«Jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich auszubilden, um die Erde wieder bearbeiten zu können»

«Jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich auszubilden, um die Erde wieder bearbeiten zu können»

Patoinos – ein Projekt, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen

Interview mit Joseph Zisyadis

zf. Griechenland darf (noch) nicht aus dem Euro austreten, die Krise muss erhalten bleiben. Nur so lassen sich der Wahnsinn der «Notkredite» und die damit einhergehenden Sparmassnahmen zu Lasten des griechischen Volkes aufrechterhalten – damit die Risikospekulanten der grossen Bankhäuser der Welt und die Rüstungsindustrien in den USA, Deutschland und Frankreich (vgl. Zeit-Fragen Nr. 47 vom 5.11.2012) noch Geld aus den Euro-Ländern herausholen und in ihre Kassen leiten können. Die Rechnung für die Steuerzahler der Euro-Staaten, die nun über den ESM zu Milliardenzahlungen verpflichtet werden können, wird noch kommen: über höhere Steuern oder kaum mehr existente Pensionen und den Rückgang der staatlichen Sozialleistungen. Dies allerdings erst nach den nächsten Wahlen … Während die Regierungen offensichtlich unfähig sind oder sein wollen, echte Lösungen zu entwickeln, machen sich Bürger auf, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln das zu tun, was dem gesunden Menschenverstand und dem Gemeinwohl entspricht: Sie setzen nicht auf ausländische Investoren und «globale Märkte» oder unendliche Tourismusströme, sondern in erster Linie auf ihre eigenen Kräfte, ihre lokale Umgebung, und verbinden ihre Tradition und Erfahrung mit den heute vorhandenen Kenntnissen und Möglichkeiten zur Entwicklung einer regionalen Wirtschaft, die den Menschen vor Ort ein Auskommen ermöglicht und eine Perspektive gibt. Der Schweizer alt Nationalrat mit griechischen Wurzeln, Joseph Zysiadis, hat auf der Insel Patmos ein solches Projekt angeregt. Es könnte Schule machen – nicht nur in Griechenland.

Zeit-Fragen: Sie haben gesagt, dass das Schicksal von Patmos Sie seit 25 Jahren gefangen hält. Was wollen Sie damit sagen?

Ich bin Grieche und Schweizer. Aber ich bin in Istanbul geboren und habe keine Verwandten in Griechenland. Vor 25 Jahren bin ich per Zufall nach Patmos in die Ferien gegangen. Und ich bin dort geblieben. Jeden Sommer bin ich in Patmos. Anfangs waren es Ferien mit der Familie. Später, als ich nicht mehr an den Strand ging, war ich überrascht, diese Insel zu entdecken: eine sehr schöne Insel, die aber ihre Landwirtschaft völlig aufgegeben hat. Weshalb? Es ist klar – weil der Tourismus auf der Insel alles verändert hat. Aber es ist recht einfach zu erkennen, dass die ganze Insel bis vor 50 Jahren bearbeitet wurde. Alle kleinen Orte wurden bearbeitet, es hat überall kleine Mauern, aber heute wächst nichts mehr. Also für mich war es klar, dass ich mit einem Projekt versuchen würde, die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Das war vor 15 Jahren.
Es hat mich viel Zeit gekostet, ein Stück Land zu finden, weil mir niemand eines verpachten wollte. Die Leute dort vermieten Zimmer. Das machen sie. Sie vermieten Zimmer von März, April bis in den Oktober. Danach bleiben sie zu Hause, sie schauen fern, trinken … Es gibt keine typischen Aktivitäten mehr, es gibt keinen Gemüse- und Obstanbau mehr, nichts mehr. Es gibt noch zwei Familien, die einige Tomatenpflanzen haben, einige Auberginen. Das ist alles. Man kann jedoch Tomaten aus Holland und Zitronen aus Argentinien kaufen. Vor 50 Jahren war Patmos eine autarke Insel, alles wurde aufgegeben. Viele Leute sind ausgewandert, nach Aus­tralien, in die Vereinigten Staaten. Jetzt ist es eine Insel mit 3000 Einwohnern.
Nun – langsam, Schritt für Schritt hat das Projekt Patoinos begonnen. Niemand wollte mir Land verpachten. In Griechenland ist das schwierig. Die Leute behalten das Land, wie überall. Es gibt keine Grossgrundbesitzer. Sie verkaufen von Zeit zu Zeit ein Stück Land, wenn das Studium der Kinder bezahlt werden muss oder für eine Hochzeit. Sie sind nicht gewohnt zu verpachten, sie haben sogar Angst davor. Oft sagen sie zuerst zu, aber nachher denken sie: Ja, und nach zehn Jahren werden wir ihn nicht mehr los. Schliesslich habe ich im Kloster St. Jean von Patmos nachgefragt. Auch sie haben viel Zeit gebraucht – zehn Jahre! –, bevor sie sich entschliessen konnten. Aber jetzt sind sie zufrieden mit dieser Entscheidung.

Haben die Arbeiten für das Projekt Patoinos schon begonnen?

Letztes Jahr haben wir die Hälfte der Rebstöcke gepflanzt. Eigentlich ist es klein, es ist kein grosses Projekt. Es braucht nicht viel Wein für diese Insel. Und übrigens gibt es ja nicht nur den Weinbau, es gibt auch das Olivenöl. Es wird auch Tomaten und Feigen geben. Kurz gesagt, es ist ein umfassendes, agro-ökologisches Projekt, das Patmos wieder in eine Insel mit produktiver Landwirtschaft verwandeln wird. Jungen Menschen wird so die Möglichkeit gegeben, sich auszubilden und die Erde wieder zu bearbeiten.

Es ist also ein eigentliches Gegenmodell zur Globalisierung.

In einem Monat fahre ich dorthin, um eine alte Presse zu installieren, mit der wir Olivenöl machen werden. Es gibt rund 1500 Olivenbäume auf der Insel. Seit vielen Jahren werden die Oliven nicht mehr geerntet, weil es nichts mehr hat, um das Öl herzustellen. Also werden wir wieder damit beginnen. Wir werden die Leute einladen, ihr eigenes Öl herzustellen. Die Presse wird da sein. Ich habe vier Sponsoren gefunden: 20 000 Euro, um diese Presse kaufen zu können – das ist nicht teuer.

Und um das Öl in Flaschen abzufüllen?

Wir werden dies auch vor Ort tun. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit einer ökologischen Gruppe hier aus der Region, die bereits 800 verschiedene Samen gesammelt hat: Tomaten, Auberginen, Gurken usw. Wir werden also eine kostenlose Samenbank bereitstellen. Im einen Jahr kann man Samen mitnehmen, und im nächsten Jahr bringt man sie zurück. So werden sie weiterleben. Zurzeit kommen alle Samen aus Holland. Es sind Samen, von denen man nicht genau weiss, welche es sind, sie sind alle hybrid. Diejenigen, die wir auf den Inseln um Patmos gefunden haben, sind alte Sorten, welche aufbewahrt wurden. Auch das ist ein interessanter Teil des gesamten Projekts.

Dies dient der Nahrungssouveränität, so kann man die Abhängigkeit von den grossen Firmen und den Multis verhindern.

Ja, ganz genau. Ein weiterer Aspekt ist die Weinbauschule. Man spricht viel vom bio­dynamischen Weinbau, es ist auch eine spezielle Art des Weinbaus. So will ich versuchen, aus Patmos die erste Bio-Insel Griechenlands zu machen. Es wird wohl nicht so schwierig sein, da es nur uns und die beiden Familien gibt, die Gemüse ziehen. Wenn es mir gelingt, sie zu überzeugen, werden wir die erste Bio-Insel in ganz Griechenland sein. Für das Erscheinungsbild ist es wichtig. Natürlich bedeutet dies auch Arbeit, und es wird seine Zeit brauchen. Bei den Reben haben wir begonnen, mit der Brennessel zu arbeiten. Die Leute fanden das komisch. Aber jetzt beginnen sie ebenfalls damit. Es wird kommen, ganz langsam. Das Projekt hat bereits viel Enthusiasmus ausgelöst in ganz Griechenland. Weil es ein interessantes Projekt ist, für eine alternative Zukunft. Zudem bin ich ohne Geld gestartet, ich habe kein Vermögen. Bis jetzt haben wir 150 Reben verkauft. Wir organisieren Unterstützungsabende. Kurzum, das Ziel ist, 2000 Reben zu verkaufen. Mit 2000 Weinstöcken können wir einen Weinkeller eröffnen, und das Ganze wird selbsttragend sein.

Herr Zisyadis, vielen Dank für das Interview.    •

Diese Rebe wartet auf Sie …

Das Projekt Patoinos kann wie folgt unterstützt werden: Man erwirbt für eine oder mehrere Reben auf dem Weinberg eine Patenschaft à 250 Franken (bzw. 200 Euro). Dafür erhält dann der Spender zwischen 2016 und 2025 jeweils einige Flaschen köstlichen Weines.
E-Mail: infopatoinos.ch

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