Kleinbäuerliche Struktur hat Zukunft

Kleinbäuerliche Struktur hat Zukunft

Konferenz der gentechnikfreien Regionen am Bodensee in St. Arbogast bei Götzis

Michael Götz, freier Agrarjournalist LBB-GmbH, Eggersriet, Schweiz

Eine standortgerechte Landwirtschaft schont die natürlichen Ressourcen. Indem die Bauern regionale Produkte anbieten, schaffen sie neue Werte in der Bevölkerung und zusätzliche Wertschöpfung.

«Die kleinbäuerliche Struktur unserer Landwirtschaft ist kein Auslaufmodell», ist Ministerialdirektor Wolfgang Reimer vom Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg überzeugt. Die bäuerlich-ländliche Landwirtschaft bringe volkswirtschaftlich gesehen mehr Nutzen als die Agrarindustrie. Doch damit ihre Produkte wahrgenommen werden, sind Marken oder Qualitätszeichen notwendig, zum Beispiel «Ökoland Vorarlberg – regional und fair» oder einfach «Allgäu» oder «Baden-Württemberg». Die Marken können sich durch höhere Tierschutzstandards und gentechnikfreie Produktion, aber auch durch Alternativen profilieren. «Warum sollen wir Soja nicht auch hier produzieren können?», fragt der Referent.

Die Welt ist kein Teller

«Wir müssen aufhören zu denken, die Welt sei ein Teller mit überall denselben Voraussetzungen», sagt Martin Ott, Meisterlandwirt auf dem Gut Rheinau und Präsident des Stiftungsrates des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL in der Schweiz. Jeder Standort ist verschieden, und dementsprechend müssen nicht nur der Anbau und die Tierhaltung, sondern auch die Züchtung von Pflanze und Tier angepasst werden. Es bestehe heute die Meinung, dass Landwirtschaft ein technischer Prozess sei, der sich optimieren lasse. Eine Saatgutfirma kann die ganze Welt beliefern, ohne dass das Saatgut an die verschiedenen Regionen angepasst ist. Martin Ott warnt die Landwirte davor, immer mehr von einigen globalen Saatgutfirmen abhängig zu werden. Die Wertschöpfung ginge dann verloren. «Ich möchte den Rahm selbst in der Milch», verbildlicht der Landwirt sein Ziel.

Anbauverbote sind gefährdet

Eva Claudia Lang, Leiterin der Abteilung Gentechnik des österreichischen Gesundheitsministeriums, sieht die Selbstbestimmung der EU-Mitgliedstaaten gefährdet. Die Europäische Behörde für Lebensmittel­sicherheit (EFSA) sei gegenüber der Gentechnik sehr positiv eingestellt und gehe kaum auf die Argumente der Kritiker ein. Ihre Experten bestätigten immer wieder die Unbedenklichkeit der Gentechnik, obwohl wissenschaftliche Studien auch Gefahren aufzeigten. Noch nie sei es gelungen, eine Zulassung einer gentechnisch veränderten Sorte durch Zweidrittelmehrheit im EU-Parlament zu verhindern, sagt Benny Härlin vom Netzwerk der gentechnikfreien Regionen Europas. Die EU-Staaten seien sehr uneins, so dass eine Beibehaltung der Anbauverbote gefährdet sei.
Josef Gross von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft Freising ist Projektleiter von «Aktionsprogramm heimische Eiweissfuttermittel». Dieses möchte die Soja-Importe aus Übersee durch heimische Futtermittel ersetzen. Damit werde man weniger vom Ausland abhängig, könne GVO-freie Produkte anbauen und die regionale Wertschöpfung steigern. Matthias Krön vom Verein «Donau-Soja» sieht eine Alternative für gentechnisch veränderte Soja aus Übersee im Anbau von GVO-freier Soja in den ­Donau-Staaten Rumänien und Serbien; beide Länder versorgen sich zu 100% mit Soja aus eigenem Anbau.

Regionale Produkte liegen im Trend

«Der Trend zu regionalen Lebensmitteln geht ungebremst weiter», stellt Erhard Höbaus vom österreichischen Lebensministerium fest. Etwa die Hälfte der österreichischen Haushalte bevorzuge regionale Produkte, welche in der Regel frei von Gentechnik sind. Das Eurobarometer zeige, dass die österreichische Bevölkerung gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln besonders skeptisch sei. Dagegen steht, dass im Alltag die gesunde Ernährung wenig Beachtung findet. Immer häufiger kommen Fertigprodukte auf den Esstisch. «Für mich ist eine gesunde Ernährung so wichtig wie Rechnen und Schreiben», sagt Christine Singer, Hauswirtschaftsmeisterin und Bäuerin aus Oberbayern. Sie möchte die Konsumenten wieder auf die inneren Werte der Lebensmittel aufmerksam machen und ihnen zeigen, wie man Grundnahrungsmittel richtig verarbeitet.
Es sind vor allem regionale Produkte, welche den Wunsch der Konsumenten nach gesunden und umweltverträglichen Lebensmitteln erfüllen. Um sie zu vermarkten, gibt es verschiedene Ansätze. Einer ist der Verein «Unser Land». «Er ist ein Netzwerk zum Erhalt der Lebensgrundlagen», beschreibt Geschäftsführer Nikolaus von Doderer das Ziel der Vereinigung. Biodiversität und regionale Vielfalt sind ebenso Ziele wie der Gewinn. Nicht alle Produkte sind Bio-Lebensmittel, aber alle Produkte sind GVO-frei. Das Netzwerk umfasst 10 Solidargemeinschaften, gemeinnützige Vereine, rund um München und Augsburg. Nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Handwerk, Verbraucher, Kirchen sowie Umwelt-/Naturschutz gehören dazu. «Wir brauchen Menschen mit Herz, Hirn und Bauch», sagt ihr Geschäftsführer. Die Produkte sind an 900 Verkaufsstellen erhältlich, doch Grossverteiler als Verkäufer sind ausgeschlossen, denn die regionalen Hersteller wollen keine genormte Ware liefern.

Verantwortungsvoll produzieren

«Ich will zeigen, dass wir die Gentechnik nicht brauchen», sagt Josef Braun, Bauer in Freising und stellvertretender Präsident von Bioland Deutschland. In der gentechnikfreien Landwirtschaft kommt einem gesunden Boden eine grosse Bedeutung zu. Nur ein solcher könne vollwertige Pflanzen ernähren. Dazu müsse man allerdings zurück zu einer angepassten Technik und zu Mischkulturen. Zu gesunden Böden gehört der Regenwurm. Indem er Humus anreichert, sorgt er für eine langfristige Bodenfruchtbarkeit. Damit er immer genügend Nahrung hat, braucht es eine ganzjährige Bodenbedeckung. Der Referent sieht die Landwirtschaft nicht nur als Selbstzweck, sondern in grösserem Zusammenhang. Nach seinen Erfahrungen gehören auch Agroforstsysteme zur Zukunft der Landwirtschaft.
«Was gibt es in Vorarlberg zuwenig?», fragte sich Bertram Martin vom Martinshof in Buch und entschied sich, die Milchviehhaltung mit einer Freilandhaltung für 3000 Legehennen zu ergänzen. Die Nachfrage nach Eiern überstieg bald das Angebot. Anstatt selbst noch mehr Hühner zu halten, schuf der Landwirt ein Netzwerk mit anderen kleinstrukturierten Partnerbetrieben der Region, um gemeinsam die Eier zu vermarkten. Gleichzeitig baute er eine Teigwarenfabrikation auf, um saisonale Schwankungen bei der Eiernachfrage auszugleichen. Das Dinkelmehl für die Teigwaren stammt inzwischen von 30 Vorarlberger Bauern, welche auf 80 Hektaren Dinkel anbauen. Dank der Initiative und Innovation eines einzelnen haben auch andere Bauern in der Region neue Produktionsmöglichkeiten erhalten. «Das Entscheidende ist, dass wir Nachfrage schaffen», sagt Bertram Martin.    •

Michael Götz (Dr. Ing. Agr.). Freier Agrarjournalist, LBB-GmbH, Säntisstr. 2a, CH-9034 Eggersriet,
Tel.: 0041-71-877 22 29. E-Mail: migoetzpaus.ch, www.goetz-beratungen.ch

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