Der Walliser Naturpark Val d’Hérens ist endgültig begraben

Der Walliser Naturpark Val d’Hérens ist endgültig begraben

von Seppey Narcisse, Hérémence

Es sah ganz so aus, wie wenn er mit grossem Pomp und Fanfarenklängen geboren werden würde: denn fast alle namhaften Politiker der Region (7 von 7 Gemeinde­präsidenten, 47 von 52 Gemeinderäten, 15 von 16 kantonalen Parlamentariern) hatten eine behagliche Wiege vorbereitet, die das Baby einige Tage vor Weihnachten hätte aufnehmen sollen.
Das Volk hat jedoch anders entschieden: 5 von 7 Gemeinden haben sich gegen den Naturpark entschieden oder, anders ausgedrückt, 2455 Bürger (58%) gegen 1780 (42%) haben mit Nein gestimmt.
Die Bevölkerung wird manchmal leichthin als blosse Menschenmenge betrachtet; sie kann jedoch erstaunliche Reaktionen zeigen, wenn sie zum souveränen Volk und zum einzigen Entscheidungsträger wird.

Die Zeit vor der Abstimmung

Nach zwei Jahren Vorbereitung – in denen der Park wie schon im voraus existierte – folgte ein Jahr mit öffentlichen Veranstaltungen, Vorträgen und Diskussionen, die stets lebhaft, zum Teil auch sehr hart von beiden Lagern geführt wurden. Die Bevölkerung, die damit konfrontiert wurde, war voll dabei und wartete schliesslich nur noch darauf, die Entscheidung in der Abstimmung herbeiführen zu können.
Die massiven Auseinandersetzungen, die dem Volksentscheid vorausgegangen waren, waren von einer Intensität, die in dieser Region bisher unbekannt war. Die Promotoren des Parks bezeichneten das Projekt als «gemeinschaftsfördernd», obwohl kein Projekt jemals derart «entzweiend» war. Häufiger als es sonst bei Abstimmungen üblich ist, wurden äusserst zweifelhafte Argumente vorgebracht, Personen mit gegensätzlichen Meinungen vermieden wenn möglich, sich zu begegnen oder über dieses Thema zu sprechen, wenn es nicht sogar noch weiter ging. Eigentlich sollte die Frage der Annahme oder Ablehnung eines Parks keine Zwietracht erzeugen.

Umstrittenes Vorgehen

Der Beschluss, für einen regionalen Naturpark zu kandidieren, war von den Gemeindepräsidenten getroffen worden, ohne vorherige Konsultation der Gemeinderäte. Trotz ihrer nachträglichen Zustimmung konnte die politische Bedeutung nur darunter leiden, da ja keinerlei Fundament in der Bevölkerung existierte.
Im Laufe der Informationsphase löste eine ungeschickte Entscheidung der Gemeinderäte über den Abstimmungsmodus eine starke Irritation in der Öffentlichkeit aus. Für ein Projekt, das die Verpflichtung zu einer bestimmten Lebensweise beinhaltet, erwartete die Bevölkerung selbstverständlich eine Urnenabstimmung und nicht nur eine Entscheidung der Gemeindeversammlung. Zwei Gemeinden blieben beim letztgenannten Abstimmungsmodus, während die fünf anderen dem Druck der Bevölkerung nachgaben, welche verlangte, dass das Stimmrecht allen Stimmberechtigten offenstehen müsse, was vor allem durch die briefliche Abstimmung ermöglicht wurde.
Am Ende der Informationsphase zeigte sich eine tiefgreifende Uneinigkeit über die Bedingungen, die für den Austritt aus dem Parkvertrag erfüllt sein müssten. Da gemäss vorliegendem Projekt der Austritt praktisch unmöglich war – angesichts der 10jährigen Verpflichtung gegenüber den anderen Gemeinden, dem Kanton und dem Bund –, glaubte die Bevölkerung den Beteuerungen nicht, dass jede einzelne Gemeinde wieder austreten könne, wann immer sie wolle.

Einige Gründe für das Scheitern

All das, was vorangegangen war, hätte nicht zum Scheitern vor dem Souverän geführt, wenn die Stimmbürger Vertrauen in die Qualität der Abstimmungsvorlage gehabt hätten. Im Verlauf der Kampagne waren zu viele Ungereimtheiten zum Vorschein gekommen, als dass das Vertrauen hätte wiederhergestellt werden können.

Rechtliche Argumente

Die Stellung des Naturparks hat ihre rechtliche Grundlage in der Pärkeverordnung (PäV), die wiederum auf das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz gestützt ist. Die Beteuerung, das Projekt habe die wirtschaftliche Förderung der Region zum Ziel (Tourismus, Landwirtschaft, Bergbahnen usw.), stiess auf taube Ohren. Der einzige Bezug dieser Rechtserlasse auf die Wirtschaft ist die «nachhaltige» Entwicklung, ein Begriff, der sehr verschieden interpretiert werden kann, bis hin zu Verboten für Entwicklungsformen, die nicht als nachhaltig beurteilt werden.
Die Bevölkerung war auch verunsichert auf Grund der Unklarheiten im Bereich des Baurechts. Artikel 20 PäV erlaubt es nämlich dem Bundesamt für Umwelt (Bafu), gegen Bauten einzuschreiten, die es als Beeinträchtigungen der Landschaft beurteilt, sei es durch ein Bauverbot, sei es durch die Beseitigung bestehender Bauten. Der Fall der «rustici ticinesi», der zu Ferienhäuschen umgebauten Tessiner Maiensässe, die auf Anordnung des Bundes abgebrochen werden sollten und die den Walliser Maiensässen ähneln, hat manch einen in Unruhe versetzt. Obwohl das Baurecht grundsätzlich in der Kompetenz der Kantone und Gemeinden liegt, öffnet hier ein banaler Parkvertrag Tür und Tor für eine Bundeskompetenz mit unbekanntem Inhalt.
Dasselbe Misstrauen hat die Gemüter im Zusammenhang mit der Nutzung von natürlichen und erneuerbaren Ressourcen ergriffen. Dieser Begriff, der in der eidgenössischen Gesetzgebung fest verankert ist, verhindert nicht das Aufkommen unguter Gefühle, sondern fördert sie mit dem damit verbundenen  Wort «umweltschonend», das eine Vielzahl von Interpretationen ermöglicht. Als Wasserschloss mit der höchsten Beton-Staumauer der Welt will das Val d’Hérens die Nutzung seiner noch zur Verfügung stehenden Wasserläufe nicht gefährden, in einer Zeit, wo saubere und erneuerbare Energie hoch im Kurs steht.
Dieser Begriff der «umweltschonenden Nutzung» betrifft auch den zweiten wirtschaftlichen Zweig im Val d’Hérens, den Wintertourismus, der ebenfalls auf einem natürlichen und erneuerbaren Gut [Schnee] beruht und der Gefahr von Einschränkungen ausgesetzt ist.
Eine andere Aktivität, die in dieser Region mit grossem Wildbestand sehr geschätzt wird, ist die Jagd, die grosses Misstrauen gegenüber dem Naturpark hegt, der – wie die Jagd – dem Bafu unterstellt ist. Die Billigung des Prinzips, wonach in einer solchen Region Wolfsmeuten leben können sollen, ruft schlimmste Befürchtungen hervor bezüglich des Rechts, diese im Innern eines Naturparks unter Kontrolle halten zu können, was eigentlich längst im Wolfskonzept hätte integriert werden sollen.

Wirtschaftliche Argumente

Der sanfte Tourismus, der zum Retter dieser grossräumigen, vielfältigen und wunderschönen Region erklärt wird, hat bisher die interessierten Kreise ebensowenig überzeugen können wie die versprochenen Labels für «Park»-Produkte. Die Produzenten verfügen über genügend Erfahrung, um festzustellen, dass ihre guten Produkte ohne Schwierigkeiten abgesetzt werden können, und sie glauben kaum, dass ein Park-Label ihnen erlauben würde, die Preise zu erhöhen, ohne das Produkt zu verändern. Das Beispiel der Staumauer von Grande Dixence, die mehr als 100 000 Besucher jährlich anzieht, hat kaum umfassende positive wirtschaftliche Auswirkungen auf das Tal. Würde eine ebenso hohe zusätzliche Zahl picknickender Naturpark-Besucher, welche die zur Verfügung gestellten öffentlichen Infrastrukturen entlang der Bisses [Suonen: alte Wasserleitungen] und der Bergpfade nutzen, mehr Vorteile bringen? Mangels ­positiver Beispiele sind die Interessierten bei ihrer Meinung geblieben, dass die «sanfteste» Seite des sanften Tourismus sein minimer wirtschaftlicher Ertrag ist.
Die hauptsächliche Einkommensquelle im Tal, der Tourismus, war Gegenstand einer deutlichen Stellungnahme einer Gruppe von Inhabern von kleinen und mittleren Unternehmungen (KMU), die festhielten, dass ihre Firmen der beste Garant für die Erhaltung der Arbeitsplätze seien und dass zusätzliche Umweltschutzvorschriften nur zu einer wirtschaftlichen Schwächung führen könnten.

Die Hauptbotschaften des Volkes

1.    Der Naturpark ist eine abgeschwächte Version des früher geplanten Nationalparks, auf den das Bafu offenbar verzichtet hat. Aber die Ziele sind dieselben geblieben und sollen mittels Vernebelung und Verzögerung erreicht werden, so wie bei der Alpenkonvention, für die unsere Bundesparlamentarier 10 Jahre Einsatz brauchten, um sie wieder loszuwerden, als ihre negativen Auswirkungen einmal erkannt worden waren.
2.    Der Park kommt einer Aneignung von Grund und Boden durch Naturschützerkreise gleich, der ihnen nicht gehört und an dem sie mehr interessiert sind als am Wohlergehen der Bewohner der Region.
3.    Die regionale Wirtschaft profitiert nicht von einer touristischen Aktivität, die sich weitgehend auf Spaziergänge in der freien Natur beschränkt.
4.    Es ist eine Illusion zu glauben, man werde Subventionen aus den Naturschützerkreisen erhalten, ohne Gegenleistungen erbringen zu müssen.
5.    Die wenige Freiheit, die uns noch bleibt, steht nicht zum Verkauf.

Eine Bergbewohnerweisheit: Es ist klüger, auf ein unnützes und risikobehaftetes Unterfangen gar nicht erst einzutreten, als später mühsam einen Weg aus dem Labyrinth suchen zu müssen.     •

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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