Damals sperrten sie den Rhein, heute behindern sie den Flughafen

Damals sperrten sie den Rhein, heute behindern sie den Flughafen

Grossdeutsche Arroganz und der Schweizer Abwehrwille – zum Roman «Der Schweizerkönig – Johann Rudolf Wettstein»

von Dr. iur. Marianne Wüthrich, Zürich

Was ein einzelner Bürger erreichen kann, wenn er nur mit seiner ganzen Kraft und aus seinem tiefsten Inneren heraus für das Wohl der Gemeinschaft handeln will, so unermüdlich und beharrlich, dass die Menschen um ihn herum, einer nach dem anderen, von seiner Standfestigkeit und seiner aufrechten Gesinnung mitgerissen werden – das zeigt uns die Persönlichkeit Johann Rudolf Wettsteins, eines Eidgenossen aus der dunklen Zeit des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648). Der beschwerliche und von vielen Rückschlägen gezeichnete Weg dieses grossen Politikers und Diplomaten, der die Friedensverhandlungen der europäischen Grossmächte am Ende dieses furchtbaren Völkerschlachtens nutzte, um der Schweiz im Westfälischen Frieden ihre Unabhängigkeit vom «Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation» zu sichern, ist Gegenstand des Romans «Der Schweizerkönig», den Mary Lavater-Sloman im Jahre 1935 schrieb.

In einer anderen, viel späteren dunklen Zeit, in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts, in der die Souveränität der Schweiz wieder hätte bedroht werden können, erinnerte die Schriftstellerin die Schweizer daran, was es braucht, um zum Widerstand dagegen anzutreten: überzeugte, ehrliche Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, alle Kräfte zu sammeln und ihr Äusserstes zu geben, um ihr Land davor zu schützen, einem Grossreich einverleibt zu werden.
Dass «Der Schweizerkönig» heute, im Jahre 2011, als Neuauflage erschienen ist, soll uns Menschen, ob in der Schweiz oder in anderen Ländern, dazu ermutigen, uns gegen die aktuellen Grossmächte zu wappnen. Wenn es dem Basler Politiker und Diplomaten Johann Rudolf Wettstein, der 1646 bereits von Alter und Krankheit gezeichnet war, gelungen ist, unbeirrt bei seinem Ziel zu bleiben und einen massgebenden Pflock für die Zukunft der Schweiz als souveränes, unabhängiges Land auf der Grundlage der bewaffneten Neutralität einzuschlagen, müsste es uns heute um so leichter fallen, uns zusammenzutun gegen jegliche Ansinnen von Grossmächten, uns für ihre Machtpolitik und zum Füllen ihrer leeren Steuerkassen einzuspannen.
Die Geschichte der Unabhängigkeit der Schweiz ist in ihren Grundzügen eigentlich rasch erzählt: Der Drang nach Freiheit, nach Unabhängigkeit von fremden Mächten und von fremden Richtern war von jeher der Antrieb, der die Eidgenossen motiviert hat, sich zusammenzuschliessen und Widerstand nach aussen zu leisten. Vom ersten Bund der drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden über die Gründung des Bundesstaates von 1848 bis zur Zeit der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert ging es immer an erster Stelle darum, sich mit den Kräften aller als freies Land zu behaupten, wenn nötig mit Waffengewalt.

«Keinen Schritt tun wir nach Speyer»

So lautet die erste Kapitelüberschrift des «Schweizerkönigs». In Speyer im deutschen Westfalen befand sich das Reichskammergericht, das im Jahre 1640 dem Basler Bürger Caspar Zelti auf Grund eines zivilen Rechtsstreits eine Vorladung zuschickte. Während einige Basler Ratsherren aus Angst vor allfälligen Sanktionen des Reichs dazu rieten, sich der Reichsgerichtsbarkeit zu unterstellen, erinnerte Johann Rudolf Wettstein seine Miträte daran, dass die Schweiz sich längst vom Reich losgelöst hatte. «Keine fremden Richter» – das war schon im ersten Bundesbrief von 1291 eine der grundlegenden Leitideen der Eidgenossenschaft. So ermahnt Wettstein in Mary Lavater-Slomans Roman seine mutlosen Ratskollegen, nicht so kleinmütig zu sein: «Caspar Zelti ist Basler Bürger; was schert uns das Reichskammergericht? Keinen Schritt tun wir nach Speyer. Ist die Eidgenossenschaft frei, oder ist sie ein Glied des Reichs?» (S. 13)
Als Folge der Entschlossenheit der Schweiz, ihre Souveränität zu bewahren, eröffnet sich dem Leser eine interessante Parallele zur Arroganz heutiger deutscher Behörden: Ähnlich wie die bundesdeutsche Regierung eigenmächtig die Anflüge vom Zürcher Flughafen einschränkt (der übrigens zum grössten Teil von deutschen Flugzeugen angeflogen und von vielen deutschen Passagieren benutzt wird), sperrte im 17. Jahrhundert das deutsche Reich bei Speyer jahrelang den Rhein, um den Gehorsam der Basler zu erzwingen.

«Und besitzen wir weder Pergament noch Siegel, so ist es Zeit, dass wir solches erwerben»

Um die Unabhängigkeit von den Habsburgern hatten die Eidgenossen im 14. und 15. Jahrhundert manchen Krieg geführt und gewonnen, den letzten, den Schwabenkrieg, im Jahre 1499. Seit da waren die Eidgenossen faktisch (de facto) unabhängig vom Reich, das heisst, sie bezahlten keine Reichssteuern und hatten ihre eigenen Gerichte. Das Reich anerkannte ihre Unabhängigkeit in der Regel stillschweigend. Einzelfälle wie der Prozess gegen Zelti zeigten jedoch, dass eine ausdrückliche schriftliche Bestätigung der Souveränität der Schweiz (de iure) eine Stärkung ihrer Rechtsstellung bedeuten würde.
Wie heute gab es aber auch damals kleinmütige Schweizer, die aus lauter Angst vor allfälligen Sanktionen der Reichsbehörden lieber darauf verzichten wollten, ihre Rechte einzufordern. Diesen Verzagten rief Wettstein zu: «Und besitzen wir weder Pergament noch Siegel, so ist es Zeit, dass wir solches erwerben.» (S. 13) Schliesslich gelang es diesem unbeirrten Eidgenossen, den Basler Rat zu überzeugen: Wettstein sollte an der Tagsatzung im Sommer 1643 die Einwilligung aller 13 damaligen Orte einholen, im Namen der Eidgenossenschaft aktiv zu werden. Auch diese Hürde schaffte der Basler Bürgermeister. In einem Brief an Kaiser Ferdinand III. erinnerten die Gesandten der 13 Orte an die Exemtion, die rechtliche Freistellung der Eidgenossen vom Reich und dessen Gerichtsbarkeit. Der Kaiser reagierte weder auf diesen noch auf einen zweiten Brief im folgenden Jahr, denn er hatte andere Sorgen. Nach fast dreissig Jahren schrecklicher Kriegsgreuel, die mehrheitlich auf deutschem Boden stattfanden, war Deutschland ausgeblutet, jede Familie hatte Tote zu beklagen, und die Zerstörung des Landes war unbeschreiblich. Der Kaiser rang verzweifelt um die Macht für Habsburg und zeigte wenig Interesse für die Anliegen der Eidgenossen.

«Zwischen diesen mächtigen Rivalen lag der Vorteil der Eidgenossenschaft»

In den letzten Jahren des Dreissigjährigen Krieges trafen sich die beteiligten Grossmächte Schweden, Frankreich und Habsburg in den westfälischen Städten Münster und Osnabrück, um in langen und zähen Verhandlungen zu einem Friedensvertrag zu gelangen. Für die Eidgenossenschaft, die trotz mehrerer bedrohlicher Situationen weitgehend vom Krieg verschont geblieben war, lag es nahe, eine Abordnung zu diesen Friedensgesprächen zu entsenden, um ihre formelle Unabhängigkeit vom deutschen Reich und ihre Anerkennung als souveräner Staatenbund durch die europäischen Grossmächte verbrieft zu bekommen. Aber die Eidgenossen waren uneins, viele sahen die grosse Chance für die Zukunft der Schweiz nicht. In dieser Situation zeigte sich die eindrückliche Persönlichkeit Johann Rudolf Wettsteins, der sich durch kleinliche Streitereien nicht davon abhalten liess, sich mit Leib und Seele für die gemeinsame Sache einzusetzen, und der gleichzeitig eine scharfe politische Weitsicht besass:
«Nur Wettsteins zäher Wille liess, was er einmal gepackt, nicht mehr aus den Händen. Herz und Augen waren bei den städtischen Angelegenheiten, aber das Ohr lauschte in die Ferne, nach dem Norden des deutschen Reichs, wo in Münster und Osnabrück die Abgesandten der grossen Völker den schier ewigen Krieg zu beenden trachteten. Sein heller Verstand beobachtete gespannt Frankreich, den grossen Verbündeten der Eidgenossenschaft, das nichts heisser erstrebte als die Unterhöhlung der Habsburger Macht, und verfolgte jeden Schachzug des Kaisers, der wie ein Verzweifelter um die Erhaltung seiner Macht rang. Zwischen diesen mächtigen Rivalen lag der Vorteil der Eidgenossenschaft.» (S. 15)

«Es gibt nur einen Weg, den Weg des Anstandes und der Furchtlosigkeit»

Obwohl Wettstein von den reformierten Orten nur halbherzig und von den katholischen gar nicht unterstützt wurde, reiste er mit einer kleinen, aber engagierten und ihm treu verbundenen Mannschaft zum Friedenskongress nach Münster, wo er ein kümmerliches Quartier bezog und begann, in seiner geradlinigen Art Beziehungen zu den massgebenden Diplomaten zu knüpfen und sie von der Dringlichkeit des eidgenössischen Unabhängigkeitswunsches zu überzeugen. Seine wichtigsten und ihm freundschaftlich verbundenen Ansprechpartner waren die französischen Gesandten Henri d’Orléans, der Herzog von Longueville und Graf d’Avaux, aber er verhandelte auch mit Abgesandten verschiedener deutscher Fürsten und Kurfürsten, die er dazu zu gewinnen versuchte, Kaiser Ferdinand III. zu einer ausdrücklichen Freigabe der Schweiz zu bewegen. Schliesslich reiste Wettstein auch nach Osna­brück, wo er mit den Abgesandten Schwedens, denen die Eidgenossenschaft völlig fremd war, das Gespräch suchte: «Die Schweden. Sie sassen wie ein Alp auf der Brust des Reichsrates und waren somit Wettsteins natürliche Verbündete. Aber wie sollte er mit Doktor Adler Salvius und dem Grafen Oxenstierna, die nicht einen Hauch von Interesse für die Eidgenossenschaft besassen, in fruchtbare Beziehungen treten?» (S. 109)
Mary Lavater-Sloman versteht es auf meisterliche Weise zu schildern, wie der Schweizer Wettstein als rechtschaffener und aufrechter Mann in eine Welt von Intrigen und eigensüchtigem Taktieren tritt, ein einfacher Mensch in einer ärmlichen Unterkunft neben einer Schar von Politikern, die in Palästen wohnen und von Prunk und Luxus umgeben sind: «Was immer auch die Stimmen rechts und links und im eigenen Herzen zischelten, es gab nur einen Weg, an dessen Ende wahrer Erfolg lag, den Weg des Anstandes und der Furchtlosigkeit. So liess er sich nicht brechen, nicht einmal biegen, und während ihn noch die Gespenster des Zweifels bedrohten, war ihm der Lohn schon zugefallen.» (S. 108)
Denn viele der fein gekleideten und von Dienerschaft umgebenen Herren Abgesandten der europäischen Grossmächte, die den einfach gekleideten und natürlich auftretenden Basler Bürgermeister anfangs als «Schweizerkönig» belächelt hatten, erkannten allmählich die durch und durch aufrechte und standhafte Persönlichkeit dieses Mannes, der nichts für sich persönlich, aber dafür alles für sein Land anstrebte. Unter den Franzosen, den Deutschen und den Schweden gewann er Freunde, die Hochachtung und Respekt für Wettstein empfanden und zu verstehen begannen, dass es ihm nicht nur um die Freiheit der Basler von der Reichsgerichtsbarkeit ging, sondern um die Anerkennung der Souveränität und der bewaffneten Neutralität der Schweiz durch alle europäischen Mächte, die sich in Münster und Osnabrück versammelt hatten. Ein echter «Schweizerkönig», ein König an Gesinnung und Weitsicht.

«Politischer Erfolg ist eine langsam reifende Frucht»

Nach beinahe einem Jahr zähen Ringens, nach vielen Gesprächen mit den verschiedenen Abgesandten in Westfalen, nach längeren Bemühungen um ein Mandat aller 13 eidgenössischen Orte, nach vielen Rückschlägen und trotz grosser gesundheitlicher Probleme erreichte Wettstein im Oktober 1647 endlich sein Ziel: Kaiser Ferdinand bestätigte schriftlich, dass die dreizehnortige Eidgenossenschaft dem Reich und seinen Gerichten nicht mehr unterworfen sei. Dieses kaiserliche Dekret wurde in den «Westfälischen Frieden» von 1648, den Friedensvertrag der Kriegsmächte, eingeschlossen. Wesentliche Grundlage der allseits anerkannten Souveränität der Schweiz war das «Defensionale von Wil», die Erklärung der Eidgenossen, in künftigen Konflikten zwischen anderen Mächten nicht Partei zu ergreifen, also die Neutralität zu wahren, ihre Unabhängigkeit aber notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen: «Eidgenössischerseits ist man entschlossen, sich selbsten bei erlangter Freiheit, Souveränität und Herkommen durch Gottes Gnade zu schirmen und Gewalt mit Gewalt auszutreiben», schrieb Wettstein in seinem Brief an den Kaiser. (S. 168) Die Schweizer hatten im Dreissigjährigen Krieg die Erfahrung gemacht, dass die bewaffnete Neutralität, also die Aufstellung von gut ausgerüsteten Truppen zum Grenzschutz und zur allfälligen Verteidigung, unverzichtbar war, wenn sie ihre Freiheit behalten wollten.
«Der Schweizerkönig» gehört zu den ­Büchern, die den Leser erahnen lassen, worin echte demokratische Gesinnung besteht, es ist eine Kostbarkeit, die unter die Haut geht. Wer es aus der Hand legt, wird ein Stück von Johann Rudolf Wettsteins Engagement für sein Land und seine Mitbürger im Herzen ­behalten.    •

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