Es war einmal der Westen

Es war einmal der Westen

Das amerikanische Schicksal ist eine Warnung: Wir müssen unsere politische Kultur schützen, unsere Institutionen, unseren Staat

von Jakob Augstein

Das Wort Westen hatte mal eine Bedeutung. Es beschrieb gemeinsame Ziele und Werte, die Würde von Demokratie und Gerechtigkeit gegenüber Tyrannei und Willkür. Aber das ist Vergangenheit. Es gibt den Westen nicht mehr. Wer Europa und die USA in einem Atemzug nennen will, dem sollte der Atem stocken. Nach allem, was wir unter dem Begriff verstehen, ist Amerika kein westliches Land mehr.

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Joseph Stiglitz über die USA: «Nun betreiben wir Ungleichheit auf Weltklasseniveau»

Amerika war lange stolz darauf, eine gerechte Gesellschaft zu sein, in der jedermann die gleiche Chance hat voranzukommen, aber die Statistiken weisen auf etwas anderes hin: Die Chancen eines armen Bürgers oder selbst eines Bürgers der Mittelklasse, in Amerika zu den Top ten aufzusteigen, sind geringer als in vielen Ländern Europas. Sie haben schlechte Karten. Es ist dieses Gefühl eines ungerechten Systems ohne Möglichkeiten, das den Grossbrand im Nahen Osten entstehen liess: Steigende Lebensmittelpreise sowie wachsende und anhaltende Jugendarbeitslosigkeit dienten nur als Zündholz. Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit in Amerika, die bei rund 20% liegt (und an einigen Orten und unter gewissen soziodemographischen Gruppen ist sie doppelt so hoch); angesichts der Tatsache, dass jeder sechste Amerikaner, der eine Vollzeitarbeitsstelle möchte, keine solche findet; dass jeder siebte Amerikaner Lebensmittelmarken bezieht (und etwa dieselbe Anzahl an «Nahrungsunsicherheit» leidet) – all dies sind genügend Hinweise darauf, dass irgend etwas das vielgepriesene «Hinuntersickern» von dem oberen 1 Prozent zu allen andern blockiert hat. 

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Das obere 1 Prozent der Amerikaner nimmt heute gut ein Viertel des jährlichen Volkseinkommens ein. Betrachtet man den Wohlstand statt des Einkommens, so kontrolliert das obere 1 Prozent 40 Prozent. Sein Anteil am Leben hat sich beträchtlich verbessert. Vor fünfundzwanzig Jahren betrugen die entsprechenden Zahlen 12 und 33 Prozent.

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Betrachtet man das blosse Ausmass des Reichtums, den das obere 1 Prozent in diesem Lande kontrolliert, ist man versucht, unsere wachsende Ungleichheit als durch und durch amerikanische Errungenschaft zu bezeichnen – wir starteten weit hinter dem Hauptfeld, aber nun betreiben wir Ungleichheit auf Weltklasseniveau. Und es sieht ganz danach aus, dass wir noch Jahre auf dieser Errungenschaft aufbauen werden, denn das, was sie ermöglichte, erhält sich selbst.

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Das Persönliche und das Politische sind heute in perfekter Übereinstimmung. Nahezu alle US-Senatoren und die meisten Mitglieder des Repräsentantenhauses gehören zu dem oberen 1 Prozent, wenn sie das Amt antreten, das Geld dieses 1 Prozent hält sie im Amt, und sie wissen, dass sie – wenn sie dem 1 Prozent dienen – von diesem 1 Prozent gut belohnt werden, wenn sie das Amt abgeben. Im grossen und ganzen entstammen auch die wichtigsten politischen Entscheidungsträger für Handel und Wirtschaftspolitik dem oberen 1 Prozent.

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Punkto Einkommensungleichheit hinkt Amerika hinter jedem Land des alten, von Präsident George W. Bush als verknöchert verspotteten Europa her. Unsere nächsten Gegenstücke sind Russland mit seinen Oligarchen und Iran. Während viele der alten Zentren der Ungleichheit in Lateinamerika, zum Beispiel Brasilien, in den letzten Jahren ziemlich erfolgreich danach strebten, die Misere der Armen zu verbessern und die Einkommensunterschiede zu vermindern, hat Amerika es zugelassen, dass die Ungleichheit zunahm.

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Vor langer Zeit versuchten Ökonomen die enormen Ungleichheiten zu rechtfertigen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts so beunruhigend schienen – Ungleichheiten, die lediglich einen schwacher Schatten dessen darstellen, was wir heute in Amerika erleben.

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Amerikas Ungleichheit entstellt unsere Gesellschaft in jeder erdenklichen Form.

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In den letzten Wochen haben wir miterlebt, wie Menschen zu Millionen auf die Strasse gingen, um gegen politische, wirtschaftliche und soziale Bedingungen der repressiven Gesellschaften zu protestieren, in denen sie leben. […] Während wir auf die Leidenschaft des Volkes in den Strassen starrren, müssen wir uns eine Frage stellen: Wann wird das nach Amerika kommen? In wichtigen Punkten ist unser Land so geworden, wie einer dieser entfernten, unruhigen Orte.

Quelle: Vanitiy Fair, http://www.vanityfair.com/society/features/2011/05/top-one-percent-201105?printable=true#ixzz1ULlbBu4b

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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