare Lösungen entwickeln, auch wenn man zunächst völlig hilflos vor der Katastrophe und deren Auswirkungen steht, ist wichtig. In diesen Situationen braucht es am Ort des Geschehens Menschen, deren Anliegen kein anderes ist als ein zutiefst menschliches – den in Not Geratenen zu helfen. Die Reden und persönlichen Beispiele, die den würdigen Inhalt der Veranstaltung ausmachten, haben aber auch gezeigt, dass es Menschen braucht, die mit Verantwortungsgefühl und innerem Engagement fern von persönlichen Ambitionen und Drang nach persönlichem Erfolg an die zu bewältigenden Aufgaben gehen. Nur wenn diese Grundsätze eingehalten werden, kann man die Lage richtig einschätzen und die nötigen Massnahmen ergreifen.     •

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