«Dabei ist wohl er der Normale»

«Dabei ist wohl er der Normale»

«In dieser Bank weht noch der Geist des alten Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der Geist der Solidarität. Der Geist des Dienens»

von Bernhard Honnigfort

Im Dorf Gammesfeld steht Deutschlands kleinste Bank. Sie hat keinen Internetanschluss, einen einzigen Angestellten und bietet eine sichere Geldaufbewahrung, was nicht so schlecht ist in diesen Zeiten.
Da steht er, der Herr Bankdirektor, den Besen in der Hand. «Höchste Zeit, dass hier mal ausgekehrt wird», sagt Peter Breiter. Dann fegt er den Dreck und Staub in dem Vorraum seiner Bank zusammen, schiebt alles auf ein Kehrblech. Er macht das gründlich, bückt sich, findet noch etwas unterm Heizkörper. «So, fertig.»
Breiter, 41 Jahre alt, Jeans, darüber einen Schlabberpulli, macht das einmal die Woche. Er ist der Buchhalter, er ist der Bankvorstand, er ist der Putzmann, er ist ein und alles. Breiter arbeitet bei der Raiffeisenbank in Gammesfeld. Gammesfeld ist ein kleines Dorf, liegt in Baden-Württemberg im Landkreis Schwäbisch Hall zwischen Hügeln und kleinen Strassen mit Apfel- und Birnbäumen am Rand. Diese Raiffeisenbank ist die kleinste Bank Deutschlands, und Peter Breiter ist ihr einziger Angestellter.
So etwas gibt es noch. Die Bank ist nicht nur klein. Sie liegt – vom Finanzplatz Frankfurt aus betrachtet – auch ein gutes Stück hinter dem Mond. Sie ist ein Museum, sie hat nicht mal einen Internetanschluss. Aber wahrscheinlich gibt es Zigtausende Menschen in Deutschland, die sich genauso eine Bank wünschen. Eine Bank, der sie ihr Geld anvertrauen würden. Etwas Solides, etwas, das man begreift. Denn sie ist eine Insel im tobenden Weltmeer der Finanzen. Ein ruhiger Ort im Durcheinander um Euro und Griechenland, Bankenrettung und Staatsschulden.

Ein Fanal der Sparsamkeit

Warum sind diese Bank und ihr Direktor so anders, fast eigenartig? Eine kleine Geschichte, sie erklärt es ein bisschen. Sie handelt von unfassbarer Sparsamkeit und passierte im Winter vor zwölf Jahren. Drei Männer waren nachts in die Raiffeisenbank eingebrochen. Sie stellten ein grosses Brett vors Fenster, damit sie niemand von aussen sehen konnte, und begannen, den Wandtresor aufzuschweissen. Es dauerte eine Weile, aber dann war die Tresortür offen, die graue kleine Handkasse lag vor ihnen, etwa 2000 Mark, Münzen und Scheine, ordentlich einsortiert. Sie nahmen das Geld und verschwanden.
So ein Bankeinbruch kommt vor, darum soll es aber nicht gehen. Bemerkenswert war, wie die kleine Raiffeisenbank damit umging. Fritz Vogt war damals noch der Direktor. Andere Banker in Nürnberg, Würzburg oder Stuttgart hätten sich nach dem Bruch wahrscheinlich einen modernen, besseren und teuren Tresor einbauen lassen, einen aus festerem Stahl und mit dickeren Wänden, damit so etwas nicht wieder passiert.
Fritz Vogt aber ging die Landwehrstrasse runter zum Bauern Albert Pfänder, weil er wusste, dass der den gleichen alten Geldschrank hatte. Der stand allerdings seit Jahren ungenutzt im Stall, niemand brauchte ihn. Vogt baute die Tür aus und setzte sie bei sich wieder ein. Die Reparatur kostete nichts. Bauer Pfänder hatte ihm die Tür geschenkt.
Den alten Tresor mit der Tür von Bauer Pfänder gibt es heute noch. Er steht rechts neben dem Eingang. Das Grau der Tresortür ist heller als das Grau des Tresors, aber das stört niemanden, schon gar nicht Peter Breiter. Es stört auch niemanden, dass die Bank winzig ist, drei mal neun Meter, und aussieht wie eine Filmkulisse aus den 60er Jahren.
Im kleinen Warteraum stehen vier rote alte Stühle, ein Tischchen, darauf ein paar Prospekte und ein Spiel, ein Bauernroulette mit Holzkreisel. Daneben ein Regal, auf dem der Honig eines Bauern aus der Nachbarschaft steht, 3,50 Euro das Glas, 15 Euro das Eimerchen. Der Schalterraum: Braun-gelb-orangefarbene Gardinen, steinalte Buchenholzregale, eine mechanische Adler-Schreibmaschine, eine Handrechenmaschine von Walther, der alte Tresor, zwei Schreibtische, der Schreibtischsessel von Peter Breiter, durchgesessen und abgewetzt.

Nichts wird weggeworfen

Im Regal liegen alte Briefumschläge, grosse braune, kleine weisse. Nichts wird weggeworfen. Die Post wird vorsichtig geöffnet, die Umschläge gestapelt und wiederverwendet. Einmal im Jahr werden die Fenster geputzt, das macht Breiters Freundin. Die Leute in Gammesfeld sagen nicht Bank zu ihrer Bank, sie nennen es liebevoll das «Kässle».
Ausgaben für schickes Mobiliar, moderne Computer, eine feine Espressomaschine? Prunk und Protz? Die Bank, ein Tempel des Geldes? Nicht in Gammesfeld. Dort wird gespart, bis es knirscht. Nichts wird angeschafft, nichts wird weggeworfen. Man ist Dienstleister. Bescheidenheit ist eisernes Prinzip und Geschäftskultur seit 1890. «Wir sind schon sehr extrem», sagt Peter Breiter. Früher hat er bei der Volksbank in Rothenburg gearbeitet. «In zehn Jahren ist die viermal umgebaut worden. Jetzt haben die sogar eine Besucherlounge. Mal ehrlich: Braucht man das?» Er lacht dabei, weil er es seltsam findet, dass alle ihn und seine Bank seltsam finden.
Dabei ist wohl er der Normale. Seit fünf Jahren leitet er die Minibank. Gammesfeld hat 522 Einwohner, die kleine Bank hat 310 Genossen und 811 Kunden. Kunde wird nur, wen Breiter kennt und wer in Gammesfeld wohnt. Es sind 811 Kunden, weil einige Gammesfelder weggezogen sind und ihr Konto behalten haben. Im vergangenen Jahr machte die Bank 26,4 Millionen Euro Umsatz und 43 081,15 Euro Gewinn. Die Genossen aus dem Dorf bekommen acht Prozent Zinsen pro Anteil. Breiters Jahresgehalt, jeder im Dorf weiss es, beträgt 65 146,78 Euro. Er bekommt keine Boni, hat keinen Dienstwagen, nicht einmal ein Dienstfahrrad.
Alles ist bescheiden, alles ist überschaubar. Man kennt sich, man vertraut sich. «Gewinnmaximierung ist nicht alles», sagt Breiter. «Wir funktionieren anders. Wozu ein pompöses Bankgebäude? Wir kümmern uns lieber um die Leute.»
An diesem Vormittag, bevor Peter Breiter den Schalter um 12.30 Uhr öffnet, geht es in der ausser Kontrolle geratenen Finanzwelt ausserhalb von Gammesfeld mal wieder rund: In Brüssel haben sich EU-Notenbankexperten unter Leitung des Finnen Erkki Liikanen getroffen, um darüber nachzudenken, wie klassisches Bankengeschäft und riskante Investments getrennt werden können, damit Sparer im Notfall nicht um ihre Einlagen zittern müssen.
In Frankfurt hat die Deutsche Bank Mitarbeiter freigestellt, die angeblich mit einer Bande kooperiert und den Staat beim Handel mit Verschmutzungsrechten um Hunderte Millionen Euro betrogen haben sollen. Niemand weiss, was aus dem Euro wird oder aus Griechenland oder Spanien. Die Zeiten sind aus den Fugen, Banken und Staaten taumeln und müssen gerettet werden. Aus Millionen sind Milliarden geworden, aus Milliarden Billionen.
In Gammesfeld hat Peter Breiter nun auch den Schalterraum zu Ende gefegt. «Wenn das ganze Finanzsystem eine Reihe Dominosteine ist», sagt er und stützt sich dabei auf seinen Besen, «dann sind wir hier der allerletzte Stein, der fällt.»
Seine Bank ist nicht auf rasantes Wachstum aus. Sie funktioniert sehr einfach, weil sie auch nur drei Sachen anbietet: Girokonto, Sparbuch, Kredit. Das kleine Geben und Nehmen, mehr nicht. Geldgeschäfte, die jeder versteht. Nichts Riskantes, keine Abenteuer.

Kein Schrott, kein Gift

Also keine Aktien, keine Optionsscheine, keine Derivate, keine Zertifikate, keine Turbooptionsscheine. Als 2008 die Lehman-Bank in den USA zusammenkrachte, als der damalige Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann noch 25 Prozent Rendite anpeilte, als in Europa dann das Zittern begann wegen der amerikanischen Schrottpapiere, da blieb Breiter ruhig. Das Geld seiner Bank legt er als Tagesgeld bei der DZ-Bank an, der Zentrale der Genossenschaftsbanken. Vergiftete Papiere musste er nicht fürchten.
Es gibt keinen Bankautomaten in Gammesfeld, es gibt auch keine Internetverbindung oder Standleitung zur DZ-Zentrale in Stuttgart. Überweisungen werden noch per Hand ausgefüllt und per Post nach Stuttgart verschickt. Dort wird alles eingegeben und verarbeitet, und das Ergebnis wandert als Diskette per Post nach Gammesfeld zurück, wo Peter Breiter seit drei Jahren einen Laptop besitzt, die Diskette einschiebt und per Excel-Datei die Konten seiner Kunden sortiert. «Eine Datenstandleitung zur Zentrale kostet 50 000 Euro im Jahr», sagt Breiter. «Desch lohnt nit.» Wer seinen Kontostand wissen will, muss manchmal drei bis fünf Tage warten. Aber das stört niemanden.
Die Tür geht auf: Fritz Vogt, der Vorgänger. Ein drahtiger grauer Mann, 82 Jahre alt, voller Leben. Gelernter Bauer und Finanzautodidakt. Er schaut gerne mal vorbei und setzt sich auf den zweiten roten Bürostuhl. Wenn Breiter Urlaub macht, übernimmt er die Geschäfte. Sein Grossvater Fritz Vogt gründete das «Kässle» 1890 und führte es bis 1911, sein Vater Fritz Vogt leitete es von 1929 bis 1967 und er, Fritz Vogt III., von 1967 bis 2007. «In dieser Bank weht noch der Geist des alten Friedrich Wilhelm Raiffeisen», sagt er. Seine Stimme donnert etwas dabei. «Der Geist der Solidarität, der Geist des Dienens.»
Fritz Vogt III. ist ein alter Kämpfer. «Die Oberschicht mästet sich, die Unterschicht zahlt. So kann es doch nicht sein.» Er schimpft wie Sahra Wagenknecht oder Gregor Gysi. «Wir waren immer eine antikapitalistische Bank», ruft er. Dann redet er über die Gier, die auch die kleinen Leute erfasst hat.

«Ist wieder Monatsanfang?»

Das «Kässle» funktioniert eben anders. Egal, ob jemand einen Euro oder 50 000 Euro einzahlt, für jeden gibt es die gleichen Zinsen und Konditionen. «Warum den Reichen noch etwas hinterherwerfen?», sagt Vogt. Und weil die Bank extrem sparsam wirtschaftet, zahlt niemand für irgendetwas Gebühren. «Wir wollen nicht in die Zeit passen», donnert Vogt vom zweiten Bürostuhl. «Die Zeiten gefallen uns nämlich nicht.»
Es summt. Es ist 12.30 Uhr, der Schalterbetrieb beginnt, Peter Breiter kaut schnell eine Leberkäsesemmel runter, dann drückt er den Türöffner. Frau Zumbroich will etwas von ihrer Rente abheben. «Ah, die Frau Zumbroich. Ist wieder Monatsanfang?», begrüsst Breiter sie. Dann blättert er ihr das Geld hin.
Sie erzählt. Seit sechzehn Jahren sei sie Kundin der Bank, sie habe Fritz Vogt erlebt, sie erlebe «den Peter» und sicherlich auch noch dessen Nachfolger. Breiter lacht. Er sagt, er wolle auch vierzig Jahre hier arbeiten, also jetzt noch 35.
Fritz Vogt hat einige Schlachten schlagen müssen für sein «Kässle». Das Bundesamt für das Kreditwesen wollte seine Dorfbank in den 80ern dichtmachen. Ein einziger Mann, das gehe nicht und verstosse gegen das bankenübliche Vier-Augen-Prinzip. Jede Buchung brauche zwei Unterschriften. Vogt zog bis vors Bundesverwaltungsgericht und gewann. «Das ganze Dorf kontrolliert mich doch», sagte er den Richtern. Es gab Ärger mit der Finanzaufsicht BaFin und der Bundesbank, weil Vogt keine 250 Euro Jahresgebühr bezahlen wollte für die Konzession, mit Aktien handeln zu dürfen. Eine Konzession, die er nicht brauchte, weil er nicht mit Aktien handelte. Also zahlt er nicht, also zahlt Nachfolger Breiter nicht.
Wegen solcher Sachen mögen die Leute im Dorf ihre «Rechner», wie die Banker in Gammesfeld genannt werden. Und deshalb mögen sie auch Vogts Nachfolger, «den Peter», der genauso ist.
«Es ist doch ein Traumjob. Ich kann wunderbar und ruhigen Gewissens schlafen», sagt Breiter. Die Tür summt. Breiter drückt den Türöffner. Ein Kunde. «Ei, der Christoph. Wie geht’s?»     •

Quelle: Berliner Zeitung vom 6./7. Oktober 2012

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