Leserbriefe

Leserbriefe

Bestechend klar und realistisch

Das Interview mit Professor Schachtschneider spiegelt die Situation haargenau wider:
Herrn Elsässers Fragen entsprechen der vorherrschenden Meinung in der Bevölkerung. Die gleichen «Argumente» hören wir immer wieder, wenn wir versuchen, mit unseren Mitmenschen über den ESM ins Gespräch zu kommen. Viele haben offensichtlich grössere Angst vor dem Zusammenbruch des Euro – vielleicht auch vor persönlichen finanziellen Verlusten? – als vor der finanziellen Ausblutung unseres Staates, dem Verlust der Demokratie und der persönlichen Freiheit.
Herr Prof. Schachtschneider hat jedoch auf jede Frage eine bestechend klare und realistische Antwort. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Mögen vielleicht manche in Deutschland die Befürchtung des Eingriffs von EU-Truppen für überzogen halten – ich teile sie. In Situationen wie Griechenland sind sie vor der Tür.
Lediglich bezüglich der vorgeschlagenen Mittel des Widerstandes bin ich skeptisch. Einerseits muss natürlich alles aufgeboten werden, bevor die EU noch mehr Machtmittel an sich reisst. Andererseits sehe ich die Bereitschaft hier in Deutschland zu Demonstrationen nicht. Die Linken artikulieren ihren Widerstand leider zu leise – entweder wird er von den Medien unterdrückt oder die Sozialistische Internationale verfolgt ihre eigenen Pläne und schützt die Demokratie nicht mehr. Freie Wählergemeinschaften, die die Demokratie als Resultat der Aufklärung mit «Zähnen und Klauen» verteidigen, werden etwas vom wichtigsten werden.
Auf jeden Fall bin ich sehr froh um dieses Interview, das sich hervorragend zur Aufklärung eignet.

Dr. Marianne Schammert, Weingarten (DE)

Die Gesamtheit der Bürger muss antreten

Dem Interview mit Professor Schachtschneider ist inhaltlich – leider – nur zuzustimmen. Der Titel ist aber etwas euphemistisch, denn die FDGO (Freiheitlich demokratische Grundordnung) ist bereits seit langer Zeit in einem unaufhaltsamen Auflösungsprozess.
Was eigentlich sehr verwundern sollte, ist, dass sich aus dem akademischen Bereich nicht mehr kritische Stimmen erheben. Es sind leider immer die emeritierten oder pensonierten Kollegen, die den Mund aufmachen. Diejenigen in Amt und Würden werden tunlichst mitlaufen, denn das gesamte deutsche Hochschulsystem ist mittlerweile auf Abhängkeit von externen Geldgebern ausgelegt, und die vielgerühmte Freiheit von Forschung und Lehre ist längst Vergangenheit.
Wenn es also um das Entwickeln von Auswegen und Alternativen geht, ist von der Institution Hochschule nichts zu erwarten. Das ist das eigentlich Bedrückende an der von Kollege Schachtschneider beschriebenen Situation.

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Blendinger, Clausthal-Zellerfeld (DE)

Kleine Tatsache mit grosser Wirkung

Oder: Warum wir in unseren Schulen vor allem eine andere Landessprache lernen sollten

Ein kleiner Vorfall brachte mich im Tessin in ein Notfallspital. Abgesehen davon, dass die schweizerischen Standards dort so gut wie in der Deutschschweiz gültig sind, wird jedem Menschen – ungefragt, selbstverständlich, bedingungslos – heute auf einem Niveau geholfen, das bei mir, ich muss es sagen, jedesmal wieder ein Stück innere Anerkennung für das Geleistete und heute Mögliche auslöst. Da erlebe ich ein Stück unseres Gesundheitswesens, und zwar von seiner besten Seite.
Mit ein bisschen geschichtlichem Bewusstsein geht einem vieles durch den Sinn. Vor 200 Jahren gab es hier doch die «Schwarzen Brüder». Wie gut mag ich mich an die Vorlesestunden in der 5. Klasse erinnern, als der Lehrer uns wöchentlich daraus vorlas, wir die Köpfe auf die Bänke senken durften und uns die Bilder zum Gehörten ausmalten. Natürlich waren wir jeweils erpicht darauf, auch jede kleinste Illustration – damals zierten oft Holzschnitte die Jugendbücher – sehen zu dürfen. Der Lehrer durfte keines der kleinen Bildchen auslassen. Und wie fieberten wir mit, als Antonio seine Familie und sein geliebtes Tal mit den Geissen verlassen muss­te, weil die Familie die Kosten für den Arzt nicht aufbringen konnte. Da entstand ein Stück soziales Mitgefühl. Und heute als mitten im Leben Stehender empfinde ich eben auch dieses Gefühl der Dankbarkeit, welches wir einige Generationen später dafür haben können, dass uns heute medizinisch in jeder Situation geholfen werden kann.
Keine Selbstverständlichkeit, aber möglich geworden durch Forschung, Bildung, Ausbildung der nachfolgenden Generationen, exaktes Zusammenwirken vieler in komplexen Abläufen und sicher durch die staatliche Vorsorge, ein Gesundheitswesen aufzubauen, welches allen zugänglich sein soll: Eine kulturelle Leistung von höchstem Niveau, die nicht überall so selbstverständlich zur Verfügung steht, wird mir jedenfalls nachdrücklich in Erinnerung gerufen.
Ein kleines, fast unbedeutendes Ereignis hat meine Gedankengänge noch etwas weiter schweifen lassen. Ein junger 26jähriger Pfleger, noch in Ausbildung, war stets sehr bemüht, alle Handgriffe zu meiner völligen Zufriedenheit auszuführen, und dazu bemühte er sich – obwohl es mir durchaus Spass machte, mein in der Handelsschule damals gelerntes Italienisch endlich wieder anwenden zu können –, mit mir Deutsch zu sprechen. Auf die Frage, ob er dies in der Schule gelernt habe, kam die prompte Antwort, nein, im Militär. Er hatte im Sanitätsdienst in der Deutschschweiz die Rekrutenschule absolviert und anschliessend noch eine Stufe weitergedient.
Abgesehen davon, dass uns diese simple Frage zu vielen weiteren kleinen Austauschmöglichkeiten verhalf, wurde mir plötzlich etwas ganz Essentielles klar. Mir gingen Nachrichten durch den Kopf, in denen Sprachkonflikte über Jahre hinweg Gemeinschaften in blutige, heftige, nimmer enden wollende Auseinandersetzungen führte. Eine Sprache sollte dominieren, eine andere sollte verboten werden, als Amtssprache durfte sie nicht verwendet werden, auf Ortsschildern wurden die anderslautenden Namen gestrichen oder hingeschmiert, in den Schulen wurden damit endlose Konflikte ausgelöst, und die Menschen zwangen sich selbst in eigentliche Ghettos hinein.
Und nun diese kleine Begebenheit im Spital. Da freuten sich zwei, beide den andern in seiner Sprache anzusprechen und ihm damit den Respekt vor seiner kulturellen Eigenheit zu zollen. Ehrlicherweise müssen wir nun aber sagen, dass das nicht unser Verdienst ist, auch wenn wir beide daran höchstes Vergnügen hatten. Nein – dies haben wir wohl unseren Vorvätern zu verdanken, die fast über Jahrhunderte hinweg daran mitgewirkt haben, eine sogenannte Willensnation Schweiz entstehen zu lassen, mit der alle Sprachregionen neben den Religionen, den Stadt-Land-Gegensätzen und den vielen kulturellen Unterschieden, eben alle eine reale, friedliche und lebensfähige Grundlage erhalten sollten. Dazu gehörte neben vielem anderen zum Beispiel der Ständerat, der gerade den schwächeren Sprachregionen ein gewichtigeres Mitspracherecht im Zweikammersystem garantierte.
Also heisst das doch, dass man, statt einer Sprache die dominante Machtposition zuzuschanzen, sich zur freiwilligen Koexistenz verpflichtete, in welcher alle nebeneinander den Weg zu entwickeln hatten, die Machtfrage gemeinsam, im Konsens, zu lösen. Dazu gehörte auch, dass man im jeweilig anderen Sprachraum die Sprache der andern lernte, um sich mit ihnen eben austauschen, die Demokratie sprachlich bewältigen zu können. Unglaublich, welche politische und auch kulturelle Energie damit in Gang gesetzt wird, wenn man den Gedanken, und zwar nicht auf Englisch, zu Ende denkt. Das Erlernen einer anderen Landessprache stärkt die Bindungen, die unserer Willensnation auch in Zukunft den notwendigen starken Zusammenhalt geben werden.
Etwas stolz oder zumindest dankbar könnten wir auf und für diese Vorleistung unserer Vorfahren schon sein.
Jedenfalls tun wir gut daran, uns diese Zusammenhänge doch hin und wieder mal vor Augen zu führen, gerade wenn man krank im Bett liegt und viel Zeit hat, seine Gedanken schweifen zu lassen.

Roland Güttinger, Locarno

Griechenland – Bericht aus einem krisengeschüttelten Land

Askos, ein 1200 Einwohner zählendes Dorf, liegt etwa 35 Autominuten von der Grossstadt Thessaloniki entfernt in der nordöstlichen Provinz Makedonien. Durch eine Freundschaft in Berlin bin ich mit meiner Familie für zwei Wochen in einem schönen, modern eingerichteten Ferienhaus untergekommen. Der Ort Askos liegt nur wenige Minuten von der Autobahn entfernt auf etwa 500 Metern Höhe in den Bergen. Das 30 Kilometer entfernte Meer ist von hier nicht zu sehen, dafür ein schönes Bergpanorama. Mit zwei grossen Seen erinnert die Landschaft mit ihren bewässerten Feldern, Olivenplantagen und Wäldern auf den ersten Blick ein wenig an den Bodensee. Nur die Temperaturen klettern hier bereits vormittags auf über 30 Grad, und auf den Bergstrassen muss man sich vorsehen, keine der allgegenwärtigen Landschildkröten zu überfahren.
Angesichts der aktuellen Krise sind wir bei der Anreise mit dem Flugzeug und einem Mietwagen gespannt, wie die Menschen uns als Deutschen begegnen. Aus dem Fernsehen und der Zeitung sind uns Bilder von Generalstreiks, von Strassenschlachten in Athen und von heftigen Parlamentsdebatten im Kopf. Die Aufnahme durch die Familie unserer Freunde lässt uns diese Gedanken schnell vergessen. Wir erleben eine solche Herzlichkeit und Freude über unseren Besuch, dass wir es kaum glauben können. Wir werden fast täglich mit Speisen und Gemüse aus dem eigenen Garten versorgt. Die Sprachbarriere – wir beherrschen nur ein paar griechische Worte des täglichen Umgangs – spielt nicht so eine Rolle, wie wir befürchtet hatten. Viele sprechen hier gebrochen Deutsch. Im Ort gibt es zahlreiche Bewohner, die teilweise für mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet haben und sich gerne mit uns unterhalten.
Die Menschen hier leben in erster Linie von der Landwirtschaft. Auf den Feldern wachsen Getreide, Sonnenblumen und Mais. Eine besondere Rolle spielen die Oliven. Es existieren grosse Plantagen von Olivenbäumen. Die Früchte werden zu Öl gepresst oder eingelegt. Als Vieh werden vor allem Ziegen, Schafe und Kühe gehalten. Der Käse und andere Produkte aus den verschiedenen Milchsorten schmecken grossartig. Nahezu alle Menschen besitzen ein Haus mit Grundstück. In den Gärten wachsen Obst (Feigen und Pfirsiche), Gemüse (Tomaten, Zucchini, Auberginen, Bohnen, Gurken, Paprika, Zwiebeln, Kartoffeln u.a.) und Nüsse. Daneben werden zur Selbstversorgung Hühner, Schafe, Ziegen und Schweine gehalten. Im Herbst trägt auch die Jagd zur Grundversorgung bei. Abgesehen von der Krise des Landes machen die Menschen trotz des einfachen und arbeitsreichen Lebens einen zufriedenen Eindruck. Die Familie spielt eine grosse Rolle. Kinder werden als Reichtum und nicht als Belastung wahrgenommen.
Auf Nachfrage kommt man über die Probleme der hier lebenden Bevölkerung schnell ins Gespräch. So sind zum Beispiel die hohen Preise für Mehl durch hohe Dieselpreise für die Landmaschinen verursacht. Auch Ersatzteile für Traktoren sind kaum erschwinglich. Hier ist Improvisationskunst und handwerkliches Geschick gefragt. Im Gespräch wird erneut deutlich, dass die Familie und die gegenseitige Hilfe unter Freunden und Nachbarn eine grosse Rolle spielen.
Auf die Krise des Landes angesprochen, erfahre ich von einem Deutsch sprechenden Handwerker, dass er die Hauptursachen für die Probleme seines Landes in der Globalisierung und der korrupten Grundhaltung der politischen Klasse in Griechenland, egal welcher Couleur, sehe. Es herrsche Vetternwirtschaft und Selbstbedienungsmentalität. Dazu komme, dass die Politiker «uneingeschränkte Immunität» besässen und für Korruption praktisch nicht belangt würden. Die Probleme würden durch das internationale Bankensystem noch verstärkt. Er zeigt sich enttäuscht darüber, dass in anderen europäischen Ländern das Bild entstehe, die Griechen seien faul und selbst schuld an der Misere. Auf die Frage, wo er eine Lösung der Probleme sehe, antwortet er, dass es seiner Meinung nach falsch sei, am Euro festzuhalten. Griechenland sollte sich «unabhängig» von der EU machen und wieder zu eigener Kraft finden, statt alles, was noch wertvoll sei, an internationale Investoren zu verkaufen. Er betont, dass es viele Ideen und kluge Köpfe in Griechenland gebe, die bereit und in der Lage wären, der Krise entgegenzutreten und sich unabhängiger von den enormen Importen zu machen. Sie würden jedoch durch die Politiker daran gehindert, die sich zum Beispiel bei Importen gebrauchter und teilweise minderwertiger Rüstungsgüter kräftig schmieren liessen. Ein anderer Einwohner berichtet von Subventionsbetrug mit Fördergeldern der EU beim Autobahnbau. Er beklagt auch, dass die Medien selten über die wahren Hintergründe der Probleme berichteten. Seiner Meinung nach ziele die auch von aussen geförderte Destabilisierung auf die Bodenschätze seines Landes (u.a. Öl und Gold). Diese sollten durch Privatisierung und massiven Einsatz fremden Kapitals ausgebeutet werden, wozu Griechenland derzeit aus eigener Kraft nicht in der Lage sei.
Als Résumé lässt sich vor allem feststellen, dass der Selbstversorgung sowie der gegenseitigen Hilfe in der Familie und der Gemeinde in der gegenwärtigen Krise ein hoher Stellenwert zukommt. Griechenland mit seiner grossen Geschichte und ihren Zeugnissen, seinen gastfreundlichen Menschen und seinen herrlichen Landschaften ist und bleibt immer eine Reise wert.

Martin Wille, Berlin

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