Wenn Sie wüssten..., dass dies noch lange keinen Frieden darstellte

Wenn sie wüssten …, dass dies noch lange keinen Frieden darstellte

Am Ende des Ersten Weltkrieges machte sich der französische Sozialist Aristide ­Briand folgende Gedanken:

«Wie alle Franzosen hatte ich am allgemeinen Freudentaumel während des langen und unvergesslichen 11. Novembers 1918 teilgenommen. Jedoch zur gleichen Zeit hatte ich stetig ein dumpfes Unwohlsein in mir. Woher kam dieses Schweregefühl? Im Allgemeinen verweile ich nicht in düsteren Gedanken. Aber als ich am Palais Bourbon diese lachenden, erregten, begeisterten Gesichter, die zu mir blickten, sah, dachte ich merkwürdigerweise: ‹Wenn die nur wüssten …›.

Wenn sie was wüssten? In meinen Gedanken war dies noch verschwommen. Wenn sie wüssten, dass noch nichts beendet ist. Dass das Einstellen des Kampfes vorerst nur ein Waffenstillstand, eine Pause war. Dass dies noch lange keinen Frieden darstellte. Dass dieser, um ihn zu schaffen und zu festigen, nun davon abhing, wie man jetzt mit Deutschland verfahren würde. Jedoch das, was ich an jenem fiebrigen Tag aufkommen sah, war keine Friedenspolitik. Was in dieser tobenden Menge zum Ausdruck kam, war ohne Zweifel der Rausch der Befreiung, aber mehr noch der Rausch der Rache. Vae victis! Denen werden wir es zeigen, den Deutschen! Unter dem Druck dieses Aufrufs würde der Besiegte zu Boden gebracht und mit Füssen getreten werden. Neben seinen Waffen würde man ihm auch seinen Besitz, seine Ländereien, seine Haut entreissen. Welche Nation aber – wenn sie nicht in Schutt und Asche gelegt wird – würde eine solche Behandlung auf Dauer ertragen? Welche würde sich nicht schliesslich dagegen auflehnen?»

Briand – wie Churchill, aber im Gegensatz zu Clemenceau – dachte, es wäre alles andere als weise, das völlig zerstörte Deutschland vollständig ausbluten zu wollen. Das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass die Zukunft ihnen Recht gegeben hat. Mussolini hatte dieselbe Vision. Die Amerikaner, die zur Verstärkung kamen, hatten ihrerseits auch die Absicht, sich ihren Kriegseinsatz bezahlen zu lassen. Der Versailler Vertrag verpflichtete Deutschland, den Betrag von 123 Milliarden Goldmark zu zahlen, und jährlich 26% ihrer Exportgüter abzutreten. Solche Forderungen mussten das Land noch mehr in den Ruin treiben, was dann auch eintrat. Anstatt die Forderungen den Möglichkeiten Deutschlands anzupassen, damit die Industrie langsam wieder aufgebaut werden konnte, wurde ein ganz anderer Weg gewählt. Internationale Bankiers gründeten in der Schweiz, in Basel, die «Bank für internationalen Zahlungsausgleich». Dieser Plan, der sogenannte Young-Plan löste den Dawes-Plan ab. Dieses System, das 1923 errichtet wurde, ermöglichte es Nazi-Deutschland, seine Wiederaufrüstung zu finanzieren. Mehr als hundert amerikanische Firmen beteiligten sich im Geheimen an der Wiederaufrüstung Deutschlands, und dies auch während des Krieges.

Christian Favre, «La Suisse avant et pendant la Seconde Guerre mondiale»,
Lyon 2011, ISBN 978-2-35508-841-4, S. 15f.

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