OECD-Reformen, Durchsetzungsstrategien und Umsetzung

OECD-Reformen, Durchsetzungsstrategien und Umsetzung

rh. Die OECD will die Bildungssysteme ihrer Mitgliedstaaten verändern. Dazu empfiehlt sie den Staaten seit 10 Jahren Reformen. Das angestrebte Ziel heisst «Innovative Learning Environments» (innovative Lernumgebungen) und die Begründung ist rein ökonomisch. Es sollen Höchstleistungen für die «21st century competences», die man für die neue «knowledge-based economy» (wissensbasierte Wirtschaft) brauche, bewirkt werden. Traditionelle Lernformen seien dafür ungeeignet. Vier Grundprinzipien müssten statt dessen beachtet werden:
•    Lernergebnisse müssen ständig gemessen werden (PISA),
•    Informationstechnologien (ICT) sollen das Lernen revolutionieren, dazu sind hohe Investitionen in «digitale Ressourcen» nötig,
•    Lernen und lehren soll mit neuen Methoden verknüpft werden,
•    Schulen müssen die Ergebnisse der Forschung mehr umsetzen.

Quelle: Executive Summary zu «The Nature of Learning-Using research to inspire practice», Centre for Educational Research and Innovation, OECD 2010, S. 13

Reformziele

Die Reformziele, die die OECD (angeblich) aus den PISA-Ergebnissen («best practice models» – beste Praxisvorbilder) abgeleitet hat und seit Jahren ihren Mitgliedstaaten vorschlägt, sind folgende (dabei steht die Ablehnung des gegliederten Schulwesens im Zentrum, die die OECD mit «exclusion» – Ausschluss gleichsetzt):
•    Gleichheit, sozial und geschlechtlich. Dazu brauche es
•    integrative oder kooperative Schulstrukturen, d.h. Umwandlung der «selektiven», gegliederten Schulsysteme in integrative.
•    Einheitliche Qualitätsstandards für die Bildung, die ständig gemessen werden müssen.
•    Spezielle Lehrerfortbildungen, da das integrative Unterrichten die Lehrer zwinge, jedes Kind individualisiert zu unterrichten.
•    Schulautonomie verbessere das System, indem die Verantwortung weg vom Staat auf die einzelne Schule, lokale Behörden übertragen wird. Das erlaube der einzelnen Schule, die Inhalte, das Budget und die Zulassung von Schülern(!) selbst zu bestimmen.
•    Forschung und Statistik müssten vorangetrieben werden, damit man immer eine breite Datenbasis zur Verfügung habe.

Durchsetzungsstrategie: Druck erzeugen

Durch die ständige Durchführung internationaler Vergleichsmessungen von Schulleistungen und Veröffentlichung der Ergebnisse (PISA) übte die OECD Druck («soft power») auf die Nationalstaaten aus. Regierungen der Nationalstaaten kamen durch ihren Rang auf der «Ergebnisliste» unter Druck, ihr Bildungswesen zu verändern, und richteten sich dabei nach von der OECD empfohlenen Modellen. Es entstand ein Konformitätsdruck und Legitimationszwang, falls man z.B. nicht mitmachen oder abweichen wollte und das führte dazu, dass die Länder die von der OECD empfohlenen Modelle kopierten. Das Ergebnis war eine eigentliche Gleichschaltung der beteiligten Nationalstaaten bezüglich ihres Bildungswesens.

Umsetzung – Vergleich Schweiz und USA

Bei diesem Vergleich fällt eine Merkwürdigkeit auf: Während die Schweiz viele der Reformvorschläge umsetzte, begleitet von einem riesigen Medienzirkus – obwohl das Land sehr gute Ergebnisse bei PISA hatte – kümmerte sich in den USA, die bei allen drei PISA-Erhebungen äusserst schlecht abgeschnitten hatten, niemand um PISA. Die Medien schwiegen, und es gab keinerlei Reformbemühungen. Der Grund dafür: In den USA-Schulen ist schon alles so, wie es die OECD den Europäern empfiehlt!

Quelle: Tonia Bieber und Kerstin Martens: The OECD PISA Study as a Soft Power in Education? Lessons from Switzerland and the US, in: European Journal of Education, Vo. 46, No.1, 2011, Part I

Schlussfolgerung

1981 prangerte die «National Commission on Excellence in Education» in ihrem Bericht «A Nation at Risk» das schlechte amerikanische Bildungswesen an und stellte fest:
«[…] if such a system had been foisted on the nation by a foreign power, it would be considered an act of war.» (Zitiert nach Langer, Roman, S. 54; genauere Literaturangabe siehe Seite 4.)    •

Ein informelles Empire, dessen Kraftfeld aber allein in Washington liegt

Der amerikanische Professor für Geschichte, Technologie und Gesellschaft am Georgia Institute of Technology verweist in seiner Studie über «Amerikanische Hegemonie und der Wiederaufbau der Wissenschaft in Europa nach dem Krieg» auf einen grundlegenden Faktor in der Aussenpolitik der USA gegenüber Europa: Es ging um die Bildung eines hegemonialen Regimes neuer Prägung: um ein informelles Empire, das auf Einwilligung basiert und in «Koproduktion» entsteht, dessen Kraftfeld aber allein in Washington liegt. Dazu brauchte es «nicht nur die aktive Kollaboration nationaler Eliten, welche die wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Ambitionen der Vereinigten Staaten teilten – und die über genügend Legitimität und Macht verfügten, um denjenigen, die anders dachten, ihre Vorstellung des Weges, den Europa gehen sollte, aufzuzwingen; es erforderte auch die subtile Umgestaltung der europäischen Identität, eine schrittweise Einpflanzung amerikanischer Normen und Methoden».

John Krige. American Hegemony and the Postwar Reconstruction of Science in  Europe, The MIT Press, Cambridge 2006, S. 255,
(Übersetzung Zeit-Fragen)

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