Sich für den denkbar schlimmsten Fall vorbereiten

Sich für den denkbar schlimmsten Fall vorbereiten

Auszüge aus Gotthard Fricks Buch

12 Fazit (Auszüge)

Bei der Betrachtung des Zweiten Weltkrieges können für die Schweiz Lehren gezogen werden, die bis heute und in die vorhersehbare Zukunft gültig bleiben werden.

12 a Immaterielle Werte

Die wichtigste Voraussetzung für die Selbstbehauptung eines Volkes ist die Treue zu seinen immateriellen Werten. Sie stehen an vorderster Stelle und geben einem Volk die innere Stärke, in extremen Lagen zu bestehen. Für die Schweiz sind dies die Vaterlandsliebe, die Unabhängigkeit, die direkte Demokratie, der Föderalismus und die Friedensliebe, gepaart mit der Wehrhaftigkeit, d.h. der Bereitschaft, diese Werte und die territoriale Integrität des eigenen Landes, ohne nach dem Erfolg zu fragen, im Falle eines Angriffs bis zur Erschöpfung aller menschlichen und materiellen Ressourcen zu verteidigen.
In fast allen Berichten der fremden Nachrichtendienste, der ausländischen Medien und der diplomatischen Vertretungen der kriegführenden Mächte während des Zweiten Weltkrieges über unser Land wurde immer wieder, meistens an erster Stelle, auf die Vaterlandsliebe und die Wehrhaftigkeit der Schweizer und deren Wille zum Widerstand gegen einen Angreifer hingewiesen.
Aber auch Respekt, Anstand und die Aufrechterhaltung normaler Beziehungen zu allen anderen Staaten, neben einem, von Überheblichkeit freien, gesunden Selbstvertrauen sind weitere Voraussetzungen für die Selbstbehauptung im Konzert der Mächte.

12 b Innere politische Geschlossenheit gegen aussen

Eine andere wichtige Voraussetzung für die Selbstbehauptung in existentiellen Krisenzeiten ist die innere politische Geschlossenheit gegen aussen. Die Staaten Europas, einschliesslich der Schweiz, waren in den ersten Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg innenpolitisch tief gespalten. Während des Generalstreiks in der Schweiz wurden streikende Arbeiter von der Armee erschossen. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz kämpfte für die «Diktatur des Proletariats» und lehnte die Armee als «Machtinstrument des Klassenfeindes» ab. Aber in einer sich über einige Jahre hinziehenden innerparteilichen Debatte erkannte sie angesichts des von Deutschland vorgezeigten Negativbeispiels den Wert der Schweizer Demokratie – auch und besonders für die Arbeiterschaft – bekannte sich zu ihr und in der Folge zur Landesverteidigung. Kurz vor Kriegsbeginn war die Landesverteidigung auch für sie zum «Alpha und Omega aller schweizerischen ­Politik» geworden (Parteipräsident Oprecht am Parteitag vom 22./23. April 1938). Die Extremen zur Linken und Rechten waren marginalisiert. Im Gegensatz zu anderen Ländern konnte keine fremde Macht hoffen, eine der staatstragenden Parteien für ihre Zwecke mobilisieren oder, wenn sie angreifen würde, auf deren innerliches Abseits­stehen zählen zu können.
[…]

12 e Staaten haben nur Interessen

Schon vor sehr langer Zeit meinte ein englischer Premierminister, England habe weder Freunde noch Feinde, es habe nur Interessen. Besonders kleine Länder sollten sich dieser Maxime sehr bewusst sein. Alle Kriegsparteien handelten ausschliesslich nach ihren Interessen. Freundschaftliche Gefühle, gleiche Werte, Demokratie, Menschenrechte waren bedeutungslos, wenn es darum ging, Ent- scheide zu fällen.
So erfüllte zum Beispiel das demoralisierte Frankreich seine vertraglichen Verpflichtungen weder gegenüber der Tschechoslowakei noch Polen, da es der Meinung war, es liege in seinem Interesse, um des Friedens um jeden Preises willen Hitler gegenüber nachzugeben bzw. untätig zu bleiben. Hätte es 1938 im Falle des Sudetenlandes Hitler Widerstand geleistet oder 1939 Kampfwillen gezeigt und das im Westen weitgehend entblösste Deutschland nach dessen Angriff auf Polen gemäss seinen eindeutigen vertraglichen Verpflichtungen mit seiner starken Armee vom Westen her angegriffen, wäre bestensfalls der Zweiten Weltkrieg verhindert worden oder sehr früh zu Ende gegangen. Aber mindestens wäre Deutschland nicht mehr in der Lage gewesen, so viele andere Länder zu überfallen.
Das alliierte Expeditionskorps, das 1940 den Norwegern zu Hilfe geeilt war, wurde abgezogen und Norwegen seinem Schicksal überlassen, als die Franzosen und Briten glaubten, die Rückführung ihres Expeditionskorps sei für sie von grösserem Interesse, als die Deutschen dort zu schlagen.
Als 1939 und 1940 das Vereinigte Königreich der Schweiz aussenwirtschaftlich rücksichtslos die Kehle zuschnürte, versicherte der britische Aussenminister Eden dem Schweizer Gesandten, die Briten empfänden zwar Gefühle grosser Sympathie für die demokratische Schweiz, aber es befinde sich in einem Kampf auf Leben und Tod und müsse seine eigenen Interessen wahren. Nach dem Fall Frankreichs erklärte die gleiche Regierung, es läge im Interesse der Alliierten, dass die Schweiz so lange als möglich ihre Abwehrkraft und Unabhängigkeit aufrechterhalten könne und als Nachrichtenzentrum in der Mitte des von Deutschland beherrschten Europas erhalten bliebe. Man dürfe sie deshalb wirtschaftlich nicht zu sehr unter Druck setzen.
Die Rote Armee liess sich 1944 in ihren Kämpfen in Polen von Verbänden der polnischen Heimatarmee unterstützen. Es lag in ihrem Interesse, die eigenen Streitkräfte auf Kosten der Polen zu schonen. Die Heimatarmee unterstand aber der Exilregierung in London, die demokratischen Werten verpflichtet war. Kaum hatte eine Einheit der Heimatarmee die Wehrmacht an einer Stelle besiegt, entwaffnete die Rote Armee die erfolgreiche Kampfeinheit ihres Verbündeten und verhaftete deren Offiziere. Und als sich im Sommer 1944 die Heimatarmee in Warschau erhob, befahl Stalin der Roten Armee ihren stürmischen Vormarsch am Ufer der Weichsel zu unterbrechen und einige Monate lang zuzuschauen, bis die Wehrmacht auf der anderen Seite des Flusses die Heimat­armee dort vernichtet haben werde. Stalin hatte schon die Nachkriegsordnung Europas im Auge und wollte nicht, dass in seinem Interessenbereich eine demokratische Regierung mit einer eigenen Armee bestünde. Er überliess die seinen Interessen entsprechende Aufgabe der Vernichtung des polnischen Widerstandes der Wehrmacht.
Die Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkrieges bestätigt bis heute ohne Wenn und Aber, dass nicht Werte, sondern nur Interessen die Politik der Staaten bestimmen. Alle Deklamationen – auch die der westlichen Demokratien – über Menschen- und Völkerrechte, Demokratie und Selbstbestimmungsrecht sind nur Kulissen vor ihrer harten aussenpolitischen Interessenpolitik.

12 f Neutralität

Die Neutralität ist ein Mittel zum Zweck der Schweizer aussenpolitischen Interessenpolitik. Sie muss immer wieder im Hinblick auf ihre Vor- und Nachteile neu beurteilt werden. Sie wird gegenwärtig weltweit immer noch als unabdingbare Eigenschaft der Eidgenossenschaft gesehen und liegt heute sicher noch im Landesinteresse. Aber sie schützt an sich weder vor Freund noch Feind. Nur eine glaubwürdige Armee ist ein Schutzschild.
Deutschland hat zahlreiche neutrale Länder überfallen, selbst solche, die auf seine Initiative hin noch kurz vorher Nichtangriffspakte mit ihm abgeschlossen hatten. Aber auch die Alliierten haben genau so gehandelt, wenn es ihrem Interesse entsprach. (Aktionen der britischen Flotte in den Gewässern des neutralen Norwegens, Besetzung Islands und der Färöer-lnseln durch britische Truppen, Besetzung, gemeinsam mit der Sowjetunion, des neutralen Persiens, regelmässige Überfliegungen der neutralen Schweiz durch britische und amerikanische Bombergeschwader, Aufgabe der Neutralität durch Portugal unter Druck des Vereinigten Königreichs und der USA und Erteilung der Erlaubnis, auf den Azoren einen Luftstützpunkt zu errichten.)
 Die Neutralität muss glaubwürdig sein. Sie muss gegen jede Partei verteidigt werden, ohne Rücksicht auf Sympathien und Antipathien. General Guisan wollte mit seinen fragwürdigen Treffen mit SS-­General ­Schellenberg dem deutschen Oberkommando die Versicherung zukommen lassen, dass die Schweiz entschlossen gegen jede Armee kämpfen werde, die ihre territoriale Integrität verletze, also auch gegen die Alliierten. Es galt zu verhindern, dass Deutschland die Schweiz vorsorglich angreife, weil es dem Schweizer Willen misstrauen könnte, auch einen alliierten Durchmarsch durch ihr Territorium mit aller Kraft zu bekämpfen.
[…]

13 Schlusswort

Wie nach dem Ersten Weltkrieg, erscheint vielen heute ein grosser Krieg in Europa oder ein Angriff gegen unser Land auch in einer weiteren Zukunft als undenkbar. Es liegt in der Natur des Menschen, einen schon lange andauernden Frieden und ganz allgemein gute und angenehme Umstände quasi als gottgegeben und für alle Zeiten andauernd zu betrachten und schreckliche Möglichkeiten zu verdrängen.
Man hofft, die Geschichte werde den Optimisten recht geben. Aber die Geschichte zeigt und der Zweite Weltkrieg und andere Kriege seither bestätigen, wie irrationale Verhaltensweisen und Entscheide, oft im Verbund mit niedrigsten menschlichen Instinkten, auf allen Seiten immer wieder die Politik und das militärische Handeln bestimmen. Wer sich damit abgefunden hat, dass sich die menschliche Natur mit ihren extremen Möglichkeiten im Guten wie im Schlechten nicht verändert, kann einen Krieg in Europa – auch einen gegen unser Land gerichteten – innerhalb eines Zeitrahmens von mehreren Jahren oder während der Lebenszeit eines Grossteils unserer heutigen Bevölkerung nicht ausschliessen.
 Zudem wird von vielen übersehen, dass die Welt voller sehr grosser Probleme ist, die, jedes für sich und je nachdem wie es sich entwickelt, das Potential zur Freisetzung grosser zerstörerischer Energien bis hin zu Kriegen hat. Es ist auch denkbar, dass einige Probleme gleichzeitig ausser Kontrolle geraten und sich dann mit ihren negativen Auswirkungen gegenseitig verstärken.
Was, wenn z.B. die Welt oder nur Europa wegen der angehäuften Schulden in eine grosse Währungs- und Wirtschaftskrise schlittert und Europa vielleicht sogar auseinanderbricht und sich auch noch die aus der Vergangenheit herrührenden, zahlreichen ethnischen und territorialen Spannungen entladen würden? Zwischen der Machtergreifung Hitlers und der Remilitarisierung des Rheinlandes lagen nur 3, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Einmarsch in Österreich lagen nur 5 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nur 6 Jahre.
Deshalb ist es unerlässlich, dass die Schweiz sich auch für den denkbar schlimmsten Fall vorbereitet, hoffend, er trete nie ein.    •

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