Und wie er recht hat

Und wie er recht hat

Frankreich hat viele Probleme – jetzt kommt noch ein gravierendes dazu! Die internationale Terrororganisation al-Kaida ist nicht mehr die grösste terroristische Bedrohung für das Land. Es ist die Angst vor dem hausgemachten Terror, die das französische Innenministerium und damit das ganze Land in Angst und Panik versetzt. Offen aufgebrochen ist die Tatsache durch französische Ermittler, die eine Zelle radikal-islamischer Terroristen ausgehoben haben. Dabei kamen erschreckende Tatsachen ans Tageslicht: Alle Verdächtigen sind junge Männer aus den französischen Vorstädten …
So sehr, dass das französische Innenministerium öffentlich Alarm geschlagen hat wegen der schwerwiegenden (!) Sicherheitsgefahr, die vom «einheimischen Terrorismus» ausgeht. Innenminister Manuel Valls (Vater Katalane, Mutter Tessinerin) lässt sich unmissverständlich aus: «… mehrere Dutzend, wenn nicht mehrere Hundert Individuen sind eine ernste Gefahr». Und er erklärt: «Es sind Gruppen aus unseren Wohnvierteln. Es handelt sich nicht um Ausländer, sondern um konvertierte Franzosen und französische Muslime.» Und er kündigt auch an, dass «es in den nächsten Wochen und Monaten weitere Festnahmen  und Hausdurchsuchungen geben wird» …
Als «fruchtbaren Boden» für eine islamistische Radikalisierung bezeichnet der Innenminister «Armut, Perspektivlosigkeit und Kriminalität». Die Haftanstalten sind oftmals Orte, in denen orientierungslose junge Leute radikal-islamistischer Propaganda ausgesetzt sind. «Die Frage der Ausbildung der muslimischen Gefängnisseelsorger muss gestellt werden, ebenso wie die Ausbildung der Imame(!).» Die französische Staatsführung nimmt damit Abstand von der Theorie des «Einzeltäters» und der «Ausnahmeerscheinung», mit der die Öffentlichkeit nach den blutigen Attentaten von Toulouse und Montauban im März beruhigt werden sollte. Die Ermittlungen im kürzlichen Fall Mohamed Merah haben ein terroristisches Profil zutage gefördert, das sich als typisch für die heutige Terrorbedrohung erweist. Merah zählt zur französischen Banlieue-Jugend, er ist ein Passfranzose ohne kulturelle Verankerung, ein junger Mann aus zerrütteten Familienverhältnissen mit geringen Berufsperspektiven auf Grund einer chaotischen Schullaufbahn und schlechter Ausbildung. Merah glitt zunächst in die Kriminalität ab und radikalisierte sich erst während eines Haftaufenthalts …
Inzwischen sind schon elf «Terroristen» festgenommen worden. Sie sind zwischen 19 und 25 Jahren alt. Ihre Lebensläufe zeichnen sich durch extreme Brüche aus. Bekanntestes Gesicht: Yann Nsaku. 25 Jahre alt, stammt aus dem Kongo und wurde als fussballerisches Nachwuchstalent gefeiert. Nsaku spielte in Bradford, musste aber auf Grund einer Verletzung seine Fussballerkarriere abrupt beenden. Er schloss sich nach und nach radikalen Salafistengruppen an, wie sein hilfloser Vater bestätigt. Französische Islamforscher warnen seit längerem vor einem Dschihad-Salafismus, der über intensive Propaganda im Internet, in den Moscheen und in den Haftanstalten verbreitet wird. Gestrauchelte junge Leute sind besonders für diese Propaganda empfänglich, die ihnen eine Erlösungsbotschaft bringt, sagt der französisch/algerische Islamforscher Maiek Chebel. «Zurückliegende und zukünftige Straftaten werden vergeben, weil sie dem übergeordneten Ziel, dem Kampf für den Heiligen Krieg, dienen.» Maiek: «Eines der salafistischen Argumente an die Banlieue-Jugend lautet, dass sie nie volle Franzosen werden.» Das Gefühl der Ausgrenzung schlägt daher oft in Hass auf die Gesellschaft, oft auch in antisemitische Ressentiments, um. Islamforscher Olivier Roy spricht gar von einem Phänomen der «Dekulturation». Für ihn ist al-Kaida die Bewegung mit dem höchsten Anteil von Konvertiten. Sie ist das Produkt eines Bruchs zwischen Generationen. Zentral ist die Erfahrung der Niederlage, das Gefühl eines Scheiterns, hält Olivier Roy in einem Bericht an die Regierung fest …    •

Quelle: Vertraulicher Schweizer Brief vom 11.10.2012

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