Die Krise ist aufgeschoben, nicht aufgehoben

Die Krise ist aufgeschoben, nicht aufgehoben

Wollen die Notenbanken keine Hyperinflation, müssen sie die Papiergeldvermehrung einstellen

von Beat Kappeler

Für den späteren Ausstieg der Nationalbank aus der 1.20-Franken-Untergrenze des Euro gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht.
Die gute Nachricht zeigt sich im leichten Schwebezustand des Euro oberhalb dieser Grenze auf zeitweise Fr. 1.21. Das ist ein leises Zeichen, dass sich der Euro aufgefangen hat. Denn mit einem Zerfall der Währungsunion muss kaum gerechnet werden, seit die Europäische Zentralbank «unbeschränkte» Mittel für die Stützung des bankrotten Südens versprochen hat.
Auch ein Ausstieg einiger Mitgliedsländer, etwa Griechenlands, Spaniens oder Portugals, würde den Euro stärken, denn nachher wäre er eine starke Währung starker Länder. Nur wenn sich die unerhörte gegenseitige Verkrallung zwischen Banken, Zentralbank und Staatsschulden als unhaltbar erwiese, würde der Euro-Raum in der Versenkung verschwinden oder würde der Norden austreten. Denn die Bankbilanzen sind voller Anleihen der fast bankrotten Südstaaten. Diese wiederum stützen ihre Banken, und die Zentralbank stützt die Staaten wie die Banken des Südens – aus welchen die Einlagen abgezogen und im Norden deponiert worden sind.
Aber im Moment sieht es nach Durchwursteln aus, nach enormer Papiergeldschöpfung zur Verkleisterung aller dieser Bankbilanzen, Staatsschulden und Zentralbankhilfen. Eine entsprechende Inflationierung des Euro-Raums müsste dann die Staatsschulden zulasten der Sparer und Pensionskassen reduzieren. Das ist die «innere Agenda» der Notenbank und der Euro-Politiker.
So sehen heute gute Nachrichten aus. Nun zu der schlechten Nachricht. Der Franken ist an diesen Euro-Raum seit einem Jahr bedingungslos angegliedert. Die Nationalbank bläst die Papiergeldmenge sogar noch stärker auf, und eine Inflation des Westens wird sich mit dem Fixkurs des Frankens 1:1 in die Schweiz übertragen. Der Franken soll zu einer banalen, uninteressanten Währung werden.
Er soll ebenfalls auf Schwindsucht machen. Die Inflation des Auslandes wird nicht mehr mit steigendem Franken abgefedert und so die inländische Stabilität gesichert. Damit ist nach 40 Jahren ein schweizerischer Sonderweg zu Ende, der Stolz auf eine harte, unbeugsame Währung muss aus dem Selbstbild des Landes gestrichen werden.
Das neue Buch Ernst Baltenspergers zum Franken als einer «Erfolgsgeschichte» zeigt, dass nach viel geringeren Interventionen und Geldschöpfungen der Nationalbank nach 1978 die Inflation drei Jahre später auf 6,4% anstieg. Doch die schlechte Nachricht der Gegenwart trifft nur den Nationalstolz, denn die Intervention der Nationalbank mit der Frankengrenze zu Fr. 1.20 führt die Erfolgsgeschichte auf andere Weise weiter. Das Land hat gewählt: Wir retten die Exportwirtschaft und unseren Wohlstand, wir opfern dafür teilweise den Geldwert. In einer Welt papiergeldschleudernder Notenbanken kann der Brave nicht Stabilität pflegen. Dank eigener Währung konnte diese Wahl getroffen werden. Der Franken ist ein Instrument, kein Ziel in sich mehr.
Wie kann man sich den Ausstieg aber vorstellen? Die Notenbank kann ihre Bilanz beliebig verlängern. Sie kauft andere Währungen wie den Euro oder Dollar auf, hält diese Werte auf der Aktivseite und gibt als Passiven neue Franken aus, als «Schuld» ans Pub­likum.
Über 80% der aufgekauften Währungen sind in Staatsobligationen vor allem Deutschlands, dann auch Frankreichs angelegt. Die Schweizer Notenbank ist heute wohl der grösste einzelne Gläubiger Deutschlands. Das wirft etwas Zinsen ab und dürfte sicher sein, falls sich Deutschland nicht mit Hilfsleistungen übernimmt. Wenn also der Franken von den Anlegern als genügend banal, uninteressant, als gleichermassen inflationsgefährdet wie die anderen Währungen betrachtet wird, kann die Nationalbank die aufgekauften Staatspapiere und Währungserlöse daraus verkaufen. Damit zieht sie die ausgegebenen Franken ein und löscht sie.
Das alles steht aber nicht heute bevor. Zuerst wird die beabsichtigte «finanzielle Repression» der US- und Euro-Notenbanken die Zinsen einige Jahre unter die Inflationsrate drücken – dank laufender Papiergeldvermehrung. Die Nationalbank macht dies wohl mit, denn höhere Zinsen hierzulande würden erneute Zuflüsse anziehen. Damit wird auch hier Geld fehlgeleitet investiert – in Immobilien, Aktien, Gold, Rohstoffe.
Eines Tages aber macht das Publikum nicht mehr mit, es verlangt höhere Zinsen in Dollar und Euro. Wollen die Notenbanken keine Hyperinflation, müssen sie die Papiergeldvermehrung einstellen.
Damit steigen diese Währungen eher an, und so dürfte allmählich der Ausstieg aus der Untergrenze von Fr. 1.20 gelingen. Das kann auch schrittweise orchestriert werden, indem die Nationalbank auf Fr. 1.22 geht, dann auf  Fr. 1.25 und die Devisenoperateure mit Unsicherheit und Verlusten bedroht. Dann würde die Frankenabwertung zu einem Selbstläufer. Nach diesem Tal der Schwächung kann der Franken allenfalls an seine Erfolgsgeschichte anknüpfen und wieder stabil werden. Bis dann aber wird der ganze Westen eine unerhörte Bremsspur erleben, denn die Normalisierung der Zinsen wird dannzumal die Bankrotte und die Konjunkturdelle bringen, die man heute mit der Papiergeld-Expansion zu vermeiden versucht.
Die Krise ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Ausser die Politiker der USA und des Euro nutzen die Jahre finanzieller Repression, der Enteignung der Sparer, zu ernsthaften Reformen. Schlechte Nachrichten, gute Nachrichten, je nachdem, was man ist: Exporteur, Sparer, Realwertbesitzer oder Schuldner.    •

Quelle: NZZ am Sonntag vom 14.10.2012

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