Ist «Europa» zu nichts anderem mehr fähig?

Ist «Europa» zu nichts anderem mehr fähig?

Für immer mehr Europäer wird das soziale Netz löchrig

von Liz Alderman

ab. Es ist eine unbehagliche Situation: Im stolzen Europa als Teil der ersten Welt mit Presse- und Meinungsfreiheit und 24-Stunden-Tittytainment auf allen Kanälen muss man zu einer amerikanischen Zeitung greifen, um etwas über die soziale Entwicklung in unseren Nachbarländern zu erfahren. Zum Beispiel thematisiert die «International ­Herald Tribune» vom 14./15. April die stark ansteigende Suizidrate unter Männern in ihren besten Berufsjahren, weil die Wirtschaftskrise ihre Berufspläne ruiniert. Es sind die Tätigen, die Strebsamen – junge Familienväter, die diese Statistik füllen. Wie gehen wir eigentlich mit unseren Mitbürgern um? Wohin soll dieser Weg führen? Falls unsere Kollegen von der politischen Linken die Standard-Antwort bereit haben, die Betroffenen hätten eben mit Kundgebungen politisch Einfluss zu nehmen, müssen sie auch dazusagen, ob sie dann als Winkelrieds vor Sarkozy-Merkels neue Eingreiftruppe gehen und die Bürger vor den «Eurogendfor»-Waffen schützen …… Es ist nicht nur Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien, sondern auch Frankreich: Es ist eine gegen alle Analysen und Ratschläge von Ökonomen bewusst herbeigeführte Verarmung europäischer Bevölkerung. Die Antwort der Regierungen darauf fällt aus wie früher: «Blaue Bohnen» gibt es, oder mach’ halt Suizid.

Die Rezession wirkt einschneidender, und viele Working Poor fallen heute durch die Maschen.
Wenn Melissa Dos Santos jeweils am Ende des Tages ihren Arbeitsplatz verlässt, kehrt sie an einen merkwürdigen Ort heim: Zu einem winzigen Wohnwagen auf einem Zeltplatz, eine halbe Stunde nördlich von Paris gelegen, auf dem viele Menschen, die sich kaum durchbringen können, auf einem sich ausweitenden Grundstück leben, das ursprünglich als ländliche Zuflucht für Feriengäste vorgesehen war.
«Ich bin in einem Haus grossgeworden; auf einem Zeltplatz zu leben ist nicht das gleiche», sagt Melissa Dos Santos wehmütig.
Ihr Traum von einem normaleren Leben in einer Wohnung zusammen mit ihrem Freund schwand, als sie beide Mindestlohn-Jobs annahmen – sie in einem Supermarkt, er als Strassenreiniger in Paris –, nachdem sie monatelang vergeblich besser bezahlte Arbeit gesucht hatten.
«Die Leute nennen uns randständig», sagte sie, «das zehrt immer mehr an uns.»
Die seit langem anhaltende Euro-Krise Europas mag abflauen. Aber die wirtschaftliche Not, die sie mit sich brachte, bringt eine wachsende Flut von Arbeitnehmern in Frankreich und der ganzen Europäischen Union in eine prekäre Lage. Heute leben Hunderttausende von Menschen auf Campingplätzen, in Fahrzeugen oder billigen Hotelzimmern. Weitere Millionen teilen sich Wohnraum mit Verwandten und sind nicht in der Lage, für die einfachen Lebenshaltungskosten aufzukommen.

Working Poor Europas

Diese Menschen bilden den äussersten Rand der Working Poor Europas: ein wachsender Teil der Bevölkerung, der durch die Maschen des lange gerühmten sozialen Sicherheitsnetzes in Europa fällt. Viele, vor allem junge Leute, sind in Niedriglohn- oder Temporärjobs gefangen; diese ersetzen feste Arbeitsplätze, die während der europäischen Wirtschaftskrise zerstört wurden.
Jetzt warnen Ökonomen, europäische Beamte und Organisationen, die sich dem Schutz der sozialen Sicherheit widmen, dass sich die Situation verschlimmern dürfte. Während die europäischen Regierungen als Reaktion auf die Krise darauf drängen, die Ausgaben zu senken, um Budgetdefizite zu stopfen, und von den Arbeitskräften grössere Flexibilität fordern, «wird der Anteil der Working Poor in der Bevölkerung explodieren», sagte Jean-Paul Fitoussi, Ökonomieprofessor am Institut d’Etudes Politiques in Paris.
Für die meisten Europäer und besonders die Franzosen dürfte das nicht passieren. Angesichts grosszügiger Minimallohn-Gesetze und dem stärksten Sozialsystem der Welt pflegen die Europäer zu denken, sie seien von einem Phänomen geschützt, das sie mit den Vereinigten Staaten oder anderen Laisser-faire-Wirtschaften verbindet.
Aber der europäische Wohlfahrtsstaat, der dazu gedacht war, den Menschen ohne Arbeit ein Grundeinkommen, Zugang zu Gesundheitsversorgung und Sozialwohnungen bereitzustellen, erweist sich als schlecht vorbereitet auf eine stetig wachsende Zahl von Arbeitnehmern, die nicht genug verdienen, um über die Runden zu kommen.
In hart betroffenen Ländern wie Griechenland und Spanien ist die Tendenz alarmierend, aber sie steigt selbst in prosperierenderen Ländern wie Frankreich und Deutschland.

Working Poor leben heute im selben Zustand wie im 19. Jahrhundert

«Frankreich ist ein reiches Land», sagte Fitoussi. «Aber die Working Poor leben heute im selben Zustand wie im 19. Jahrhundert. Sie können die Heizkosten nicht bezahlen, sie können die Kleider für ihre Kinder nicht bezahlen, manchmal leben fünf Personen in einem Appartement von neun Quadratmetern – hier in Frankreich!» empört er sich, als er von einem Appartement dieser Grösse spricht.
Im Jahr 2010, dem letzten, für das Daten verfügbar waren, lebten gemäss Eurostat 8,2% der Arbeitnehmer der 17 Euro-Zonen-Länder unter der durchschnittlichen Armutsgrenze dieser Region von 10 240 Euro oder 13 660 Dollar für ledige erwachsene Arbeitnehmer, während es 2006 noch 7,3% waren. In Spanien und Griechenland ist die Lage fast doppelt so schlimm.
Auch wenn direkte Vergleiche auf Grund unterschiedlicher Standards schwierig sind: Das US-Ministerium für Arbeit schätzte, dass im Jahr 2009 bei 7% der ledigen erwachsenen Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten das Einkommen unter der Armutsgrenze von 10 830 Dollar lag, während es 2006 noch 5,1% waren.
Frankreich schneidet mit 6,6% besser ab als die meisten europäischen Länder, aber wohl nirgends überrascht das Phänomen mehr als hier. Während das Land Prosperität auszustrahlen scheint, stieg die Zahl der Working Poor von 6,1% im Jahre 2006 weiter an, und Experten zufolge wird sie weiter wachsen.
In Frankreich verdient mehr als die Hälfte aller Haushalte weniger als 19 000 Euro.
Der monatliche Durchschnittslohn liegt bei 1620 Euro und damit 26% über dem Durchschnitt der gesamten Europäischen Union.    Aber die hohen Lebenshaltungskosten und die Schwierigkeiten vieler Leute, sich eine zahlbare Wohnung zu beschaffen – die Immobilienpreise stiegen im letzten Jahrzehnt um 110%, und die meisten Vermieter verlangen hohe Kautionszahlungen im voraus – lässt eine wachsende Zahl im Regen stehen.
Melissa Dos Santos und ihr Freund, Jimmy Collin, 22, zogen in den Wohnwagen, weil sie nicht bei ihren Familien wohnen wollten und zuwenig Geld für die Vorauszahlung einer Wohnung hatten. Collin, Highschool-Absolvent mit etwas zusätzlicher technischer Ausbildung, suchte während mehr als sechs Monaten Arbeit, bevor er letztes Jahr einen Mindestlohn-Vertrag an Land zog, bei dem er 1375 Euro im Monat für das Reinigen der Strassen rund um die Juwelen von Paris wie den Eiffelturm verdient. Er erhält ein kleines Gehalt von der Regierung für Geringverdiener, aber sie finden es immer noch schwer, nach dem Zahlen der Steuern und der Lebenshaltungskosten etwas zu sparen. Das Warten auf sozialen Wohnungsbau dauert schon mehr als fünf Jahre.
Melissa Dos Santos, auch sie Highschool-Absolventin, ergriff die Gelegenheit für die Stelle im Supermarkt Carrefour, nachdem sie über eines der staatlichen Arbeitsämter keine Stelle finden konnte – die dortigen Berater, die 120 Fälle betreuen sollten, werden in letzter Zeit jeder mit bis zu 500 Fällen überhäuft. Aber ihr Chef will sie nicht mehr als 35 Stunden die Woche arbeiten lassen, und zusätzliche Arbeit kann sie auch nicht finden.
«Die Leute kommen so nicht voran», sagte sie.

Bis zu 120 000 Menschen auf französischen Campingplätzen

Heute leben laut Observatoire des Inégalité (Beobachtungsorganisation für Ungleichheit) bis zu 120 000 Menschen auf französischen Campingplätzen. Obwohl kein wirklich neues Phänomen, nimmt es Beamten zufolge doch zu.
Sogar Leute mit mittelständischen Arbeitsplätzen leben am Rande.
Bruno Duboscq, 55, Leiter der Personalabteilung eines kleinen Unternehmens mitten in Paris, zog vor drei Jahren, als ihm die Ausgaben für eine kleine Wohnung Ende Monat zuwenig Geld übrig liessen, in ein Wohnmobil auf dem Parkplatz der Anlage des Château de Vincennes, eines prunkvollen Schlosses aus dem 12. Jahrhundert.
«Die Leute auf der Arbeit waren schockiert, als sie herausbekamen, dass ich in einem Camper lebe», sagte Duboscq, der kurz vor der Pensionierung steht und hofft, dass ihm die zusätzlichen Ersparnisse über die Runden helfen werden, wenn er nicht mehr arbeitet. «Es wird härter, zurechtzukommen.»
An einem eisigen Februar-Abend, an dem das Thermometer auf minus 6 Grad Celsius fiel, öffnete er die Tür seines Campers und zeigte stolz seine kleine Küche, einen Fernseher, zwei Betten und eine winzige Dusche. Es wäre besser, auf einem offiziellen Campingplatz zu leben, aber das wäre, wie er sagte, bei 30 Euro am Tag zu teuer.
Aber Duboscq ist besser gestellt als die meisten seiner Nachbarn. «Rundherum gibt es immer mehr Elend», sagte er, während er auf eine Reihe verschneiter Fahrzeuge draussen starrte. «Viele, vor allem junge Leute, leben hier in ihren Auto», sagte er, «sie sind nicht gut bezahlt, eine Wohnung können sie sich kaum leisten, und die Preise für alles sind erheblich gestiegen.»

Zeitverträge statt gesetzlicher Arbeitsschutz

Viele stehen unter Zeitverträgen, welche die Arbeitgeber vermehrt einsetzen, um Dauerstellen zu ersetzen, denn letztere umfassen auch Zuschüsse und Arbeitsschutzgesetze, die viele Arbeitgeber nicht übernehmen wollen. Vertragsarbeit hat in den letzten paar Jahren stark zugenommen und wird weiter zunehmen, da Politiker in Frankreich und anderswo deren Einsatz fördern, um auf diesem Wege hohe Arbeitslosenraten zu senken. Aber zahlreiche neue Studien von Ökonomen und Sozialorganisationen warnen, dass die Ausbreitung von Zeitverträgen die Zahl jener erhöhen könnte, die trotz Anstellung mit Armut konfrontiert sind, da weniger bezahlt wird und sie weniger Zuschüsse erhalten.
Im Jahre 2011 machten die Zeitverträge laut Eurostat 50% aller Neueinstellungen in der EU aus.
Isabelle Maquet-Engsted, leitende Analystin bei der Europäischen Kommission in Brüssel, sagte, die politischen Anstrengungen zur Förderung der Zeitarbeit dürften lediglich die Probleme vertuschen, die Europa dabei hat, stabiles Wirtschaftswachstum und gutbezahlte Stellen zu schaffen. «Wir haben Anzeichen dafür, dass die Dinge nicht besser werden, weil die geschaffenen Jobs zu denen gehören, die ein grösseres Armutsrisiko bergen», sagte sie.
Für diejenigen, die nach dem Ablaufen eines Zeitvertrages keine Arbeit finden, kann die Situation fatal werden.
In den Bois de Vincennes, einem Park hinter dem Parkplatzgelände, auf dem Duboscq lebt, wärmte Jean, ein 51jähriger Elektriker, der nur mit Vornamen genannt werden will, kürzlich seine Hände über einem Feuer in einem kleinen Ölfass. Früher, erzählt er, pflegte er ein winziges Pariser Studio zu mieten, aber vor drei Monaten zog er in ein Zelt im Wald, nachdem ein befristeter Job ausgelaufen und er nicht in der Lage war, eine andere Unterkunft zu beschaffen.
Tagsüber ist der Park ein Tummelplatz für junge Stadtbewohner. In der Nacht aber ist er das Zuhause für geschätzte 200 Menschen, darunter auch Familien mit Kindern. Einige sind Franzosen, einige Immigranten aus Osteuropa und Nordafrika.
Wie viele der Zeltunterkünfte ist auch die von Jean eine quasipermanente. Mit seinen Nachbarn teilt er einen wackligen Tisch und ein Regal mit Zucker, Salz und einem alten Teekessel. Streifen von Fleisch hängen gefroren an einer Wäscheleine.
«Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal hier sein würde», sagte Jean. «Aber meine Verträge liefen aus, und in meinem Alter wird es schwieriger, neue zu bekommen.»    •

Quelle: International Herald Tribune vom 2.4.2012
(Übersetzung: Zeit-Fragen)

Die Not lindern

Kinder in Griechenland

Die Sammlung von Lebensmitteln für Griechenland der Griechischen Gemeinde Zürich war Ende März abgeschlossen, damit die Lebensmittel noch vor dem griechischen Osterfest am 15. April an ihrem Bestimmungsort ankamen. Der griechische Pfarrer Emmanuel Simantirakis bedankte sich in der Predigt für die 5 Tonnen Lebensmittel, die helfen werden, ein wenig Not zu lindern.
Doch die Spendenaktion der Griechischen Gemeinde Zürich geht weiter. Helfen Sie mit, angesichts der derzeit schwierigen Situation in Griechenland, notleidenden Kindern zu helfen.
Der Vorstand hat hierfür zwei kinderbetreuende Organisationen ausgesucht, die sie gerne mit Ihrer Hilfe direkt finanziell unterstützen wollen: www.sos-villages.gr und www.kivotostoukosmou.org
Zu diesem Zweck hat die Griechische Gemeinde Zürich ein neues PC-Konto mit dem Stichwort «GGZ hilft Kindern in GR» eröffnet:

PC 60-329248-0.

Da die Organisationen auf eine möglichst schnelle Hilfe angewiesen sind, soll die erste Phase dieser Hilfsaktion per Ende April 2012 abgeschlossen sein. Der gesammelte Betrag wird auf der Webseite www.kinotita.ch veröffentlicht.
Wir hoffen auf eine grosse Resonanz und danken allen für die Unterstützung!

Kontakt:
Griechische Gemeinde Zürich
Postfach 157, 8042 Zürich
www.kinotita.ch

Steigende Suizid-Rate als Folge der Finanzkrise

[…] David Stuckler ist ein Wissenschafter an der Universität von Cambridge in England, der eine in der medizinischen Fachzeitschrift «Lancet» veröffentlichten Studie durchgeführt hat, die eine scharfe Zunahme der Selbsttötungen in ganz Europa herausfand, aber besonders stark in den schwer gebeutelten Ländern wie Griechenland und Irland, zwischen 2007 und 2009, zeitlich parallel mit dem Niedergang. «Sparmassnahmen können eine Krise in eine Epidemie verwandeln», kommentierte er. […]
Statistiken der Regierung zeigen, dass in Griechenland die Zahl der Menschen, die Suizid begingen, von 2007 bis 2009 um mehr als 24 Prozent zunahm. In ­Irland stieg die Zahl männlicher Suizide um mehr als 16 Prozent. Und in Italien nahm die Gesamtzahl der Suizide, die durch wirtschaftliche Probleme motiviert waren, um 65 Prozent zu – von 123 im Jahr 2005 auf 187 im Jahr 2010, dem letzten Jahr, für das Statistiken verfügbar sind. […]
George Mordaunt, 44, berichtet, dass er während der Finanzkrise Suizid in Betracht gezogen habe, nachdem ihm ein Sprüche klopfender Banker damit gedroht hatte, zur Rückzahlung von Darlehen sein Haus zu beschlagnahmen. Er erinnert sich, wie man ihm sagte: «Sparen Sie sich Ihre rührselige Geschichte. Wir wollen unser Geld. Wenn das bedeutet, Ihnen das Haus Ihrer Familie wegzunehmen, werden wir das tun.»

Quelle: International Herald Tribune vom 14./15. April 2012
(Übersetzung: Zeit-Fragen)

«… bringt eine wachsende Flut von Arbeitnehmern in Frankreich und der ganzen Europäischen Union in eine prekäre Lage. Heute leben Hunderttausende von Menschen auf Campingplätzen, in Fahrzeugen oder billigen Hotelzimmern. Weitere Millionen teilen sich Wohnraum mit Verwandten und sind nicht in der Lage, für die einfachen Lebenshaltungskosten aufzukommen».

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