Kosovo – der Krieg der 68er

Kosovo – der Krieg der 68er

von Richard Holbrooke

zf. Der nachfolgende Text ist das Vorwort zur englischen Paperback-Ausgabe von Bermans «Power and the Idealists: Or, the Passion of Joschka Fischer, and its Aftermath». Die gebundene englische Ausgabe enthält dieses Vorwort nicht; desgleichen fehlt es in der deutschen Ausgabe. Es verdeutlicht, wie Cohn-Bendit, Kouchner, Fischer und Koenigs erneut in Stellung gebracht und als neue Vorbilder und Lichtgestalten für «einen weiteren, parteiübergreifenden Konsens für eine aufgeklärte atlantische Aussenpolitik» präsentiert werden.

Während meiner College-Jahre war eines der Bücher, die wir alle lasen, Edmund Wilsons «To the Finland Station: A Study in the Writing and Acting of History» [Am finnischen Bahnhof: Eine Studie über geschriebene und reale Geschichte].1 Ich vergass es nie. Wilson war ein grosser Autor und Literaturkritiker, und sein Buch war herrlich geschrieben. Aber sein Buch regte mich besonders an, weil es etwas Ungewöhnliches und extrem Wichtiges beschrieb: Den Zusammenhang von philosophischen Ideen und praktischen Ereignissen – der grausame Schnittpunkt, wo Theorien und Persönlichkeiten zusammentreffen und manchmal dahinkommen, die Welt zu verändern, zum Besseren oder zum Schlechteren. Wilson beschrieb diesen Schnittpunkt, indem er die Geschichte des Sozialismus eingehend  berichtete. Er beschrieb den Aufstieg zahlreicher Theorien über Geschichte und Wirtschaftswissenschaft. Und er zeigte, wie Lenin und eine kleine Zahl anderer Leute dazustiessen und diese Ideen (modifiziert natürlich, den Umständen angepasst)  in der bolschewistischen Revolution zur Anwendung brachten und dadurch die Weltgeschichte veränderten – in diesem Fall verheerend, wie Wilson schliesslich erkannte.
Paul Berman ist ein Autor in der Tradition von Edmund Wilson. In «Power and the Idealists» ist Bermans Thematik ebenfalls der Schnittpunkt von Ideen und Ereignissen. In mancher Hinsicht ist «Power and the Idealists» eine Fortsetzung von Wilsons Klassiker – eine Geschichte der politischen Linken, ihrer Entwicklung und ihrem Einfluss auf das Weltgeschehen. Berman beginnt mit den Linksradikalen aus der Periode ein halbes Jahrhundert nach Lenins Revolution – in den Jahren um 1968. Viele von uns denken heute, wir wüssten alles, was wir über 1968 wissen müssen. In der Kurzfassung der Geschichte, wie sie in den modernen Medien so populär ist, war 1968 eine verrückte Zeit. Sex, Drogen und Rock’n’Roll schufen eine wilde, verantwortungslose Gruppe von hemmungslosen, sich der Autorität widersetzenden, Flaggen verbrennenden Anarchisten der neuen Linken, die unsere wesentlichen Werte, unsere Lebensform bedrohten. Diese Kurzfassung der 1968er Jahre gab der politischen Rechten seit dieser Zeit Auftrieb. Viele Leute ertragen heute noch keine politischen Führer der Mitte-Links-Parteien, die, als sie jung waren, irgendwo in der Nähe der rebellischen Stimmung jener Zeit standen. Wir haben dies bei der rechten Opposition gegen Leute wie John Kerry und Bill Clinton erlebt, obwohl keiner von ihnen in seiner Jugend besonders radikal war. Und wir haben in Eu­ropa etwas sehr Ähnliches erlebt, was einige Leute der politischen Rechten politischen Führern wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit nie vergeben werden – die in ihrer Jugend wirklich ziemlich radikal waren. Die Erinnerungen und Mythen und manchmal Verdrehung der Tatsachen, die aus 1968 hervorgingen, schufen eine Verwerfungslinie im amerikanischen und europäischen politischen Leben, und diese Bruchlinie rief Feindschaften und Abneigungen hervor, die anhalten werden, so lange die 68er da sind.

Das Gemälde zu Cohn-Bendits Internationale

Gut, einige dieser Mythen und Erinnerungen können nicht verneint werden. Die überwältigenden Ereignisse von 1968 sind wirklich passiert – die Tet-Offensive von Vietnam, die Ermordungen von Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy, die manchmal friedvollen und manchmal zerstörerischen politischen Demonstrationen in Paris und New York und Chicago, der hauchdünne Sieg Richard Nixons über Hubert Humphrey, die Wut, die einige Ultra-Linke dazu gebracht hat, sich zwei Jahre später der mörderischen Baader-Meinhof-Bande in Deutschland anzuschliessen, und die andere Leute, die es besser hätten wissen müssen, dazu geführt hat, einigen sehr altlinken Wahnvorstellungen über Fidel Castro, die PLO, die Chinesische Kulturrevolution und andere Götter, die versagt haben, nachzuhängen. Beide – die, die dem nachgaben (engl. indulged in irgendeinem oder jedem Sinne des Wortes) und die, die dies nicht taten (oder sagen, sie hätten es nicht getan) – hat die Ära für den Rest ihres Lebens geprägt.
Es gab aber noch eine Hinterlassenschaft von 1968, die viele Leute nicht erkannt haben. Die Ereignisse jener Zeit haben einige der Teilnehmer der neuen Linken veranlasst, das Geschehene miteinander zu diskutieren, und die Debatten erzeugten ein intellektuelles Ferment, vor allem in Eu­ropa. In den nachfolgenden Jahren begannen einige dieser Veteranen der neuen Linken über die Katastrophen ihrer eigenen Bewegung nachzudenken – über die linken Katstrophen, die Edmund Wilson lange zuvor in «To the Finland Station» wahrgenommen hat. Einige dieser Veteranen der europäischen neuen Linken, der alten 68er, gingen ihre eigenen Überzeugungen durch und versuchten, die moralischen Anliegen, die berechtigt gewesen sein mögen, von den linken Dogmen zu trennen, die sich als destruktiv und falsch herausstellten. Sie begannen, die Weltereignisse mit neuen Augen zu betrachten. Einige bewegten sich über ihren ursprünglichen intuitiven Anti-Amerikanismus hinaus. Zum Erstaunen vieler erreichten einige dieser europäischen 1968er-­Veteranen im Laufe der Jahre auch politisches Ansehen, und ihre neuen Ideen begannen sich auf die Welt der Politik und Strategie auszuwirken. Den modernen Bewegungen der Rechten, wie zum Beispiel den Neokonservativen, wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt. Einige der Veteranen der neuen Linken, speziell in Europa, schufen aber ihre eigene Herangehensweise an die Weltpolitik, eine Nach-kalter-Krieg-Denkweise, und diese neue Denkweise durchdrang schlussendlich den politischen Prozess – obwohl nur wenige Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern diese neuen Ideen vollumfänglich verstanden oder sich bewusst waren, dass neue Ideen entstanden, oder woher sie kamen.

Die Abkehr von einigen traditionellen linken und anti-amerikanischen Dogmen

Paul Berman hat dies alles verfolgt wie kein anderer auf beiden Seiten des Atlantiks und er – selber Veteran der 68er – verstand, wie wichtig das Ferment unter einigen der europäischen 68er war. Nun hat er etwas ziemlich Bemerkenswertes getan: In den vielen internen Auseinandersetzungen innerhalb der (alten, neuen und unentschlossenen) Linken hat er ein Muster und eine Handlungslinie entdeckt, die zwingend und wichtig ist. Er hat die Wurzeln einer wichtigen Entwicklung im Denken der Zeit nach dem kalten Krieg erkannt: eine Abkehr einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe von 68ern von einigen traditionellen linken und anti-amerikanischen Dogmen der Vergangenheit hin zu einer neuen Art des liberalen Antitotalitarismus. Berman erzählte Teile dieser Geschichte in seinem Buch «A Tale of Two Utopias: The Political Journey of the Generation of 1968» [Die Geschichte von zwei Utopien: Die politische Reise der Generation von 1968] (veröffentlicht 1996), ein Buch, das auf die amerikanische Linke fokussiert ist, aber auch Europa einige Aufmerksamkeit widmete. Nun hat er über den Atlantik gegriffen, um einige der europäischen 68er und ihre aussenpolitischen Pläne in allen Einzelheiten zu beleuchten. Er hat die Ursprünge und das Wesen des neuen Denkens über das Weltgeschehen beschrieben. Er hat den machtvollen Einfluss dieses neuen Denkens auf Haltungen und Politik, angefangen von Kambodscha und Vietnam bis hin zu den Revolutionen im Ostblock von 1989 und den Balkan-Kriegen der 1990er Jahre aufgezeigt. Und er hat die Geschichte ins Zeitalter des Irak übertragen.
Es braucht einiges an Hartnäckigkeit und Fertigkeiten (darunter sogar archivarische Fertigkeiten, weil die meisten seiner Quellen in den Vereinigten Staaten unbekannt sind), um dieses Umfeld auszugraben. Aber Berman ist der Aufgabe voll gewachsen. Er hat die Geschichte einer Handvoll Leute aus den europäischen 68ern nacherzählt und damit ein riesiges Gemälde entworfen. Er hat aufgezeigt, wie diese Leute halfen, eine postmoderne Herangehensweise an internationale Angelegenheiten zu erzeugen. Sein Buch kann politischen Entscheidungsträgern, die gewöhnlich in ihrer eigenen hermetisch abgeschlossenen Welt leben, helfen, die Ursprünge und das Wesen einiger ihrer eigenen Ideen zu verstehen. Sein Buch könnte dabei helfen, einen breiteren, parteiübergreifenden Konsens für eine aufgeklärte atlantische Aussenpolitik aufzubauen. Jeder weiss, dass sich innerhalb des rechten ­politischen Lagers aussenpolitische «Realos» in der Tradition von Henry Kissinger und des ersten Präsidenten Bush sen. über viele Jahre hinweg eine Schlacht geliefert haben mit der seltsamen Gruppe der Neokonservativen und den rechtsgerichteten Wilsonianern, die sich um den zweiten Präsidenten Bush jun. scharten. Berman zeigt, dass während der ganzen Zeit ein paralleler Kampf auf der linken Seite des politischen Spektrums stattgefunden hat. Er zeigt sogar einiges über den Einfluss auf, den die Diskussion der europäischen Linken in den Vereinigten Staaten hatte, und das nicht erst seit kurzem, sondern schon in einer Zeit, lange bevor der Neokonservatismus eine signifikante ­politische Strömung wurde. Eine der bemerkenswertesten Anekdoten in seinem Buch ist seine Darstellung von Joan Baez in den 1970er Jahren – sie gehörte zu jenen Leuten auf der linken Seite der amerikanischen Politik, die als eine der ersten erkannte, dass wenn sie gegen die amerikanische Einmischung in Vietnam opponiert hatte, sie auch gegen das totalitäre Verhalten der Nordvietnamesen nach deren Machtübernahme opponieren musste. Baez wurde dafür von vielen ihrer frühen Antikriegs-Landsleuten rundweg verurteilt. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass sie recht hatte und universale Prinzipien auf ihrer Seite waren.
Drei Persönlichkeiten in Bermans Geschichte stechen hervor: drei Männer (es waren zufälligerweise Männer), jeder mit seiner eigenen faszinierenden Geschichte, jeder von ihnen hat auf andere Weise zur Entwicklung der neuen Ideen beigetragen. Insgesamt erhellen ihre Geschichten den grösseren Ablauf.

Joschka Fischer – ein Idealist?

Joschka Fischer, der einen Spiessrutenlauf absolviert hat von 1973, als er, wie einige dramatische Fotos zeigen, an einer ultralinken Kundgebung einen deutschen Polizisten zusammengeschlagen hat, bis zum Tragen von Dreiteilern als deutscher Aussenminister im Zeitraum vom Kosovo-Krieg bis zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak. (Als ich 1993 als amerikanischer Botschafter in Deutschland Fischer zum ersten Mal traf, trug er eine Art Übergangskluft, bestehend aus einem Bluejeans-Anzug und einem karierten Hemd mit einer eigenartigen Krawatte; die Dreiteiler kamen später, und wie hat Berman seinen Spass daran gehabt!) Fischer, der Deutschlands populärster Politiker wurde, hätte mit seiner ultralinken Vergangenheit und diesen schrecklichen Bildern aus vergangenen Zeiten in den Vereinigten Staaten keinen politischen Erfolg haben können. Aber hier war er, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, und drängte sein Land zur Unterstützung der Aktivitäten der Clinton-Administration in ­Kosovo. Ein paar Jahre später dann, kurz vor dem Irak-Krieg, trat er Donald Rumsfeld, dem Verteidigungsminister von George W. Bush, in einer öffentlichen Konferenz entgegen. Dies fand im Februar 2003 im Ballsaal eines Münchner Hotels statt; zufällig sass ich einige Zeit fast direkt zwischen den zwei Männern, Fischer und Rumsfeld. Es war die bekannte Konferenz, in welcher Fischer vom Deutschen ins Englische wechselte und Rumsfeld ins Gesicht sagte: «Entschuldigung, aber ich bin nicht überzeugt. Das ist mein Problem. Ich kann nicht an die Öffentlichkeit treten und sagen: ‹Na ja, lasst uns in den Krieg ziehen, weil es Gründe dafür gibt› usw., und ich glaube nicht an sie.» Berman fängt die volle Bedeutung dieser dramatischen Konfrontation ein, die im deutschen Fernsehen life gesendet wurde und Deutschland in Bann zog – eine Konfrontation, die sogar in den Vereinigten Staaten etwas Aufsehen erregte, vor allem weil, wie Berman zeigt, Rush Limbaugh die Gelegenheit ergriff, eine seiner demagogischen rechtsgerichteten Radio-­Angriffe zu lancieren.

Daniel Cohn-Bendit wird «Mr Europe»

Daniel Cohn-Bendit, der «Rote Danny» in Person, der Führer des französischen Studentenaufstandes von 1968, von Rechts wegen aber deutscher Staatsbürger, ein Mann mit Freunden in ganz Europa, dessen Gang durch die anschliessende Geschichte eine bewundernswerte Konsequenz von Überzeugungen und einem hoch selbstbewussten Empfinden von dem, was im öffentlichen Leben durchgebracht werden kann. In Bermans Darstellung neigt Cohn-Bendit dazu, die Rolle des vernünftigen, ironischen Kommentators der Ereignisse, die er durchlebt hat, zu spielen.

Bernard Kouchner mit dem Vertrauensvorschuss als Arzt

Bernard Kouchner, der charismatische französische Arzt, der ebenfalls tief in die Demonstrationen von 1968 verstrickt war und dem Roten Danny in einem entscheidenden Moment des Dramas sogar sein Auto ausgeliehen hat. Kouchner war ursprünglich ein junges Mitglied der alten Linken. Aber er stellte fest, dass die Wirklichkeit solcher Höllenorte wie Biafra und Kambodscha sich dem bequemen Anti-Amerikanismus der alten Linken entzogen, auch dem der neuen Linken und dem einer grossen Zahl französischer Intellektueller. Dieser ruhelose, brillante Arzt verstand, dass wenn er die Welt verändern wollte, er seine ursprünglichen Ideen aufgeben und er die Verbrechen und  den Totalitarismus der Linken wie der Rechten gleichermassen angreifen musste. Als Mitgründer von Ärzte ohne Grenzen und als einer, der unerbittlich eine humanitäre Einstellung mit politischem Gesicht vorantrieb – oder war es Politik mit einem humanitären Antlitz? – spielte Kouchner eine immense Rolle bei der Formung einer neuen Sicht der Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Nationen. Bereits 1988 arbeitete Kouchner gemeinsam mit einigen Kollegen eine Resolution der UN-Generalversammlung aus, die das Recht behauptet, im Falle eines absoluten Notfalls in einem anderen Land zu intervenieren.
Erstaunlicherweise wurde die Resolution von der Generalversammlung angenommen – «die allererste Bekundung vom Recht eines Opfers, von jemand anderem als von seiner eigenen Regierung vertreten zu werden», wie Berman betont. Resolutionen der Generalversammlung haben wenig Gewicht in der realen Welt, aber diese setzte eine Bewegung in Gang, die damit endete, dass Kouchner etwas durchsetzte, das er «droit d’ingérance» nannte – «das Recht sich einzumischen». In der Mitte der 1990er Jahre, nach den schrecklichen Lektionen von ­Ruanda und Bosnien, begannen viele Nationen, letztlich auch die Vereinigten Staaten und die Mitglieder der Europäischen Union, Gründe zu finden, um diese neue Formulierung zu akzeptieren und sie auf Bosnien (1995) und Kosovo (1999) anzuwenden, wo enorme Mengen von Menschen gerettet werden mussten. Weil Entscheidungsträger dazu tendieren, die Ursprünge neuer Ideen nicht wahrzunehmen, ist in Washington von fast niemandem und in Brüssel nur von wenigen bemerkt worden, dass die geistigen Wurzeln der Intervention auf dem Balkan von einem Arzt kamen, der zu dieser Zeit französischer Gesundheitsminister war. Und eine noch kleinere Zahl dieser Leute wuss­te überhaupt etwas von den Philosophen, die diesen Arzt beeinflusst hatten. Schliess­lich wurde Kouchner durch eine beinahe zufällige Wendung des Schicksals damit beauftragt, seine eigenen Theorien in die Tat umzusetzen: Er wurde von Kofi Annan zum Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für Kosovo ernannt, den Krieg, den Berman den Krieg der «68er» nennt.
Berman erwähnt in seiner Schilderung, dass ich ein enger Freund Kouchners wurde. Das ist wahr. Ich besuchte Kouchner während seiner Regierungszeit in Kosovo. Ich war damals der amerikanische Botschafter an der Uno, und ich fand, dass er einen phantastischen Job machte – trotz endloser Kritik im nachhinein von mittleren Bürokraten im Uno-Hauptquartier in New York. Er bleibt ein lieber Freund und kämpft weiter für seine Überzeugungen. Da er sich aber weigert, eine orthodoxe Gestalt zu sein – manchmal wird er als französisches Mitglied der «amerikanischen Linken» bezeichnet – sieht ihn seine eigene sozialistische Partei noch immer als Einzelgänger.
Ideen haben  Folgen – auch im postideologischen Zeitalter, in welchem wir leben sollen. Politische Führer und hohe Beamte werden von intellektuellen Kräften getrieben, die sie nur unscharf wahrnehmen können, die jedoch ihre Reaktionen auf spezifische Ereignisse prägen. Wie das sogenannte «Ende der Geschichte», das Berman in seinem früheren Buch «A Tale of two Utopias» diskutierte, kann das Ende der Ideologie sehr überschätzt werden.
Berman glaubt leidenschaftlich an die liberale Demokratie und an die Macht der Ideen. Für ihn ist liberale Demokratie ein nie endendes Projekt, das immer Opposition hervorgerufen hat und immer verteidigt werden muss, immer geprüft und hinterfragt und gestärkt werden muss.  Der Verachtung, die viele argwöhnische Amerikaner gegenüber einem Geschichtsansatz empfinden, der die Äusserungen obskurer französischer philosophes ernst nimmt, würde Berman entgegnen: Ideen sind wichtig, obwohl es Jahre dauern kann, bis sie Akzeptanz finden. Und zu Theoretikern und Denkern, die nur in der Welt akademischer Debatten oder wissenschaftlicher Journale leben, sagt Berman auch: Ereignisse sind wichtig, sie können Ideen genauso beeinflussen, wie Ideen Ereignisse beeinflussen. Ereignisse können eine gute Sache sogar zu einer schlechten machen und Intellektuelle zu Gefangenen auf der falschen Seite der Geschichte. Das geschah, wie Berman aufzeigt und lange vor ihm Edmund Wilson zeigte, mit der alten Linken, die noch lange an Marxismus und Kommunismus glaubte, als Ereignisse jeden nachvollziehbaren Begründung zerstört hatten, die sie ehemals vielleicht besassen.
Ist etwas Ähnliches mit der neuen Art von liberalem Antitotalitarismus geschehen, dessen Ursprünge und Entwicklung Berman aufgezeichnet hat? Haben gute neue Ideen zu schlechten Ergebnissen geführt – vor allem im Irak? Einer der verblüffendsten Aspekte von Power and the Idealists ist Bermans Beschreibung einer Diskussion gerade dieser Frage unter einigen der europäischen 68er – unter genau denjenigen Personen, die Wegbereiter der neuen Ideen waren. Der Irak stellte für die Menschen, die Berman beschreibt, eine Zwickmühle dar. Jeder von ihnen verachtete den erztotalitären Saddam Hussein. Jeder von ihnen wollte Saddams Sturz – wenn nicht sofort, zumindest irgendwann. Keiner dieser 68er liebte die Regierung von George W. Bush, und die meisten von ihnen waren von ihr abgestossen. Die Bush-Regierung war in den dezenten Worten des polnischen 68ers Adam Michnik «nicht ihr Fall». Dennoch hofften einige der 68er, dass die von Amerika angeführte Intervention im Irak sich als eine gute Sache herausstellen würde, und 2003 unterstützten sie die Intervention, in den meisten Fällen ­widerwillig. Diese Veteranen der neuen Linken hofften, die Intervention im Irak würde trotz der unattraktiven Qualitäten der Bush-Regierung letztlich der Intervention im Balkan gleichen – eine humanitäre Politik mit humanitären Ergebnissen. Sie hofften, dass mehr Menschen in Europa anstatt weniger der Intervention und den Irakern selbst zu Hilfe kommen würden.
Andererseits sagten einige der anderen 68er in Europa von Anbeginn schreckliche Folgen voraus. Sie lehnten die Intervention klar ab, in einigen Fällen, weil sie instinktiv die Inkompetenz der Bush-Regierung fürchteten, in einigen Fällen auch aus anderen Gründen. Die europäischen 68er debattierten miteinander über diese Fragen auf freundliche und respektvolle Art, aber, wie Berman zeigt, debattierten sie auch sehr ernsthaft. Heute haben sich die schrecklichen Voraussagen als allzuwahr erwiesen. Die entsetzliche, inkompetente Umsetzung der amerikanischen Politik im Irak hat einmal mehr die grundlegende Regel jeder ­Politik bewiesen: Eine schlecht ausgeführte Politik wird zu einer schlechten Politik. Diesmal endete die schlechte Politik in einer Katastrophe. Wäre es möglich gewesen, eine alternative, bessere Politik auszuarbeiten, wie es Bernard Kouchner wollte – einen vollkommen unterschiedlichen Ansatz, um Saddams abscheuliche Diktatur zu beenden?  Berman beendet sein Buch damit, dass sich die Veteranen der europäischen neuen Linken – nachdem sie die Regeln für eine Intervention durch ihre jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und ihre Bemühungen im Balkan während der Neunziger Jahre erfolgreich geändert hatten –wie alle anderen einer schrecklichen Realität im Irak gegenüber fanden – einer Realität, die so aussichtslos war, dass sie drohte, die edlen Ideen zu diskreditieren, die einige, wenn auch nicht alle dieser Veteranen der neuen Linken dazu geführt hatten, die ursprüngliche Intervention zu unterstützen.
Die intellektuelle Auseinandersetzung wird also weitergehen, und die Ereignisse im Irak und in Afghanistan und an vielen anderen Orten werden eine wichtige Rolle dabei spielen. Ich hoffe, dass Paul Berman auf diese Aspekte zurückkommen wird, um die Geschichte einmal mehr weiterzuführen und um zu zeigen, wie Ideen und Ereignisse am grausamen Schnittpunkt der Geschichte aufeinandertreffen, um eine neue Realität zu bilden. «Ich bin ein Kritiker und kein Philosoph», schrieb Berman in «A Tale of two Utopias». Aber er ist ein bisschen zu bescheiden. Ideengeschichte dieses Formats kann helfen, politische Philosophie zu prägen. In Zukunft werden wir neuen humanitären und internationalen Krisen gegenüberstehen, wie wir sie schon in Darfur und in der Republik Georgien und an andern Orten der Welt erleben. Wir werden die angemessene Balance zwischen Besonnenheit auf der einen Seite und effektivem präzisem Engagement auf der internationalen Arena auf der anderen Seite finden müssen. Wir werden uns schwierige Fragen über Prinzipien und praktische Anwendbarkeit stellen müssen, und Paul Bermans aufschlussreiche Geschichte von Menschen und Ideen wird uns dabei helfen, diese Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.     •

Quelle: Vorwort von Richard Holbrooke im Buch «Power and the Idealists: Or, the Passion of Joschka Fischer, and its Aftermath» von Paul Berman, Taschen­buchausgabe, Norton 2007, ISBN 978-0-393-33021-2

1    In seinem bedeutendsten Werk «To the Finland Station», das im Jahr 1940 erschien, beschrieb Wilson die Geschichte des europäischen Sozialismus von den er­sten Untersuchungen im Jahr 1824 durch Jules ­Michelet über Giambattista Vico bis zur Ankunft ­Le­nins im Jahr 1917 am Finnischen Bahnhof in Sankt ­Petersburg, der zur Revolution der Bolschewiki führte.

Ausläufer dieser Diskussion in der Schweiz?

zf. Jahrelang waren die deutschen Grünen kein Thema gewesen in der Schweiz. Ökologische Fragen werden hier realitätsnah angegangen. Die schwungvoll-lückenhafte Betrachtung und das daraus entstehende – zum Teil auch geschichtsfälschende – «Gemälde» des 68er-Clubs Cohn-Bendit, Fischer, Kouchner und Koenigs, so wie Berman es entwirft, scheint einen gewissen Niederschlag zu finden. So erklärt der neue BDP-Nationalrat Martin Landolt, designierter Präsident der BDP der Schweiz, auf die Frage nach seinem politischen Vorbild folgendes:

«Susanne Brunner: «Ich habe irgendwo einmal gelesen, Sie seien fasziniert gewesen, oder ein Vorbild für Sie sei der ­Kennedy Clan.»

Martin Landolt: «Das ist die erste Biographie, die ich gelesen habe in meinem Leben, mit etwa 14. Damals hat es so SJW-Heftli gegeben, da habe ich die Biographie gelesen von John F. Kennedy oder musste einen Vortrag halten in der Schule. Ist nicht, ich sage jetzt mein politisches Vorbild, aber er ist einer der Politiker, von denen ich gewisse Eigenschaften bewundere, im Falle von Kennedy sicher seine Ausstrahlung, seine Überzeugungskraft, gibt aber auch andere, Joschka Fischer zum Beispiel, den ich als extrem mutigen Politiker eigentlich betrachte, eine Angela Merkel, die extrem hartnäckig ist, sind so verschiedene Eigenschaften, die ich an Politikern bewundere, aber ich kann nicht sagen, ich habe ein ­politisches Vorbild.»

Die neue Co-Präsidentin der Grünen Partei der Schweiz bleibt einem Joschka ­Fischer als Vorbild gegenüber einigermassen differenziert:


Regula Rytz: «Joschka Fischer ist auch eine ganz wichtige Person. Ich finde einfach, was Joschka Fischer macht heute zum Teil ein bisschen fragwürdig, zum Beispiel mit der ganzen Unterstützung der grossen Pipelineprojekte, also ich denke, er hat eine ganz wichtige Rolle gehabt, hat in der Aussenpolitik aber auch zum Teil Sachen verantworten müssen, wo es grosse Auseinandersetzungen gegeben hat, zum Beispiel der ganze Jugoslawien-Krieg …»

Susanne Brunner: «… Kosovo zum Beispiel …»

Regula Rytz: «… genau, ist die Frage gewesen: Interveniert man oder wie interveniert man? Und da setze ich natürlich ganz klar auf präventive Friedenspolitik, also mir ist es ganz wichtig, dass es gar nicht erst so weit kommen kann, darum bin ich zum Beispiel auch sehr stark dafür gewesen, dass man die Waffenausfuhr aus der Schweiz wirklich einschränkt, und die Waffen nicht mehr dorthin bringt, wo sie nachher zu Konflikten führen können, wo man nachher wieder intervenieren müsste. Also dort hatte ich auch unterschiedliche Haltungen gehabt.»

Quelle: Radio DRS vom 17. und 23. April 2012

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