Matthias Schlubeck – ein Beispiel für Lebensmut

Matthias Schlubeck – ein Beispiel für Lebensmut

Zum Konzert mit dem Organisten Ludger Janning und dem bekannten Panflötisten Matthias Schlubeck in der evangelischen Kirche in Aadorf TG

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

In der evangelischen Kirche Aadorf TG konnten die Besucher ein grossartiges Konzert mit den beiden Musikern, dem Panflötisten Matthias Schlubeck und dem Organisten Ludger Janning, miterleben. Schon vor zehn Jahren waren sie hier zu Gast gewesen. Im wunderschönen Zusammenklang von Panflöte und Klavier- oder Orgelbegleitung öffneten sich für die begeisterten Zuhörer Welten. In einem vielfältigen und anspruchsvollen Programm wurde die Panflöte durch die Virtuosität von Matthias Schlubeck zu einem herrlichen, klassischen Konzertinstrument. Die Panflöte ist eines der ältesten Instrumente der Welt und in den verschiedensten Formen, Grössen und Materialien anzutreffen. Sie hat einen starken Bezug zur jeweiligen Volksmusiktradition in den verschiedenen Ländern. In Rumänien und Latein­amerika existiert eine reichhaltige Panflöten-Musikkultur.
Der Organist und Pianist Ludger Janning (1965) aus Dortmund studierte Kirchenmusik mit den Instrumentalfächern Orgel, Klavier und Oboe, ist als Lehrbeauftragter tätig und hat grosse kirchenmusikalische Erfolge. In seiner langjährigen Konzert-Zusammenarbeit mit Matthias Schlubeck entstanden auch Tonträgerproduktionen.

Lebensmut und Vertrauen in die eigenen Kräfte entwickeln

Matthias Schlubeck, 1973 in Wuppertal geboren, gehört zu den anerkanntesten und ­besten Panflötenspielern im heutigen Europa. Er hat sich auch weltweit mit seinen Konzerten im Bereich der Interpretation von klassischen Werken einen Namen gemacht. Matthias Schlubeck hat eine körperliche Behinderung: Er ist ohne Unterarme, Hände und Füsse zur Welt gekommen. Seine menschliche, positive Ausstrahlung, seine Musik und sein natürlicher Umgang sind so beeindruckend, dass dies kaum wahrgenommen wird. Mit seinem bewundernswürdigen Lebensmut, Lern- und Entdeckergeist hat er sich Unglaubliches erarbeitet. Er ist ein Symbol für unsere Zeit, die sehr viel von diesem Lebensmut erfordern wird. Schon in jungen Jahren leistete er Vorbildliches und erarbeitete sich grossartige Fähigkeiten. Als Kind hat er von seinen Eltern und Lehrern gelernt, dass neue Dinge und Aufgaben nicht von Anfang an als unmöglich anzusehen sind. Mit dem Vertrauen in seine eigenen Kräfte und in die Mitmenschen sowie der Fähigkeit, neue Situationen realistisch einzuschätzen und eigene Wege zu finden, entwickelte sich auch die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit im mitmenschlichen Zusammenwirken. Die Eltern erkannten früh, dass ihr aufgeweckter Sohn seine Behinderung gut kompensieren konnte und wollten auf keinen Fall, dass er eine Schule für Behinderte besuchen sollte. Die natürliche Integration in die Normalschule ist heute unter kundiger Anleitung glücklicherweise weit verbreitet, und in sehr vielen Fällen entwickeln sich diese Kinder ausgezeichnet.

Die Panflöte zum Konzertinstrument entwickelt

Mit dieser Lebensauffassung wurden Mat­thias Schlubeck als Kind und Jugendlichem zahlreiche sinnvolle Wege für seine Entwicklung eröffnet. Ein grosser Glücksfall waren seine fürsorglichen und realistisch eingestellten Eltern, ein Lehrerpaar und wichtige Panflöten-Lehrerpersönlichkeiten, welche einfühlsam die frühe Förderung des jungen Musikers mit dem traditionsreichen Holzblasinstrument ermöglichten. Das Studium an der Musikhochschule Wuppertal schloss Mat­thias Schlubeck in «Instrumental-Pädagogik» und «Konzertexamen» mit sehr guten Noten ab und wurde in Deutschland der erste Musiker, der mit Panflöte den «Bachelor of Music» erwarb. Er unterrichtet seit 2010 im Hauptfach Panflöte am Institut für Musik an der Hochschule Osnabrück.
Matthias Schlubeck gelang es auch als Kind durch die grosse Unterstützung seiner Eltern, anspruchsvollen Wettkampfsport und Musik zu verbinden. Früh begann er mit dem Schwimmen als Rehabilitationssport im Behindertensportverein, wurde später mehrfacher Meister an internationalen Schwimmwettkämpfen und errang zahlreiche Goldmedaillen, auch als Paralympics-Sieger. Demnächst finden in London wieder diese beeindruckenden Wettkämpfe statt.
Matthias Schlubeck hat seine Konzerttätigkeit seit seinem ersten Konzert 1990 ausgeweitet. In seinen bisher über 1000 Konzerten in Europa, Südamerika und den USA entstanden neuartige Orchesterkombinationen mit Harfe, Orgel, Klavier und ganzen Orchestern in grossen Konzerthäusern der Welt. Seit 2008 unterrichtet er auch an seiner eigenen Musikakademie «Alte Mühle Bellersen» in wunderschöner Umgebung mit Gästezimmern, wo Musikschule, Seminare, Veranstaltungen und Konzerte stattfinden. (www.musikakademie-bellersen.de  oder www.schlubeck.com ).Seine Kurse sind sehr gut besucht, und Matthias Schlubeck engagiert sich auch für qualitativ gute und einfache Kinder-Panflöten und Panflöten-Unterricht. Der Besuch eines Konzertes oder der Genuss einer CD (beispielsweise «Die ZauberPANflöte von W. A. Mozart mit M. Schlubeck und der Rumänischen Staatsphilharmonie Transsylvanien» oder «Panflöte, Violine und Barockorchester mit M. Schlubeck«) wird für alle zu einem grossen Erlebnis, einer Ermutigung und zu einem Symbol und Beispiel für Lebensmut.

Zeit-Fragen: Wenn man sich mit Ihrem gross­artigen musikalischen und sportlichen Werk und Wirken und mit ihrer Biographie etwas beschäftigt, ist man von Ihrem beispielhaften Lebensmut, Forschergeist und Tatendrang, Ihrer ganzen Entwicklung sehr beeindruckt. Wie begann das eigentlich, Herr Schlubeck, mit ihren Eltern, was waren die ersten Schritte?

Matthias Schlubeck: Eine grosse Rolle haben meine Eltern gespielt. Sie haben mich gefördert und zugleich machen lassen, das heisst, sie haben mir also die Möglichkeit gelassen, selber vieles auszuprobieren und auszutesten und nicht gleich gesagt: «Das geht nicht!» Das ist sicherlich sehr wichtig, gerade wenn man eine gewisse Behinderung hat. Natürlich gehört da auch ein Tatendrang dazu. Ich glaube, eine natürliche Abenteuerlust stirbt schnell ab, wenn man sie immer wieder eingrenzt und Wege abgeschnitten werden. Von daher hat sicher eine grosse Rolle gespielt, dass ich vieles ausprobieren durfte, nicht nur im musikalischen Bereich. Ich durfte schon als Kind immer draussen mit den anderen Kindern spielen, ich durfte auf Bäume klettern, auch wenn meine Eltern manchmal Angst hatten, aber sie haben mich gewähren lassen. Also ich denke, es ist sehr wichtig, selber zu sehen, welche Wege kann man gehen, welche Wege kann man sich selber auch eröffnen, wo andere vielleicht in festgefahrenen Bahnen denken, «dass man es eben so und so machen muss». Ich musste von Anfang an verschiedene Wege suchen, und das betrifft verschiedene Bereiche des Lebens, das betrifft natürlich auch die Musik.

Das ist mir aufgefallen, dass es bei Ihnen so war, dass man in Ihrer Kindheit nicht gleich zu Beginn sagte: «Das ist unmöglich!», sondern eine Offenheit und Entdeckerfreude da war, um selber Dinge zu versuchen und zu entwickeln. Ihre Eltern waren offensichtlich fürsorglich und zugleich realistisch und ermutigend. Sie konnten so, Ihr Instrument, die Panflöte. entdecken. Eltern sind oft zu bemüht und überbesorgt und schneiden schnell Wege ab, die für die Entwicklung des Kindes wertvoll wären. Sicher haben auch Ihre Lehrer eine grosse Rolle gespielt, es war ja ein Lehrerehepaar, das sehr wichtig für Sie war.

Ja, es war so, dass ich mit 4 Jahren an die Musikschule kam, eine Zweigstelle der Musikschule Wuppertal, welche dieses Lehrerehepaar leitete und dort auch unterrichtet hatte. Ich habe die musikalische Früherziehung dort begonnen und ganz normal sechs Jahre mitgemacht bei allem, was es gab. Es ist ja das Alter, wo man mit Blockflöte beginnt, das ist Standard für die musikalische Früherziehung, aber bei mir war die Blockflöte nicht möglich. Hier war die Offenheit notwendig für die Suche nach einer Möglichkeit und einem Instrument für mich. Das war sehr wichtig. Dieses Lehrerehepaar hatte eine grosse private Musikinstrumentensammlung mit den Musikinstrumenten der Völker, also folkloristische Instrumente aus der ganzen Welt. In diese Museumssammlung bin ich mit den Eltern immer wieder gegangen und habe alle möglichen Instrumente durchprobiert. Bei der Panflöte habe ich sofort einen Ton rausbekommen. Es war eine kleine Panflöte aus Neuguinea mit drei Röhren, und das war der Anfang. Zuvor habe ich noch einige Schlaginstrumente ausprobiert, habe es aber schnell aufgegeben. Mit der Panflöte war es nicht einfach, aber durch den Unterricht mit Erich zur Eck bekam ich Freude. Es gab damals weder Informationen über Panflöten, es gab auch keine Instrumente und kein Unterrichtsmaterial. Es war von Anfang an sehr schwer, aber durch viel Einsatz dieses Lehrerpaars und der Eltern haben wir das über die Jahre geschafft. Der Lehrer hat immer ein paar Lektionen vorgearbeitet, um mir dann das beizubringen, später musste er dann die Blockflöte verwenden. So war der Anfang.

Das ist sehr eindrücklich. Sie hatten ja später verschiedene international bekannte Panflötisten als Lehrer, wie kamen Sie zu Ihrem speziellen und eigenen Weg der klassischen Musik oder hier dem Zusammenspiel mit der Orgel?

Ich bin mit der klassischen Richtung aufgewachsen. Meine Mutter hat klassische Musik und Geige gespielt, wir hatten regelmässig unsere Streichquartette und Hauskonzerte. Wir haben auch meinen Musikunterricht auf klassische Musik und Barock ausgerichtet. Ich bin also von Anfang an in diese Musik hineingewachsen und kam gar nicht über die traditionelle Panflöten-Schiene. Das war sicherlich ein Vorteil, weil man dann nicht von Beginn an auf die traditionelle Musik­richtung der Panflöte festgelegt wurde. So konnte ich meinen Weg finden, und ich war ja auch nicht der einzige, der klassische Musik macht. Aber es ist trotzdem eine sehr grosse Entwicklung, die vor 30, 40 Jahren begonnen hat, und ich finde es spannend, mit einem der ältesten Instrumente eigentlich ein ganz junges Instrument in der klassischen Musik zu haben. Es gibt für die Panflöte in der klassischen Musik keine Originalwerke, auch was die Literatur und Technik betrifft, gerade hier kann man neue Dinge entdecken, und generell hat man mit der Panflöte unglaublich viele Möglichkeiten in allen Musikbereichen, ein sehr spannendes Instrument.

Ihre Musik ist emotional so ausdrucksstark, direkt und völkerverbindend. Durch den vielfältigen kulturellen Hintergrund des Instruments und den Respekt vor den fremden Kulturen wirkt Ihre Musik menschheitsumspannend und leistet gerade in unseren Zeiten von Kriegen und Ungerechtigkeit auch einen Beitrag zum Frieden.

Ja, ich denke die Musik ist generell völkerverbindend, ich würde es gar nicht nur auf die Panflöte beziehen. Die Art der Panflöte und wie sie auch hier in der Schweiz gespielt wird, kommt traditionell aus Rumänien und hat dort in der Musik eine starke Verbindung. Ich finde es spannend, die Musik und dieses Instrument in einen anderen kulturellen Kontext zu bringen. Was sicher eine grosse Stärke der Panflöte ist, dass sie die Menschen sehr direkt ansprechen kann, sie hat Ähnlichkeit mit dem Gesang und eine sehr grosse Direktheit in der Tonerzeugung. Das ist ­sicher auch ein Grund, dass sie die Menschen aus allen Kulturen anspricht und auch grossen Erfolg in der Unterhaltungsmusik hier in West­europa hat, beispielsweise mit den Hirtenmelodien und den Verbindungen mit Lateinamerika. Die Stärken der Panflöte muss man auch wahrnehmen, und im schulischen Unterricht eröffnen sich oft neue Möglichkeiten und Interpretationen.

Was würden Sie Kindern und jungen Menschen in der heutigen Zeit auf den Weg geben? Wie können sie den Lebensmut, den nötigen Lern- und Forschergeist, den Sie verkörpern, entwickeln? Diese Zuversicht: «Es ist möglich, etwas zu erreichen, was unvorstellbar war.» Einen eigenen Beitrag auch zum Wohl der Menschheit zu leisten. Diesen Sinn im Leben und Lebensmut zu entwickeln, ist ja gerade für unsere Zeit entscheidend.

Ich glaube, es ist ganz wichtig, seine Stärken zu suchen und bewusst zu machen. Sofern das eben geht, ist daraus auch ein Berufsweg zu finden. Ich denke, dass viele mögliche Wege zu stark vorgezeichnet sind und dadurch viele Perspektiven verlorengehen. Ich habe das Glück gehabt, dass ich immer Unterstützung hatte in dieser Richtung. Das ist nicht selbstverständlich. Ich übe diesen Beruf schon relativ lange aus und habe immer noch sehr viel Freude daran, und das ist ein Privileg, in diesem Berich arbeiten zu dürfen.    •

Herr Schlubeck, herzlichen Dank für das Gespräch, und ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.