Genossenschaften in Spanien als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit

Genossenschaften in Spanien als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit

von María R. Sahuquillo/Raquel Vidales

gl. Die Wirtschafts- und Schuldenkrise in Spanien: 25% der Menschen sind arbeitslos, bei den unter 25jährigen sind es sogar 52%. Wie leben die Menschen damit, wie versuchen sie die Situation zu bewältigen? Es ist schwierig, sich aus spanischen Zeitungen ein Bild zu verschaffen. Abgesehen davon, dass in ganz Europa offensichtlich nur eine einzige spanische Zeitung, nämlich «El País», erhältlich ist, und auch diese zum Teil nur vom Vortag, wird in den Medien ein Bild von Spanien vermittelt, das dem eigenen Augenschein des gelegentlichen Besuchers nicht entspricht.
Der Familienzusammenhalt ist in Spanien noch sehr stark, man rückt in den Wohnungen zusammen und nimmt Untermieter auf. Viele Familien leben zu einem guten Teil von den Altersrenten der Grosseltern, die noch aus den fetten Jahren stammen. Die ältere Generation ermöglicht der jungen arbeitslosen Generation ein relativ konsumfreudiges Leben. Die Schattenwirtschaft ist weit verbreitet.
Wo immer man mit Spaniern ins Gespräch kommt, bekommt man die Meinung zu hören, dass Spanien in den letzten Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt hat, dass der Bauboom mit all seinen Folgen unverhältnismässig gewesen sei. Die Unzufriedenheit sehr vieler Spanier bezieht sich vor allem auf die schlechte Regierung (unter der sozialistischen von Zapatero, aber auch auf die jetzige des konservativen Mariano Rajoy). Dass die staatlichen Kürzungen vor allem die Ärmsten treffen, stösst auf allgemeinen Unwillen. Spanien ist das Land in Europa, wo die Schere zwischen Arm und Reich am meisten auseinandergegangen ist in den letzten Jahren. Diese Entwicklung hat bereits unter der sozialistischen Regierung begonnen.
Dass die Genossenschaften, die gerade in verschiedenen Regionen Spaniens über eine langjährige Tradition verfügen, heute wieder einen neuen Aufbruch erleben, kann hoffnungsvoll stimmen. Die Bürger nehmen ihr Leben selbst in die Hand.

Der städtische Sportkomplex Manuel Santos García in der sevillanischen Ortschaft Gerena bietet ein Gewimmel von Aktivitäten. Schwimmkurse und Aqua-Gymnastik im beheizten Schwimmbad, Basketball, Hallenfussball, Pilates, Aerobic, Gesellschaftstänze, Salsa, Merengue, Rollschuhlauf. Und dies nicht auf eine Initiative des Rathauses hin, das von der Krise stranguliert ist wie die allermeisten in diesen Zeiten, sondern auf Grund der Beharrlichkeit von vier Bürgern, die sich bemüht haben, einem Gelände eine Nutzung zu verschaffen, das in gigantischem Ausmass bebaut worden war mit Mitteln aus dem Plan E und 2008 mit Pauken und Trompeten eingeweiht wurde. Bis vor eineinhalb Jahren wurde es aber nicht richtig genutzt, weil es an Geld mangelte.
Wenn die Verwaltung nichts damit anfangen kann, dann machen wir selbst etwas daraus, dachten diese Bürger. Und machten sich ans Werk. Sie gründeten eine Genossenschaft, Aquasport, stellten sich einem offenen Wettbewerb, um den Zuschlag für die Betriebsführung zu bekommen, und begannen dann im Januar 2011 ihr Projekt: die Einrichtungen in einen dynamischen Raum zu verwandeln, offen für jeden Vorschlag, der dem Volk dient. Heute werden dort sogar Feste und Geburtstage gefeiert.

Nicht warten auf den Staat

Die Geschichte des Sportzentrums von Gerena ist ein Beispiel dafür, wie Genossenschaften verschiedene soziale Funktionen übernehmen, die der Wohlfahrtsstaat auf Grund der Krise nicht mehr erfüllt. Aber es gibt immer mehr solcher Beispiele: Gesundheitsdienste, Pflege von Bedürftigen und Behinderten, Finanzdienstleistungen, Bildung, erneuerbare Energien, kulturelle Aktivitäten, Landwirtschaft … In Spanien gibt es 22 171 Genossenschaften nach Angaben des spanischen Verbands der Sozialen Unternehmen Cepes. Mehr als die Hälfte von ihnen sind auf Dienstleistungen hin ausgerichtet; Betriebe, die überleben werden, obwohl ihre Zahl insgesamt zurückgegangen ist mit dem Verlauf des Immobilien-Desasters, das viele Wohnungs- und Baugenossenschaften erwischt hat. «Die Genossenschaften, die jetzt entstehen, sind Arbeitsgenossenschaften, Konsumenten- und Nutzergenossenschaften oder im Bereich Bildung tätig …», erklärt Francisco José Martín, Fachmann für soziale Wirtschaft. Von Januar bis März diesen Jahres gründeten sich nach Angaben des Arbeitsministeriums 223 Unternehmen dieser Art.
Die Genossenschaften sind schon seit mehr als 100 Jahren in verschiedenen Sektoren Bestandteil der Wirtschaft auf der ganzen Welt. Jetzt, in dieser besonders schwierigen Zeit, bieten viele von ihnen innovative Antworten auf die Herausforderungen an, die sich durch die Krise ergeben. «Es sind Antworten, die aus der Zusammenarbeit unter den Menschen entstehen; nicht zu warten, dass die öffentliche Verwaltung die Probleme löst, sondern die Bürger suchen mit ihren eigenen Mitteln eine Lösung», analysiert Iñigo Bandrés vom Netz für eine Soziale und Alternative Wirtschaft Reas. «So wie nach dem Bürgerkrieg viele Dörfer, die kein elektrisches Licht oder fliessendes Wasser hatten, für ihre Selbstversorgung Genossenschaften aufbauten, kann dieses Modell heute dazu dienen, die Kürzungen der Regierungen in vielen sozialen Bereichen aufzufangen», bestätigt Ana Isabel Ceballo, Präsidentin der Vereinigung der Konsumgenossenschaften in Spanien (UNCCUE).

Ein Altersheim, wo der Mensch mehr zählt als sein Geld

Der Komplex Servimayor entstand nicht auf Grund der Sparmassnahmen, sondern um ein Bedürfnis abzudecken, dem die Behörden sowieso noch nie nachgekommen waren: ein Dorf mit 3200 Einwohnern, nämlich Losar de Vera in der Provinz Cáceres wollte ein Altersheim haben. Irgendwann hatten Santiago Cañades, der damals 74 Jahre alt war, und einer seiner Nachbarn die Idee, sich zu einer Genossenschaft zusammenzuschliessen und ein Zentrum zu bauen. Ausserdem sollte es nach ihrem Geschmack sein. «Wir wollten einen guten Ort, wohin wir einmal gehen können, wenn wir nicht mehr allein zurechtkommen. Die privaten Heime gefallen uns nicht. Dort zählt das Geld mehr als der Mensch, also haben wir an ein anderes Modell gedacht», erklärt Cañadas. Einen Ort, wo man weder von den Behörden noch von den eigenen Kindern abhängig wäre und wo man nach der Investition eines Betrages zum Selbstkostenpreis Zugang hätte.
Servimayor – das einen Garten hat, mehrmals wöchentlich Physiotherapie und einen Coiffeur anbietet – wurde 2010 mit 124 Plätzen eröffnet. 150 Genossenschafter sind beteiligt. Davon sind 90 noch nicht Rentner. Diese können wie Francisco Martín, 57 Jahre alt und Genossenschafter Nummer 3, ihren Platz ihren Eltern oder auch dem Markt zur Verfügung stellen. […]

Geschäftseröffnung in Krisenzeiten

Felix Martín, Generalsekretär der spanischen Vereinigung der Konsumgenossenschaften, bestätigt, dass die Genossenschaften nicht nur die Lücken, die durch den Abbau des Wohlfahrtsstaates entstanden sind, füllen können, sondern zusätzlich eine gute Möglichkeit bieten, in Krisenzeiten ein Geschäft zu eröffnen. «Es ist eine selbstverständlichere Art, das zu tun, mit mehr Unterstützung, weil es Genossenschafter gibt. Und daher mit weniger Risiko verbunden ist», versichert er.
Genossenschaften geniessen einige Steuervorteile, wie auch einige andere Unternehmensformen, aber sie müssen einen Teil ihres Gewinns investieren in einen Fonds für die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder und in soziale Aktivitäten zur Förderung des Genossenschaftswesens. Allerdings kann man nach Aussage der Experten nicht auf die notwendige öffentliche Unterstützung zählen. «Es gibt keine Unterstützung und auch keine Politik zur Förderung der sozialen Wirtschaft oder der Kooperativen», sagt Bandrés. Ausserdem müssten viele Genossenschaften, die Aufgaben des Service publique übernommen hätten, zuschauen, wie ein grosser Teil der Mittel, von denen sie bisher gelebt haben, noch weiter gekürzt wird.
Aber trotz allem widersetzen sich diese und andere Genossenschaften den Schlägen  der Krise. Sie verkraften sie laut statistischen Angaben besser als andere Betriebsarten, indem sie einfach den Gürtel enger schnallen. «Sie passen ihre Arbeitsbedingungen an, um die Arbeitsplätze zu erhalten», sagt der Experte von Reas. Oder sie versuchen sogar, mehr zu schaffen. «Wir müssen keine Gewinne erzielen und sind keinem kapitalistischen Unternehmer gegenüber rechenschaftspflichtig. Unser einziges Ziel ist es, unseren Lohn zu erwirtschaften, 1200 Euro im Monat, und der Gemeinschaft einen guten Service zu bieten», erklärt Francisco José Martín, der Genossenschaftspräsident von Aquasport. Daher kann das Sportzentrum in Gerena viel mehr Aktivitäten anbieten als das Unternehmen, das die Konzession von 2008 bis 2011 besass und sich darauf beschränkt hatte, Abonnements zu verkaufen und das Gelände in Ordnung zu halten. So wie es jetzt ist, überstehen sie die Aufs und Abs der Wirtschaft besser: Ihr Ziel ist es nicht, zu wachsen, sondern bestehen zu bleiben.
Joan Segarra, Abteilungsleiter des Verbands der Arbeitsgenossenschaften von Katalonien für Initiativen im Sozialbereich, betont einen weiteren Grund, warum diese Art von Unternehmen mitten in der Krise wächst: der unaufhaltsame Anstieg der Arbeitslosigkeit und die Selbständigkeit als Ausweg. «In letzter Zeit sind alle Seminare voll, die wir anbieten zur Beratung von Jungunternehmern. Viele Teilnehmer haben ihre Arbeit verloren und beschliessen, das Beste daraus zu machen und eine Genossenschaft zu gründen», erläutert er. Und warum eine Genossenschaft und nicht eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung? «In vielen Fällen aus weltanschaulichen Gründen. Es ist ein gutes Modell, bei dem an erster Stelle die Arbeit für die Menschen steht und nicht das Kapital. Das ist eines der obersten Prinzipien der sogenannten sozialen Wirtschaft, dass man die Grundsätze des Kapitalismus ablehnt, welche die Krise hervorgerufen haben», gibt Segarra zur Antwort.
Nach Angaben des spanischen Verbandes der Arbeitsgenossenschaften Coceta haben sich von 2009 bis 2011 3083 solche Genossenschaften neu gegründet, durch die 28 558 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Ein Wachstum, das den Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO bestätigt, laut der diese Unternehmen krisenresistenter sind. Simel Esim, Abteilungsleiterin für Genossenschaften bei der ILO, nennt das Beispiel der Finanzorganisationen: «Die Genossenschaftsbanken haben ihre Rentabilität während der Krise verbessert, weil sie weniger risikobereit sind und weniger gewinnorientiert. Sie streben danach, Kredite nicht einzufrieren, sie versuchen eine gewisse Stabilität bei den Zinsen zu halten, und im allgemeinen sind ihre Darlehensbedingungen erträglicher».
Die Konsumgenossenschaften haben ebenfalls in den letzten Jahren grossen Zuwachs erlebt. «Nicht so sehr, oder auch nicht nur, auf Grund der Krise, sondern weil viele Bürger Zugang haben möchten zu Produkten, die sie nicht so leicht auf dem Markt finden oder die zu teuer sind, wenn man sie individuell kauft», erläutert der Generalsekretär von Hispa­coop. Ein Beispiel einer Genossenschaft, die kürzlich gegründet wurde, ist Som Energía. 2010 in Girona mit 150 Mitgliedern entstanden, die zu 100% erneuerbare Energie kaufen wollten ohne in bezug auf die konventionelle Energie. Heute sind es schon 3267 Genossenschafter, und die Gruppe hat neben ihrer Vermarktungsarbeit ihre ersten Projekte mit einer eigenen Produktion begonnen.
In Almocafre sind sie schon Veteranen. Diese ökologische Konsumgenossenschaft gibt es schon 15 Jahre. Sie beschäftigt sich mit dem Vertrieb in der ökologischen Landwirtschaft und neben dem Direktverkauf der Produzenten an die 150 Mitglieder der Genossenschaft vermarkten sie auch für Privatpersonen. «Es ist eine Möglichkeit, ökologisch zu handeln mit dem Einkaufskorb, aber auch die selbständigen Familienbetriebe zu unterstützen, die mit dem Land verbunden sind und handwerkliche Methoden anwenden», erklärt einer der Genossenschafter, Miguel Navazo.
Es gibt auch gemischte Genossenschaften auf dem Gebiet Arbeit und Konsum. Wie zum Beispiel Frescoop mit Sitz in Manresa bei Barcelona. Die Genossenschaft entstand vor weniger als einem Jahr. Bauern aus dem Bezirk El Bages schlossen sich zusammen und suchten Verbraucher, die frische Produkte zu einem guten Preis kaufen wollten, «ohne Zwischenhändler, die den Endbetrag verteuern, und ohne auf die lokalen Märkte gehen zu müssen», erklärt Alba Rojas, Vertreter der Genossenschaft. Die Käufe werden online über eine Plattform abgewickelt, und man bietet verschiedene Treffpunkte an, wo die Kunden ihre bestellte Ware abholen können. 120 Konsumgenossenschafter und weitere 50 auf der Seite der Produzenten machen bereits mit. […]    •

Quelle: El País vom 31.8.2012

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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