Island – bescheiden, aber solide wieder aufbauen

Island – bescheiden, aber solide wieder aufbauen

«Zunächst haben wir 2008 über ein Notgesetz die Banken zusammenbrechen lassen»

von André Anwar, Stockholm

Während die Euro-Krise Europa bedrängt, rappelt sich Island nach seinem Zusammenbruch von 2008 wieder auf. Die Wirtschaft wächst dank Sparmassnahmen und der deutlich entwerteten Krone wieder. Auch der Zusammenbruch der Banken half beim Aufschwung.

Island ist wieder auf dem Weg nach oben. Die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sagt dem Land für 2012 wieder ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent voraus. Doch die Basis ist tief. 2008 war die Wirtschaft um 18,2 Prozent eingebrochen, 2009 nochmals um 9,2 Prozent. Auch 2010 sank die Wirtschaftsleistung nochmals um 2,2 Prozent.

Arbeitslosigkeit sinkt

Vor der Krise war das umgekehrt. Da erreichte Island mit 8,3 Prozent 2005 Wachstumsraten wie kaum ein anderes westliches Land. Island hat es aber selbst während der Krise geschafft, die Arbeitslosigkeit einigermassen im Griff zu behalten. Vor der Krise betrug sie knapp 3 Prozent, 2009 stieg sie auf 7,2 Prozent und 2010 auf 7,5 Prozent. Ein Grund für den verhältnismässig geringen Anstieg: Viele Gastarbeiter, etwa im Bauwesen, wurden wieder nach Hause geschickt. Den Rest fingen viele Unternehmen mit Lohnkürzungen auf. Zudem besteht ein kulturell und historisch bedingter Stolz, staatliche Hilfen nicht in Anspruch zu nehmen. Inzwischen fällt die Arbeitslosigkeit wieder. Für 2012 wurde ein Rückgang auf unter 7,0 Prozent vorausgesagt. Das soziale Sicherheitssystem funktionierte auch, weil die Isländer mit traditioneller Vollbeschäftigung es bis zum grossen Fall noch nie wirklich umfangreich nutzten.

Arbeitsplätze gestrichen, Löhne gesenkt

«Islands Wiederaufbau beruht auf mehreren Säulen», sagt Pordur Snaer Juliusson von der Wirtschaftszeitung «Vidskiptabladinu». Er gilt als einer der wenigen objektiven Kommentatoren in Island. «Zunächst haben wir 2008 über ein Notgesetz die Banken zusammenbrechen lassen.» Die Hilfskredite des Internationalen Währungsfonds und skandinavischer Länder hielten das Land flüssig, zwangen es aber zu gewaltigen Einsparungen. «In allen Bereichen wurden alle Posten um bis zu 10 Prozent gekürzt, bei Löhnen im privaten Sektor waren es bis zu 20 Prozent. Gleichzeitig merkten wir in der Not, dass wir etwa im Gesundheitswesen und anderen Bereichen durch Effizienzsteigerungen extrem viel einsparen konnten», erläutert Juliusson. Eine weitere Säule war der Rentenfonds, von dem sich der Staat selbst Geld auslieh. Privathaushalten wurde von den Banken oder dem Staat ein Teil ihrer Schulden erlassen.

Wert der Krone fast halbiert

Die Abwertung der Krone nach dem Zusammenbruch hilft. Ihr Wert hat sich etwa gegenüber dem Euro fast halbiert. Brauchte es für einen Euro zu Beginn der Krise 2008 rund 85 isländische Kronen, so sind es nun 157. Das kommt den klassischen Exporten zugute. «Die Fischerei hat uns gerettet. Sie steht wie früher für 30 bis 40 Prozent unserer Einnahmen, und die kommen in Auslandswährungen», sagt Juliusson.
Inzwischen konnte Island die Raten der Hilfskredite des IWF in Gesamthöhe von 2,1 Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro/2 Milliarden Franken) und zusätzliche Kredite aus den nordischen Nachbarländern gar frühzeitig zurückzahlen.

Immobilienblase brachte den Abstieg

Island hat eine Achterbahnfahrt erlebt wie kaum ein anderes westliches Land. Zunächst waren da die scheinbar uneingeschränkten Möglichkeiten von 2002 bis 2007. Da wurde zu privaten Geburtstags­festen auch mal Elton John eingeflogen. Jeeps mit riesigen Rädern waren Standardausrüstung vieler Haushalte. Die wöchentlichen Einkaufsflüge der Mittelschicht erfreuten den Einzelhandel in Grossbritannien und New York. Die starke Krone gab den jungen Isländern das Gefühl, im Ausland steinreich zu sein. Sie nutzten es, um Erfahrungen in der weiten Welt zu sammeln. Mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase zeichnete sich das Ende des Traumes ab. Zunächst wollte niemand darüber reden. Doch 2008 brachen alle drei Grossbanken zusammen und wurden zwangsverstaatlicht. Sie hatten hochspekulative Geschäfte betrieben und Reichtum auf Pump ins Land gebracht. Mit den Grossbanken brach auch die Wirtschaft zusammen. Die Krone verlor rasant an Wert, die Importe – also fast alle Güter – verteuerten sich. Strassenproteste zwangen die konservative Regierung, die das Land seit der Unabhängigkeit im Zweiten Weltkrieg geprägt hatte, zum Rücktritt.

Ehemaliger Regierungschef wurde verurteilt

Der ehemalige Regierungschef Geir Haarde wurde Ende April von einem Gericht wegen «groben Amtsfehlern» und «persönlicher Verantwortung» verurteilt. Laut dem Urteilsspruch in Reykjavik wurde der Regierungschef für den Finanz- und Wirtschaftszusammenbruch Islands im Herbst 2008 für teilschuldig erklärt. Eine Strafe zog das Urteil jedoch nicht nach sich. Der Zorn gegen die alte Machtclique um Haarde nahm mit der unerwartet raschen Erholung schnell wieder ab. Haardes konservative, antieuro­päische Unabhängigkeitspartei gewinnt wieder an Wählerschaft.    •

Quelle: CE Wirtschaft, Island Aufschwung, 27.6.2012

Studie: Euro-Austritt reizvoll für Italien und Irland – «Nesawissimaja»

Die Analysten der Bank of America Merill Lynch haben in einer Studie herausgefunden, dass die Euro-Zone und der Euro weniger stabil sind, als man denkt, schreibt die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» am Montag.
Angesichts der neuen Krise werden einige Euro-Länder versuchen, individuelle Vorteile durch den freiwilligen Austritt aus der Währungsunion zu bekommen. Grosse Vorteile könnten Italien und Irland erhalten: Sie würden ihre Konkurrenzfähigkeit durch die Abwertung ihrer Währungen am schnellsten wiederherstellen können.
Um einen Zerfall der Euro-Zone zu verhindern, würden die führenden EU-Länder jeden Preis zahlen, so viele Investoren.
In einer Studie zweifeln die Experten von BofA-Merill Lynch die Stabilität der Euro-Zone an. Der Versuch einiger Länder, um jeden Preis in der Euro-Zone zu bleiben, bringt für sie mehr Nach- als Vorteile. Ein freiwilliger Austritt aus der Euro-Zone könne für viele Länder eher gewinnbringend sein, so die Experten von BofA-Merill Lynch. Zu diesen potentiellen «Verrätern» der Euro-Zone gehören Italien und Irland, deren Wirtschaft sich nach dem Verzicht auf die europäische Einheitswährung schnell erholen könne.
Deutschland und Österreich sind nicht daran interessiert, dass die Euro-Zone zerfällt. Deswegen zahlt Berlin jeden Preis, um Griechenland, Irland und Portugal im Euro-Raum zu halten. Doch Berlin sei nicht mehr in der Lage, Italien für seine Treue zum Euro zu bezahlen. Laut BofA-Merill Lynch würden sich die Finanzhilfen sowohl für Rom als auch für Berlin als unvorteilhaft erweisen.

Quelle: RIA Novosti vom 16.7.2012

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