Schweiz: Unser Land erlebt zurzeit rund um seinen ­Finanzplatz Angriffe von beispielloser Gewalt

Schweiz: Unser Land erlebt zurzeit rund um seinen ­Finanzplatz Angriffe von beispielloser Gewalt

«Und es gibt, noch bedrohlicher, die Zeit des Krieges»

von Pascal Décaillet, Journalist

Die jüngste Steuer-Affäre mit Frankreich bezüglich der Erbschaftssteuer hat endlich die Geister in unserem Lande wachgerüttelt. Es gab die Schnellen, wie Philippe Nantermod, die sofort ihre Wut geäussert haben. Es gab auch etwas Bedächtigere und sogar einige mit christlicher Inspiration, die abgewartet haben, wie der Wind weht – aber jetzt endlich fordert ein grosser Teil der Classe politique in der Schweiz Erklärungen. Wie konnte sich Eveline Widmer-Schlumpf derart reinlegen lassen? Was macht Didier Burk­halter? Gibt es ihn überhaupt, lebt er? Was ist die Gesamtstrategie des Bundesrates? Antwort: Nichts.
Unser Land erlebt zurzeit rund um seinen Finanzplatz Angriffe von beispielloser Gewalt. Die Länder, von denen diese Angriffe ausgehen, beginnend mit den ­Vereinigten Staaten, haben uns absolut keine Lektion zu erteilen bezüglich Finanz-­Moral. Gar nicht zu reden von Grossbritannien. Noch weniger von Frankreich, dessen Verwaltung der öffentlichen Finanzen seit Jahrzehnten katastrophal ist, unter den Rechten wie unter den Linken. Frankreich, das mit seinen Aktionen gegen die Schweiz nichts anderes will, als seine eigene Kasse wieder aufzufüllen. Das ist die Wahrheit, dies und nichts anderes.
Angesichts dieses Krieges – es ist einer, und zwar an mehreren Fronten – würde jedes normal verfasste Land mit Krieg reagieren. Unsere Werte klar darlegen. Der Bevölkerung erklären, dass die Schweizer Banken nicht von Grund auf eine Ausgeburt des Teufels sind, dass sie sicherlich Fehler begangen haben, aber dass sie unermessliche Quellen von Beschäftigung und nationalem Reichtum bleiben. Im Krieg braucht es eine Strategie, einen Krisenstab, eine klare Vision, einen unerschütterlichen Willen, die Interessen des Landes zu verteidigen. Offen gesagt, verspüren Sie diesen dionysischen Rausch bei Frau Widmer-Schlumpf? Bei Herrn Burkhalter?
Das Schlimmste sind die Feinde im Inneren. Die netten Moralapostel. Das sind diejenigen, die mitten im Krieg – wenn man an die Front gehen muss, um das Schlimmste abzuwehren – uns eine Lektion verpassen über die verdorbene Schweiz, über die Schweiz, die sich anzupassen habe, die Schweiz, die alle Forderungen unserer lieben Nachbarn erfüllen müsse. Diese Puristen der abstrakten Moral, diese Erzengel der Vollkommenheit, haben sie verstanden, dass wir uns im Krieg befinden? Dass einige dort drüben, unter dem Vorwand der Ethik, beschlossen haben, uns fertigzumachen? Sehen sie denn nicht, diese guten Leute, dass die menschliche Geschichte nichts anderes ist als die Abfolge von Machtverhältnissen? Welche geschichtliche Kultur haben sie? Was haben sie gelesen?
Diejenigen, die mich seit mehr als zwölf Jahren in dieser Zeitung lesen, wissen sehr wohl, dass ich nicht für die Macht des Geldes arbeite. Und dass ich für den Vorrang des Staates und des öffentlichen Interesses gegenüber dem Durcheinander der Wirtschaft eintrete. Aber schlussendlich gibt es eine Zeit der Reformen, der Diskussion. Und es gibt, noch bedrohlicher, die Zeit des Krieges. Wir sind bei der zweiten Möglichkeit. Wenn wir schlafen, sind wir tot.

Quelle: Le Nouvelliste vom 17.8.2012
(Übersetzung Zeit-Fragen)

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