Die USA auf dem Abzug aus Afghanistan

Die USA auf dem Abzug aus Afghanistan

von Prof. Albert Stahel

Anlässlich seiner Medienkonferenz vom 1. Februar 2012 in Washington D.C. hat Verteidigungsminister Leon Panetta bestätigt, dass die USA und ihre Alliierten Mitte 2013 die Kampfhandlungen grösserer Einheiten in Afghanistan einstellen werden.1 Mit Einheiten der Special Operations Forces werden die USA auch nach diesem Zeitpunkt Einsätze ausführen. Von diesem Augenblick an sollen für die Sicherheit Afghanistans insbesondere die afghanische Armee ANA (Afghan National Army) und die nationale Polizei ANP (Afghan National Police) verantwortlich sein. Dazu muss bemerkt werden, dass selbst in Berichten des Pentagon verklausuliert zugegeben wird, dass die afghanischen Sicherheitskräfte diese Aufgabe ohne die Unterstützung von Nato-Truppen nicht erfüllen können.2 Dem, was nach Ende 2014 – dem Zeitpunkt für den definitiven Rückzug – geschehen soll, weicht Panetta elegant aus.
Gleichzeitig verkündet US-Aussenministerin Hillary Clinton die neue Politik der USA für Afghanistan mit dem Slogan: «Talk, Fight, Build»!3 Das «Talk» bezieht sich auf die Verhandlungen der USA in Katar mit Delegationen der Taliban. Auf Grund dieser Verhandlungen sollen die Taliban verpflichtet werden, den Abzug der USA aus Afghanistan nicht durch Kampfaktionen zu behindern. Dies erinnert sehr an die Verhandlungen der UdSSR von 1988 in Genf über ihren Rückzug aus Afghanistan.
Mit den Ankündigungen und verbalen Äusserungen von Panetta und Clinton will Obama vermutlich alle Hindernisse, die seine Wiederwahl behindern könnten, ausräumen. Dazu gehört auch der Krieg in Afghanistan.
Diese verbalen Manöver der Obama-Administration erinnern sehr an den Vietnam-Krieg und die Pariser Gespräche von Kissinger mit den Vertretern Nordvietnams und des Vietcong, 1971–73. Die südvietnamesische Regierung, Hauptbetroffene des Krieges, war bei diesen Verhandlungen im Prinzip nur geduldet. Die Vertreter der USA foutierten sich um die Interessen der Südvietnamesen. Die USA wollten einen ungehinderten Abzug aus Südvietnam erreichen. Dieser wurde 1973 auch Wirklichkeit, und Südvietnam glich anschliessend einem Flickenteppich verschiedener Zonen, jenen des Vietcong und jenen der Regierung von Saigon. Auf Grund der Blockade durch den Kongress sahen die USA 1975 untätig zu, wie die südvietnamesische Hauptstadt Saigon durch nordvietnamesische Divisionen und Streitkräfte des Vietcong überrannt und erobert wurde. Kabul könnte 2015 ein ähnliches Schicksal erleben.
Im Krieg in Afghanistan haben die USA und ihre Nato-Alliierten nicht gesiegt. Kriege dieser Art, in denen eine Besatzungsmacht keinen Sieg erreicht, gelten gemäss ­historischen Beispielen als verloren. Dies trifft auch auf Afghanistan zu. Die USA haben den Krieg verloren, und jetzt wollen sie sich ohne eigene Verluste aus dem Land zurückziehen. Um dieses Ziel erreichen zu können, ist für die USA jeder Preis gerechtfertigt. Die Amerikaner verraten, wie beim Linsengericht von Esau im Alten Testament, Präsident Karzai und den Staat Afghanistan an die Taliban, die verschiedenen Warlords und alle Nachbarstaaten und Mächte, die das Land unter sich aufteilen wollen.    •

1    Media Availability with Secretary of Defense Leon Panetta. U.S. Department of Defense, 1 February 2012.
2    Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan. U.S. Department of Defense, October 2011.
3    Rashid, Ahmed (2011). Madam Secretary, only «talk» can save Afghanistan. Financial Times, 4 December 2011.

Quelle: Institut für Strategische Studien, Prof. Albert Stahel, www.strategische-studien.com

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