Jugendarbeitslosigkeit

Jugendarbeitslosigkeit

«Was machen die Schweizer, dass es ihnen so gut geht?»

von Florentino Felgueroso, Asturien

gl. Man muss nicht immer über den Atlantik schielen, um Wege aus der Krise zu finden. Brauchbare Zukunftsmodelle sind in vielen Bereichen mitten in Europa zu finden, dank der Vielfalt an unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, die unser Kontinent seit vielen Jahrhunderten erfolgreich entwickelt hat, zum Teil nur wenige hundert Kilometer voneinander entfernt. Wir können vieles voneinander lernen, als souveräne Völker, die über die Gestaltung ihres staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens selbst entscheiden können und wollen.
Ein gutes Beispiel hierfür kann die Berufsausbildung sein. In den deutschsprachigen Ländern kann man sich kaum vorstellen, dass es in den meisten anderen Ländern keine Berufslehre gibt. Das, was sich dort Berufsausbildung nennt, findet im wesentlichen in der Schule statt, in 1- bis 3jährigen Kursen. Der praktische Teil der Ausbildung erfolgt in den schulischen Werkstätten und in mehr oder weniger langen Praktika in Betrieben. Der Auszubildende bleibt aber immer Schüler oder bestenfalls Praktikant, er ist nicht ein echter Mitarbeiter des Betriebes wie der Lehrling im dualen System. Im echten Berufsleben werden echte Anforderungen gestellt – unzufriedene Kunden, verärgerte Kollegen, verspätete Auslieferungen, mangelhafte Reparaturen liegen da nicht drin. Der Lehrling trägt Verantwortung im Betrieb. Wenn er sich nicht darauf einstellt, zu lernen und wirklich gute Arbeit zu leisten, kann der Betrieb ihn nicht brauchen. Das ist der Einspruch des Lebens.
Auf der anderen Seite werden echte Erfolge erlebt in der realen Arbeitswelt. Die meisten Jugendlichen machen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung grosse Sprünge, schon im ersten halben Jahr der Lehrzeit. Sie sind Teil der betrieblichen Gemeinschaft und werden nicht mehr als halbe Kinder, sondern als junge Erwachsene gesehen, und dementsprechende Leistungen und Verhaltensweisen werden von ihnen erwartet. Jugendliche, die während der obligatorischen Schulzeit wenig Erfolge erzielt haben, können in der Arbeitswelt oft Fähigkeiten entfalten, die zuvor niemand recht wahrgenommen hat.
Auch die Beziehung zum Lehrmeister und den Arbeitskollegen ist anders als die zu den Lehrern in der Schule. Es ist ein Miteinander bei der Bewältigung der täglich anstehenden Aufgaben, und gleichzeitig hat der Lehrling einen Menschen an seiner Seite, der ihn bei allem, was er noch nicht kann, anleitet.
In vielen Ländern werden mittlerweile Überlegungen angestellt, wie die Berufsausbildung verbessert werden kann. Auch in Spanien, das eine unerträglich hohe Jugendarbeitslosigkeit von 45% hat, nimmt inzwischen die Diskussion  breitere Formen an. Bereits vor den Parlamentswahlen im November hatten sowohl die sozialistische Partei PSOE als auch die konservative Volkspartei PP die Verbesserung der Berufsausbildung in ihr Parteiprogramm aufgenommen. Der PP, der nun über die absolute Mehrheit im Parlament verfügt, plant eine Berufsbildungsreform im Sinne einer Stärkung der beruflichen Praxis. Das duale Berufsbildungssystem, das in den deutschsprachigen Ländern seit Generationen sehr gut funktioniert und ein Grundpfeiler des wirtschaftlichen Erfolges unserer Länder ist, könnte auch in Spanien eine Zukunftsperspektive für die Jugend bieten.
Ein erster Pilotversuch ist im vergangenen Jahr in der Region Madrid angelaufen, wo eine Reihe von Jugendlichen im dualen System im Flugzeugbau und in der Informatik ausgebildet wird. Im Baskenland wurden bereits in der Vergangenheit Initiativen unternommen, um die Berufsausbildung ­praxisnäher zu gestalten.
In Nordspanien startete Florentino Felgueroso, Professor für Ökonomie an der Universität Oviedo, im Oktober 2011 einen interessanten Blog auf der Homepage des Wirtschaftsforschungsinstituts Fedea unter dem Titel:
«Jugendarbeitslosigkeit: Was machen die Schweizer, dass es ihnen so gut geht?»


Gestern hatten wir bei Fedea hohen Besuch: Urs Zizwiler, Schweizer Botschafter in Spanien (und Andorra). Er war eingeladen, um uns einen der Vorzüge seines Landes zu erklären: Die Schweiz hat die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa.
Der Hauptgrund dafür liegt, laut der Aussage des Botschafters, im Berufsbildungssystem der Schweiz, das den Schulunterricht kombiniert mit der bezahlten Lehre in einem Unternehmen.
Dieses Modell, bei dem die Person des Lehrlings im Mittelpunkt steht, hat seinen Ursprung schon im Mittelalter, in den Zünften, und hat sich seit damals erhalten. Mit gewissen Veränderungen wurde es zu einem geregelten Bildungssystem weiterentwickelt.
Laut OECD-Bericht Education at a Glance von 2011 verfolgten in der Schweiz 2009 65,5% der Schüler in der Sekundarstufe II einen Bildungsweg in der Berufsbildung, 60% in Ausbildungswegen, die die Schule mit Arbeit kombinieren. Bei nur 7% Schulabbrechern zeigen diese Zahlen, dass mehr als die Hälfte der jugendlichen Bevölkerung dieses System durchläuft. In Spanien verfolgten von den 70% Jugendlichen, die die Schule nicht abgebrochen haben, nur 43% einen beruflichen Bildungsweg, und nur eine kleine Minderheit von 2% eine duale Berufsausbildung.
Das duale System der Schweiz ist am Arbeitsmarkt orientiert, was zwei grosse Vorteile hat: Es bereitet die Jugendlichen auf ihren Eintritt in die Arbeitswelt vor und deckt gleichzeitig die Bedürfnisse der Unternehmen ab, indem es dafür sorgt, dass es in Zukunft genügend Spezialisten und Kader gibt. «Die enge Verknüpfung mit dem Arbeitsmarkt könnte erklären, warum die Schweiz eine der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten unter den europäischen Ländern hat», erklärte der Botschafter.
Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das auf eine geregelte duale Berufsausbildung gesetzt hat. Dieses Bildungsmodell ist de facto eine bekannte Besonderheit der deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz, auch Dänemarks, das es in den 80er Jahren übernahm. Wie man aus der Grafik entnehmen kann, besetzen die vier Länder einen sehr guten Rang unter den Ländern mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeitsquote.
Aus meiner Sicht ist der Hauptvorteil des dualen Systems, dass im Unterschied zu unserem spanischen Bildungssystem der Übergang von der Schule zum Arbeitsmarkt nicht bis ans Ende der Schulzeit verschoben wird. Auf diese Art sind die Vorteile des dualen ­Systems klar, zumindest theoretisch. Am Ende der Sekundarstufe II, nach der obligatorischen Schulzeit, verfügen die Schüler bereits über eine breite Erfahrung in der Arbeitswelt. Sowohl im spanischen wie auch im dualen System kann man im gleichen Alter ein Diplom oder einen Abschluss erlangen, aber im dualen System hat man damit schon zwei Arten von zusätzlichem Humankapital erworben, das eine eher allgemeiner Art (die erste Berufserfahrung, die auch in anderen Unternehmen von Nutzen ist) und das andere eher spezifischer Art (je nach der Art des Unternehmens). Die Wahrscheinlichkeit, im Unternehmen bleiben zu können, ist hoch.
Um den Nutzen des dualen Systems richtig zu verstehen, muss man an eine der Maximen der arbeitenden Wirtschaft erinnern: Wegen des «Piraterie-Risikos» der Abwerbung von ausgebildeten Jugendlichen durch andere Unternehmen müssen diese die Kosten ihrer eigenen Ausbildung über einen geringeren Lohn decken. Jugendliche, die noch ohne Abschluss sind, haben einen geringeren Lohn (den sie bereit wären zu akzeptieren, um arbeiten zu können) als diejenigen mit Abschluss, und zugleich ist es sehr wahrscheinlich «akzeptabler» für die Sozialpartner, für einen Lehrling mit 16 Jahren einen niedrigeren Lohn auszuhandeln als für einen 18- bis 21jährigen mit Berufsabschluss. Daneben mündet die Alternative zum dualen Berufsbildungssystem in diejenige von Praktikumsverträgen. Wenn diese einen geringeren Lohn bedeuten, werden sie als «unzumutbare Verträge» annulliert, und falls nicht, müssen sie zusätzlich über staatliche Subventionen finanziert werden. Letztlich wird dieses System für die Staatskasse gleich teuer. Zusätzlich taucht auch das Problem der Aufsicht über die Ausbildung der Jugendlichen während der Praktika auf; sie ist im derzeitigen Bildungssystem nicht geregelt.
Das System kann nur funktionieren, wenn Firmen, Sozialpartner und Erziehungsbehörden, die Ausbildungskurse anbieten und die Ausbildung überwachen, voll darauf eingestellt sind. Es muss ein Lehrstellenmarkt existieren, in dem der Staat als Vermittler auftritt. In der Schweiz nimmt ungefähr ein Drittel der Firmen an diesem Prozess teil, wobei die KMU eine grössere Rolle spielen als die grossen Unternehmen. Das Ausbildungsplatzangebot muss sich langfristig an den Bedürfnissen der Unternehmen ausrichten (kurzfristig gibt es dafür die aktive Bildungspolitik) und das ist nicht einfach. Der Augenschein zeigt für Deutschland, dass nur die Hälfte der Bevölkerung mit Berufsausbildung an Arbeitsplätzen arbeitet, für die sie ausgebildet wurden.
Wäre das in Spanien machbar?
Ein guter Ausgangspunkt ist, dass die Gewerkschaften von vornherein für die Implantierung eines dualen Ausbildungssystems in Spanien wären und die politischen Parteien auch. Zum jetzigen Zeitpunkt scheinen die letzteren nicht einverstanden zu sein. Der PP (Partido Popular) würde eine reguläre Einführung unterstützen. Tatsächlich hat diese Haltung einen ersten Pilotversuch in der Region Madrid ermöglicht. Die jetzige Regierung (ÜS: damals noch die PSOE) und ihr künftiger Kandidat setzen sich eher dafür ein, das bisherige System zu erhalten und die duale Berufsbildung zu verstärken für diejenigen Jugendlichen, die die Schule frühzeitig verlassen haben ohne jegliche Qualifikation für einen Beruf. Die ganze Struktur ist zweifellos sehr kompliziert. Die Bedürfnisse beider Seiten müssen erfüllt werden, der Schaden ist riesig, aber es ist sicher, dass es noch schwieriger wird, wenn man nicht endlich zupackt.     •

Quelle: www.fedeablogs.net/economia/?p=14960

(Übersetzung: Zeit-Fragen)   

Erfahrungen im Baskenland

gl. Im Baskenland, das eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen Europas ist, werden schon seit längerer Zeit Verbesserungen der beruflichen Bildung diskutiert und in die Praxis umgesetzt. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 11% nur halb so hoch wie in ganz Spanien.
Nachdem die Vereinigung baskischer Unternehmer CONFEBASK 1988 festgestellt hatte, dass die in den Berufsbildungszentren durchgeführte  Berufsbildung nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Unternehmen entsprach, wurden zwei Studien durchgeführt. Zum einen sollte die Realität der Berufsbildung im Baskenland untersucht werden, zum anderen positive Erfahrungen anderer europäischer Länder analysiert werden, um sie im Baskenland übernehmen zu können.
Als Ergebnis der ersten Studie wurden drei grundsätzliche Mängel der Berufsbildung im Baskenland festgehalten:
•    Die in den Berufsbildungszentren vermittelte Ausbildung entspreche nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Unternehmen.
•    Die Zahl der Ausgebildeten entspreche nicht der Nachfrage an entsprechenden Berufsleuten im produktiven Bereich.
•    Die Absolventen der beruflichen Bildung seien praktisch mangelhaft ausgebildet.
Die zweite Studie hatte zum Ergebnis, dass die berufliche Bildung, die in Europa die besten Resultate erzielte, die duale Berufsausbildung in den deutschsprachigen Ländern war, wo die Berufsausbildung im Betrieb selbst erfolgt und die Schüler einen Tag pro Woche ein Bildungszentrum besuchen, um dort die notwendigen theoretischen Kenntnisse zu erwerben.
In der Folge traten im Baskenland verschiedene Aktionspläne in Kraft. Einer davon war das Projekt der «geteilten Ausbildung». Es sah vor, dass jeder Auszubildende mindestens 500 Stunden jährlich praktische Ausbildungszeit in einem Unternehmen absolvieren sollte.
Der ehemalige Bildungsdirektor der Unternehmergemeinschaft berichtet, es habe sehr viel Überzeugungskraft erfordert, um Betriebe und Gewerkschaften zu gewinnen, aber es habe funktioniert, die Jugendarbeitslosigkeit sei reduziert worden.

Quellen: http://formacion.confebask.es und El País vom 29.5.2011

Pilotprojekt in Madrid

gl. Nachdem die Regierungspräsidentin der Region Madrid, Esperanza Aguirre, nach Deutschland gereist war, um das dortige duale System kennenzulernen, wurde 2011 in zwei Berufsausbildungszentren in Madrid ein Pilotprojekt für eine duale Berufsausbildung begonnen. Das Berufsschulzentrum «Profesor Raúl Vázquez» bildet seit September 2011 Flugzeugmechaniker aus in Zusammenarbeit mit den Unternehmen Iberia, Cassidian und Swiftair, die in ihren Betrieben Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen.
Im Berufsschulzentrum «Clara de Rey» werden gemeinsam mit den Firmen ZED, Microsoft und Hewlett-Packard Jugendliche zu Informatikern ausgebildet.
Die Lehrlinge werden von den beteiligten Unternehmen ausgewählt und bezahlt. Die bisherigen Lehrpläne in den Berufsschulzentren gelten weiterhin, während die Betriebe zusätzliche Ausbildungsinhalte vermitteln sollen. Die zeitliche und inhaltliche Aufteilung des Curriculums wurde von den Lehrern der Berufsschulzentren gemeinsam mit den Technikern der beteiligten Betriebe festgelegt.

Quellen: Comunidad de Madrid, ­Consejería de Educación y Empleo; El País vom 19.7.2011; Swissinfo vom 8.11.2011

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