«Die Grausamkeiten des Krieges sind der Grund für mein Engagement»

«Die Grausamkeiten des Krieges sind der Grund für mein Engagement»

Interview mit Nguyen van Rinh*, Generalleutnant a.D. und ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister von Vietnam

thk. Neueste Untersuchungen gehen davon aus, dass während des Vietnam-Krieges und danach 16 Millionen Menschen mit dem Gift Agent Orange in Berührung gekommen sind. So natürlich auch US-Soldaten und die ihrer Verbündeten, Australien, Kanada und Südvietnam, die heute nach einem langen Kampf Entschädigungen erhalten haben – im Gegensatz zu den Opfern in Vietnam, Laos und Kambodscha als Direktbetroffene.
Immer wieder versuchen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) auf diesen Missstand und die schwere Menschenrechtsverletzung, die dieser Einsatz bedeutet, aufmerksam zu machen und die verantwortlichen USA in die Pflicht zu nehmen. So auch in Veranstaltungen während des Uno-Menschenrechtsrats im Juni in Genf. Am Rande einer solchen Veranstaltung hat «Zeit-Fragen» Nguyen van Rinh, Präsident der «Vietnamese Association for the Victims of Agent Orange» (VAVA), getroffen und ihn zur Situation in Vietnam befragt.

Zeit-Fragen: Herr Nguyen van Rinh, Sie haben die Schrecken des Vietnam-Kriegs als Offizier hautnah mitbekommen. Ist der Krieg nach all den Jahren immer noch präsent?

Nguyen van Rinh: Ich habe von 1966 bis zum Ende des Krieges auf den Schlachtfeldern Südvietnams gekämpft. 1964 haben die USA begonnen, Nordvietnam zu bombardieren. Dieser Krieg war eine fürchterliche Katastrophe. Die Bombardierungen, der Einsatz von Giftgas haben grausame Schäden hinterlassen, die bis heute noch sicht- und spürbar sind. Man kann sich das fast nicht vorstellen. Bis heute sterben die Menschen an den Folgen dieses Krieges, der bald 40 Jahre zu Ende ist. Jedes Jahr sterben Menschen wegen der Minen, die noch überall herumliegen, und man geht davon aus, dass es über hundert Jahre brauchen wird, bis alle Minen gefunden und entschärft sind. Es ist kaum auszudrücken, was für schreckliche Erfahrungen und Eindrücke ich aus dieser Zeit mitnehme. Wir haben die ganzen Grausamkeiten gesehen, während des Krieges und danach. Das ist der Grund, warum ich mich heute für die Opfer des Krieges, vor allem die Opfer von Agent Orange, einsetze.

Welche Auswirkungen hat der Einsatz des Giftes Agent Orange auf die Menschen und die Umwelt gehabt?

Der Krieg der USA mit chemischen Waffen gegen Vietnam hat 3 Millionen Opfer und Hunderttausende von Toten, vor allem durch den Einsatz von Agent Orange, gefordert. Hunderttausende leben noch heute mit verschiedenen schwersten Erkrankungen. Die meisten der Betroffenen, die vor nahezu 40 Jahren dem Gift ausgesetzt waren, sind heute zwischen 50 und 70 Jahre alt, und sie leiden unter schweren Erkrankungen. Sie sind die Ärmsten der Armen und leben oft unter ganz schlechten Bedingungen.

Die Kriegsführung der USA mit chemischen Waffen war ein Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht und damit gegen die Genfer Konventionen, mit anderen Worten, ein Kriegsverbrechen. Haben das Land und die betroffenen Menschen jemals eine Entschädigung für das fürchterliche Unrecht bekommen? Es war für die Weltöffentlichkeit sichtbar, welche Auswirkungen der Einsatz der chemischen Waffen gehabt hat.

Die vietnamesische Regierung hat die US-Regierung mehrmals aufgefordert, Wiedergutmachung zu bezahlen und für die Kosten der Verletzten aufzukommen. Aber sie haben bis heute nichts getan, damit die Betroffenen in besseren Umständen, mit einer besseren medizinischen Versorgung leben können.

Es gibt staatliche Programme in Vietnam, um der betroffenen Bevölkerung zu helfen. Das ist doch mit enormen Kosten verbunden und eine sehr grosse Belastung für Ihre Volkswirtschaft, das Gesundheitswesen und das Sozialsystem. Es ist bewundernswert, wie Ihr Land das bewältigt.

Die vietnamesische Regierung hat verschiedene Programme und Ideen entwickelt, um die ganze Gesellschaft bei der Hilfe für die Bedürftigen zu aktivieren. Das ist sehr wichtig, dass die Opfer Unterstützung von der Gesellschaft bekommen und eine effektive Hilfe erhalten. Die Regierung bezahlt jährlich 100 Millionen Dollar alleine für die Ärmsten der Betroffenen.

Gibt es Regionen, die besonders von der Vergiftung betroffen sind, oder hat sich das Gift im Laufe der Jahre gleichmässig über das ganze Land verteilt?

Das Gift wurde über Gebiete verteilt, in denen sich etwa 30  000 kleine Dörfer mit 4 bis 5 Millionen Einwohnern befinden. Sie waren dem Gift direkt ausgesetzt. Dann gab es noch ungefähr 1–2 Millionen Kämpfer, die dem Gift stark ausgesetzt waren, so dass man heute sagen kann, die Opfer leben im ganzen Land verteilt, sowohl im Norden als auch im Süden. Aber der grösste Teil lebt in Südvietnam, denn dort haben die USA das Gift besonders stark eingesetzt. Dabei waren vor allem die nordvietnamesischen Soldaten betroffen, die im Süden gekämpft hatten.

Warum haben die USA diese fürchterliche und verbotene Waffe eingesetzt?

Die USA haben das Gift entlang dem Ho-Chi-Minh-Pfad ausgebracht, um die Bäume zu entlauben und so die Menschen besser zu erkennen und töten zu können. Sie haben es vor allem an der Grenze zwischen Laos, Vietnam und Kambodscha eingesetzt. Ziel war gleichzeitig, die Ernte zu vernichten und so die Versorgung der Befreiungsarmee zu unterbinden.

Wie verseucht sind heute noch die damals im Krieg betroffenen Gebiete?

Die erwähnte Region ist immer noch verseucht. Es gibt auch noch einzelne Hotspots, dort, wo die amerikanischen Luftwaffenbasen lagen. Hier wurde das Gift gelagert. Diese Gebiete sind stark kontaminiert. Die ganze Region ist verseucht, und das Gift ist teilweise weit in die Erde und ins Grundwasser eingedrungen. Wenn es nur an der Oberfläche geblieben wäre, wären nach 20 Jahren die Spuren vernichtet gewesen, aber es geht tief in die Erde hinein. Und man rechnet damit, dass es mindestens hundert Jahr dauern wird, bis das Gift abgebaut ist. Das heisst, noch viele Menschen werden erkranken und leiden müssen.

Das ist so fürchterlich, ich habe grosse Hochachtung vor Ihrem Engagement. Herr Nguyen von Rinh, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.

*Nguyen van Rhin war Regimentskommandeur in der vietnamesischen Armee und kämpfte von 1966 bis zum Ende des Krieges auf der Seite der nordvietnamesischen Armee. Als er aus der Armee austrat war er Generalleutnant und Stellvertretender Verteidigungsminister. Heute setzt er sich für die Opfer des Krieges, vor allem die Opfer von Agent Orange, ein.

USA und chemische Industrie als Verantwortliche verurteilt

thk. Vom 15.–16. Mai 2009 fand in Paris ein internationales Volkstribunal des Gewissens statt mit dem Ziel, die vietnamesischen Opfer von Agent Orange zu unterstützen. Organisiert wurde das Tribunal von den International Association of Democratic Lawyers (IADL) in Zusammenarbeit mit verschiedenen NGOs, unter anderem auch der Vietnamese Association for the victims of Agent Orange (VAVA).
Das Tribunal sprach sowohl die USA als auch die chemische Industrie schuldig für die Herstellung und den Einsatz von Agent Orange. Es verlangte aus diesem Grund von den Verursachern eine vollständige Kompensation für die Opfer und ihre Familien sowie eine Wiederherstellung der Umwelt und eine Dekontamination von verseuchtem Wasser und vergiftetem Boden.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.iadllaw.org 

Kommentar

thk. Bald 40 Jahre ist es her, und meine Generation kann sich noch gut erinnern, wie es zum Kriegseinsatz der USA in Vietnam kam. Die False Flag Operation im Golf von Tonkin, die Jahrzehnte später sogar vom damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara als solche bestätigt wurde, lieferte dem amtierenden amerikanischen Präsidenten, Lyndon B. Johnson, den Vorwand, in Vietnam militärisch intervenieren zu können. Ein Krieg, der vor allem von den USA mit äusserster Brutalität geführt wurde. Der Einsatz der berüchtigten B 52-Bomber über Nord- und Südvietnam, die im Dauerbombardement mehr als dreimal so viel Bombenlast über dem kleinen Land abwarfen wie im gesamten Zweiten Weltkrieg, waren der Schrecken für die Menschen, die diesen Bombardements grösstenteils schutzlos ausgeliefert waren. Unvergessen ist auch der Einsatz der Todesschwadronen, organisiert von William E. Colby, US-Botschafter in Saigon, die vor allem Intellektuelle massakrierten, weil sie unter ihnen kommunistische Kollaborateure vermuteten.
Doch was das Desaster von Vietnam am meisten geprägt hat, war der hemmungslose Einsatz von illegalen Waffen seitens der USA wie Napalm (weisser Phosphor) und Agent Orange. Dieses Entlaubungsgift, nichts anderes als das für Mensch und Natur hochgiftige Dioxin, das von den USA hektoliterweise, man geht von 80 Millionen Litern aus, versprüht wurde, ist eine verbotene Massenvernichtungswaffe, die 40 Jahre nach dem Ende des Krieges immer noch verheerende Auswirkungen hat. Jährlich sterben nach wie vor Tausende an den Folgen der Vergiftung. Man kann nur erahnen, was alles auf den Schlachtfeldern im Irak, in Afghanistan und Libyen eingesetzt wurde und immer noch wird.
Verschiedene internationale Organisationen setzen sich für die Anerkennung dieser Menschen als Kriegsopfer ein, die eine Wiedergutmachung verdient haben. Der ehemalige vietnamesische Generalleutnant Nguyen van Rinh kämpft für die Anerkennung der Geschädigten als Kriegsopfer, die von den USA und den verantwortlichen Chemiefirmen, Dow Chemical und Monsanto, entschädigt werden müssten. Zwar begannen die USA in den letzten drei Jahren, einen der vielen Hotspots in Vietnam – dort, wo die US-Army die Fässer mit dem Gift gelagert hatten – zu dekontaminieren, jedoch ohne besonderen Einsatz, wie zu vernehmen war. So mutet das Ganze mehr als eine Alibi-Übung an denn als ein echtes, humanitäres Engagement für die betroffene Bevölkerung. In der letzten Zeit zeigen die USA verstärkte Aktivitäten im pazifischen Raum und streben neue Militärstützpunkte an, so auch in Vietnam. Hillary Clintons «Charme-Offensive», die sie nach Laos, Vietnam und Kambodscha führte, muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Damit schreiten die USA weiter voran auf dem totalitären Weg des Krieges.

Lieber Freund
Wegen der von Agent Orange verursachten Schädigungen im endokrinen System, im Immunsystem und im Erbgut können die Opfer an mehreren Krankheiten leiden, aber die amerikanische Regierung anerkennt derzeit nur eine gewisse Anzahl davon. Hier die Liste:
•    AL-Amyloidose
      Chronische lymphatische Leukämie vom B-Zell-Typ
•    Chlorakne (oder ähnliche akneartige Erkrankungen)
•    Diabetes mellitus Typ 2
•    Hodgkinsche Krankheit
•    Ischämische Herzerkrankungen
•    multiples Myelom
•    Non-Hodgkin-Lymphom
•    Parkinson-Krankheit
•    periphere Neuropathie
•    späte kutane Porphyrie
•    Prostatakrebs
•    Tumore der Atemwege (inkl. Lungenkrebs)
•    Weichteilsarkome (andere als das Osteosarkom)

Die Kinder mit angeborenen Missbildungen: Die Regierung der Vereinigten Staaten nimmt an, dass bei Kindern von Vietnam- und Korea-Veteranen und von anderen ehemaligen Soldaten gewisse angeborene Anomalien auftreten.
Die Opfer von Agent Orange brauchen in der Tat alles: Mental brauchen sie Ermutigung und Mitgefühl anderer Menschen. Materiell brauchen sie Geld, um ihren täglichen Bedarf an Medikamenten und Nahrungsmitteln zu decken, sie brauchen Häuser und Hilfsmittel, die ihnen die Fortbewegung erleichtern, wie zum Beispiel Rollstühle, Wiedereingliederungsmassnahmen, unter anderem Stipendien für die Schul- und Berufsausbildung der Kinder.
Bedenken Sie, dass sie sehr arm sind, da sie nicht nur nicht arbeiten können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern zudem auch noch viel Geld für die Medikamente ausgeben müssen.
Wenn irgend jemand oder eine Organisation ihnen gerne helfen möchte, dann kontaktieren Sie uns, und wir werden Ihnen weitere Details geben.

Nguyen Minh Y
The Vietnam Association for Victims of
Agent Orange/Dioxin (VAVA)
www.vava.org.vn  E-Mail: vavavava.org.vn
(Übersetzung Zeit-Fragen)

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