«Umdenken in Fragen der Gesundheitsversorgung dringend vonnöten»

«Umdenken in Fragen der Gesundheitsversorgung dringend vonnöten»

Kostendiskussion und Rationalisierungsdebatte dürfen den Sinn der ärztlichen Tätigkeit nicht überlagern

von Erika Vögeli

Der Wochenzeitung Die Zeit (Nr. 39 vom 20. September) kommt das Verdienst zu, eine breitere öffentliche Diskussion darüber angestossen zu haben, dass in unseren Ländern ein Umdenken in Fragen der Gesundheitsversorgung dringend vonnöten ist. In breiten Kreisen der Ärzteschaft ist dieses Umdenken offenbar bereits in Gang gekommen. Verschiedene Initiativen, so etwa die bereits 2002 erschienene Charta zur ärztlichen Berufsethik, dokumentieren eine Besinnung darauf, dass ärztliches Handeln grundsätzlich ethisch begründet sein muss und dabei das Wohl des Patienten höchste Priorität hat und dass es allen Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status gleichermassen zugänglich sein muss. Sie greift Gedanken auf und formuliert sie für unsere Zeit und die heutige Situation aus, wie sie auch nach den unmenschlichen Auswüchsen im Zweiten Weltkrieg im «Genfer Gelöbnis» zum Ausdruck kamen. Auch die Teilnehmer am Gespräch mit der Zeit – Paul Brandenburg, Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin, die Chirurgin Ursula Stüwe, Arzt und Philosoph Urban Wiesing, die Krankenschwester Susanne Sänger und der ehemalige Chefarzt für Geburtshilfe, Michael Scheele – haben im Nachgang zur Diskussion in der Zeit ein «Manifest für eine menschliche Medizin» verfasst, das eine Korrektur der laufenden Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen fordert und die Ökonomie auf ihren Platz im Dienste des menschlichen Lebens und damit auch der Medizin verweist. Im Grunde, so der am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin tätige Urban Wiesing im Gespräch mit der Zeit, ist das Ärzteethos «im Kern unumstritten. Ich glaube nicht, dass wir die Berufsordnung neu schreiben müssen. Wir müssen uns daran erinnern.»
Im Zuge von Sparüberlegungen, Kostendiskussionen und Rationalisierungsdebatten ist das primäre Ziel und der Sinn ärztlicher Tätigkeit – dem kranken oder leidenden Menschen nämlich nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen – von betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsüberlegungen zunehmend in den Hintergrund gedrängt worden. Etwa dort, wo der Klinikdirektor als wirtschaftlicher Chef gegen den ausdrücklichen Protest eines Chefarztes und über dessen Kopf hinweg einen Dienstplan bestimmt, der von der medizinischen Leitung abgelehnt wurde, weil sie ihn in der Form als Gefahr für die Patien­ten erachtete. Er, der Chefarzt, hatte protestiert und auch gehandelt. «Das ist meine Pflicht. Patienten sind wichtiger als Profit. […] Es kann nicht sein, dass der medizinische Sachverstand des Chefarztes vom Klinikdirektor überstimmt wird. Und wenn das so ist, muss der Chefarzt handeln. Über die Konsequenzen muss er sich allerdings im klaren sein», so Michael Scheele im Zeit-Gespräch.
Nicht jeder Arzt ist so konsequent, und insbesondere junge Ärzte werden es dabei auch schwer haben. Aber auch dieser Aspekt des Problems wird von der Ärzteschaft selbst als Problem wahrgenommen und zum Beispiel im «Manifest für eine menschliche Medizin» zur Diskussion gestellt, das von «einer Kultur des vorauseilenden Gehorsams» spricht, «die durch eine übermässige Abhängigkeit der Assistenzärzte von Ober- und Chefärzten während der Ausbildungszeit gefördert» werde.
Wir müssen uns als Gesamtgesellschaft darauf besinnen, wie wir eigentlich unser Zusammenleben und damit auch unsere Gesundheitsversorgung einrichten wollen. Wenn «wir einen Überlebenswettbewerb haben, der nicht über den medizinischen Nutzen läuft, sondern darüber, wer schwarze Zahlen schreibt», haben wir die Prioritäten eindeutig falsch gesetzt. Dabei bleibt in Wirklichkeit nicht nur das Wohl des einzelnen Patien­ten auf der Strecke. Im Überlebenskampf der Krankenhäuser werden schliesslich auch besser bezahlte Behandlungen verordnet, die nicht dem Wohl des Patienten, sondern der Rentabilität der Klinik dienen. So schildert Ursula Stüwe, 65, die auf ein Berufsleben zunächst als Krankenschwester, dann als Chirurgin zurückblickt und zudem von 2004 bis 2008 Präsidentin der Landesärztekammer Hessen und Stellvertretende Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund war, wie die Einführung der Fallpauschale dazu führte, dass sich das Primat der medizinisch angezeigten Behandlung auf wirtschaftliche Kriterien verlagerte: «Ich bin seit 1965 in deutschen Krankenhäusern tätig, insofern überblicke ich viele Jahre. Die Einführung der Fallpauschalen im Jahr 2003 war für mich tatsächlich der Wendepunkt. In einer mir bekannten Klinik wurde damals beispielsweise ein neuer Operationstrakt eingerichtet, der sollte natürlich rentieren. Da setzen sich dann die Ökonomen hin und rechnen aus: Wenn man pro Tag etwa 35 Gallen operiert, dann ist der neue Trakt rentabel. Das wird auch den Ärzten so kommuniziert. Damit beginnt der Konflikt zwischen Ökonomie und Medizin. Denn Gallen wachsen ja nicht auf Bäumen. Die Folge: Unklare Oberbauchbeschwerden bei vorhandenem Gallenstein führen dann eben etwas schneller zur Operation.»
Diese Entwicklungen können wir nicht den Ärzten anlasten. Wir alle haben die Zeiten der neoliberalen Wirtschaft und der Ökonomisierung aller Gesellschaftsbereiche miterlebt; wir sind alle aufgefordert, die Diskussion aufzugreifen und zu einer Korrektur der Fehlentwicklungen beizutragen. Dazu gehört auch, sich als Bürger für unser Gesundheitswesen als Teil des gemeinsamen Zusammenlebens mitverantwortlich zu fühlen und ihm entsprechend Sorge zu tragen. Es soll auch nicht zu einem «Umlagesystem für die Folgen unserer überhöhten Anspruchshaltung» werden, wie der Notfallmediziner Paul Brandenburg es formuliert und aus Erfahrung veranschaulicht: «Es sind ja nicht die wenigen schwerkranken Menschen auf den Intensivstationen, die das deutsche System so teuer machen. Es sind Lappalien: wenn Leute den Rettungsdienst rufen, weil ihr Kind gestolpert ist und einen blauen Fleck hat, und die dann im Krankenhaus noch eine Computertomografie verlangen.» Die im hippokratischen Eid für den Arzt formulierte Forderung, keinen Schaden zuzufügen, gilt auch umgekehrt: Unser Sozialwerk ist aus dem Solidaritätsgedanken entstanden und wird nur dem Wohle aller dienen, wenn wir es auch weiterhin in diesem Sinne geführt haben wollen. Verschiedene Gruppierungen der Ärzteschaft haben die Auseinandersetzung aufgenommen. Es ist an uns, darauf einzutreten und diesen Anliegen politisch zum Durchbruch zu verhelfen.    •

Genfer (Ärzte-)Gelöbnis

Vom Weltärztebund 1948 in Genf beschlossene Neufassung der ärztlichen Berufspflichten (in Anlehnung an den hippokratischen Eid; vom Deutschen Ärzte­tag modifiziert):
«Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren. Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes aufrechterhalten und bei der Ausübung meiner ärztlichen Pflichten keinen Unterschied machen, weder nach Religion, Nationalität, Rasse noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von der Empfängnis an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. Ich werde meinen Lehrern und Kollegen die schuldige Achtung erweisen. Dies alles verspreche ich feierlich auf meine Ehre.»

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