Bombenanschlag in Beirut

Bombenanschlag in Beirut

Pogrom zur Vertreibung der Christen

ga. Ein schwarzer Freitag, der 19. Oktober 2012. Kurz nach 14 Uhr verlassen die Schüler das ehrwürdige, mauerumschlossene französische Schulzentrum im christlichen Stadtteil von Beirut. Sie werden von den Eltern abgeholt oder mit Bussen nach Hause gefahren. Eine nahe, markerschütternde Explosion zerreisst die ausgelassene Stimmung. Kilometerweit hört man den Knall und sieht die Rauchwolke über dem markanten Hügel von Ashrafieh. Besorgte Eltern erhalten keine telefonische Auskunft, sie müssen hoffen und warten. Die siebenjährige Auri steigt schliess­lich aus dem Bus und umarmt zitternd ihre Mutter. Stockend stammelt sie: «Ich will hier weg».
Was ist geschehen? Eine Bombe, deponiert in einem Auto, hat acht Menschen getötet und viele verletzt. Unter den Toten befindet sich ein sunnitischer Chef (Hassan) des libanesischen Geheimdienstes, welcher der antisyrischen Opposition nahestand. So lauten die ersten Meldungen. Unterdrückt blieb, dass der Anschlag direkt beim Ouartier der christlichen Milizen (Falange/Forces Libanaises) stattfand. Zudem sind die Namen der christlichen Opfer nicht genannt worden.
Es dauert keine halbe Stunde, und die westlichen Medien beschuldigen Syrien der Täterschaft, dies in einem weltweit standardisierten Rundspruch. Wer ohne eine unverzichtbare Prüfung einen derartigen Rundspruch befiehlt, rückt sich in die Nähe der Täter.
Das einfältige Geständnis der Täter zum Mord am griechischen Sänger Ibykus drängt sich auf: «Sieh her Timotius – die Kraniche des Ibykus.» Alternativ gilt auch der Spruch: «Töte einen Freund und beschuldige deinen Feind.»
Politische Morde werden selten wahrheitsgetreu aufgeklärt. Olof Palme, Rabin und Hariri sind nur einige Beispiele. Wir leben in einer degenerierten demokratischen Welt, in der Staatsführer sich zur Ermordung miss­liebiger politischer Gegner berechtigt fühlen, nachdem diese vorher über die Medien kriminalisiert worden sind.
Mit etwas zeitlichem Abstand kann man fundierter über die Täterschaft am letzten Bombenanschlag spekulieren:
–    Die Kontakte vom ermordeten Hassan im Quartier der Falangisten sollten erkundet werden. Bestand die Absicht, den quasi abgefallenen libanesischen Norden durch christlich-sunnitische Aktionen (wie beim Lager der Palästinenser al Bared) wieder unter die Kontrolle der libanesischen Zentralregierung zu stellen? Oder sollte der Abfall des libanesischen Nordens heimlich zementiert werden, entgegen dem Mehrheitswillen des libanesischen Parlaments?
–    Richtete sich der Anschlag primär gegen die christlichen Milizen und das christliche Zentrum in Beirut – als Reaktion auf den Besuch des Papstes – zwecks Vertreibung der Christen aus Libanon? Wer profitiert von einer Vertreibung der Christen?
–    Libanon wird gegenwärtig durch eine religiös und kulturell gut harmonierende Mehrheit aus Schiiten und Christen regiert und stabilisiert. Diese Sachlage sichert die schiitische Achse zwischen Syrien, Libanon und Iran (sowie zum Irak). Sie behindert aber die Durchsetzung geostrategischer Rohstoff-Interessen des Westens, die Ausdehnung Israels und die Aufrechterhaltung nichtdemokratischer Strukturen in den sunnitischen Ölstaaten. Sunnitische Wahhabiten/Salafisten werden offensichtlich von dieser Gruppe eingesetzt, um die schiitische Achse – zuerst in Syrien, jetzt in Libanon – zu zerstören. Ziel ist die Vernichtung der Schiiten und ihrer christlichen Helfer. Dieser Hintergrund muss bei allen Attentaten besonders beachtet werden.
Der Papst hat bei seinem Besuch in Libanon zum Frieden, zur Einigkeit der Christen und zu deren Verbleiben in Libanon aufgerufen. Das neuerliche Attentat wird viele christliche Familien aus dem Land vertreiben. Den westlichen Rohstoff-Materialisten ist das Schicksal der Christen in Nahost offensichtlich völlig gleichgültig. Sie handeln sich dafür auf lange Sicht eine mächtige extremistische Quittung ein, unter der gerade Europa leiden wird, sofern es keine eigenständige Politik entwickelt.    •

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