27 Apfelbäume

27 Apfelbäume

Brüder und Botschafter für die kulturellen und freundschaftlichen Verbindungen der Schweiz mit Russland

von Erika Vögeli

Die Schweizer Botschaft in Russland befindet sich seit 1946 im Nordosten des Stadtzentrums von Moskau in einem Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert. Sie beherbergt die privaten Räume des Botschafters, offizielle Empfangsräume, die politische Abteilung, die Kulturabteilung und das Büro des Verteidigungsattachés sowie die Administration und die wirtschaftliche Abteilung.
Mit Beginn des politischen und wirtschaftlichen Wandels in Russland hat diese Vertretung zunehmend an Bedeutung gewonnen: Innerhalb weniger Jahre wurde sie zu einer der grössten und wichtigsten Botschaften der Eidgenossenschaft.
Im «Newsletter der Schweizerischen Botschaft in der Russischen Föderation» beschreibt der seit Dezember 2011 amtierende Schweizer Botschafter in Moskau, Pierre Helg, die Tätigkeit der Botschaft: «Wir werden uns dafür einsetzen, die ausgezeichneten Beziehungen aufrechtzuerhalten, die sich in den letzten Jahren mit Russland entwickelt haben und in gezielter und konstrukiver Weise unseren 2007 initiierten multisektioriellen Dialog (namentlich im politischen, ökonomischen, juristischen, finanztechnischen Bereich) fortzuführen. Wir akzentuieren auch unsere Bemühungen für die schweizerischen KMU im Hinblick auf eine ausgeprägtere Präsenz in Russland, vor allem in den Regionen. Wir beabsichtigen ausserdem, unsere kulturellen Aktivitäten in Moskau zu festigen, aber auch in einer Reihe von mittelgrossen Städten, unter anderem mit Hilfe unserer neuen Koordinatorin Pro Helvetia. Schliess­lich hoffen wir, unseren Austausch (Interaktionen) mit der Schweizer Gemeinschaft in Russland zu intensivieren, zum Beispiel vermittels in der Botschaft stattfindender Präsentationen und des Meinungsaustausches mit unseren Landsleuten, von denen wir denken, dass sie interessiert sein könnten.»
Die jetzige Regierung mit Vladimir Putin als Präsidenten und Dmitri Medwedew als Premierminister bedeutet, so Botschafter Helg: «Kontinuität, Stabilität und Modernisierung des Landes, mehr als demokratischer Prozess und individuelle Freiheiten. Die entstehende politische Opposition in Russland ist offensichtlich skeptisch. Aber die Führer der G-20-Staaten beispielsweise beobachten, dass Russland bei einer heute in ihrer Zahlungsfähigkeit geschwächten EU und den unsicheren Zeiten nach dem arabischen Frühling, berechenbar und sicherheitsbildend ist. Die ausländischen und schweizerischen Investoren und Unternehmer teilen diese Ansicht. Auf jeden Fall wird es spannend sein, in der nächsten Zeit die politische Entwicklung dieses Giganten, wie Russland einer ist, zu verfolgen.»
Seinerseits betonte auch Präsident Medwedew anlässlich der Zeremonie zur Überreichung der Akkreditierungsschreiben am 22. Februar 2012: «Unsere Beziehungen mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft haben in der letzten Zeit einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Unsere Verbindungen reichen 200 Jahre zurück. Wir haben viel intensiveren Kontakt auf höchster Ebene gehabt und haben unsere humantiäre und wirtschaftliche Zusammenarbeit intensiviert. Wir haben grossen Respekt vor dem neutralen Status der Schweiz und vor ihrem Ansehen als verantwortungsbewusste und ehrliche Vermittlerin in sehr schwierigen Situationen.»
Mit der zunehmenden Bedeutung der Botschaft in Moskau wuchs natürlich auch der Arbeitsumfang in allen Bereichen: eine steigende Zahl von Visa-Gesuchen, wachsende Tätigkeiten der Handelslabteilung usw. muss­ten bewältigt werden. Ein junger Besucher konstatiert beeindruckt die Bescheidenheit der Botschaft: Die Administration wurde in einem Provisorium abgewickelt, während sich die Wirtschafts- und die Wissenschaftsabteilung in der Garage organisiert haben. Ausserdem mussten zusätzliche Räume angemietet werden. Kurz: der zur Verfügung stehende Raum war längst zu eng geworden. Nachdem die Eidgenossenschaft das Areal der Botschaft 2005 erwerben konnte, wurden auch Renovation und Erweiterung der ganzen Anlage in Angriff genommen.
Beim Projektwettbewerb, den das Bundesamt für Bauten und Logistik BBL in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA und Vertretern der Stadt Moskau ausgeschrieben hatte, entschied sich die Jury 2008 einstimmig für das Projekt «Berner Rosen» des Planerteams Brauen+Wälchli Architekten. Sie haben das historische Gebäude, das mit dem umliegenden Park an die Gartenanlagen aus der Zarenzeit erinnert, mit einem Neubau ergänzt, der mit dem bestehenden Gebäude einen grosszügigen Innenhof bildet. Die Strassenfassaden des Neubaus «orientieren sich», so die Projektbeschreibung auf der Homepage des BBL, «in Gestaltung und Proportion an der bestehenden Residenz. Mauerwerk mit traditionell proportionierten Fenstern gliedern die Fassaden. So fügt sich der Bau unauffällig in das Quartier ein und drückt die Diskretion der Botschaft aus.»
Im Rahmen der bevorstehenden Renovation und der Erweiterung der Schweizer Botschaft in Moskau hatten das Bundesamt für Bauten und Logistik BBL und das Bundesamt für Kultur BAK schliesslich einen Wettbewerb «Kunst am Bau» ausgeschrieben, um ein Werk für die Botschaft zu realisieren.
Gewonnen hat ihn die Waadtländer Künstlerin Anne-Julie Raccoursier. Ihr Vorschlag greift den Namen des Projektes der Architekten «Berner Rosen» auf. Möglicherweise in Anlehnung an die Gartenanlagen aus der Zarenzeit soll im Innenhof des neuen Areals ein Apfelbaum der Sorte «Berner Rosen» gepflanzt werden. Hier knüpft das von Anne-Julie Raccoursier vorgeschlagene Werk «Bi-Location» an: Anstelle einer Skulptur oder eines Werks, das einzig in der Botschaft steht, suchte sie eine konzeptuelle Antwort, etwas, das auch ausserhalb der Botschaft – in der Schweiz – existiert und eine Verbindung bildet, ein kulturelles, Verbindung schaffendes und diplomatisches Werk, das die zahlreichen Beziehungen und den Austausch zwischen unseren Ländern in den Vordergrund stellt. 26 Apfelbäume –  einer in jedem Kanton – der Sorte «Berner Rosen», die alle durch Pfropfung vom selben Baum gezogen wurden, wie jener, der 2015 bei der Einweihung der neuen Botschaft in Moskau gepflanzt wird, sollen als Botschafter der Beziehungen der beiden Länder wachsen und diese Verbindung lebendig halten. Bisher wurden 7 Bäumchen gepflanzt (siehe Kasten). Ein Foto jedes Baumes mit der mit ihm verknüpften Geschichte bzw. Verbindung zu Russland wird dann im Eingangsbereich des renovierten Botschaftsgebäudes hängen und jedem Besucher einen kleinen Einblick in die vielfältigen Beziehungen der Länder und Menschen geben.    •

ev. Im Kanton Thurgau wurde ein Baum auf dem Areal der Käserei von Otto Wartmann in Amlikon-Bissegg gepflanzt. Ein Vorfahre war 1890 in die kleine ostpreussische Stadt Tilsit gezogen. Als er 1893 zurückkehrte, hatte er ein Rezept für einen Käse mit im Gepäck. Er hatte die Idee, seinen Käse nach dieser kleinen, bescheidenen Stadt zu benennen, in der Napoleon und Zar Alexander I. im Jahre 1807 einen Geheimvertrag schlossen und die dann unter Stalin russisch wurde und auf Sowetsk umbenannt wurde.
Mittlerweile wird der Tilsiter in der Käserei Holzhof/Amlikon-Bissegg in der vierten Generation hergestellt. Seit 2009 besteht eine Kooperation mit der Stadt Tilsit/Sowetsk, deren Ziel es ist, Freundschaftsbeziehungen zwischen der Stadt in der russischen Region Kaliningrad und dem Weiler Holzhof, der Heimat des Tilsiters im Kanton Thurgau, aufzubauen.
Im Kanton Wallis steht ein Apfelbaum im Garten des Casinos von Saxon zu Ehren von Dostojewski, das dieser während seines Aufenthaltes in der Schweiz (1867/68) regelmässig  besuchte. In dieser Zeit entstand ein wesentlicher Teil seines Romans «Der Idiot».

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